Katzentage

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Eremit

Mitglied
Erfolg, weißt du, meine Liebe, was damit einher geht, Geld, Freunde, Beliebtheit.
Nein?
Einen Mann, das brauchst du, wenn du schon allem andern abschwörst.
Nein?
Wie soll man das beschreiben. Was das Leben ausmacht. Mein Leben, die große Stadt.
Ein Paar Füße.
Eine wilde Katze. Wie in dem Buch, das jemand dir geschenkt hat. Sie kümmert sich um ihre Jungen und zieht weiter, durch die Jahreszeiten, durch das Land.
Ja, das beschäftigt mich.
Ich habe Fehler gemacht, weißt du. Viele Fehler. Manche scheinbar unverzeihlich. Aber das ist es nicht, was mich beschäftigt.
Wir sind auf der Welt, um Fehler zu machen. Das Wohlwollen anderer Leute ist wie das Wetter, ich kann es nicht beeinflussen.
Aber der Mensch ist keine Insel, meine Liebe.
Während die Katze frei ist, muss sie sich doch den Gesetzen der Natur unterwerfen. Zweimal im Jahr wirft sie Jungen. Von ihrem Geschick und ihrer Erfahrung hängt das Überleben des Wurfes ab. Dazwischen trink sie aus Pfützen, lauert an Mäuselöchern, sucht sicheren Unterschlupf.
Aber sie ist frei.
Sie hat keine Religion, wenn sie mit Gott redet, weißt du? Ihr ganzes Dasein ist ein Gebet an Gott, sie lebt, überlebt und folgt ihrem Wesen.
Wenn ich meinem Wesen folge, werde ich immer unabhängiger.
Das ist nicht gut, oder?
Ist nicht so, dass mir Menschen egal sind. Oder das ich nicht helfen und lieben kann, wenn es möglich ist. Ich klammere mich nicht an „das Gute“. Es ist so selbstverständlich, zu helfen.
Aber was du mir hier zu verkaufen versuchst, ist nichts anderes, als dass du dich menschlichen Werten entziehst. Du sagst, du bist so gut wie eine Katze, die doch von Gut und Böse nichts weiß.
Ja, so ist es. Und wer weiß? Vielleicht werden wir alle am Ende wie eine Katze.
Unsinn. Wir leben, schreiben, lesen, arbeiten viele Jahre lang. Und wir kämpfen. Viele Jahre.
Aber am Ende.... wozu? Um das zu erreichen, was eine Katze schon von Geburt an weiß? Dass es schön ist, gestreichelt zu werden. Das man zu den Jungen zärtlich und mütterlich sein soll. Dass man Feingefühl braucht, um mit anderen Lebewesen zurecht zu kommen. Das man kämpfen muss, wenn jemand in dein Revier eindringt.
Ich bin frei. Ich ziehe durch die Stadt. Irgendwann einmal hätte das einen Sinn gehabt. Ziele, Wünsche, Freundschaften. Aber was kommt, kommt eben.
 

Hyazinthe

Mitglied
Hallo Eremit!

Wieder habe ich einen Text von dir gefunden, der mir sehr gut gefällt. Obwohl ich nicht weiß, ob es ein richtiger Dialog ist oder nur ein Zwiegespräch der Protagonistin mit sich selbst.
Schön, dieses Nachsinnen über den Sinn unseres Tun und Treibens ...

Gruß, Hyazinthe
 

Eremit

Mitglied
Liebe Hyazinthe, danke für das aufbauende Feedback! Es bedeutet mir sehr viel, dass du meine Texte gerne liest.
Der Text spiegelt einen inneren Monolog wieder, der, wie es bei Tagebüchern sein sollte, sehr autobiographisch ist.
Ich wollte übrigens auch etwas von dir lesen, aber ich fand leider nur gelöschte Textbeiträge.
Nicht löschen! Ich finde, hier im Forum sollte Platz für alle Texte sein.

LG
Eremit
 

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