Jetzt aba Rock

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Jetzt aba ma Rock

Ledernes und synthetisches Schuhwerk scharrt grob über den staubigen, kalten Steinboden und vereint sich allmählich zu einer rauhen, immer lauter werdenden Symphonie der Ungeduld.
Der beißende Qualm automatengezogener, aber überwiegend selbst gedrehter Zigaretten steigt rasch hinauf und zerfließt an der tief hängenden Decke wie das Wasser von Regentropfen auf grauem Asphalt. Schon bald verschwinden die ersten Köpfe im weißen Dunst.
Die Anarchie schleicht sich wie ein böser Geist durch die Ritzen der schlecht gemauerten Wände und schafft erste Provokationen: Geschlechtertrennung ist im Raum nicht vorgesehen.
Schamlos, ohne einen Hauch von Anstand gemischt stehen die Menschen beiden Geschlechts Schulter an Schulter, Hüfte an Hüfte, zusammengepfercht wie billiges Schlachtvieh. Teuflische Dämmerung verdeckt ihre nervösen Körper.
Zur unerträglichen Ungeduld mischt sich der penetrante Gestank von eilig gezapftem Bier und illegalen Genusswaren.
Nur allzu bald schlägt die Ungeduld um in leichte Verärgerung und mündet schließlich in eine Phalanx der Empörung. Leere Plastikbecher fliegen und letzte verbliebene Tropfen zischen bei Hautkontakt auf wie Wasserspritzer auf einer Kochplatte, ein Schlagring glitzert bedrohlich im Dämmerlicht und die geschliffenen Kanten der stützenden Pfeiler wirken mit einem Male wie scharfe Rasierklingen, die hinterhältig auf Schädelspaltungen spekulieren.
Die anwesende Fernsehreporterin bereitet sich schon auf die Meldung eines Bürgerkriegsausbruchs vor, als einer der anwesenden mit lauter Stimme grölt: "Jetzt aba ma rock."
Der tobende Mob grölt zurück. Ein schallendes Yeeeeaaaaaahhh, das manch einem die Filmerinnerung an den König des Dschungels zurückruft, erfüllt die Halle und vom Geist der Spontaneität inspiriert steht sie auf einmal da: Die Rockband.
Und als der Gitarrist mit seinen Fingern in die Stahlseiten greift, schießen helle Lichtstrahlen auf die Mengen zu und tauchen sie in ein Meer der Erleuchtung und der Erleichterung.
Das wache Auge mustert die Zuschauer mit kritischem Blick.
Die Männer tragen extrem rockbetonte Kleidung. Auf ihren Shirts prangen pfiffige wie geniale Aphorismen der zeitgenössischen Kunst wie "Rock", "Rockstar" oder "Let's Rock" und ihre ausgewetzten Jeans mit einer besorgniserregenden Zahl an Lüftungsschächten werden von Patronengürtelplagiaten und nietembesetztem Leder gehalten. Zudem legen einige viel Wert darauf, ihre Unterhosen respektive Boxershorts den anderen zur Betrachtung freizugeben, damit ein jeder sieht: Hier wohnt der Rock.
Nur die Frauen wissen diese Personifizierung des wahren Rockgefühls noch zu übertreffen.
Auch sie tragen unvergleichliche Perlen der adoleszenten Gegenwartskunst auf ihren schweißdurchnässten T-Shirts, ausgeheckt in den Köpfen der ständig brütenden intellektuellen Elite. Worte wie "Rockschlampe" "Superrockschlampe" oder "Superrock" dokumentieren das feinen Gespür für das passende Outfit. Gelegentlich fallen Zahlen des kleinen Einmaleins ins Auge, die wahllos von der Industrie auf Shirts gedruckt und auf den Markt geschmissen wurden. Außerdem tragen sie extrem stoffökonomische Hosen, vollgesogen mit der kostbaren Luft historischer Konzerte, aus denen der allseits beliebte Tanga in weiß und schwarz lugt.
Einer Jury würde nur das eine Urteil bleiben:
Die Klamotten sind jetzt aba ma Rock.
Auch die Band ist jetzt aba ma Rock. Mit der brachialen Raubeinigkeit eines kreischenden Dampfhammers drescht der triefende Trommler auf seine metallumspannten Teufelstöpfe ein, der betont behaarte Zupfmeister bedient mit gekonnt diabolischem Grinsen sein dröhnendes Arbeitsgerät, während der Anführer des Trios sich daran versucht, mit höllischer Inbrunst und bedingungsloser Bösartigkeit gewagte und völlig neuartige Verse wie "Fuck the Police", "Fuck the law" and "Fuck the state" aus seiner dürstenden Kehle zu pressen. In verlässlicher Regelmäßigkeit produziert er ein artistisches Hohlkreuz und beugt seinen Oberkörper gefährlich weit nach hinten, überzieht sein Züge mit einer schmerzverzerrten und verbissenen Gesichtsgymnastik und steigt rasch auf der Tonleiter acht, neun Stufen gleichzeitig hoch.
Die rasende, enthusiastische Menge dankt im das mit ohrenbetäubendem Geschrei und liefert sich mit ihren Kumpels eine lebensgefährliche Schlägerei, die jedoch - das sei zur Aufklärung gesagt - auf rein freundschaftlicher Basis abläuft. Auch blutende Nasen und unkonventionell positionierte Knochen gereichen hier nicht, um ernsthaft an der Liebenswürdigkeit der Freunde zu zweifeln.
Zwischen den Songs wirft der singende Barde einen verbalen Gassenhauer nach dem anderen auf die süchtige Menge, die unverkrampftes Rockgefühl aufs deutlichste dokumentieren.
"Sagt mal, war das bisher alles im grünen Bereich?" Und sie schreien mit terroristischem Fanatismus - auch wenn ihnen die Musik mehr als fremd erscheint - nochmals den Rockurschrei: "Yeaaaaaaahhhhhhh."
Das Repertoire zur comedy-orientierten Anheizung des Sängers ist jedoch noch lange nicht erschöpft.
"Gestern beim Konzert im Jugendzentrum Rheda-Wiedenbrück waren weniger Leute", witzelt er mit showmasterlicher Leichtigkeit. Erneut verfällt der Mob in altertümliche Verbalbegeisterung und archaische Gestik. Der Mann mit der extrem rocklastigen Stimme weiß seinem Wortkünstlertum nach einem wirklich apokalyptischem Song noch das Sahnehäubchen aufzusetzen.
"Das ist Rock", brüllt er und den denken Beobachter hätte es nicht gewundert, wenn er sich jetzt beidseitig unter den Achselhöhlen gekratzt und Tierschreie imitiert hätte. Das Publikum kennt kein Halten mehr und verwandelt den Saal endgültig in ein prügelndes Tollhaus, das nachher in Scharen und im Vollrausch über das Vorhandensein einer ihnen unterstehenden Krankenkasse grübelt.
Niemand denkt auch nur eine Sekunde daran, in diesen geschichtsträchtigen, konspirativen, staatsfeindlichen Momenten den Raum zu verlassen. Auch nicht, wenn die Blase nur allzu heftig drückt und die Luft Aggregatzustände in obiger Richtung wechselt.
Nur ein unscheinbarer Mann in unscheinbarer Jeans und unscheinbarem weißem Hemd rümpft seine Nase und geht.
"Wat is'n?" fragt ein verdutzter Zuschauer, "dat ist doch jetzt aba ma Rock."
"Falsche Richtung", antwortet der Mann im weißen Shirt.
Der Blick seines Gegenübers wird nun noch verdutzter.
"Häh?"
"Geht mir zuviel von innen nach außen", erklärt der andere und verschwindet. Die verwirrten Blicke bleiben.
 

McFire

Mitglied
Rock

*ROFL*
und wieder -
*ROFL*
nein ich les es nicht nochmal, sonst
*ROFL*
es tut schon weh.

Da sieht man's wieder: Lachen ist so gesund gar nicht... ;)
 

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