Kabinengespräch

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Kabinengespräch

Im Laufe der zweiten Halbzeit ging nichts mehr: Mit einer rotierenden Bewegung seiner Hand, zeigte Mario an, dass er ausgewechselt werden wollte. Von einem Betreuer gestützt humpelte Mario vom Platz. Mit gesenktem Kopf schlich er in die Kabine und umging die ihn nervende Fragerei der Kollegen auf der Ersatzbank. Jubelrufe drangen in die Kabine und trotz Schmerzen erschien ein verstehendes Grinsen auf dem Gesicht des Stürmers. Sein Team kam offenbar auch ohne ihn zu Toren. Achtlos ließ er das Trikot zu Boden fallen.
„Ja, geht’s noch?!“
Mario erschrak, als der Zeugwart die Kabine betrat und ihn anfuhr. Mit diesem rechnete Mario nicht, obwohl er fast schon zur Inneinrichtung der Kabine zu gehören schien. Eine Zornesfalte erschien auf dem Gesicht des Mannes. Mario verdrehte die Augen. Zum nächsten Spiel bekam er ohnehin ein neues. „Siehst – das ist vergebliche Liebesmühe.“, sagte er, tat aber dem Zeugwart den Gefallen und hob das Triko auf.

„Das findest Du. Für mich lohnte sich die Mühe. Es ist lästig, ständig die Klamotten hinter Euch her zu räumen. Wegen Euch bekomme ich noch vor der Rente graue Haare. Warum sitzt’n Du mir überhaupt im Wege rum?“

Unwirsch stapelte der Zeugwart auf dem Tisch verteilte Unterlagen zusammen. Ein Antwort erwartete er nicht: Viele Spieler reagierten unwillig, so er ihnen nur gute Besserung wünschte. Mario blieb auf der Bank sitzen und drehte sich zum Schrank um, ohne den Fuß vom Tisch zu nehmen.

„Wie sieht es denn aus?“ Mißmutig musterte Mario den älteren Mann. Wortlos drapierte dieser Gläser und Flaschen um Marios Fuß herum. Paul kümmerte sich seit Jahren um die Ausrüstung der Spieler, aber obwohl selbst die alten Hasen unter ihnen, seine Söhne sein könnten, erzog er sie nicht. Eines der Gläser fiel um, als er es mitsamt Flaschen verschieben wollte. Mario empfand Schadenfreude, verkniff sich aber ein Grinsen.
„Sorry, ich muss den Fuß schon hochlegen – auch wenn es Dich stört.“, bemerkte er schnippisch, als ihn der vorwurfsvolle Blick Pauls traf. Interessiert sah er zu, wie Paul die Gläser diagonal zueinander anordnete – immer zu fünft. Reflexartig zog er den Fuß an und schnappte nach Luft, als Paul mit seiner Hand versehentlich gegen seinen Spann stieß.

„Pass doch auf – das tut ganz schön weh.“

„Nu, stell Dich man nicht so an, ey. Dafür musst Du ja auch nicht noch lange Jahre schuften – nicht bei dem, was Du verdienst.“ Unbeirrt stellte der Zeugwart Snacks für die Mannschaft bereit.

„Ah ja – und deswegen habe ich kein Recht auf Schmerzen? Interessanter Ansatz.“ Für einen Augenblick verschwand sein Kopf unter seinem Shirt. „Länger als vielleicht noch fünf oder sechs Jahre macht der Körper das eh‘ nicht mehr mit. Dann nützt mir Talent auch nicht mehr viel.“

„Und? Bis dahin hast Du Deine Schäfchen längst im Trockenen. Ich brauche noch Jahre, um am Ende nicht einmal halb so viel zu haben, wie Du.“

„Und was soll sich Deiner Ansicht nach tun?“

„Vielleicht auf ein Teil des Gehaltes verzichten? Es ist nicht richtig, dass einige Wenige so viel verdienen, dass für den einfachen Mann nichts mehr übrig bleibt.“

Mario schüttelte wie bedauernd den Kopf. Verzichtete er auf einen Teil seines Gehaltes hortete der Verein Geld, statt damit den Zeugwart besser zu bezahlen.
„Es ist eine Frage der Wertschätzung, Paul. Die Gesellschaft Hält mein Talent und spielerische Fähigkeiten für mehr wert, als Deine mühsame, tägliche Arbeit. Das ist traurig, aber wahr – und vermutlich nicht zu ändern.“

„Ehrlich, Mario – am Ende habt Ihr mehr Geld, als Ihr je ausgeben könntet, während andere sich bis zur Rente abrackern.“ Ohne aufzusehen, legte Paul Handtücher raus, bevor er fortfuhr: „Euch bedeutet die Kleinigkeit nichts mehr. Weißt Du überhaupt noch, wie gut sich das anfühlt, auf die Erfüllung eines Wunsches gewartet zu haben? Es geschieht Euch Recht, dass Euch das viele Geld nicht mehr halb so viel bedeutet, wie dem Kleinen Mann.“ Paul redete sich in Rage. Exakt faltete er die Handtücher und legte sie auf die Bank – vor jeden Schrank zwei.

. „Vielleicht ist das tatsächlich so.“ räumte Mario ein. Mit zusammengepressten Lippen zog Mario das Hosenbein über den verletzten Fuß. Paul hob den Kopf und sah ihn vorwurfsvoll an. Erst jetzt bequemte der Fußballer sich, den Fuß vom Tisch zu nehmen.

Marios Kameraden stürmten in die Kabine. Ihr Gelächter erfüllte den Raum. Ausgelassen feierten die Spieler ihren Sieg über den Drittligisten. Kronkorken flogen klirrend zu Boden, Wasser und Bier sprudelte aus den Flaschen. Schnell wurde der Boden gefährlich klebrig. Paul nahm einen Wischer zur Hand und versuchte, der Pfützen Herr zu werden. Nach und nach verschwanden die Spieler unter den Duschen, schnappten ihre Taschen und verließen die Umkleide. Mario verzog sein Gesicht, als er in die Schuhe schlüpfte und versuchsweise seinen veletzten Fuß belastete. Verdutzt lehnte Paul sein Werkzeug an die Wand neben der Tür.

„Ich habe echt gedacht, Du lässt Dich abholen – mit dem Fuß.“

„So schlimm ist es wohl nicht. Ich halt’s schon aus.“

Mario zog seine Freizeitjacke an und hob den Kopf, als ein Kamera den Kopf zur Tür herein steckte.

„Hilft es Dir, wenn ich Dich mitnehme?“,fragte er.

Dankbar lächelte Mario, schüttelte aber den Kopf.
„Lass mal,“ sagte er. „Ich muss ohnehin noch in die Innenstadt. Das geht schon. – Dank Automatik.“

Ohne darüber nachzudenken, spielte er mit seinem Autoschlüssel und winkte dem Kameraden hinterher.

„Du Angeber solltet dich schonen, statt jetzt noch auf die Piste zu gehen," riet Paul, während er fortfuhr, den Boden zu wischen.

Kurz musterte Mario den Schlüssel, bevor er ihn in seine Jackentasche gleiten ließ. Kurz zuckte er die Achseln Es ließ sich nicht verhindern: Der Wagen ließ eben auch auf Rückschlüsse auf seine Gehaltsklasse zu.

„Das habe ich auch gar nicht vor. Ich will die Welt ein Stückchen gerechter machen. Man sieht sich.“ Mario hob eine Hand zum Gruß. Rechtfertigen musste er sich vor dem Zeugwart nicht, aber dieser war ihm so vertraut, dass er eine Antwort verdient hatte.

„Wie jetzt?“ Verblüfft riss Paul die Augen auf und ließ sein Werkzeug achtlos auf den Boden fallen.

“Es ist ein Privileg mehr zu verdienen, als ich mein Lebtag ausgeben kann. Dafür habe ich aber auch die Verantwortung, mein Zuviel zu teilen – mit denen, die nicht so viel Glück im Leben haben, wie ich.“ Mario zwinkerte dem von seiner Erklärung überrumpelten Zeugwart zu und hinkte aus der Kabine.

„Da brat mir doch Einer den Storch...“, murmelte Paul.
 

 
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