Ein Märchen
Es waren einmal zwei Arme. Ha! Das klingt komisch. Fast jeder hat ja zwei Arme. So kann doch keine Geschichte anfangen. Ich, der Geschichtenerzähler, meine natürlich zwei arme Leute. Um die soll es in der folgenden Geschichte gehen. Und noch um ein paar andere, die aber nur mehr oder weniger wichtige Nebenpersonen sind. Das klingt auch schon wieder komisch. Wer möchte schon eine Nebenperson sein? Hat nicht jeder ein Leben, über das man unzählige interessante, aufregende oder einfach schöne Geschichten erzählen kann? Aber wenn man eine Geschichte erzählt, ergibt es sich meistens ganz natürlich, dass eine Person oder ein paar wenige Personen mit ihren Erlebnissen im Mittelpunkt stehen, während alle anderen darumherum als Nebenpersonen wahrgenommen werden. So kann man sich besser auf den Kern der Geschichte, die der Geschichtenerzähler erzählen will, konzentrieren. Aber weiter. Ein neuerer Anfang der Geschichte:
Es waren einmal zwei wundersame Rucksäcke. Die gehörten zwei Armen. Ihr wisst schon, den beiden armen Leuten. Klar. Und:
Es war einmal eine Bushaltestelle. Sie hieß „Am Wald“. Wahrscheinlich, weil sie ganz nah an einem Wald stand. Aber noch näher stand sie an der Straße. An der Straße von A nach B. Und zurück. Zweimal in der Woche hielt ein Bus an der Bushaltestelle. Aber kaum einer konnte sich erinnern, wann dort das letzte Mal jemand ein- oder ausgestiegen war, an der Bushaltestelle „Am Wald“ auf der Strecke zwischen A und B. Trotzdem hielt zweimal in der Woche ein Bus dort. Vielleicht aus Gewohnheit. Meist war er leer bis auf den Fahrer Hans. Hans war ein guter Busfahrer. Gewissenhaft. Nie fuhr er an einer Haltestelle vorbei, die auf seiner Strecke lag. Auch die Haltestelle „Am Wald“ ließ er nie aus. Er bremste dort immer sanft, murmelte halblaut „Viertelstunde Pause!“, holte ein Lunchpaket aus seiner Ledertasche und schaute gespannt nach, was ihm die Susanne fein sorgsam eingepackt hatte. Susanne war seine Frau, und wenn sie nicht gestorben ist, dann ist sie es wohl heute noch. Halt! Das ist noch nicht das Ende der Geschichte. Ich dachte nur, es wäre schön zu denken, dass es Hans und Susanne auch heute noch gibt und dass beide hoffentlich zufrieden und glücklich sind. Also noch mal, Blick ins Lunchpaket: Frisches, duftendes Brot mit dicken Rotwurstscheiben mochte Hans besonders, oder leckere Roggenbrötchen und dazu ein Bündel Wiener Würstchen, na sowas eben, was ein Busfahrer braucht, um über die Runden zu kommen. Dazu goss er sich aus seiner alten Thermoskanne stark gesüßten Kaffee in eine Tasse, die das Privileg hatte, täglich kostenlos im Bus mitfahren zu dürfen. Ja. Reisende konnten sich sicher sein, dass der Bus hielt, wo er halten sollte, so dass jede und jeder an ihren Zielen aussteigen konnte, wenn er oder sie nicht eingeschlafen war. Denn Hans ließ immer seinen Lieblingsradiosender laufen: Radio Trend, die größten Hits der Fünfziger. Schon mancher Fahrgast war dabei selig eingeschlafen und erst in A oder B wieder aufgewacht, wenn Hans den elektrischen Hahn krähen ließ und mit seiner tiefen Stimme „Endstation!“ hinterherrief.
Am 2. Mai 2026 aber passierte etwas Unerwartetes. Zwei etwas seltsam wirkende Leute, die bis Haltestelle „Am Wald“ gelöst hatten, stiegen tatsächlich aus, als Hans den Bus wie gewohnt sanft abbremste, und sich im Stillen schon auf den Schmaus freute, den er gleich in seiner Tasche finden würde. Die beiden seltsamen Fahrgäste setzten sich ihre kugeligen Rucksäcke auf, an denen allerlei wundersame Dinge hingen, die wohl beim Packen nicht mehr ins Innere gepasst hatten, und die aussahen, als wären sie ein halber Hausstand, mindestens aber alles, was man in einer Küche zum Kochen braucht. Quirle, zwei verschieden große Suppenkellen, ein Nudelsieb, Blechtassen, ein Milchtopf. Einer der beiden trödelte oder hatte Probleme, den Rucksack bequem auf den Rücken zu bekommen. Da rief der andere, schon von draußen: „Komm, Knüpel-Rüpel! Sonst fährt der Bus mit dir weiter!“
„Nein, nein macht euch keine Sorgen, hier ist eine Viertelstunde Pause.“, rief Busfahrer Hans von vorn.
Also stieg auch Knüpel-Rüpel in Ruhe aus. Draußen sah er sich um. Sein Begleiter war nicht zu sehen. „Knüppel-Rüppel, wo bist du?“, rief er.
„Na hier, in der Hütte. Komm, es sieht einladend aus hier. Nur ein wenig dunkel. Lass uns eine Kerze anzünden und sehen, ob es für die Nacht geeignet ist.“
Mit seiner Kaffeetasse in der Hand folgte Busfahrer Hans den beiden seltsamen Fahrgästen, blieb aber außerhalb des Haltestellenhäuschens stehen und fragte: „Ich habe mich schon gewundert, warum ihr ausgerechnet hier her wolltet. Sieht so aus, als wolltet ihr die Nacht über hier bleiben und morgen früh zur Wanderung aufbrechen. Schönes Wetter habt ihr ja!“
„Jaaaa“, entgegnete Knüppel-Rüppel gedehnt. „Mehr konnten wir uns nicht leisten, als bis zu dieser Haltestelle. Und „Am Wald“ klang außerdem sehr schön, als wir den Fahrplan lasen. Wir wollen uns ein nettes Plätzchen im Wald suchen, um uns häuslich niederzulassen. In A mussten wir nämlich unsere Wohnung verlassen, sie ist uns zu teuer geworden. Jetzt sind wir sozusagen ob-dach-los.“ Knüppel-Rüppel klang zum Ende hin immer leiser und trauriger, und hörte schließlich ganz zu sprechen auf. „Jaaaa“, sagte nun auch Busfahrer Hans gedehnt. „Das kann ich verstehen. Ich bin mit meiner Frau erst im vorigen Jahr umgezogen, weil wir eine kleinere Wohnung wollten. Die Kinder sind erwachsen und über alle Berge – wofür brauchen wir da noch die hundert Quadratmeter? Jetzt haben wir noch knapp sechzig, wo die Miete aber genauso teuer ist wie bei der alten Wohnung. Ach ja!“ Er seufzte tief. „Aber ihr, was wollt ihr hier draußen tun?“ Die beiden schwiegen einen Moment. Dann räusperte sich Knüpel-Rüpel. „Mh, also. In der Stadt haben wir keine Arbeit mehr gefunden und finden bestimmt auch nie wieder eine. Also haben wir gedacht, wir gehen fort, irgendwohin, wo es Wald gibt, und erlernen dort die Kunst des Raubens. Die Welt ist voller Räuber, also kann es nicht verboten sein.“ „Da sagst du was“, entgegnete Hans nachdenklich. „Und wer Zeit hat im Wald herumzuwandern, hat entweder keine Arbeit oder muss nicht arbeiten, weil er reich ist.“, führte Knüpel-Rüpel weiter aus. „Die voneinander zu unterscheiden, darauf kommt es beim Rauben an. Wir wollen natürlich Habenichtsen wie uns selbst nichts wegnehmen. Das hat keinen Anstand. Aber wenn so ein Trupp Manager daherkommt, mit dicken goldenen Uhren an den Armen und fetten Geldtaschen, dann: gibt’s rumms! was auf die Birne, und: Zahltag! Her mit dem Glitzerkram! Abends geht’s dann in eine gemütliche Wirtschaft zum warmen Bier und Eisbein an Erbspüree satt. Hoho! Das wird ein Leben!“ Hans lachte. „Oh mein Freund, das kann ich mir gut vorstellen. Ich weiß aber ungefähr, was meine Frau dazu sagen würde, wenn ich mich euch anschlösse und hier bliebe. Und überhaupt – ich muss jetzt weiter, bevor mein Sisyphos ganz kalt wird und nicht mehr fahren mag. Lasst es euch gut ergehen, vielleicht sieht man sich ja mal wieder, lebt wohl!“ Knüppel-Rüppel und Knüpel-Rüpel murmelten eine freundliche Antwort und ließen Hans gehen. Dann wandten sie sich wieder dem Haltestellenhäuschen zu. Bei Kerzenlicht suchten sie nun den Boden nach Unrat ab, denn wohlfühlen wollten sie sich schon. Knüppel-Rüppel fischte aus den Tiefen seines Rucksacks einen Handfeger und begann, in gebückter Haltung unter den Sitzbänken, welche fest an der Wand befestigt waren, all die Schnipsel und Zigarettenkippen auszufegen, die sich im Laufe der Zeit am Boden ansammelten, und noch nicht von kräftigen Winden, die von Zeit zu Zeit durch das Wartehäuschen bliesen, weggeweht waren. Als er das meiste erwischt hatte, richtete er sich mit einem Seufzer des Schmerzes auf, besah sein Werk, lächelte, und setzte sich wieder auf die Bank, genau dorthin, wo er schon vorher gesessen hatte. Mit bestem Blick auf die Straße und übers Feld jenseits der Straße. (...)
Soweit die ersten Zeilen einer leicht märchenhaften Geschichte, an der ich im Moment noch ganz ernsthaft weiterarbeiten möchte, vielleicht auch mit dem Plan, sie bis zum deutschlandweiten Vorlesetag fertig zu haben und dann einer oder mehreren Schulklassen vorzustellen. Kritik daran interessiert mich brennend.
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