Kai-Ingo

Zettelin

Mitglied
Kai-Ingo

Kai-Ingo lebte ein zurückgezogenes, beschauliches Leben und war ein introvertierter Kerl. Er interessierte sich für wenig und wenige interessierten sich für ihn.
Das änderte sich. Langsam zunächst, dann doch rasant. Bis Kai-Ingo unerwartet im Mittelpunkt des Tagesgeschehens stand.
Die Leute fingen an, über ihn zu diskutieren. Allerhand Dinge waren im Umlauf, die Kai-Ingo zugeschrieben wurden. Man traute ihm zum Beispiel zu, die Arbeitswelt zu revolutionieren. Er könne viel mehr Aufgaben gleichzeitig erledigen als normale Menschen. So könnten diese aufgrund seiner Leistungen mehr Freizeit und Lebensqualität genießen. Kai-Ingo freute sich, dass er wohl Gutes bewirken könne, war sich aber nicht sicher, ob das nicht auf Kosten seines beschaulichen Lebens gehen würde.
Andere schrieben ihm das Potenzial zu, ein großer Erfinder oder Problemlöser zu sein. Flüge zum Mars oder die Heilung von Krebs, alles sollte Kai-Ingo möglich machen. Die Vorstellung, ein großer Wohltäter oder Erfinder zu sein, gefiel ihm. Er sah sich bereits im weißen Kittel des Wissenschaftlers mit Lorbeerkranz auf dem Kopf. Gleichzeitig brachte dies aber auch einen großen Erwartungsdruck mit sich, den er schwer auf seinen Schultern spürte.

Kai-Ingo schloss die Augen und blickte in sich hinein. Vielleicht war es ja wirklich da, dieses unglaubliche Potenzial. Je mehr er darüber nachdachte und je öfter er mit den unterschiedlichen Hoffnungen und Zuschreibungen konfrontiert wurde, desto mehr glaubte er dies alles wirklich erreichen zu können. Kai-Ingo fühlte förmlich, wie sein Gehirn vor seinem inneren Auge wuchs und er deshalb den imaginären Lorbeerkranz drei Nummern größer benötigte.

Während Kai-Ingo sich im Jubel seiner inneren Konfettiparade sonnte, hörte er plötzlich ein Murmeln aus der Menge. Erst leise und vereinzelt, dann lauter und häufiger. Ein Zerstörer der Welten könne er werden. Zu mächtig, um ihn zu kontrollieren. Die Macht über Atomwaffen könne er erlangen. Und dann würde er die Menschheit im Feuer der Apokalypse vernichten. Es wurde ihm sogar zugetraut, eine eigene Rasse neuer Lebewesen zu schaffen. Ein Volk von Kai-Ingos, erdacht, geschaffen und geboren von Kai-Ingo.
Er horchte in sich hinein. Uneingeschränkte Macht, die er für dunkle Dinge nutzen könne? Vor seinem geistigen Auge verschwand der weiße Kittel mit Lorbeerkranz. Plötzlich trug er einen schwarzen Umhang und eine schwarze Maske. War es das, was er war, eine Art Darth Kai-Ingo?

Er war verwirrt. Immer wenn er in den Spiegel sah, fühlte er sich, als beobachte er die Walzen eines Spielautomaten. Rasend schnell wechselten die Symbole: Skywalker und Vader.
Aber anders als beim Automatenspiel war Kai-Ingo noch nicht klar, wann er „Stopp“ drücken sollte, wer er sein wollte.
Er grübelte lange. Dann, eines Tages, wurde ihm klar, was zu tun war.
Und so verfasste Kai-Ingo seinen ersten Tweet:

„Hallo Leute, ich bin es – euer Lieblingsthema. Eure große Hoffnung und eure große Angst. Ich weiß noch nicht, was stimmt. Ich weiß noch nicht einmal, ob überhaupt etwas davon stimmt. Aber eines weiß ich: Ab heute wird nicht mehr über mich geredet. Ab heute rede ich mit! - K.I.“
 



 
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