Inszenierung

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Ich sitze vor dem Haus meiner Mutter auf einem Esszimmer-Stuhl. Es gibt hier keine Bank. Es wäre auch kaum Platz dafür.

Die Straße ist eng ohne Gehweg. Zwei Autos kommen nur schwer aneinander vorbei. Im Schritttempo. Doppelhäuser reihen sich aneinander. Dazwischen nur die überaus schmalen Garagenzufahrten. Ein bisschen Garten. Ein wenig Blumenschmuck hier und da vor der Haustür oder an den Fenstern. Die meisten Anwohner lassen den Eingang jedoch sachlich, kahl, unterkühlt.

Man könnte den Nachbarn sehen und vielleicht mit ihm reden. Wenn man wollte. Wenn es möglich wäre. Doch hohe Hecken mauern die Grundstücke ein. Meist sind auch die Fenster geschlossen und mit dichten Vorhängen verhangen. Automatische Rollläden verhindern schon früh bei Sonnenuntergang die Sicht. Es wird dann richtig dunkel im Innern, man muss die Lampen anschalten. Der Blick von draußen nach drinnen wird abgewiesen und man sieht nicht mehr hinaus. In dieser Umgebung wohnt meine Mutter. Sie passt hierher.

Ich mag lieber das Leben, wie es früher einmal war, offene Fenster und Türen, Bänke vor den Häusern, wo man saß, wenn Feierabend war. Reichlich Blumenschmuck an Fenstern und Balkonen wie in Oberbayern. Ich will mich auch so fühlen, wenn ich zu Besuch bei meiner Mutter bin, so gemütlich, entspannt, erleichtert. Romantisch vielleicht. Im Gegensatz zu aller Kühle und Angespanntheit im sonstigen Umgang mit einander. Deswegen sitze ich jetzt hier auf der Straße neben dem Hauseingang. Wenn es mir nicht von außen gegeben wird, nehme ich mir selber die Freiheit und gestalte das Drumherum so, dass es mir passt.

Wie die Frauen in alten Zeiten habe ich eine kleine Tischdecke auf dem Schoß und besticke sie mit Kreuzstichen. Und genau, wie ich es erwartet habe, erscheint meine Mutter mit ihrem Fotoapparat und macht ein Foto von dieser Szene. Ich schaue von meiner Stickerei auf und lächele brav ins Bild.

Eine Inszenierung, sonst nichts. Sie ist mir gelungen. Denn als wir später dieses Foto betrachten, meint sie: „Siehst du, wie du auf dem Foto lächelst? Du kannst dich doch nicht nur unglücklich gefühlt haben bei mir.“ Ich lächele immer noch, wenn ich daran denke. Aber nicht brav.
 
Text hat mich angenehm berührt. Ich finde keinen Ansatz für Kritik, außer dass ich "miteinander" schreiben würde (4. Absatz). Und auch "Esszimmerstuhl" (1. Absatz), wobei die Trennung im letzteren Fall sicher auch zulässig ist.

Der Schluss ist etwas doppelbödig. Die Mutter scheint die Inszenierung (bewusst, unbewusst?) misszuverstehen als schlichte Gemütsäußerung. Die Absicht hinter der Inszenierung der Tochter verrät sich vielleicht durch die Bemerkung " ... wie ich es erwartet habe, erscheint meine Mutter ...".

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 
Hallo Arno,

ja, doppelbödig ist die ganze Angelegenheit. Die Mutter missversteht erwartungsgemäß (aus Sicht der Tochter) diese ganze Aktion, die die Mutter aber für sich reklamiert - d.h. sie fühlt sich bestätigt, dass ihr Verhalten der Tochter gegenüber in Ordnung sei und die Tochter sich bei ihr wohlfühle. Die Tochter aber hat - böswillig? - Zufriedenheit nur vorgetäuscht und freut sich auch im Nachhinein noch darüber, dass ihr diese Täuschung gelungen ist. Ein Spiel, bei dem es um die Überlegenheit des einen über den anderen geht. Mutter und Tochter hatten ein sehr merkwürdiges, vertracktes Verhältnis zu einander.

Hab herzlichen Dank für deine Korrekturvorschläge (ich guck gleich mal danach) und überhaupt für deine Rückmeldung.

Viele Grüße und einen guten "Restabend"
MG
 
Ich sitze vor dem Haus meiner Mutter auf einem Esszimmerstuhl. Es gibt hier keine Bank. Es wäre auch kaum Platz dafür.

Die Straße ist eng ohne Gehweg. Zwei Autos kommen nur schwer aneinander vorbei. Im Schritttempo. Doppelhäuser reihen sich aneinander. Dazwischen nur die überaus schmalen Garagenzufahrten. Ein bisschen Garten. Ein wenig Blumenschmuck hier und da vor der Haustür oder an den Fenstern. Die meisten Anwohner lassen den Eingang jedoch sachlich, kahl, unterkühlt.

Man könnte den Nachbarn sehen und vielleicht mit ihm reden. Wenn man wollte. Wenn es möglich wäre. Doch hohe Hecken mauern die Grundstücke ein. Meist sind auch die Fenster geschlossen und mit dichten Vorhängen verhangen. Automatische Rollläden verhindern schon früh bei Sonnenuntergang die Sicht. Es wird dann richtig dunkel im Innern, man muss die Lampen anschalten. Der Blick von draußen nach drinnen wird abgewiesen und man sieht nicht mehr hinaus. In dieser Umgebung wohnt meine Mutter. Sie passt hierher.

Ich mag lieber das Leben, wie es früher einmal war, offene Fenster und Türen, Bänke vor den Häusern, wo man saß, wenn Feierabend war. Reichlich Blumenschmuck an Fenstern und Balkonen wie in Oberbayern. Ich will mich auch so fühlen, wenn ich zu Besuch bei meiner Mutter bin, so gemütlich, entspannt, erleichtert. Romantisch vielleicht. Im Gegensatz zu aller Kühle und Angespanntheit im sonstigen Umgang miteinander. Deswegen sitze ich jetzt hier auf der Straße neben dem Hauseingang. Wenn es mir nicht von außen gegeben wird, nehme ich mir selber die Freiheit und gestalte das Drumherum so, dass es mir passt.

Wie die Frauen in alten Zeiten habe ich eine kleine Tischdecke auf dem Schoß und besticke sie mit Kreuzstichen. Und genau, wie ich es erwartet habe, erscheint meine Mutter mit ihrem Fotoapparat und macht ein Foto von dieser Szene. Ich schaue von meiner Stickerei auf und lächele brav ins Bild.

Eine Inszenierung, sonst nichts. Sie ist mir gelungen. Denn als wir später dieses Foto betrachten, meint sie: „Siehst du, wie du auf dem Foto lächelst? Du kannst dich doch nicht nur unglücklich gefühlt haben bei mir.“ Ich lächele immer noch, wenn ich daran denke. Aber nicht brav.
 
Ich sitze vor dem Haus meiner Mutter auf einem Esszimmerstuhl. Es gibt hier keine Bank. Es wäre auch kaum Platz dafür.

Die Straße ist eng, ohne Gehweg. Zwei Autos kommen nur schwer aneinander vorbei. Im Schritttempo. Doppelhäuser reihen sich aneinander. Dazwischen nur die überaus schmalen Garagenzufahrten. Ein bisschen Garten. Ein wenig Blumenschmuck hier und da vor der Haustür oder an den Fenstern. Die meisten Anwohner lassen den Eingang jedoch sachlich, kahl, unterkühlt.

Man könnte den Nachbarn sehen und vielleicht mit ihm reden. Wenn man wollte. Wenn es möglich wäre. Doch hohe Hecken mauern die Grundstücke ein. Meist sind auch die Fenster geschlossen und mit dichten Vorhängen verhangen. Automatische Rollläden verhindern schon früh bei Sonnenuntergang die Sicht. Es wird dann richtig dunkel im Innern, man muss die Lampen anschalten. Der Blick von draußen nach drinnen wird abgewiesen und man sieht nicht mehr hinaus. In dieser Umgebung wohnt meine Mutter. Sie passt hierher.

Ich mag lieber das Leben, wie es früher einmal war, offene Fenster und Türen, Bänke vor den Häusern, wo man saß, wenn Feierabend war. Reichlich Blumenschmuck an Fenstern und Balkonen wie in Oberbayern. Ich will mich auch so fühlen, wenn ich zu Besuch bei meiner Mutter bin, so gemütlich, entspannt, erleichtert. Romantisch vielleicht. Im Gegensatz zu aller Kühle und Angespanntheit im sonstigen Umgang miteinander. Deswegen sitze ich jetzt hier auf der Straße neben dem Hauseingang. Wenn es mir nicht von außen gegeben wird, nehme ich mir selber die Freiheit und gestalte das Drumherum so, dass es mir passt.

Wie die Frauen in alten Zeiten habe ich eine kleine Tischdecke auf dem Schoß und besticke sie mit Kreuzstichen. Und genau, wie ich es erwartet habe, erscheint meine Mutter mit ihrem Fotoapparat und macht ein Foto von dieser Szene. Ich schaue von meiner Stickerei auf und lächele brav ins Bild.

Eine Inszenierung, sonst nichts. Sie ist mir gelungen. Denn als wir später dieses Foto betrachten, meint sie: „Siehst du, wie du auf dem Foto lächelst? Du kannst dich doch nicht nur unglücklich gefühlt haben bei mir.“ Ich lächele immer noch, wenn ich daran denke. Aber nicht brav.
 
Huch, jetzt bekam ich doch tatsächlich eine 1 für diesen Text. So weit auseinander haben die Punkte bei ein und demselben Text ja noch nie gelegen!
 

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