Jahreskreis (Haikus? Senryus?)

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Märznacht: Die Lüfte
stehn auf; durch schütteren Traum
dröhnt fern die Straße.

Strahlengestöber,
Regenbö`n; nach Erde riecht`s;
drin brennt noch der Frost.

Mit Vogelchören
lockt die Frühe hinaus in
ein Bett aus Blüten.

Bäume in Grünglut;
ein Zweiglein schnellt, ein Vogel
schwirrt auf durch mein Blut.

Rot, Gelb, Grün; grell, viel
Dinge rücken auf den Leib.
Droben wogt Bläue.

Wie auf Glas gemalt
der vollendete Sommer
kühler schon durchstrahlt.

Nach reifen Äpfeln
riecht das Licht, es fällt die Welt
sich selbst in den Mund.

Sonnenbahn senkt sich
und Feuerblüten schaukeln
an Kinderhänden.

Schirmdächer schneiden
Räume ins Grau; darin stehn
Gesichter. Für sich.

Lichter unzählbar
setzen müdem Dunkel zu.
O laßt mich schlafen!

Jetzt erst kristallen,
Winter, und hebst dich schon auf
in lichte Weite.

Beharrlich das Grau
und auch voll weicher Helle:
da wandelt sich`s wohl.

Märzmorgen leuchtet
auf Laub, verwest: der Erde
dürftiges Kleid - noch.
 

Patrick Schuler

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo annefröhlich

Die Diskussion, ob das Haiku sind, wird zu keinem Ergebnis führen - bist du von Tranströmers "Haiku" inspiriert?

Es ist aber auch egal, die Texte tragen Galaxien an Pozenzial in sich!

Wirklich fertig sind mmn. aber nur zwei:

Nach reifen Äpfeln
riecht das Licht, es fällt die Welt
sich selbst in den Mund.


Bäume in Grünglut;
ein Zweiglein schnellt, ein Vogel
schwirrt auf durch mein Blut.
Und eines, das (für meinen Geschmack) fast perfekt ist.

Schirmdächer schneiden
Räume ins Grau; darin stehn
Gesichter. Für sich.
Du hast großartige Ideen, aber für Dreizeiler gleichzeitig auch zu viele:

Märznacht: Die Lüfte
stehn auf; durch schütteren Traum
dröhnt fern die Straße.
Da passen die Einzelteile, aber es ist auf drei Zeilen zu viel Information. Bei dem Zweig-Vogel Gedicht hat das noch funktioniert, weil die Bilder stringend ineinandergriffen.

Haiku haben ja auch eigentlich nur ein Bild, höchsten Zwei zu erzählen. Bei dir ist es die Märznacht, die nicht notwendig mit dem Rest korreliert, die aufstehende Luft, der schüttere Traum UND das Dröhnen der Straße. Das ist mmn. einfach zu viel.

Ansonsten bleib da bitte dran, das ist schon wirklich richtig gut!

LG
Patrick
 

johP

Mitglied
Hallo annefröhlich

Ich lese sie nicht als haiku und auch nicht als senryu, sondern als sehr bildstarke dreizeiler, bin eine anhängerin der traditionell geschriebenen haiku, auch in der deutschen form mit weniger silben :)

Dieses allerdings ist m.M. nach eines, das mir sehr gefällt

Mit Vogelchören
lockt die Frühe hinaus in
ein Bett aus Blüten.


Das buch von Inahata teiko : welch eine stille, hat mich sehr nach vorn gebracht. Dort wird unter anderem der unterschied zwischen westlicher lyrik und dem japanischen haiku erklärt. Ich beschreibe es kurz, so wie ich es verstehe: In unseren gedichten wird es angestrebt, daß der lyriker stimmungen, bilder u.s.w. mit neuen wortschöpfungen zu papier bringt und dadurch auch eine individuelle "stimme" zeigt/entwickelt. Das japanische haikudichter zeigt sich nicht in individueller virtuosität der sprachschöpfungen, sondern er schafft die atmosphäre durch eine puristische beschreibung des momentes. Durch genaues hinsehen und beschreiben von oft übersehenem, überhörtem, nicht wahrgenommenem. Eine bemerkenswerte momentaufnahme, die zum weiterdenken einlädt. Der dichter selbst ist beobachter, soweit die traditionelle form.
In der moderne hat sich das haiku weiterentwickelt, viele haiku sind eigentlich senryu, bis hin zur geschrumpften silbenanzahl.

Ich selbst lese gern haiku und auch dreizeiler, die ich der ungereimten lyrik zuordne.
 



 
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