Jammerossis Gegenwart

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Ein Theater eröffnen



Wir werden einen Tisch mit tiefhängendem Damast, Stühle mit hohen Lehnen, sauber gekalkte Wände, eine große Schale mit Obst, einen großen Kerzenleuchter, vielleicht sogar den Mond im Winkel eines offen stehenden Fensters imaginieren müssen,

wenn wir dieses, unser eigenes Theater, mitten auf dem Land, begründen. Denn nichts von all dem ist da. Kein Vielmillionenbau, kein Projekt reichlicher Fördergeldzuweisungen.

Nein, einfach weil wir sagen: „Heute sind wir im Theater.“ Darum wird es da sein.

Im alten Gemeindesaal wird es sitzen – das erwartungsfrohe Publikum. Und vor diesem werden die Verrückten sein, Menschen wie wir, Nachbarn, aber an diesem Tag sich vereinend zu einem Ensemble von Schauspielenden.



26. Mai 25





Der große Tag

ist vorübergegangen ohne nennenswerte Ereignisse.

Heißt konkret: Ausgefallen, weil kein Publikum erschien.

Das „Theater“ bleibt eingeschlossen in meinem Kopf, in meinen Träumen und Plänen und Gedanken und in den Nachfragen der Wenigen, die ich vorher davon wissen ließ und die jetzt enttäuschter wirken als ich selbst.

Es gab eine Zeit, da hätte irgendein Lokalreporter die Ankündigung gelesen und wäre erschienen, wo so eine Frechheit stattfinden soll. Die Eröffnung eines Theaters, von dem man noch nie gehört hat. Kein jahrelanger Streit in den politischen Gremien, kein Ringen um Geldsummen, bei deren Nennung einem schwindelig werden kann. Keine Diffamierungen der Initiator*innen aus dieser oder jener Richtung. Nichts. Stille. Absolutes Desinteresse.

Ich suche nach der Bedeutung der Niederlage. Ist es überhaupt eine? Oder ist das Geschehen einfach nur der Blick in den Spiegel Realität? Heißt die Realität LandKultur: Niemand der etwa achttausend Bewohner*innen der Gemeinde, verteilt auf einhundertvierzig Quadratkilometer und über zwanzig Dörfer und sonstige Gemeindeteile hat ein Bedürfnis nach theaterhafter Kultur? Oder nur nicht an diesem Tage? Wären ein paar Leute gekommen, wenn ein Bierwagen und ein Kinderkarussell vor dem Veranstaltungsort gestanden hätten? Wenn man einen Bringedienst für Gebrechliche mit Feuerwehrfahrzeugen organisiert hätte? Wertgeschätzt, heißt es, wird nur, was einen hohen Preis hat. Also beim nächsten Mal doch Kartenvorverkauf für 29,90 organisieren? Und sich den staatlichen Geiern aussetzen? Wäre das professionell? Es wäre ein Grauen für mich.





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Ich hatte mich so darauf gefreut. Eins meiner Kinder regte das Vorbereiten des Chanukka-Leuchters an, übernahm es, ihn zu putzen, kümmerte sich sogar selbständig um passende farbige Kerzen. Wir einigten uns schnell auf das Fenster, in welchem die Channukia stehen sollte. Gemeinsam überlegten wir eine Art Zeitplan, um an den acht Tagen des Lichterfests möglichst oft zur „richtigen“ Zeit zusammenzusitzen. Zum Sonnenuntergang oder am frühen Abend. Ja, vor Beginn dieser Woche ergriff mich eine geradezu kindliche Aufregung, eine Vorfreude. Dann der erste Tag. Sonntag, 14. Dezember. Lange bevor es bei uns dunkel wurde, gingen die furchtbaren Nachrichten vom Attentat in Sydney durch die Medien. Radio, Fernsehen, Internet. Überall war es das Thema Nummer Eins. Allmählich stieg die Opferzahl, wurden die Ereignisse konkreter beschrieben. Wir zündeten gegen halb fünf die erste Kerze. Still, fast betreten. Ich hatte keine Lust mehr, irgendeine schöne Geschichte aus der jüdischen Welt vorzulesen. Die Attentäter hatten ganze „Arbeit“ geleistet. Menschen ihre Liebsten entrissen, blindwütig gemordet. Angst verbreitet. Weltweit Traumata erneuert. Ein dunkles Tuch gewaltsam erzwungener Trauer liegt auf uns. Ich blicke stumpf ins Dunkel.



16.12.25
 

petrasmiles

Mitglied
Danke für diesen Text, der die schlimme Nachricht aus der Faktenerzählung in eine menschliche trägt. Was als 'wieder eine schlimme Nachricht' abgeschüttelt werden konnte, dringt nun vor ins Herz und setzt die notwendige Betroffenheit und Trauer frei.
 
ge, Terrorakte und sonstige Abscheulichkeiten noch eine besondere Bestätigung zu einer Zeit, in der sich fast die ganze Welt auf Familientreffen, Lichterglanz und andächtige Freude einstellt.
Ich bin im. innersten getroffen.
 
Gedanken am Ende der Weihnachtstage, vor Ablauf dieses Jahres, nach dem aufmerksamen Verfolgen der Nachrichten. Eigentlich nichts Neues unter der Wintersonne. Und doch. Aber warum? Der Kelch geht um, der Herr Pastor tupft nach jedem Gläubigen den Tropfen vom Rand ...

Alle sterben. Irgendwann. Rockmusiker, Schriftsteller, Schauspieler, Regisseure, Fernsehkasper. Nachbarn, Lehrer, der Bäcker, der Fleischer, der Herrenmaßschneider, der Friseur. Alle, die schon unsere Jugend lang und erst recht darüber hinaus älter waren als wir selbst, gehen meist vor uns. In einer langen Reihe. Die Helden, die Zwangsbekanntschaften, Verwandte. Vereinzelt erste Gleichaltrige. Jede Todesnachricht ein Quell stiller oder tiefer Seufzer. Herzinfarkte, Unfälle, schlechte Konstitution, tödliche Viren und Bakterien. Wenige entschlafen friedlich. Sie fallen um, bleiben liegen, werden weggeschafft, kurz aufgebahrt, hitzebehandelt, tränenreich verabschiedet, ihnen wird nachgerufen, nachgesungen, nachgeweint, wir Hinterbliebenen bedauern irgendwann den Verlust alter Rituale, die einst ganz fraglos einen Rahmen bildeten für Verlust und Schmerz und die nächsten Schritte, die man selbst noch gehen muss oder darf.
 
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Nächtliche Spaziergänge



Den alten Kindergarten besuchen. Fast fünfundfünfzig Jahre her, dass ich ihn wochentags täglich sah. Inzwischen soll es ein Motorradrocker-Treff sein, So ein Vereinsheim mit Waffen- und Drogenverstecken, mit unbürgerlichem Slang, mit lauter Musik. Lose Frauenzimmer mit frechen Sprüchen an einer Europaletten-Bar, mit Bierpfützen drumherum und Bullenhass, den man förmlich überall riechen kann. Eine Tatortkulisse. Als ich neulich dort war, ging ich durch leere Räume. Im Anbau, dort, wo mein Gruppenraum war, hingen noch die Gardinen aus den Siebzigerjahren. Auch am umfassenden Freigelände hatte man nichts verändert. Nach wenigen Schritten klebten halbe Blumentopffüllungen an meinen Schuhen. Wie früher. Ich beeilte mich, wieder auf gepflasterte Wege zu kommen. Auch das Badebassin gab es noch und die Hecken, die getrennte Bereiche schufen, damit die Erzieherinnen den Überblick behielten.

Den Rockern wird es gefallen, in die meisten Räume im Parterre barrierefrei mit den Motorrädern einfahren zu können. Das ist wirklich ein integrativer Ansatz für die pöhsen Jungz.

Ein anderer Ort, dieselbe Zeit. Omas Dachwohnung in der Heidestraße. Die einfachverglasten einflügeligen Fenster, die billigen Dielen, die Einrichtung. Möbel, Teppiche, Geschirr, Lampen. Fast alles aus den dreißiger, vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Dunkelbraun, düster. So klein das Wohnzimmer auch war, der Ofen bekam es nicht warm, sobald Herbst- oder gar Winterwinde um den Block wehten. Gleiches galt für die Küche mit dem halben Ehebett. Die andere Hälfte hatte Otto bestimmt nicht mitgenommen, als er bei Nacht und Nebel (?) in den Westen ging und Gertrud und die beiden Töchter zurückließ. Aber davon erfuhr ich auch später so gut wie nichts. In unserer Familie wurde darüber nicht gesprochen. Kein Kontakt. „Frag nicht nach Sachen, die du nicht verstehst!“, wenn ich doch mal was darüber wissen wollte. Egal. Ich hab’s überlebt.

Ein weiterer Traum. Auf der Schultreppe. In einem Gebäude wie eine wilhelminische Kaserne. Ich traumwandele hinauf, bis in die Aula, blicke Richtung Osten über die Stadt, suche den Fluss, die Aue. Ach ja, ist schon eine recht grüne Stadt. Und trotzdem hässlich, uninteressant. Zerbombt und verbaut. Im Laufe des Lebens dann doch schön geworden – durch die Menschen, die man liebgewinnt.

Eine komische Situation. Je weniger ich mich tagsüber bewegen kann, desto mehr bin ich nun nachts unterwegs. Durch Raum und Zeit, durch meine Lebensgeschichten. Immer zu Fuß, nie im Rollstuhl. Träumen macht stark!




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… Es hieß dann vielleicht: „Und darum bringe ich dich heute mal zur Oma, ja? Gegen Mittag komme ich dann, und hole dich wieder ab. Ist doch nicht lange. Sei schön lieb!“ So in etwa kann es gewesen sein, wenn ich mal eine Weile bei der Oma bleiben sollte. Der mit der kleinen Dachwohnung. Mit den leise knarzenden Dielen. Mit dem eiskalten Klo. Mit dem märchenhaften Küchenofen, den Kohlen- und Ascheeimern, den geschichteten Holzscheiten. Alles das faszinierte mich, den Jungen aus einer Neubauwohnung von Typ Brandenburg. Mit Fernheizung, Gasherd, dem lauten Tacken der Relais-Schalter, das aus dem Schaltkasten im Flur kam. Dem Balkon, der im Sommer abends ewig Sonne hatte. Und auf der anderen Seite der Ausblick auf den Jugendknast. Hunderte kurzhaarige junge Männer, viele mit Tätowierungen, manche mit Muskelpaketen an den Oberarmen, sichtbar nur, wenn sie Volleyball spielten. Ansonsten marschierten sie fast nur in ihren dunklen Häftlingsuniformen, gelbe Streifen darauf, in großen Gruppen von Gebäude zu Gebäude.
 

petrasmiles

Mitglied
Auf der Schultreppe. In einem Gebäude wie eine wilhelminische Kaserne.
So war das bei mir auch, tief im Westen.
Das Gebäude kann aber nicht so groß gewesen sein, wie es mir vorkam. Die Erstklässler durften im Erdgeschoss bleiben und die nachfolgenden Klassen je eine Etage höher. Ich weiß noch dass ich frotzelte, um so älter man wird, desto mehr Stufen muss man hochsteigen. Ich fand das witzig, sonst niemand. Das sollte so bleiben - meine Anhänglichkeit an schale Witze, und dass sie keiner witzig findet :) Zeitreisen bringen Einiges hervor ...

Ich wünsche Dir ein wunderbares neues Jahr!

Liebe Grüße
Petra
 
Danke, das wunderbare neue Jahr wünsche ich dir natürlich auch, @petrasmiles .
Ich finds schön, dass sich hier für mich langsam ein kleiner Autor*innen- und Leser*innen-Kreis bildet.

Kommt alle gut ins neue Jahr hinüber und haltet die Schreibideen fest, dass sie nicht verloren gehen!

Liebe Grüße
vom Clown
 
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Ein Silvestergruß, vielleicht eine Glosse


Ein Mittwoch, stellte ich frustriert fest. Wie kann man ein Jahr an einem Mittwoch enden lassen? Warum nicht an einem Sonntag, wie es sich gehört? Das wäre doch viel feierlicher. Morgens erwachen, das Fenster aufreißen, GoTT und Vaterland gedenken, die frische Winterluft atmen, Radio einschalten, Kaffee brauen, ein paar Worte mit den Anwesenden wechseln, frühstücken, gottesdienstfein machen, Schuhe schnüren lassen, loswackeln. Freundlich nach links und rechts grüßen, wenn einem jemand begegnet, Kirche mit Glockenläuten erreichen, andächtig zwischen die drei, vier unentwegten Kirchgängerinnen setzen, deren unbewegt miesepampligen Gesichter mustern, rätseln, ob sie jemals anders aussahen, richtige Stimmen hatten, Lust und Genuss irgendwann Platz in ihren sicher mehr als dreihundertjährigen Leben hatten, schwere Zeiten natürlich ausgenommen, in denen jedem unbenommen zustehen sollte, schlechtgelaunt auf das Treiben der Welt zu blicken und sich jeglicher Freuden zu verweigern. Man ist ja schließlich kein Freudenmädchen, sondern als anständiges Bauernmädchen auf die Weltgekommen, um zu arbeiten und die Familie satt zu bekommen. Gut so. So viel verstehe ich beim Betrachten der uralten Gesichter. Sie haben eine Menge gesehen und durchlebt. Von ihnen sollen wir nicht erwarten, dass sie in ihrem hohen Alter noch ein Gospel-Quartett gründen werden, um in weiten Kleidern vorm Altar umherzuschwingen und zu singen. Das entspräche auch nicht unserer Kultur.

Da fällt mir ein, dass dass die Dorfkirchen in unserer Parochie, oder wie das heißt, nur jeweils in monatelangen Abständen bespielt werden. Der eine Pfarrer hat etwa fünfzehn Gemeinden zu bespaßen. Wöchentliche hochheilige Sonntagsveranstaltungen sind da nicht umsetzbar. Ein Pfarrer ist ja schließlich kein Weihnachtsmann. Selbst so eine multitaskingfähige Pfarrerin würde das nicht hinbekommen, bei allem Glauben. Also bleibe ich daheim sitzen und höre umso aufmerksamer Radio. Beim Stichwort „Boomer“ werde ich ganz besonders aufmerksam. Boomer! ist ein häufig gehörter Begriff, den mir meine Kinder süffisant nachwerfen, wenn wir wieder mal an unsere Grenzen gegenseitigen Verständnisses gestoßen sind. Und jetzt erfahre ich, von wissenschaftlichen Beweisen untermauert, dass ich gar kein richtiger Vollboomer bin, sondern aufgrund meines Geburtsjahres (Gnade der frühen Geburt) in eine mich entlastende Prä-Boomer-Frühzeit oder maximal Grauzone gehöre. Das werde ich dem werten Nachwuchs demnächst genüsslich unter die Nasen reiben.

Diese Überlegungen versöhnen mich aber allesamt überhaupt nicht mit meiner Abneigung dagegen, den Jahreswechsel mitten im Verlauf einer x-beliebigen Winterwoche zu begehen. Für die Zukunft bleibt mir nur die Hoffnung, dass die AfD daran ganz grundlegend etwas ändern möge, sobald sie in kalendergestaltenden Machtpositionen angekommen ist. Der erste Erste eines jeden Jahres soll ein Montag sein! Das entspricht deutscher Ordnung und Pünktlichkeit. Nicht dieses aktuelle universelle Durcheinander!

Guten Rutsch!!!!!!!11!!!!!!!!!!!"!
wünscht der Clown seiner Klasse
 
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Veränderungen



Die Weinattacken kommen nicht mehr. Ich bin sie los. Ich hatte sie im Gepäck, als ich die Klinik verließ, begegnete ihnen einige Male, als ich wieder zuhause war, bestaunte sie dann wie ein Urlaubsandenken, das man irgendwann in einen Karton mit gesammelten Absonderlichkeiten des Lebens legt – und vergisst. Vergessen habe ich die hartnäckigen und schwer zu überwindenden Anfälle von tiefen Emotionen, kaum zu bändigenden Schluchzern und herzwarmen Tränenflüssen natürlich noch nicht. Zu tief grub sich da ein Canyon in die Erinnerung ein, was in jenen Monaten mit mir los war, wie ich auf Gedanken, Erscheinungen, auf Menschliches und Göttliches reagierte. Aber nach einer Weile, wenn meine Momente des Gerührtseins wieder normale Verläufe haben, wird mich immer weniger von diesem Ballast an die Zeit der Verwirrungen erinnern, mir wird leichter sein ums Herz, befreit. So hoffe ich.

Jetzt aber lese ich diese Zeilen und denke: Wem das Herz voll ist, dem gehen die Gedanken und Worte über. Das neue Jahr möge weitere Veränderungen bringen.




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John Wein

Mitglied
Wem das Herz voll ist, dem gehen die Gedanken und Worte über.
Lieber Clown,
Warum auch nicht, ist doch ein sprudelnder Quell für Selbstreflektion und Inspiration und darüber hinaus auch ein Gewinn für uns, deine Leser.
Gut zu sehen, dass wenigstens die Einschränkungen nicht deine mentalen Körperfunktionen betreffen. Ich habe ja dieselben Erfahrungen machen müssen nach meinem Schlag vor einigen Jahren und ich bin um einiges älter. Aber bis auf Kleinigkeiten, habe ich keine Einschränkungen mehr. Nach so einem Ereignis blickt man anders auf das Leben und einen Sinn für die wirklich wichtigen Dinge in der Zeit, die man noch geschenkt bekommt. Demut gegenüber dem Schicksal, Zuversicht für die Zukunft und dazu einen gute Schuss Selbstliebe. Ich bin mit 78 nach dem Ereignis sogar noch einmal 1000 km einen Jakobsweg von Sevilla bis Santiago gegangen, nicht aus religiösen Anwandlungen, sondern als eine Reflektion für mich und in meinem begrenzten Leben, ein Weg nach innen führt und zu mir selbst, allein, ohne Begleitung
Ich wünsch mir noch mehr von deinen Tagebucheinträgen und dir wünsch ich, soweit möglich, weitere Verbesserungen und alles Gute für das Jahr 2026.
Liebe Grüße,
John

Ach übrigens: Hast du dir mal das Buch "Hamster im Hinteren Stromgebiet" gemerkt, von Joachim Meyerhoff, der hatte mit 50 schon einen Insult . „Hinteres Stromgebiet“ med. Sprech für Kleinhirn.
 
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4. Januar

Es ist kühl im Arbeits- und Schlafzimmer. Gerade noch erträglich, um ein, zwei Stunden am Laptop Gedanken zu klopfen. Longshirt, T-Shirt, Kapu, Lodenweste, FSV-Schal, Mütze. Es reicht nicht. Allein der Blick aus den Fenstern, in das geliebte Schneetreiben hinaus – er lässt mich frösteln. Hoffentlich kommt niemand auf die Idee, mich heute im Rollstuhl durchs Dorf schieben zu wollen, weil ich den Winter doch so sehr liebe … Ich werde in einen wärmeren Raum wechseln und dort Winter schauen wie einen Film.



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Die Tea Time ist over

Seit fünfunddreißig Jahren fehlt mir dieser chinesische Schwarze Tee, der mir die Jugend versüßte, bis die Zeit zerbrach in ein Vorher und ein Nachher.

Ich musste ihn stets in speziellen Geschäften kaufen, DELIKAT stand werbend daran. Die Dosen waren ungewöhnlich gut gestaltet in Rot und Grün und Gold – keine Behelfsverpackung, sondern schön.

Großblättrig, eng gerollt, kaum Bruch und Staub am Boden. Beste Qualität, urteilte ich laienhaft. Eine heiße Liebe bis zum letzten Tag.

Er duftete blumig, schmeckte exotisch, spiegelte mein Zimmer und mein Gesicht in einem irdischen Braunorange, gerahmt von ausgewählten Keramikschalen.

Was für ein Verlust! Ungezählte Teeladenenttäuschungen in fünfunddreißig Jahren und in ihrem Stolz verletzte Verkäufer*innen, die mir doch locker jeweils „… über sechzig Sorten bieten …“ können.





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Entschuldigt, ich habe den letzten Text fein in lyrisch zerschnippelten Zeilen gesetzt, wiedergegeben wird er nun wieder in Breitband- Kinoformat. Habe absolut keine Ahnung, warum. Will nur sagen, dass ich halbwegs weiß, wie ein lyrischer Text optisch daherkommen sollte.:rolleyes: Ich hätte gern, wenn der Text als Gedicht gelesen würde, mindestens als prosische Lyra, nicht unbedingt als lyrische Prosa.
 
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Bücher, Bücher, Bücher

und andere Flausen


In den letzten Jahren habe ich einen wenig einträglichen Handel mit antiquarischen Büchern betrieben, um mir die kleinen privaten Wünsche erfüllen zu können, um zu Geburtstagen und anderen Schenkanlässen auch was beisteuern und – ja, auch um immer mal einen kleinen Einkauf für die Familie leisten zu können. Oder den Tank zu befüllen. Mehr war mit den zweihundert bis dreihundert Euro nicht möglich, die ich mir erwirtschaftete. Aber solange das einigermaßen sicher lief, konnte ich mir auch eine Zeitlang noch die mehr oder weniger regelmäßig herauskommenden Neuerscheinungen meiner zeitgenössischen Lieblingsautor*innen kaufen. Leslie Marmon Silko, Toni Morrison (+), Alice Walker, T. C. Boyle, Sherman Alexie, Nick Hornby waren das wohl vor allem, dazu kam das ständige Suchen nach weiteren Autor*innen der nordamerikanischen Indigenen, der afroamerikanischen Comunity sowie jüdischer Abstammung – alles bevorzugt aus „meinem“ Jahrhundert, dem zwanzigsten. Ich trage ganz schön viel Traurigkeit darüber mit mir herum, dass ich mir das nicht mehr ermöglichen kann, aber natürlich kann ich jederzeit Wünsche äußern, die mir dann meist erfüllt werden. Allerdings habe ich mir auch eine derart große Privatbibliothek angesammelt, dass ich bis an mein Ende immer wieder ein mir noch unbekanntes Buch finden werde, wenn mir danach ist. Zur Not würde ich gelegentlich sogar wieder Klassiker lesen. Dazu könnte ich auf die etwa zwanzigtausend Bücher meines stillliegenden Antiquariats zurückgreifen, auch wenn ich davon nur einen Bruchteil jemals lesen würde. Es gibt so viele seltsame Bücher auf der Welt! Und doch findet man mit Geschick und Ausdauer für fast jedes einen Abnehmer. Und ob ich nun die Wilsberg-Krimis, den neuesten Roman von Louise Erdrich oder die aktuellen Verlautbarungen des Börsenvereins des deutschen Buchhandels lese – alle beschreiben in ihrem jeweils eigenen Ton den Verfall der Lesekultur, der Buchhandelskultur, das Schließen der Läden. Ausnahmen bleiben Ausnahmen, aber werden mehr. Ich bräuchte ein paar Partner*innen, um neu anzufangen, und möglichst auch ein paar Menschen, die ohne Gewinnerwartungen in meine Ideen investieren, um dazuzugehören. Das ist zwar nicht unmöglich, aber recht illusorisch.

Heute wieder ein Buchhändler im Gespräch mit Deutschlandfunk Kultur. Er hat zum Beginn des Jahres für immer geschlossen. Trotz Bemühungen keinen Nachfolger gefunden. In einer traditionsreichen Universitätsstadt, bekannt für die Geisteswissenschaften …

Ich glaube nicht, dass in ein paar Jahren überhaupt keine inhabergeführten Buchläden mehr existieren werden. Es wird noch einige gute, hoffentlich auch erfolgreiche Versuche geben, in welchen Mischformen mit unterschiedlichen Angeboten Buchhandel möglich ist oder wie man Ladenflächen-Anbieter gewinnen kann, diese für gaanz wenig Finanz zur Verfügung zu stellen – zum Beispiel sanierungsbedürftige Räume, wofür den Eigentümern mittelfristig keine Sanierungsmittel in Aussicht stehen. Lang anhaltender Leerstand, Räumlichkeiten in Industriebrachen. Bürgermeister*innen und Kulturstadträte gewinnen, sich für sympathischen Buchhandel einzusetzen. Kulturläden schaffen, in denen regelmäßig Veranstaltungen stattfinden, neben Verkaufsflächen für Bücher, Tonträger, Kunst und Kunst-Handwerk, Eine-Welt-Handel, Stadtmagazin-Büros, Café und Weinstube, Stammtische, Tanztreff, Chöre, Literaturgruppen, Theaterfreaks,… Städte und Gemeinden ohne Kultur sind und bleiben öde. Ich würde so gern wieder was in die Richtung machen. Aber es ist zurzeit enorm schwer, jemanden hier in der Region zu finden, der Lust auf so ein Abenteuer hat. Und Geld? … Schneuz.


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Danke, John, dass du es getestet und für lesbar befunden hast.

Text, yes, mit ein bisschen "Phantersie" erkennt mal schnell das Versformat.
Ja, ich bedaure, dass ich alle meine Texte hier im Tagebuchbereich unterbringen muss. Aus irgendeinem rätselhaften Grund lässt mich das System keine Texte an anderen Stellen unterbringen. Sobald ich was als Gedicht oder Prosastück in den entsprechenden Bereichen posten will, kommt eine "Ups ..."-Fehlermeldung, aber ohne Erklärung, worin der Fehler besteht. Hoffentlich habe ich das Internet nicht kaputt gemacht.

der Clown
 



 
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