KätheN

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„Da hab ich gewohnt, das hab ich verlassen.“
aus dem Song „Sehnsucht nach der Schönhauser“ von Barbara Thalheim

Eines Tages kam eine alte Bekannte bei mir auf Arbeit vorbei. Ich hatte zu der Zeit einen befristeten Job im Kiezcafé in der Wühlischstraße und wohnte in Friedrichshain. Ein Kumpel, der mich dort traf, hatte ihr wohl erzählt, dass ich da arbeite.
Wir beide hatten uns schon etliche Jahre nicht mehr gesehen. „Stell dir vor, wer jetzt in deiner Wohnung in der Käthe wohnt. Bobby.“ Den kannte ich sehr gut. Ihr Freund und sie wollten ihn besuchen, wussten aber nur die Hausnummer, nicht welche Wohnung es war. „Wenn das mal nicht die von Frieda ist?“, mutmaßte ihr Freund, als sie ratlos vor den Briefkästen standen.

Und er sollte Recht behalten. So stand sie plötzlich wieder in der Wohnung, in der sie gut zehn Jahre zuvor mit mir, später kam ihr Freund hinzu und noch viele andere, ein Jahr gewohnt hatte, und an die Wand schrieb: „Der Blues ist die Musik eines unterdrückten Volkes ohne Geld, ohne Liebe aber nicht ohne Hoffnung.
Den Satz hatte sie aus „Amerikanische Bilder“ von Jacob Holdt. Bei uns im Osten ein Kultbuch und schwer zu bekommen.
Ich hatte es überglücklich in der Buchhandlung in der Chausseestraße neben dem Dorotheenstädtischen Friedhof erstanden.
Ein Langhaariger aus einer Pastorenfamilie in Holland, oder war er Däne, der ein bisschen wie Jesus Christus aussieht, trampt durch die Vereinigten Staaten.
Ein offener Typ, der sich mit jedem einließ. Sogar mit Ku Klux Klan Leuten freundete er sich an und bekehrte den Anführer.
Besonders hatte mich beeindruckt, dass er auch mit jedem schlief, egal welches Geschlecht. Das könnte ich nicht.
Ich lernte den Bildband durch jemanden in meiner Abiklasse kennen, der bei uns an der Schule den intellektuellen Rebellen gab, und den man nie ohne ein Buch unter den Arm geklemmt durch die Gänge flitzen sah.

Das erste Mal hatte ich von der Namensgeberin meiner zukünftigen Straße im Ferienlager gehört.
Wir waren beide zehn. „Zeig mal her, was du da hast“, sagte meine Freundin, mit der ich zusammen aufgewachsen war, und von der ich nicht mehr wusste, ob sie überhaupt noch meine Freundin war. Auf der Hinfahrt im Aufsetzbus hatten wir noch nebeneinandergesessen.
Ich hatte im Gefühl, dass es mit uns beiden auseinandergehen würde.
Während wir uns unterhielten, saßen wir zusammen auf der unteren Liege eines der vielen Doppelstockbetten, mit denen die Baracke, die zum Kinderferienlager in Prerow an der Ostsee gehörte, vollgestellt war.
Eigentlich hatte sie mich ja die ganze Zeit ignoriert, aber Büchern konnte sie nicht widerstehen. Ihre wache Intelligenz verlangte nach Nahrung.
Das Buch hatte ich mir aus der Bücherei des Kinderferienlagers ausgeliehen. Ich langweilte mich. Seit meine Freundin mich nicht mehr beachtete, saß ich nur noch traurig in der Ecke rum. Das Bild auf dem bunten Einband hatte mir gefallen. Es zeigte ein hübsche, dunkelhaarige Frau, eine bekannte Antifaschistin.

Das Buch beginnt mit der Ankunft einer jungen Familie in Berlin und ihrem Einzug in ein dunkles Hinterhaus. Im selben Bezirk, dem Prenzlauer Berg, war meine eigene erste Wohnung. In der Nummer Vierundzwanzig. Die Namensgeberin für meine Straße war ausgerechnet Käthe, eine der Töchter der Familie*.
Um sie war es in dem Kinderbuch gegangen.
Ich nahm das als ein Zeichen. Auch sie eine Frau, die nicht dem gängigen Schema entsprach.

In meiner Kindheit sah ich mal in einem Film, wie sie über Nazideutschland mit dem Fallschirm absprang. Ein Himmelfahrtskommando. Sie kam nicht weit. In einem Zug wurde sie verhaftet. Im Abspann kam eine Einblendung, in welchem KZ sie ermordet wurde. Ihre Nichte stieß nach der Wende und in der Zeit von Glasnost, wo die KGB-Akten zugänglich waren, darauf, dass Käthe von russischer Seite verraten worden war. „Warum denn das“, dachte ich. Das interessierte mich. Aber Näheres war nicht rauszukriegen.

Obwohl sie bestimmt, wenn sie die Nazis überlebt hätte, in der DDR eine dieser Funktionärinnen geworden wäre, mit denen ich keine guten Erfahrungen gemacht hatte. Könnte aber auch sein, dass sie in Ungnade gefallen wäre bei der Partei wegen ihrer aufrechten Haltung.
Mit ihrer starken Persönlichkeit hätte Käthe leicht mit der Parteilinie kollidieren können. Solche konnten sie nicht gebrauchen. Mitläufer und Ja-Sager waren gefragt, auch wenn sie immer so taten im Leitartikel des Neuen Deutschlands, als wenn das nicht so wäre. Wenn Käthe großes Pech gehabt hätte, wäre sie eventuell nach 45, als im Osten Deutschlands der Stalinismus herrschte, im Gulag gelandet. Ihren Bruder, der auch vor den Nazis in die Sowjetunion geflohen war, hatten sie dort umgebracht.

Aber sie hielt sie wohl von oben die schützende Hand über mich, denn, weil ich keinen Mietvertrag, sondern nur einen Ausbauvertrag hatte, war ich illegal hier in der Käthe24.
Ein Begriff, der ihr bestimmt sehr geläufig war, da sie es auch ihr halbes Leben gewesen war. Immer, wenn ich auf der Treppe Schritte hörte, rechnete ich damit, dass die Polizei kam. Auch da gab es Übereinstimmungen mit der Namensgeberin meiner Straße.
Und auch ich war eine Kommunistin, denn ich machte diese Wohnung zu einem Domizil für Unbehauste. Ich hielt mich daran, prinzipiell keinen Übernachtungsgast abzuweisen. „Mein Eigentum soll allen gehören“, nahm ich mir vor. Das ging auch schon in anderen Kommunen schief.
Ein Dokumentarfilm, der „Die Frauen aus der Rabenstraße“ hieß oder so ähnlich, die Drehbuchautorin lebte früher selber in der Wohngemeinschaft, beschäftigte sich mit dem Thema. Die dort Zusammenlebenden, war wohl in Kreuzberg, führten eine gemeinsame Kasse. Das Ergebnis kann sich jeder ausmalen. Alles endete in Feindschaft.

Eine, die auch eine Weile mit uns in der Käthe24 wohnte, erzählte mir viel von den Einzelzellen, in die sie nach Fluchtversuchen kamen. „Im Werkhof in Burg haben wir immer Nut-Fleckentferner aus der Tüte geschnüffelt“, sagte sie. Das mit dem Fleckentferner habe ich natürlich auch ausprobiert. War aber nicht begeistert.
Sie kam aus KalleMalle und war mit ihrem Freund in Berlin untergetaucht, weil er wegen Fahrens unter Alkoholeinfluss zu einem halben Jahr auf Bewährung verurteilt worden. Er arbeitete in einem Pflegeheim. Die Arbeit machte ihm sogar Spaß, und er zeigte mir Bilder, wo er zusammen mit den Bewohnern in die Kamera lächelte. Als er einen Krankenschein fälschte, fiel die Bürgschaft von seinem Kollektiv weg, und er musste die Haftstrafe antreten. Das wäre heute bestimmt kein Thema mehr. Das Jugendstrafrecht, er war 21, bei uns war sehr hart.

„Ich glaube, ich habe mich verliebt“, sagte mein bester Kumpel eines Tages zu mir. „Sie muss bei ihrem Freund ausziehen. Kannst du sie bei dir aufnehmen?“ So saßen wir denn bald beide mit knurrendem Magen in der Käthe24.
Die Beziehung zwischen ihr und meinem besten Kumpel ist über eine platonische Freundschaft nicht hinaus gekommen. Er trug´s mit Fassung und war trotzdem jeden Tag bei uns in der Käthe.
Sie stammte aus Mecklenburg, wie mein Kumpel und ich und war aus der Lehre nach Berlin geflüchtet, weil ihr Lehrmeister sie schikanierte. Da konnte ich mich hineinversetzen, denn auch während meiner Ausbildungszeit in der Landwirtschaft gab es jemanden, der mich auf dem Kieker hatte. Das scheint ein Beruf zu sein, der oft Leute anzieht, die mit ihrem Leben unzufrieden sind, und das an ihren Lehrlingen auszulassen versuchen.
Meine Freundin war nicht die Einzige, von der ich gehört hatte, dass sie deshalb nach Berlin geflüchtet war.

Am Ostbahnhof angekommen, setzte sie sich in einen Biergarten, wo sie sich mit ein paar langhaarigen Blueskunden anfreundete. Mit einem war sie eine Weile zusammen. Er hatte gerade Liebeskummer und brauchte Trost. „Er hat mich gar nicht mehr aus dem Bett gelassen“, erzählte sie mir. „Natürlich habe ich mich in ihn verliebt.“ Aber er nicht in sie. Nach vierzehn Tagen war es aus. Er traf die Frau seines Lebens und ist heute noch mit ihr zusammen.
Sie nahm es ihm nicht krumm. Jedenfalls tat sie so oder musste so tun. Sie lernte seinen Freund kennen. Bei ihm wohnte sie ein Jahr.
Dann brachte der ständig Frauen mit, und ihr wurde klar, dass sie sich nach etwas anderem umsehen muss. So kam sie zu mir in die Käthe.

Ihre Eltern schickten ihre Brüder vorbei, sie zu suchen, als sie hörten, dass sie nicht mehr bei ihrem Freund ist.
Jetzt muss man wissen, dass es zwei Straßen gab, die so heißen wie meine. Ihre Brüder suchten definitiv in der falschen, die mitten in den Grenzanlagen lag.
Dort, an der Mauer mit ihren Selbstschussanlagen, tappten die beiden Mecklenbörger Jungs ratlos umher und fuhren unverrichteter Dinge wieder ab. Zum Glück sind sie den Grenzern nicht aufgefallen. „Können sie begründen, was sie in der Nähe des antifaschistischen Schutzwalls zu suchen haben“, hätte die Frage lauten können, und man würde den beiden vielleicht versuchte Republikflucht unterstellt haben.
Ihre Schwester freute sich, dass sie nicht gefunden wurde. Später, als ich ihre Brüder auch kennenlernte, lachten wir vier oft darüber. Einer ist nicht mehr unter uns.

Sie erzählte mir viel von ihrer Kleinstadt in Mecklenburg und über ihre Familie. In einer Stadt in der Nähe von ihrer, in Malchin, ist meine Mutter aufgewachsen.
Ihre Eltern nahmen oft Kinder aus schwierigen Verhältnissen bei sich auf. Auch mein Freund, der aus ihrer Heimatstadt stammte und aus einer Scheidungsfamilie kam, hatte eine Weile bei ihnen gewohnt.
Ihr Vater, ein Handwerker, war ein ungewöhnlicher Typ. „Stell dir mal vor, er konnte sogar Glas essen“, sagte sie. Sommers wie Winters lief er barfuß in Jesuslatschen rum. Als ihn jemand bei Minusgraden darauf aufmerksam machte, dass seine Füße blau wurden, gab er schlagfertig zurück: „Das sind meine Socken“.

Allein schon wegen dieses Vaters interessierte sie mich. Richtige Freundinnen waren wir eigentlich nicht. Sie ist der Typ Mensch, der Solidarität erwartet aber selber keine gibt und bei Schwierigkeiten einfach geht. Als ich einmal mit hohem Fieber flach lag, ließ sie sich einfach eine Weile nicht mehr blicken.
Außerdem handhabte sie, wie viele Frauen es machen, ihre Kontakte zum eigenen Geschlecht genauso wie Liebesbeziehungen. Ich dagegen sah in Freundschaft in erster Linie eine Solidargemeinschaft. Diese überengen Beziehungen, wie viele Freundinnen sie führen, enden oft mit einem Knall wie einer Prügelei und ausgerissenen Haaren. Irgendwann ist die Nähe wohl zu groß und jede weiß zu viel von der Anderen.

Oft begegnet man in Cafés und auf Konzerten unzertrennlichen Freundinnenpärchen, die nach dem Motto handeln: „Wir gegen den Rest der Welt“. Was bedeutet, dass sie alle Geschlechtsgenossinnen hassen und sich gegen sie verbünden. Besonders mit Szenefrauen habe ich da schon Böses erlebt.
So war das Mecklenburger Mädel, das mein Kumpel angebracht hatte, auch gestrickt, und nach dem Muster liefen ihre Freundschaften mit anderen Frauen ab.
Solidarische Gefühle gegen ihr eigenes Geschlecht, so wie ich sie ihr gegenüber hatte, hegte sie eigentlich nicht. Demzufolge erschien ihr die Beziehung zu mir nur als ungeliebte Zweckbeziehung. So, als wenn man im Lehrlingswohnheim mit jemanden zusammenwohnt, den man sich nicht aussuchen konnte, aber mit dem man sich arrangieren muss.
Oft hatte ich sogar das Gefühl: „Sie hasst mich“, denn immer, wenn bei mir etwas schieflief, huschte ein sowas wie Schadenfreude über ihr Gesicht. Sie kannte wohl nur die Extreme Liebe und Hass, wenn es um Andere ging.
Obwohl sie sich in Hippiekreisen umhertrieb, war sie eigentlich das typische, kleinbürgerliche Mecklenburger Mädchen. Mit Mädels wie ihr war ich zur Schule gegangen. Daher kam wahrscheinlich die Anziehungskraft, die sie auf mich ausübte. Heimat. KIndheit.

Im Haushalt machte sie eigentlich nie etwas. Ich staunte, dass es jemand gab, der mich da noch übertraf. Bald stapelte sich das Geschirr bis zur Decke, und die Wohnung verkeimte langsam. Ein Problem, welches wohl alle haben, die sich am alternativen Leben versuchen.

Außerdem nervte mich ihre übertriebene Sorglosigkeit, was die Beschaffung des Lebensunterhaltes anging. „Du bist schon ganz bürgerlich“, entgegnete sie mir, als ich fragte, wovon wir am nächsten Tag leben sollten. „ … und natürlich beneide ich sie sofort wieder um ihre Sorglosigkeit, die gar keine Sorglosigkeit ist, sondern früher wahrscheinlich eine Rebellion war, die sich abgenutzt hat und dann zu einer Gleichgültigkeit wurde.“**
Erst als ihr Freund zu uns stieß, suchten die Beiden sich einen tageweisen Aushilfsjob im Getränkekombinat, pflückten Kirschen in Werder und verkauften T-shirts, die ein Anderer mit Alf-Motiven bedruckte. Mein Freund, der gerade wegen einer missglückten Republikflucht ein Jahr im Gefängnis gesessen hatte, und ich wuschen währenddessen in den Restaurants von ganz Berlin ab.

Sie wusste selber um ihre Fehler. „Ich kann auch gemein sein“, sagte sie eines Tages zu mir, so, als wollte sie um Verständnis für sich werben.
Ich überlegte mir, dass man sich den Charakter der Menschen als ein Art Lochstreifen vorstellen muss, oder wie die Walzen, mit denen vor der Erfindung der Schellackplatten Musik abgespielt wurde, und die immer wieder das selbe reproduzieren, wo man also nichts dran ändern kann.
Wahrscheinlich habe ich auch ich so eine Art von Charakter, an dem ich nichts ändern kann. Finde ich aber Quatsch. Jeder ist für seine Taten selbst verantwortlich. Interessante Frage. Was ist eigentlich Charakter? Ist er angeboren? Ist er entwicklungsfähig?
„Wenn man das selber um seine Fehler weiß, wie meine Freundin, warum kann man sich nicht ändern?“, fragte ich mich. Sie, eine gute Menschenkennerin, hatte auch manipulative Fähigkeiten, die sie einsetzte. Eigentlich ein interessanter Charakter, aber sehr eigennützig.

Meine drei Mitbewohner waren im Herzen Kinder geblieben, auch wenn alle über zwanzig waren. Die beiden Herren sogar Mitte zwanzig. In dem sie sich noch genauso verantwortungslos verhielten wie in ihrer Kindheit, was bei Kindern normal ist und Charme hat, versuchten sie das langsame Schwinden ihrer Jugend aufzuhalten, die in unseren Kreisen angebetet wurde. „Wir wollen doch nur spielen“, war ihr Motto. „Keiner kann so hassen wie Kinder“, sagt man ja. Ihr Zorn richtete sich jetzt gegen mich, die versuchte, dem Untergang entgegenzusteuern.
Der elterliche Kühlschrank war weit entfernt. Trotzdem sahen sie nicht ein, dass sie mit dem Geld, dass sie verdienten, sich selbst erhalten müssen und etwas zuzusteuern haben zum Erhalt unserer Kommune. Wir brauchten außer Essen, auch Zahnpasta, Spülmittel, Shampoo. Nicht zu vergessen Waschpulver. Wir hatten durch unsere Jobs eigentlich genügend Geld. Aber meist wurde alles an Geld am selben Tag noch vertrunken. Nicht mal für Klopapier reichte es.

Deswegen verstopfte ständig Zeitungspapier die Toilette, da sie auch zu bequem waren, die Zeitungen zu knüllen. Stattdessen brachten sie, wenn sie von der Arbeit kamen, eine Flasche Schnaps und eine Stange Zigaretten an, die aber auch bald wieder alle waren, denn mit knurrendem Magen wurde Kette geraucht.
Alle lachten mich aus, als ich vorschlug einen kleinen Lebensmittelvorrat einzukaufen.
Eigentlich lebte ich selber auch nicht gerade planvoll, aber ein gewisser Selbsterhaltungstrieb war mir geblieben. Das ging mir nun doch zu weit. Ich konnte die totale Sorglosigkeit der Drei nicht begreifen. Sie dachten ernsthaft, dass man leben konnte, ohne jemals abzuwaschen, und Müll runterzubringen.

Meine Freundin hatte mir erzählt, dass sie sogar mal bei einem Job umgefallen war, weil ihr ihr ehemaliger Freund nichts zu essen gegeben hatte. Zigaretten gingen aber bei ihm nie aus. Auch bei ihm, der im Schichtdienst als Heizer arbeitete, andere Prioritäten als Ernährung.
Er, viel älter als sie, fühlte keinerlei Verantwortung für seine Partnerin. Sie war bei ihm so dünn geworden, dass ihre Mutter einen Schock erlitt, als sie ihre Tochter wieder sah. Diese erzählte mir: „Ich hab mir immer heimlich beim Untermieter von meinem Freund, der sein eigenes Kühlschrankfach hatte, ein paar Scheiben Wurst abgeschnitten. Er hat nie was gesagt.“

Ich finde, was sich abspielte bei uns war ein Eingeständnis des Scheiterns von Utopien jenseits des bürgerlichen Familienbildes. Wir waren unfähig miteinander zu leben, unser Geld zu teilen, und uns füreinander verantwortlich zu fühlen. Nur mit der Freundschaft als Grundlage. Ohne familiäre Bande.
Wahrscheinlich waren wir durch unser Vorleben zu kleinbürgerlich geprägt. Jeder wollte nur seine Interessen durchsetzen und schiss auf die Anderen.
Das war nur eine gespielte Rebellion auf Kosten der Anderen. Als ich später mal bei meinem Ex-Freund und seiner Freundin war, musste ich an der Tür gleich die Schuhe ausziehen. Wir dagegen versanken in Dreck und Zigarettenrauch, wobei ich, die ständig versuchte, etwas daran zu ändern, in ihren Augen wohl die Rolle ihrer Eltern oder des Heimleiters im Lehrlingswohnheim spielte, die sie immer zwingen wollten, ihr Zimmer sauber zu halten und ihr Geld einzuteilen.

Das hier war wohl eine Art zeitlich verschobene antiautoritäre Rebellion gegen die Falschen, mit der sie bloß sich selber schadeten. Vielleicht lag das an unverarbeiteten Geschehnissen in der Vergangenheit von jedem, an der Angst vor der Zukunft. So eine Art Selbsthass, der sie zwang ihre Umgebung zu vermüllen.
Der Freund meiner Freundin, auch ein Lehrerssohn, war Bettnässer gewesen und von seinen Eltern häufig verprügelt worden worden. Eigentlich jahrelang.
Meinem Freund erlebte dasselbe mit seinem sadistischen Stiefvater. Ihm blieb nicht anderes als auszureißen. Zur Strafe sperrten sie ihn ständig in Besserungsanstalten.
Meine Freundin, eigentlich war sie es nicht, aber ich nenne sie mal so in Ermangelung einer passenderen Bezeichnung, dagegen hatte ein gutes Elternhaus gehabt und war sehr behütet aufgewachsen. Vielleicht zu sehr. Denn in der Schule war sie immer Außenseiter.

Alle, außer mir, wollten eigentlich nicht da sein, wo sie waren, sahen unsere Käthe nur als Notlösung. Sie waren nicht schlecht, aber durch Vorkommnisse in ihrer Vergangenheit demoralisiert worden.
Und dadurch zu blanken Individualisten geworden. Jetzt, wo Vertrauen und Miteinander gefordert waren, konnten sie nicht raus aus ihrer Haut, konnten ihre Erfahrung: „Der Mensch ist schlecht“, die sich vorher als richtig erwiesen hatte und und ihnen half im Leben zu funktionieren, eine Einstellung mit der sie bisher einigermaßen gefahren waren, nicht so einfach abstreifen. Die Latte lag wohl zu hoch.

Der Freund von meiner Freundin, der abgefallene Lehrerssohn, war der Intelligenteste unter uns, jedoch, was mit der Gewalt in seiner Kindheit zu tun hat, ein Zyniker vor dem Herrn. Das und sein Egoismus hemmte seinen Intellekt und hinderte ihn daran, die interessantesten Seiten seines Ichs auszuleben, seinen widersprüchlichen Charakter zu entwickeln, seine Möglichkeiten auszuschöpfen. Da war alles drin. „Lass uns ein Wunder sein“ - Ton Steine Scherben.

Er war einer, dessen Persönlichkeit sich nicht einfach in ein paar Zeilen einfangen lässt, hin- und hergerissen zwischen Rebellion und dem Wunsch nach einem bürgerlichen Leben. Ich hatte von meiner Nachbarin einen Fernseher geschenkt bekommen, der ein grünstichiges Bild hatte, so dass das Fernsehkucken anstrengend war. Er jedoch sah den ganzen Tag in den Fernseher, wie ein Ertrinkender hielt er sich an den verlogenen Heile Welt Bildern fest. Für ihn eine Insel der bürgerlichen Sicherheit im fremden Berlin, in das es ihn verschlagen hatte.

Wir beide redeten oft miteinander. Er erzählte viel über seine Vergangenheit. Auch über die Frauen in seinem Leben. Wir verstanden uns vielleicht deshalb so gut, weil auch ich von Lehrern abstamme und ebenfalls viel Gewalt zu Hause erlebt habe.
Er durchschaute sich und hielt sich selbst für kleinbürgerlich. Ich glaube, aus seiner Perspektive gesehen waren wir alle verkrachte Existenzen. Er selber hielt sich auch dafür. Diese Sichtweise entwickelten viele, die nach Berlin kamen und in der Bluesszene, ein Auffangbecken für Zugezogene, Anschluss suchten und fanden. Sie sahen nicht die Riesenchance, die sich ihnen bot. Da war auch eine Tragik drin.
Ihnen ging nicht auf, dass viele für die Probleme, die sie hatten, nichts konnten. Jugendliche, die wir ja noch waren, brauchen eben eine Menge Hilfe und Verständnis von ihrer Umgebung, um ihren Weg zu finden. Das war hier in Berlin, wo wir auf uns selbst angewiesen waren, nicht gegeben.

Scheitern war vorbestimmt. Die meisten hielten sich gerade mal so über Wasser. Diejenigen, die gut klarkamen, hatten es geschafft sich ein Netzwerk von guten Freunden aufzubauen und eine treue Partnerin an ihrer Seite. Das war bei vielen, bei mir auch, nicht der Fall.
Außerdem waren wir alle nicht gerade die stromlinienförmigen Persönlichkeiten, die überall durchkamen, eher unangepasst und stießen damit in Arbeitskollektiven auf Widerstand, eckten an, wurden Opfer von Mobbing.
Solche wie uns konnten sie nicht leiden. Das fing an im Elternhaus, wo wir Prügel bezogen, ging über Schule, wo wir von den Anderen in die Ecke gedrängt wurden, Lehre, wo missmutige Lehrmeister lauerten und dann noch bis in die gruseligen Heime und Werkhöfen, die viele von uns durchlaufen hatten bis hin zur Einknastung hinter Schwedischen Gardinen wegen Bagatellen.

Die Gesellschaft hat ein Gespür für Außenseiter und versucht sich ihrer zu entledigen, oder ihnen zumindestens das Leben schwer zu machen.


Mir wurde klar, dass ich mich übernommen hatte. Was die Anderen von mir an Großzügigkeit, Selbstverleugnung und Toleranz erwarteten, besser einforderten - Eigenschaften, die sie selber nicht besaßen - hatte ich selber leider nie erfahren. Ich versuchte mir aber Mühe zu geben, und die Schuld bei mir zu suchen. Bei solchen Experimenten ist eine autoritäre Persönlichkeit vonnöten, die sich durchsetzt. Ansonsten wird sie von den Anderen plattgemacht. Und ich wirkte alles andere als autoritär auf meine Umgebung.

Ich kannte eine andere Kommune in der Stargarder Straße, zwischen Schönhauser und Prenzlauer Allee gelegen, wo der Wohnungsbesitzer, ein Hippie mit langen Haaren, der auch sein Bestes versuchte, um die Lage nicht eskalieren zu lassen, der meistgehasste Typ war. Fazit: Erbaute einfach ein anderes Schloss ein.

Obwohl ich mich in Hippiekreisen bewegte, waren mir noch nie so dermaßen herbe Frauen über den Weg gelaufen. Die Szene war übersexualisiert. Viele der Frauen konnten ihre Geschlechtsgenossinnen nicht leiden, sahen in ihnen nur die Konkurrenz bei den Männern und versuchten sie rauszudrängen, was ihnen oft auch gelang.
Die Frauen identifizierten sich nicht miteinander und waren blind dafür, dass es den Anderen genauso erging wie ihnen. Auf Anteilnahme braucht man bei ihnen nicht hoffen.
Es war natürlich nicht so wie bei den Männern, die Meinungsverschiedenheiten miteinander körperlich austrugen, wir Frauen hingegen verweigerten uns gegenseitig die Solidarität. Wie oft hatte ich schon vor einer Tür gestanden und um einen Gefallen gebeten z.B. um einen Dietrich, da meine Klotür zugefallen war. Bei Frauen hatte ich damit nie Erfolg gehabt.

Dieses übliche Schema wollte ich ändern. Ein Zeichen setzen. Für mich waren die anderen Mädels nicht Konkurrenz in erster Linie, und die Kerle nicht meine Helden und das einzige, für das mein Herz schlug. Ich hasste noch nicht mal diejenigen, die mir einen Typen „ausgespannt“ hatten, da ich fand, dazu gehören zwei. Außerdem waberte mir ständig der Spruch aus der kirchlichen Jugendbewegung: „Vertrauen wagen“ im Kopf rum. Das kann damit zu tun haben, dass ich einer alleinerziehenden Mutter entsprungen bin und einen anderen Blickwinkel auf meine Geschlechtsgenossinnen habe. Irgendwie wollte ich aus der Enge meiner kleinbürgerlichen Erziehung ausbrechen.


Wir sahen zusammen „Yentl“, auch ein Lieblingsfilm von ihr, ein Film von Babra Streisand, in dem sie sich als Mann verkleidet, weil sie an einer Schule für Rabbiner studieren will. Damals wussten wir noch nicht, dass wir in einem der ehemals jüdischten Viertel, dem Bötzowviertel, von ganz Berlin leben.
Sie liebte das Fernsehen, denn sie war davor aufgewachsen. Ich hätte gar nicht gedacht, dass man in einer großen Familie - ich, die mit ihre Mutter alleine aufwuchs, kannte sowas ja nicht - so dermaßen viel Fernsehen kuckt.
Der Apparat war bei ihnen zu Hause ständig an. Für viele ist das gemeinsame Fernsehkucken ja mehr als Information und Unterhaltung, sondern ein Symbol für Familie, vermittelt ihnen den Anschein von Geborgenheit. Die meisten meiner Kumpel waren fernsehsüchtig.
Was musste ich schon für Filme über mich ergehen lassen. Wenn ich da nur an StarTrek denke und an Spiderman. Ich konnte mir nicht vorstellen, was irgendjemand über zwanzig daran finden konnte. Aber die Anderen, mit denen ich zusammen vor der Flimmerkiste saß, waren happy.
Als sie später eine eigene Wohnung mit Mann und Kind hatte, kauften sie sich einen kleinen Fernseher, der aber Großes leistete. Er wurde jahrelang niemals ausgeschaltet.

Bald kamen noch mehr zu unserer Kommune in der Käthe24 hinzu. Wir waren zu zehnt in der Einraumwohnung. „Der Turm stürzt ein, der Turm stürzt ein, Halleluja der Turm stürzt ein“, schallte es den ganzen Tag aus dem Kassettenrecorder, meinem wertvollsten Besitz. Wir alle waren beinharte Fans der Ton Steine Scherben.
Bei den Nachbarn galt ich als Schlampe wegen meiner Lebensweise. Eine Nachbarin, mit der ich mich angefreundet hatte, erzählte mir, dass sie gewarnt wurde: „Geben sie sich nicht mir der ab.“ In Wirklichkeit wuchs ich vollkommen über mich hinaus was Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft anbelangte und war ein viel besserer Mensch als vorher.


Als ich das erste Mal in meiner Wohnung in der Käthe24 stand, wurde mir klar, dass sie Geschichte atmete. Wer mochte hier vor mir alles gewohnt haben? Das Haus war achtzig Jahre alt. Irgendwie hatte ich das im Gefühl, dass meine Vorgänger in einer ähnlichen Misere gesteckt hatten wie ich. Auch sie nicht verwöhnt. Kein Geld, keine Liebe.
Unsere Wohnung in unserm Dorf bei Stralsund dagegen war ein Erstbezug. Die Neubauten hatte die LPG in den Sechzigern errichtet, weil sie Arbeitskräfte brauchte.
Und die Vormieterin der nächsten Wohnung, zwei Blocks weiter, war die beste Freundin von meiner Mutter gewesen, eine Lehrerin, die an die Ostsee zog, um in einem Kinderheim zu arbeiten. So kann man nicht behaupten, dass die Hauswände Geschichte atmeten und meine Phantasie anregten.
In meinem Haus, in der Vierundzwanzig, hat mal ein Schauspieler gelebt, erzählt mir das Worldweite, vielleicht sogar da, wo ich wohnte, wahrscheinlich zwangsumgesiedelt, weil er die falsche Rasse hatte.
Er gab in vielen Ufa-Filmen den Bösewicht. Ich sehe mir Ausschnitte auf You-Tube von alten Stummfilm-Streifen an, auf denen der Schauspieler zu sehen ist. Auch ihn haben sie über den Jordan geschickt, genauso wie die Namensgeberin der Straße. Natürlich hatte meine Klasse dort in Ravensbrück auch einen Kranz niedergelegt.
Außerdem wurde in meiner ersten Straße eine Kondommarke namens Fromms erfunden. Auch von einem Mitglied des auserwählten Volkes. Ich wusste übrigens gar nicht, dass Rolf Eden auch dazu gehörte. Er hat, als der Krieg vorbei war, in Westberlin klein angefangen mit einer Bar.
Zum Schluss gehörten ihm zwölf Mietshäuser. So stellt man sich das vor. Ein Loft würde mir schon reichen. Eigentlich weiß ich gar nicht richtig, was das ist. Auf alle Fälle irgendwas Schickes.

Das schlaue WorldWeit hat mehr erstaunliches Wissen mitzuteilen. Vor 33 war im Bötzowviertel, in dem meine erste Straße liegt, der Anteil der jüdischen Bevölkerung, bezogen auf die anderen Stadtbezirke von Groß-Berlin, am höchsten. Davon wusste ich nichts.
Es gab, nur ein paar Nummern entfernt von meinem, ein Haus, in dem Anfang der Vierziger viele Menschen lebten, die durch die Rassegesetze aus ihren angestammten Wohnungen vertrieben wurden. Bis zur Deportation. Um so älter ich werde, um so mehr komme ich ins Grübeln, wie so was passieren konnte.
Eine konnte fliehen und versteckte sich bei Bekannten in der Winsstraße. Das ist gleich in der Nähe, nur über die Greifswalder Straße rüber.
Als ihre Bekannten auch abgeholt werden, verbirgt sie sich unter dem Bett. Sie bleibt allein in der verschlossenen Wohnung zurück. Nachts dreht sie sich aus Bettlaken ein Seil und lässt sich damit aus dem zweiten Stock auf den Hof. „Das muss ja am nächsten Tag noch aus dem Fenster gebaumelt haben“, geht mir durch den Kopf.

Dort, in der Winsstraße, habe auch ich eine Weile bei Kumpels gewohnt. Nachdem sie mich dreieinhalb Jahre in der Käthe 24 vergessen hatten, hatte sich die Kommunale Wohnungsverwaltung gemeldet. So zogen meine Freundin, ihr Freund und ich zu drei langhaarigen Typen, Anfang Zwanzig, die aus Schwerin kamen und in Berlin neu anfangen wollten.
Einer von ihnen ist heute noch hier. Zur Abwechslung besaßen sie mal einen Mietvertrag, da sie den Verwalter kannten.
Im Hinterhaus, in der Winsstraße, ließ ein Mieter jeden Tag eine Platte von Vroni Fischer laufen.
Der „Blues von der letzten Gelegenheit“ schallte über den Hof, und ich überlegte mir, ob das eine Warnung ist, denn auch ich, die Mitte Zwanzig war, liebte jüngere Männer.
Man sollte einem, der noch alles vor sich hatte und „ein lachendes Gesicht“, nicht den Schwung aus den Flügeln nehmen, womit wohl gemeint war: Kinder anhängen und Familiengründung et cetera.
Alle lasen „100 Jahre Einsamkeit“, das ich in Umlauf gebracht hatte und dann noch ein Buch mit vergilbten Seiten, das die Jungs irgendwo gefunden hatten. Es hieß, glaub ich, „Paris bei Nacht“ oder so ähnlich. Morgens sahen wir immer „Reich und Schön“, eine gruselige Serie, von der ich noch nie was gehört hatte. Außerdem spielten wir rund um die Uhr Mensch ärgere dich nicht.

Heute leben zwei von den Jungs wieder in Schwerin und haben sich ein Haus gebaut mit Frau und Kindern, denken aber noch gern an ihre Berliner Zeit in der Winsstraße zurück. Sie sind öfter mal zu Besuch bei meiner Freundin und ihrer Familie. „Weißt du noch, wie wir von einer Teekanne mal 8 Aufgüsse gemacht haben?“, fragte mich einmal einer und lachte dabei.
Das Problem war nämlich, dass den drei Jungs, die zuerst recht tatkräftig waren, nach einer Weile irgendwie der Elan ausging. Die Stadt überforderte sie. Sie ließen sich hängen.
Von Arbeitssuche war keine Rede mehr. Besonders er verwilderte regelrecht. Eines Tages zog er den Schlussstrich und ging zurück zu seiner Mutter nach Schwerin.

Mittags aßen wir bevorzugt Schmorkohl. Erst wurden Kohl und Kartoffeln in einer riesigen Kasserolle, die ich im Sperrmüllcontainer gefunden hatte, im billigsten Fett angebraten und dann ewig geschmort, bis das ganze auch ohne Fleisch Geschmack annahm. Außerdem entdeckten wir in der Kaufhalle der Winsstraße Kochkäse, den preiswertesten Brotaufstrich, eine gallertartige Masse, die es jetzt jeden Tag zum Frühstück gab.
So hatte jede Kommune ihr Gericht. In meiner, in der Käthe24, wurde nur von Spaghetti mit Tomatensoße gelebt, von Schmorkohl in der Winsstraße und Punks aus Rostock, die in der Nähe wohnten, aßen jeden Tag Kartoffeln mit Zwiebelsoße.

Mitten in dem Ganzen fiel die Mauer. Man konnte leicht Wohnungen besetzen.
Einer, der in der Neuen Bahnhofstraße, in Friedrichshain lebte, erzählte: „Mein Nachbar ist ausgezogen“. Der Freund von meiner Freundin, ein breitschultriger Typ, trat die Tür ein, und ich hatte eine Wohnung. Abschied vom Prenzlauer Berg. Ich landete am Ostkreuz, weit weg von der Käthe.

Die, die mich auf der Arbeit besuchte, und damals in der Käthe24 fast noch ein Mädchen war, heute aber schon erwachsene Kinder hat, und ich sind schon lange keine Freundinnen mehr. Vielleicht waren wir das auch nie. Eher ´ne Zweckgemeinschaft. Jedenfalls von ihrer Seite. Das wir uns irgendwann mal völlig aus den Augen verlieren würden, stand wohl schon damals unausgesprochen im Raum. „Weil ich hilfsbereit bin, halten die meisten mich für einen Engel. Wenn sie merken, dass ich das nicht bin, für das Gegenteil“, habe ich mal bei Henry Miller gelesen.
So erging es mir auch mit ihr, als sie merkte, das ich nicht die naiv, gutmütige Seele war, für die sich mich am Anfang hielt.
Ein andermal: „Du denkst zu viel nach.“ Das kann ja sein, aber sie dafür zu wenig.
Im Nachhinein waren wir aber sieben Jahre befreundet.
Sie hat sich damals in die Gegend verliebt und wohnt heute noch dort.

Heute, mit großem Abstand, sehe ich das damals als eine Zeit, die wichtig für uns war. Die ihre Berechtigung hatte. Aber wenn ich ehrlich bin, hadere ich immer noch mit vielem. So ganz auf dem hohen Piedestal, von dem ich entspannt auf alles zurückkucke und nur das Gute in der Vergangenheit sehe, sitze ich nun doch nicht.
Im Grunde erwartet man ja, dass auf Solidarität das Gleiche folgt. Es sind wohl noch Rechnungen offen, Sachen sind geschehen, die nicht verziehen werden können. Vielleicht hätten wir uns alle mal krachen und beschimpfen sollen. Leute, die so was tun, wollen eigentlich eine Freundschaft oder ihre Liebesbeziehungen gar nicht zerstören, sondern sie versuchen, sie zu retten.

Das ist mir mal nachts auf dem Boxhagener Platz klargeworden, als neben mir auf der Bank zwei Männer saßen, von denen der eine dem anderen übelste Vorwürfe machte. Der hatte ihn wohl kräftig über den Löffel balbiert. Der Geprellte wollte aber eigentlich nur Klärung und Aussprache und dem Anderen noch eine Chance geben, sich zu rechtfertigen, denn er hing noch an dem ehemaligen Freund. So geht es mir auch. Ich stehe absolut nicht über den Dingen aus der Vergangenheit, so wie ich es gerne hätte.


Im Nachhinein finde ich, dass wir die Bälle, die uns das Leben zuspielte, gar nicht richtig parierten, dass wir die Chancen, die uns das Aufeinandertreffen so vieler ungewöhnlicher Individualitäten gab, nicht genügend nutzten. Wir Neuberliner hatten es zwar alle nicht leicht und weder Geld noch Gut, aber was wir hatten waren wir und unsere Freundschaft. Das ist viel mehr als Andere besaßen.
Stattdessen zerrieb sich alles in Kleinlichkeit.
Viele sahen das nur als Notgemeinschaft, die sie gering schätzen, und von der sie versuchten, den Absprung zu schaffen, und erkannten in ihr nicht das einmalige Geschenk, das sie war. Wie ein Kind das ein teures Spielzeug zerschlägt, weil es seinen Wert nicht ermessen kann. Eigentlich hätten wir an unseren Konflikten wachsen sollen.
Jeder lebte sein Ego aus, versuchte mit Hilfe der Anderen, seine eigenen Interessen durchzusetzen, die Frechen benutzten die Gutmütigen. „Die Szene zerstört sich selbst“, habe ich mal irgendwo gelesen. Da ist Wahres dran. Wir Frauen wurden geringgeschätzt in dieser Machooase und bekamen wenig Solidarität. Die meisten kapitulierten wohl irgenwann und zogen sich zurück.

Vielen tut es heute leid. Das merke ich daran, dass in ihren Augen echte Freude aufleuchtet, wenn man mal einem von ihnen über den Weg läuft. Ich kann mich aber noch sehr gut daran erinnern, wie mir eine Tür vor der Nase zugemacht wurde, als ich Hilfe brauchte. „Das war ´ne geile Zeit in meinem Leben“, sagte mal jemand zu mir, machte dann eine kurze Pause und sah mich an: „Vielleicht das Beste überhaupt.“

*NiederkirchnerKäthe
** Dana von Suffrin Noch mal von vorne
 
Zuletzt bearbeitet:
Werte Friedrichshainerin,

da ist dir ein passabler Ausschnitt aus einem Gesellschaftsbild von damals gelungen. Man bekommt einen Eindruck, wie Teile deiner Generation als ganz junge Menschen gelebt, wie sie sich entwickelt haben, was sie kulturell beeinflusst hat (Bücher, Filme, Musik). Mir haben im Text auch die gelegentlich vorkommenden Gedanken zur inneren Verfassung Einzelner gefallen (vor allem über die "Freundin"), außerdem auch die eingestreuten kurzen Selbstreflexionen.

Die besagte Straße habe ich mir jetzt per Google Streetview angesehen. Das Viertel war mir bisher kaum bekannt. Die Haustür von Nr. 24 kann sich sehen lassen. (Mittelbürgerlich, würde ich sagen.) Die Straße mit dem identischen Namen ist wahrscheinlich die Niederkirchner Straße (ohne Käthe) gewesen; mir von Besuchen im Gropius-Bau bekannt.

Den Bildband von Jacob Holdt habe ich in diesen Jahren bei einem Freund manchmal mit viel Interesse durchgesehen. Der Mann ist aber kein Holländer, sondern Däne.

Im Übrigen wieder viele kleine Flüchtigkeitsfehler, so dass sich sorgfältiges Durcharbeiten lohnen könnte. Oder ein professionelles Lektorat in Anspruch nehmen? Nur zwei Beispiele: bitte "wabern" statt "wabbern". Und wenn es von "jüdisch" schon der Superlativ sein muss, würde ich doch das zweite "s" nicht weglassen.

Kollegiale Grüße
Arno Abendschön
 
Hallo Arno,
ist ja ein Ding das Du Jacob Holdt kennst. Das Buch war sehr verbreitet bei uns. Wir waren ja auch ständig am Trampen. Wenn auch nicht in Amerika. Die Fotos sind schon krass. Die USA maßt sich an der Weltpolizist zu sein, dabei herrscht da in vielen Gegenden totales Elend. Ich denke da an die junge Frau, die Erde essen musste.
Die Leute, die sich dort in der KätheN zusammenfinden, haben zwar weder Geld noch Gut, aber eigentlich haben sie trotzdem Glück. Keiner ist allein und bekommt Unterstützung. Das ist vielen gar nicht so bewusst gewesen.
Besonders ich werde wohl in den Augen vieler und nicht nur der Nachbarn als Schlampe gegolten haben. Dabei bin ich auf Jesus Spuren gewandelt und habe mein letztes Hemd verschenkt und meine Tür für alle offengehalten. Damals bekamen wir mit, dass eine dünne Suppe, geteilt mit Freunden, besser schmeckt als ein Steak im besten Restaurant.
So viele Leute wie damals habe ich nie wieder kennengelernt. Eine Mixtur aus den verschiedensten Typen. Alle noch am Anfang. Die Freundschaften haben die Zeiten nicht überdauert. Aber immerhin war ich mit dem Mädel aus Güstrow und ihrem Freund sieben Jahre ganz dicke. Für eine Freundschaft in Berlin eine lange Zeit.
Find ich lustig das Du gleich nach der Käthe24 gegoogelt hast. Heute top saniert. Teure Wohngegend. Ich habe im Seitenflügel ganz oben gewohnt.
Als ich meinerseits vor einiger Zeit nach meinem alten Haus im WorldW suchte, stieß ich auf den Bericht über diesen Architekten, der herausfand das sein Haus in der KätheN früher als Judenhaus, eine Sammelstelle, für Leute, die deportiert werden sollen, gedient hat. Ein Haus unweit der 24.
Vor 33 hatte das Bötzowviertel eine der höchsten Dichte an jüdischen Einwohnern bezogen auf das ganze Stadtgebiet von B. Da lag meine Vierundzwanzig also in einer Straße, die Geschichte atmete. Wo früher viele jüdische Mitbürger das Straßenbild bestimmt hatten. Schon interessant. Inge Deutschkron hat übrigens in der Hufelandstraße gewohnt, die Parallelstraße zur Käthe. Du merkst, ich hänge noch an der Gegend, früher die totale arme Leute Gegend. Jetzt mit den höchsten Mieten in ganz B.
Gruß Friedrichshainerin
 



 
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