Inspiration

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hein

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Inspiration



Neulich saß ich mal wieder vor meinem leeren Bildschirm und träumte so vor mich hin. Wie in letzter Zeit häufig (ehrlicherweise: permanent) fehlte mir die richtige Idee. Plötzlich stand meine Frau hinter mir und fragte: „Schreibst Du mal wieder was?“

„Keine Inspiration“ fiel mir dazu nur ein.

Sie schaute mich ein wenig mitleidig an und meinte dann: „Aaah! Da habe ich vielleicht etwas für Dich“, und verschwand für einen Weile.

Allein die Aussicht auf Unterstützung brachte mein Gehirn schon von Null auf Hundert und zauberte das Wort ‚Inspiration‘ auf den Schirm. Als ich diese komplexe, ans geniale grenzende Reihe von Buchstaben dann noch mit Schriftgröße 220 hervorhob, war die erste Seite bereits gefüllt. Ich fühlte schon den Anfang von etwas ganz Großem, als meine Frau wieder nahte und mir ihre Kreation präsentierte: „Hier! Das soll Wunder wirken! Die Bastelanleitung gibt es im Internet.“

„Was ist das?“

„Na. Ein Aluhut! Sehr modern, sieht man jetzt häufig im Fernsehen.“

Ich nahm ihr das glitzernde Teil vorsichtig aus der Hand und bewunderte einen Moment die runde, sich konisch nach oben verjüngende, Form mit dem lustigen Schlenker im Abschluss. Dann setzte ich mir das perfekt passende Ding auf den Kopf und fühlte schon nach einem Augenblick die sich darunter aufstauende Hitze.

Mit einem „Danke schön! Passt perfekt! Es sieht so aus als wenn es bereits wirkt“ entließ ich sie wieder zurück zur Hausarbeit und widmete mich jetzt mit neuem Elan der zweiten Seite meines Werkes. Aber schon bald war das Stroh in meinem Kopf kurz vor der Selbstentzündung, und auch mein Mund wurde immer trockener. Nahe am Kollaps erinnerte ich mich glücklicherweise noch an die fast vergessene Flasche eines bewährten Inspirationsförderers, die sich noch in der hintersten Ecke meines Schreibtisches versteckte. Das rettete mir den Tag.



******



Eine U-Bahn raste durch meinen Kopf und hielt mit kreischenden Bremsen. Grelles Licht drang durch die geschlossenen Lider und eine pelzige Zunge füllte die Mundhöhle. Ganz langsam öffnete ich die Augen, und mein verschwommener Blick sah auf dem Nachttisch das von einer guten Fee bereitgestellte Glas mit klarem Wasser. Um ranzukommen hob ich ganz langsam den Brummschädel, drehte dann den Körper rückenschonend über den Bettrand, schob mit dem rechten Bein den dort bereitgestellten Feudel-Eimer zur Seite, und saß schließlich fast aufrecht. Mit beiden Händen griff ich das lockende Glas, führte es vorsichtig zum Mund und kippte das rettende Nass in einem Zug runter. Ganz tief aus dem Bauch war eindeutig das Zischen einer erlöschenden Flamme zu vernehmen.

Später, viel später, saß ich dann endlich in der Küche, knusperte an einem Stück verbrannten Toast und fühlte den ersten Kaffee des Tages durch die wenigen noch offenen Hirnwindungen strömen. Um mich von meinem trübsinnigen Zustand etwas abzulenken schaltete ich den Fernseher ein, der wie üblich auf einen bekannten Nachrichtenkanal eingestellt und auf lautlos gedreht war.

Dort sah ich dann auf einem großen Platz viele Leidensgenossen, die ebenfalls der neuen Modediktatur gefolgt waren und nun diese verrückten Aluhüte trugen. Auch ihnen schien darunter sehr heiß zu sein, denn sie waren ganz rot im Gesicht, obwohl sie sich schon von dem sonst so dekorativen Mund-Nasen-Schutz befreit hatten. Aber die sie beschützende Polizei war auf Zack und gerade dabei, die glühenden Köpfe mit Wasserwerfern abzukühlen. Was für ein Service! Ob man mir wohl in Zukunft bei der Alkoholkontrolle auch ein Pfefferminz anbietet, anstatt mich in so ein doofes Röhrchen pusten zu lassen?

Das Fernseh-Programm wurde dann mit der Zeit doch etwas langweilig, und ich fand einen Kanal, in dem Peter Lustig ein gutes Rezept für ein deftiges Katerfrühstück präsentierte. Das brachte mich endgültig wieder zurück ins Leben.

Der Aluhut wurde mir später auf dem Weg zur Mülltonne vom Wind aus der Hand gerissen und hängt nun im Baum. Wie es aussieht sind die Spatzen gerade dabei, es sich darin gemütlich einzurichten. Naja, vielleicht ist so ein Ding ja doch zu etwas nützlich.

Meine Gedanken von gestern wurden leider weder in meinem Rechner noch in meinem Kopf abgespeichert. So sitze ich nun wieder hier und starre auf einen leeren Bildschirm. Gerade fällt mir die Geschichte von „Ein Münchner im Himmel“ ein. Aber noch bin ich nicht ganz so weit, die Hoffnung auf einen Geistesblitz endgültig aufzugeben und mir eine vernünftige Beschäftigung zu suchen.

Ist nicht noch irgendwo eine Flasche versteckt?
 

Ji Rina

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Hallo Hein,
An manchen Stellen musste ich wirklich schmunzeln... Die fehlende Inspiration und dann... dieser hä?...Aluhut...
;)
Liebe Grüsse, Ji
 

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