Kalter Kaffee

Frank Zimmermann

Junior Mitglied
Kalter Kaffee
Wegen der Beerdigung hatte Herr K. das Küchenstudio erst mittags geöffnet. Die langjährige Angestellte, die Fachverkäuferin Gudrun G., die hier schon Küchen verkauft hatte, als Herr K.s Vater noch das Geschäft führte, war an einem Nachmittag der letzten W oche einer Überdosis Langeweile erlegen. Zwar wußte Herr K., daß die Geschäfte schlecht liefen, aufgrund der anhaltenden Rezession kauften die Leute ihre Küche lieber in einem dieser „Pack-ein-spar-Geld-Möbelhäuser“, aber daß Frau G. so gelangweilt war, d aß dies schließlich zu ihrem Tode führte, hatte dann doch alle überrascht. Nun war das Gewerbegebiet Mannheim-Ost schon längst nicht mehr die erste Adresse für zahlungskräftige Kunden und so saß Herr K. zwischen all seinen unverkauften Küchenmöbeln und dachte über seine Zukunft nach. Herr K. hätte jetzt einen Kaffee gebrauchen k önnen, aber weder wußte er, wo die nötigen Utensilien aufbewahrt wurden, noch konnte er die Kaffeemaschine bedienen, das war immer Aufgabe von Frau G. gewesen! Die Wochen vergingen, Herr K. durchlitt aufgrund des fehlenden Kaffees die schmerzhaftesten Entzugserscheinungen, weil alle Koffeindepots seines Körpers völlig leer waren und er fand einfach keine neue Verkäuferin, denn wegen der Angst, ebenfalls der Lang eweile erliegen zu können, gingen auf die Stelle keine Bewerbungen ein. Es half alles nichts, wurde Herrn K. eines Morgens klar, Frau G. mußte wieder her, schließlich hatte sie hier eine wichtige Aufgabe zu erfüllen: Kaffeekochen! Als er nach Geschäftsschluß den Laden abgeschlossen hatte, ging er in den Keller, holte den rostigen Spaten, legte ihn in den Kofferraum seines Kombis und machte sich auf, Richtung Friedhof. Er überwand die efeuumrankte Backsteinmauer an einer Stelle, die genau im Dunkel zwischen zwei der spärlichen Laternen lag, nachdem er den Spaten hinübergeworfen hatte. Dann schlich er zwischen rot flackernden Grablichtern zum hinteren Teil des Friedhofs, der im letzten Jahr hinzugekommen war, weil in Mannheim-Ost immer mehr Langweiltote zu beklagen waren und der alte Friedhof zu klein geworden war. Obwohl die Erde hartgefroren war, war das Graben nicht so schwer, denn die Erde war in diesem noch recht frischen Grab locker und die Vorstellung von einer Kanne, voll mit fr ischem Kaffee, spornte Herrn K. an. Schließlich stieß er mit dem Spaten auf das Holz des Sarges. Er befreite das Behältniss vom Erdreich und öffnete den Sargdeckel, dessen Eichefront ihn irgendwie an den Küchenschrank KA 16 mit Apothekenauszug erinnerte. H err K. war erfreut zu sehen, daß Frau G. noch recht frisch wirkte und auch ihr Gestank hielt sich aufgrund der anhaltenden Kälte in Grenzen. Besonders praktisch fand er die Tatsache, daß sie in einem ihrer grauen Fachverkäuferinnenkostüme beerdigt worden w ar, da würde er sie später nicht umziehen müssen. Herr K. wuchtete die Leiche aus dem Sarg und zog und schob so lange, bis er sie aus dem erdigen Schacht herausbugsiert und auf dem Nachbargrab plaziert hatte. Dann schloß er den Sarg und füllte das Grab wie der mit Erde. Als er fertig war, besah er die Ruhestätte und war sicher, daß sein nächtlicher Eingriff unbemerkt bleiben würde. Er schulterte die etwas steife Frau G., „eigentlich war sie ja schon immer etwas steif“, dachte er schmunzelnd, und schaffte sie ins Auto. Er fuhr zum Küchenstudio, bog um die Ecke zum Lieferanteneingang, um vor den etwaigen Blicken von neugierigen Anwohnerinnen und Gassigehern geschützt zu sein und trug Frau G. aus dem Kofferraum in ihren neuen, alten Arbeitsraum, die kleine Teekü che hinter dem Büro. Dort lehnte er sie an den Einbauschrank E 38 erle-funier, direkt gegenüber der Kaffeemaschine. Erschöpft und zufrieden stieg Herr K. über die Treppe in sein kleines Appartment über dem Geschäft und ging mit der freudigen Erwartung zu Bett, morgen den ganzen Tag frischen Kaffee trinken zu können.

(Übernommen aus der 'Alten Leselupe'.
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