Kein Denkmal, nirgends

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ich will kein Held sein,
kein Denkmal aus Stein werden.
Sieger sind nie Sieger,
Besiegte sind nie besiegt.
Besiegte auferstehen.
Sieger vergehen.
Wenn alle Sieger sind,
ist die Erde leer.

Sie bedarf der Freundschaft.
Sie bedarf der Achtsamkeit.

Krieg ernährt sich von Siegern und Besiegten.
Krieg frisst seine Helden.
Aber davon wird er nicht satt.

Der Sieger ist scheinbar immer der Gute.
Scheinbar.
Schein bar.
Un schein bar.

Der letzte Sieger bekommt kein Denkmal.
Er ist so tot.


Der Regen von gestern macht nicht satt,
sondern aktiv.
Radioaktiv.
 

mondnein

Mitglied
Wenn alle Sieger sind,
ist die Erde leer.
Könnte so sein, Bernd.

Könnte aber auch so sein: Die Entfaltungen gehen immer weiter, und wenn die ersten Halme sich zur Seite abspreizen, kommen innen die nächsten nach, spreizen sich hinaus, und weitere kommen nach. Das sind vorübergehende Siege, und in den Wiederholungen werden sie "aufgehoben", im dreifachen Sinn des Wortes, wie Hegel es sagt.
Es gibt auch Wandlungen, die aus vorherigen Siegen hervorgehen, und weitere Wandlungen, die aus vorherigen hervorgehen.
Da gingen vor Hunderten von Millionen Jahren Lurche aus Fischen, Reptilien aus Lurchen, Säuger aus Reptilien hervor, und die Vögel zur Seite, ohne von uns "besiegt" zu sein, und die vielen ausgestorbenen Arten, deren Naturerfahrung in die folgenden (und in den folgenden) "aufgehoben" sind. Und Menschen gingen aus Affen hervor, und Kinder aus ihren Eltern. Und unser Tun geht aus vorhergehenden Taten hervor - darüber lohnt es sich, nachzudenken. Der springende Punkt in all diesen Entwicklungen und "Hervorgehungen" ist wahrscheinlich nicht das Siegen (ein Irrtum Nietzsches), sondern die Kommunikation mit dem Wissensaustausch und der Informationsentfaltung, der Wechsel zwischen Fragen und Antworten usw. Der ständige Fortschritt im Denken, Sichaustauschen und tätigen Umsetzen des Neuen. Es gibt diese unendlich reiche Vielfalt von Blüten, Früchten und Keimlingen in dem kommunikativen Fortschreiten.

So könnte es auch sein.

grusz, hansz
 

sufnus

Mitglied
Hey Bernd,
"Christa Wolf" meets "Wir sind Helden" meets "Frieden schaffen ohne Waffen".
Gefällt mir insgesamt sehr gut - kleinere Mäkeleien wären:

- "Besiegte auferstehen" ist offenbar ein offenbar verkürzter Hauptsatz im Sinn von "Besiegte werden wieder auferstehen" bzw. "Besiegte erstehen wieder auf", aber in dieser Verkürzung klingt es für mich etwas "hingebogen". Außerdem passt es nicht so ganz zur inneren Logik des Restgedichts, das eher die Gefahren des Totsiegens thematisiert, bei dem am Ende weder Besiegte noch Sieger übrig bleiben; würden die Besiegten wieder auferstehen, dann hätten die ja in der Angelegenheit das letzte Wort und alles wäre in gewisser Weise "gut" (was offensichtlich nicht der Tenor Deiner Zeilen ist).

- Die vierte Strophe ("der Sieger ist scheinbar immer der Gute") ist dann doch etwas kontrafaktisch. Gefühlt jeder zweite Gründungsmythos thematisiert eine krachende Niederlage, die dann listig-dialektisch in einen moralischen Sieg umgedeutet wird. So fliegen doch den armen Trojanern schon seit der Antike viele Sympathiepunkte zu und die Römer haben sich in ihrer erfundenen Traditionslinie entsprechend auf die trojanische Verliererseite geschlagen und nicht auf die griechische Gewinnerseite. Ein anderes Beispiel - jetzt auf eine historisch greifbare Niederlage bezogen - ist die Vernichtung der Ministreit"macht" Al-Husains (72 Leutchen) in der Schlacht (Abschlachtung triffts vermutlich besser) von Kerbala, die einen wesentlichen Bezugspunkt der Schia darstellt und an die entsprechend im Aschura-Fest erinnert wird.
Und von der gewagten These, die Geschichte werde nur von den Siegern geschrieben (das stimmt so einfach nicht, so oft es auch wiederholt werden mag), gleitet die Strophe dann m. E. etwas ins Kalauer-hafte ab.
Also irgendwie nutzt diese Strophe dem Gedicht nach meine Liking nicht allzusehr - wäre ein Streichkandidat.

- Und etwas uneins bin ich mir beim Wortspiel "aktiv-radioaktiv", das ist, finde ich, auch schon ein bisschen abgegriffen. Ich finde der radioaktive Regen ist grundsätzlich ein sehr guter Schlusspunkt für das Gedicht, aber ich würde es vielleicht ohne Wortspiel formulieren.

Wortreiche Detailbekrittelungen... aber dennoch nur Kleinigkeiten betreffend.

Ein schönes Gedicht! :)

LG!

S.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Danke sehr.

Ich schreibe zunächst etwas zur einfachsten Frage: "Auferstehen" kann als getrenntes oder als ungetrenntes Verb verwendet werden. auferstehen ▶ Rechtschreibung, Bedeutung, Definition, Herkunft | Duden

Die Diskussion zeigt gut meine Intentionen.

Geschichtsschreibung gab es auch von Besiegten, aber oft war auch das die der Sieger. Denn die Besiegten schrieben für die Sieger, wie Flavius Josephus, oder sie wurden später Sieger. Andernfalls verschwanden die Werke. Es reichte dazu auch dass sich die einen als Sieger fühlten.
In der Absolutheit stimmt es natürlich nicht. Es ist zugleich Metapher und Vorurteil.
 

mondnein

Mitglied
Lieber revilo,

natürlich hat ein Dichter wie Bernd genug Erfahrung und Methoden-Reflexion, um hier selbst auf so einen schlichten Einwurf zu antworten. Aber es macht mir auch ein bißchen Spaß, darauf einzugehen, "als wärs ein Stück von mir".

Ich will kein Held sein,
kein Denkmal aus Stein werden.
Sieger sind nie Sieger,
Besiegte sind nie besiegt.
Besiegte auferstehen.
Sieger vergehen.
Wenn alle Sieger sind,
ist die Erde leer.
Vers für Vers bilden die Formulierungen eine Art Schleifen, indem fast jede Zeile auf ihre Vorgängerzeile verweist, meistens durch Wiederholung, oder durch Variation ("Parallelismus") wie z.B. der zweite Vers ("kein Denkmal aus Stein werden") den Gedanken des ersten ("Ich will kein Held sein") wiederholt, indem er ihn verdeutlicht. Ebenso ist der vierte Vers Parallel-Entsprechung zum dritten davor. Und diesem letzteren Doppel entspricht das folgende Doppel, mit der gleichen antithetisch "Sieger" und Besiegte" vergleichenden Fügung. Zum Schluß der Strophe das Fazit, eine vorläufig zusammenfassende Conclusio, eine Sentenz.

Sie bedarf der Freundschaft.
Sie bedarf der Achtsamkeit.
Hier die parallele Fügung, mit identischem Anfang (Anapher), gewissermaßen isoliert, vereinzelt, was den Gedanken hervorhebt und konzentriert, als bilde er seine eigene Sentenz.

Und so, mit diesen Schleifen-Parallelismen, setzt es sich fort. Meditations-Stil, wie er durchaus auch als Prosa vorkommt, wie z.B. im Johannes-Prolog, wo jeder kurze Satz mit einem (meist dem ersten) Wort ein Wort (meistens das letzte) des vorherigen kurzen Sätzchens aufgreift. Parallelismen sind die Grundstruktur vieler Dichtungen, vor allem der nichtgereimten, wie z.B. in den Psalmen.

grusz,. hansz
 

revilo

Mitglied
Lieber revilo,

natürlich hat ein Dichter wie Bernd genug Erfahrung und Methoden-Reflexion, um hier selbst auf so einen schlichten Einwurf zu antworten. Aber es macht mir auch ein bißchen Spaß, darauf einzugehen, "als wärs ein Stück von mir".



Vers für Vers bilden die Formulierungen eine Art Schleifen, indem fast jede Zeile auf ihre Vorgängerzeile verweist, meistens durch Wiederholung, oder durch Variation ("Parallelismus") wie z.B. der zweite Vers ("kein Denkmal aus Stein werden") den Gedanken des ersten ("Ich will kein Held sein") wiederholt, indem er ihn verdeutlicht. Ebenso ist der vierte Vers Parallel-Entsprechung zum dritten davor. Und diesem letzteren Doppel entspricht das folgende Doppel, mit der gleichen antithetisch "Sieger" und Besiegte" vergleichenden Fügung. Zum Schluß der Strophe das Fazit, eine vorläufig zusammenfassende Conclusio, eine Sentenz.



Hier die parallele Fügung, mit identischem Anfang (Anapher), gewissermaßen isoliert, vereinzelt, was den Gedanken hervorhebt und konzentriert, als bilde er seine eigene Sentenz.

Und so, mit diesen Schleifen-Parallelismen, setzt es sich fort. Meditations-Stil, wie er durchaus auch als Prosa vorkommt, wie z.B. im Johannes-Prolog, wo jeder kurze Satz mit einem (meist dem ersten) Wort ein Wort (meistens das letzte) des vorherigen kurzen Sätzchens aufgreift. Parallelismen sind die Grundstruktur vieler Dichtungen, vor allem der nichtgereimten, wie z.B. in den Psalmen.

grusz,. hansz
Hallo, da hast Du sicherlich Recht, wobei man allerdings jeden Text geradezu totinterpretieren kann, was aber nicht für Dich gilt …Ich lese hier ja häufig bleischwerere, selbstverliebte und vor Fremdworten strotzende Interpretationen… Deine hebt sich wohltuend davon ab … Herzlichen Gruß
 

revilo

Mitglied
Ich will kein Held sein,
kein Denkmal aus Stein werden.
Sieger sind nie Sieger,
Besiegte sind nie besiegt.
Besiegte auferstehen.
Sieger vergehen.
Wenn alle Sieger sind,
ist die Erde leer.

Sie bedarf der Freundschaft.
Sie bedarf der Achtsamkeit.

Krieg ernährt sich von Siegern und Besiegten.
Krieg frisst seine Helden.
Aber davon wird er nicht satt.

Der Sieger ist scheinbar immer der Gute.
Scheinbar.
Schein bar.
Un schein bar.

Der letzte Sieger bekommt kein Denkmal.
Er ist so tot.


Der Regen von gestern macht nicht satt,
sondern aktiv.
Radioaktiv.
Hallo Bernd, für mich sind diese Zeilen eher Gedanken oder lose Gedankensplitter, teilweise kalenderspruchartig … Ich verlange von Lyrik mehr....... entweder eine raffinierte Sprache, oder einer einfachen Sprache mit raffinierten Gedanken … Diese Zeilen eignen sich mehr für eine Predigt oder das Wort am Sonntag, wobei ich das überhaupt nicht ab qualifizieren will … Aber nicht jeder Text mit Zeilenumbrüchen ist gleich ein Gedicht …Natürlich kann man das wie Mondnein es tut perfekt widerlegen, aber für mich ist ist eher ein Gefühl … Ich hoffe, ich konnte mich da einigermaßen verständlich ausdrücken … Herzliche Grüße
 

revilo

Mitglied
nun ja, nun nein: mit meinen Beispielen aus der Bibel wiederlege ich Deinen "Predigt"-Eindruck ja kaum. Ist schon
Nein , nein, wenn du dich eines Textes annimmst, hat das immer Hand und Fuß.. Du segelst hart am Wind…. im Gegensatz zu manch anderen, die sich nur an ihrem selbstgerechten Germanisten- Geschwätz berauschen .. LG
 



 
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