Innenseite der Muschel

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Monochrom

Mitglied
Innenseite der Muschel

Wir schwingen in Formation.
Mit einem Traum vom Flug
beobachte ich schwebendes Laub.
Der Wind fährt leise durch Glieder.
Rot, brennt; Glut wölbt Wolken;
Es dreht sich aus meiner Sicht.

Ins Grüne wollte ich. Licht feixt.
Laufe unter den Lustgärten
aus Beton, endbalanciert;
Fluss aus Dreck, Braun;
im Wettlauf, spiegelt
meine Natur nur meine Natur.

In der Labsal war ich,
sollte zuerst sein, dabei,
unschuldig, böse, in Formation.
Landung auf dem Fall,
mein welkes Gefieder,
knochentrockenes Sternunter.

Anfang eines Verharrens.
Vor der stillen Schatulle.
Schlüssel aus Katzengold blitzt.
Ich folge der Formation,
umschlossen von kahlen Wänden
einer kreiselnden Suche.
Kreis schließt sich um den Kreis.
Mein Zentrum wähle ich mir Schwarz,
und für später ein fernes Rauschen.
 

Tula

Mitglied
Hallo Monochrom

sprachlich wirksam, ohne Zweifel. Insgesamt lese ich es aus einer gesellschaftskritischen Perspektive heraus, das mit-Schwingen in Formation, am Ende bleiben die Träume unerfüllt, der Mensch zieht sich in sich selbst zurück, eine Art Ausgrenzung innerhalb der Formation.

Sehr gute Stellen mMn:

im Wettlauf, spiegelt
meine Natur nur meine Natur
und S2 überhaupt die beste. Ebenso

mein welkes Gefieder,
knochentrockenes Sternunter
Dennoch verliere ich mich etwas in der Fülle der Bilder, gerade weil es sprachlich recht experimentell zugeht (S3, bis zur zitierten Stelle)

Das 'vor der Schatulle' will mir nicht auf das Bild innerhalb der Muschel passen, eigentlich finde ich diese (Muschel) nur in S4. Der Aufhänger könnte da die Formation selbst sein, d.h. im Titel, ohne sie im Text (dreimal!) zu erwähnen.
Dann auch dreimal Kreis in zwei Zeilen (?), zu viel des Guten.

So oder so, ein sehr interessantes Werk, gern gelesen.

LG
Tula
 

Monochrom

Mitglied
Hallo,

@lapismont:
Ich hatte auch einen Entwurf, da war die letzte Strophe noch in zwei Strophen aufgeteilt. Habe mich aber dann für die gepackte Version entschieden.

Es wäre ggf. eine Idee, V2 und V3 der letzten Strophe komplett zu entfernen, und so einen bildhaft dichteren Schlussakkord zu finden... andererseits mag ich die Metapher... ich überlege mal noch...da es auch Tula aufstösst, vielleicht noch ein Ansatz, zu verbessern.

@Tula:
Ja, die Schatulle. Es ist defintiv eine abzweigende Metapher. Während ich es schrieb, und auch jetzt noch, überlege ich, diese beiden Verse (V2 und V3) rauszunehmen. Aber aus irgendeinem Grund, vielleicht in meinem persönlichen Bezug zum Text, erscheint es mir dann immer unpassend, sie wegzulassen.

Anfang eines Verharrens.
Ich folge der Formation,
umschlossen von kahlen Wänden
einer kreiselnden Suche.
Kreis schließt sich um den Kreis.
Mein Zentrum wähle ich mir Schwarz,
und für später ein fernes Rauschen.

So ginge es auch. Aber mir persönlich fehlt dann eben diese Verheißung. Diese Verlockung des zu öffnenden Schatzes, der vielleicht, oder ganz bestimmt keiner ist (=Katzengold). Das Komplettiert den Text.

Dass Dich die vielen "Kreise" stören, ist schade.
Denn es ist sehr wichtig, hier genau zu lesen.

Man gelangt von der "kreiselnden Suche" zu dem Verlauf, dass sich in eben diesem Kreiseln weitere Kreise um einen schließen.
Also keine Repitition, sondern eine inhaltliche Weiterführung.
So wie in einem Strudel, bspw. von einer Toilettenspülung :)

Deiner Aussage, dass der Text experimentell ist, kann ich nun so gar nicht folgen. Ich finde das ganz gewöhnlich, einige Metaphern streifen sogar sehr stark an einer allgemeinen Abnutzung innerhalb der Lyrik, sind deshalb vielleicht nochmal etwas klanglich und inhaltlich anders geschliffen.
 
T

Trainee

Gast
Hallo Monochrom,

das ist Lyrik. :)

Aus meiner Sicht gäbe es lediglich wenige Dinge zu überdenken.

Innenseite der Muschel

Wir schwingen in Formation.
Mit einem Traum vom Flug
beobachte ich schwebendes Laub.
[blue]Der Wind fährt leise durch Glieder.[/blue] [red]"Glieder" können nicht für sich stehen. "Der Wind fährt still / leis / stumm durch die Glieder" oder etwas in der Art. Auf diese Weise wäre auch gleichzeitig ein kleines rhythmisches Problem an dieser Stelle behoben.[/red]
Rot, brennt; Glut wölbt Wolken;
Es dreht sich aus meiner Sicht.

Ins Grüne wollte ich. Licht feixt.
Laufe unter den Lustgärten
aus Beton, endbalanciert;
Fluss aus Dreck, Braun;
im Wettlauf, spiegelt
meine Natur nur meine Natur.

In der Labsal war ich,
sollte zuerst sein, dabei,
unschuldig, böse, in Formation.
Landung auf dem Fall,
mein welkes Gefieder,
knochentrockenes Sternunter.
Anfang eines Verharrens.
Vor der stillen Schatulle.


[blue]Ein[/blue] Schlüssel aus Katzengold blitzt.
Ich folge der Formation,
umschlossen von kahlen Wänden
einer kreiselnden Suche.
Der Kreis schließt sich um den Kreis.

Mein Zentrum wähle ich mir Schwarz,
und für später ein fernes Rauschen. [red]Die letzte Versgruppe könntest du absetzen. Damit wäre die lapismontische Kritik "erledigt."[/red]

Ein sehr schönes Gedicht. Auffallend schön.

:):)
Trainee
 

Tula

Mitglied
Moin Monochrom

Ich meinte wohl Ausdrücke wie 'in der Labsal' und 'auf dem Fall'.
Ich weiß ja auch, dass du gern mit vielen Bildern arbeitest :)

LG
Tula
 

Monochrom

Mitglied
Hi Tula,

Du hast schon Recht. Die Formulierungen sind nicht alltagsgemäß. Ich habe hier versucht, die recht oft verwendeten Bilder neu aufzugreifen.

Die Verwendung von Bildern fasziniert mich, aber ich versuche schon seit längerem, den vielen Ratschlägen zu folgen, und nicht zu viele einzubauen, sondern wenige mehr auszuarbeiten... was nicht immer gelingt :)
 

Monochrom

Mitglied
Hallo Trainee,

Danke für Deine Korrekturen.

Ich habe leider diese Woche wenig Zeit. Aber vielleicht komme ich trotzdem abends mal dazu, mich damit zu beschäftigen.

Das sieht nämlich auf den ersten Blick schon sehr einleuchtend aus.

Ich melde mich.

Grüße,
Monochrom
 

Monochrom

Mitglied
Hi Trainee,

komme jetzt erst dazu, Dir zu antworten.

Ich finde Deine Vorschläge allesamt gut und würde sie gerne übernehmen. Vor allem das Wort "still" anstatt "leise" ist sehr wertvoll.

Vielen Dank.

Grüße
Monochrom
 
Wow!
Irgendwie ein untypischer Monochrom Text.
Sprachlich allerdings ein Genuss.
Ich finde auch nicht, dass hier, wie du oben angemerkt hast, lyrischer Kitch verarbeitet wird. Alles wirkt sehr originell.

L.G
Patrick
 

blackout

Mitglied
Ich bin hier wohl der einzige User der sich fragt: Was will uns der Dichter eigentlich sagen? Ich nehme gutwillig an, die Muschel ist die Metapher für das Ich, das hier sein Innenleben durchleuchtet. Das Gedicht lebt von "interessanten" Wörtern, ähnlich Bausteinen zusammengestellt.

Ich bin ja noch einverstanden damit, wenn ich lese, dass wir in Formation schwingen, da kann ich mir irgendwas irgendwie vorstellen, aber das feixende Licht, nachdem ich mich durch die restlichen Zeilen gequält hatte, ließ mich dann doch fragen: Wie feixt ein Licht? Was soll ich mir unter dem Begriff "endbalanciert" vorstellen? Was ist ein "knochentrockenes Sternunter"? Völlig überflüssig: dass das Ich der Formation folgt, natürlich zwangsweise, denn das steht doch schon oben, S1V1. Wenn das Ich mitschwingt, muss es folgen. Was ist denn eine "stille Schatulle"? Bemerkenswert, der Autor scheint ansonsten mit redenden Schatullen zu verkehren.

Und so Vers für Vers. Nichts passt zusammen, einfach nur Wörter, Wörter, Wörter. Scheinbar edle Zeilen, denen die Dekadenz nicht abzusprechen ist.

Nun bin ich ja von der älteren Generation, bin noch sauberes Dichten gewohnt. Wenn das die Zukunft der Lyrik darstellen soll, dann kann ich dem Autor nur wünschen, dass er wenigstens einen Leser aus der nichtdichtenden Bevölkerung hat: sich selbst.

Es tut mir leid, dass ich meinen Vorkommentatoren nicht zustimmen kann, wenn dieses Gedicht das Beste sein soll,
was ein Lyriker sich in rastloser Arbeit abgerungen hat.

blackout
 

Monochrom

Mitglied
Hallo.

War jetzt lange nicht mehr auf der leselupe.
Werk des Monats?

Ups. Dankeschön.

@blackout:
Entschuldige. Die Art deines Kommentars zeigt entweder den Mangel an einer Fähigkeit zur Interpretation der Bildkausalität oder absens von fantasie.

grüsse.
M.
 

blackout

Mitglied
Das Innere der Muschel

Nein, ich habe genug Phantasie, um mich bemüht haben zu können, deinem Gedicht zu folgen, Monochrom. Was ich gegen dein Gedicht einzuwenden habe, hast du gelesen. Es hat dir nicht gefallen, du bist von deinen Versen überzeugt. Dafür habe ich Verständnis, das macht schließlich jeder, der schreibt. Ich könnte noch vieles hinzufügen, aber ich denke,
das hat keinen Sinn, wie ich deiner Antwort entnehmen kann.
Ich gönne dir ohne weiteres die kleine Auszeichnung als Werk des Monats, denke aber, dass du dir damit keinen Gefallen tust, jedenfalls nicht, was das Schreiben von Gedichten angeht, weil ich davon ausgehe, dass das Beste immer das Beste sein sollte. So altmodisch bin ich. Ich bin angesichts der Fülle in diesem Blog noch nicht dahintergekommen, welches Gedicht wirklich zum hiesigen Besten der Lyrik gehört, kann also keinen Gegenvorschlag machen. Aber an deinem Gedicht will ich nicht mitverantwortlich sein.

blackout
 

lapismont

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo blackout,

das Werk des Monats ist einzig die Wahl einer / eines Redakteurin / Redakteurs. Es soll bestimmte Werke, bestimmte Lupninen ins Licht rücken. Monochrom kann also überhaupt nichts für diesen Stempel, außer, dass er das Werk hier veröffentlichte.

Die Leselupe ist kein Blog. Wenn Du soetwas erwartest, kannst Du Dich im Bereich Tagebuch üben, ansonsten ist die Leselupe dafür die falsche Wahl.

Im Übrigen bitte ich darum, hier mit Respekt übereinander zu reden. Von einer hohen Warte des Wissens um Dichtkunst herab auf die Wiese zu brüllen, ist in der Leselupe im nettesten Fall einfach nur peinlich. Wir alle hier sind AmateurInnen, die sich bemühen, mit Gleichgesinnten an literarischen Werken zu feilen und damit besser zu werden oder etwas zu lernen.

cu
lap
 

blackout

Mitglied
Also dieses Gedicht wurde von einem Redakteur empfohlen, aber weshalb werde ich benachrichtigt, dass ich meine Meinung zum ausgewählten Text schreiben soll? Es ist meine persönliche Meinung, die muss niemand übernehmen, aber sie sollte auch nicht unter den Tisch fallen.

Was aber Mondneins Text und Kommentare angeht, so habe ich ihm meine Meinung geschrieben, sowohl zum Text als auch zum erweiterten Kommentar, wo er mir Nietzsche unter die Nase gerieben hat, als wenn: Ich, ich bin von Nietzsche inspiriert! Da habe ich ihm einfach mal geschrieben, was Nietzsche für Folgen auf den Rezipienten hat, nämlich die pessimistische, unrealistische Welt des Dichterphilosophen, die ihm nur schaden kann. Ist das verboten? Ich werde mich nach diesem Verbot richten. Im übrigen aber war das völlig im Zusammenhang mit dem Text. Aber gut, dass du mich darauf hingewiesen hast, ich will ja hier keine Extrawurst braten.

blackout
 
Hi blackout

Auch hier: nein, das ist nicht verboten!
Und ich bin ganz bei dir, dieses ständige "wir sind alle nur unbedeutende Hobby-Schrifsteller und müssen das regelmäßig erwähnen, ist völlig in Ordnung. Was absolut nicht in Ordnung ist, ist der darangehangene Satz, man "könne" ja, wenn man nicht wie Celan schreiben kann auch nichts über die Dichtung als Konzept aussagen. Natürlich hat lapismont recht, wir sollten (und ich tu das auch dauernd) nicht so verstockt, borniert darüber reden. Aber bitte, ich will das wir darüber reden. Ich kann doch nicht der einzige sein, den es interessiert was ihr so an Ideen und Gedanken und Präferenzen im Gedicht habt, jeder hat die, jeder kann und darf darüber reden, völlig egal wie gut er selber schreibt. Ich weiß lapismont, das dein Kommentar so scharf nicht gemeint war, aber es ist nicht schwer genau das da heraus zu lesen.

Blöd wirds eben nur dann, wenn man dem anderem nicht mehr zuhört# z.b sagt Nietzsche hat auf den Rezipienten die und die Folgen...nö, hat er nicht. Alleine das Wort Pessimismus hier zu gebrauchen, zeigt das nichts verstanden wurde. Also, dem anderen zuhören, seine Meinung wenn nötig ändern. Dann kann derselbe Diskurs über dieselben Themen das inspirierendste sein, was ein Literaturforum bieten kann.

Und auch monochroms Text, ist eine sehr berechtigte Art zu schreiben, genauso wie die Kritik daran berechtigt ist, vielleicht wäre es gerade in solchen Fällen einmal nötig zu klären, was der andere vom Gedicht erwartet. Denn sorry, mangelnde Phantasie ist jawohl kein ernstzunehmendes Argument...


L.G
Patrick
 

Monochrom

Mitglied
Hallo blackout,

ich nehme mir gerne kurz Zeit, um Dir ausführlich zu antworten.

Was Dich stört, ist die Übersteigerung der Substantive mit charakterisierenden, bzw. metaphysische Bildzustände erzeugenden Adjektiven.

„Feixendes Licht“, „knochentrockenes Sternunter“, „stille Schatulle“

Du kannst mit diesen Bildern nichts anfangen, Du kannst der metaphysischen Übersteigerung nicht folgen.

Dafür gibt es mehrere Ansätze einer Argumentation. Einige sprechen gegen den Text, die Du verständlicherweise für Dich benutzt.

Zitat: Nichts passt zusammen. Dekadent.

Der Autor, in diesem Falle leider ich, bedient sich natürlicherweise einer pro Text Argumentation.

Zitat: Mangel an Fähigkeit zur Interpretation. Phantasielosigkeit

Da stehen wir jetzt. Zwei Menschen. Zwei Meinungen.

Wenn Du anhand des Textes keine zündende, metaphysische Idee hast, was feixendes Licht sein kann, oder eine stille Schatulle, und Du in Deinen bisherigen Kommentaren auch keine Textarbeit unternimmst, also den Text inhaltlich und formgemäß zerlegst, sondern nur lapidare Allgemeinplätze bedienst, dass Du von der älteren Generation bist, und sauberes Dichten gewohnt bist … bla bla etc...

dann gebe ich mich gerne geschlagen und überlasse Dir als Sieger das Feld, denn es interessiert mich ehrlich gesagt zu wenig und ich habe auch keine Lust, mich über das, was ich hier ab und an poste, hinaus zu profilieren.

Wenn Du hingegen Textarbeit machen möchtest, schaue ich gerne mal wieder rein...

Gähnend,
Monochrom
 

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