Kein gutes Versteck

Angelika Meinert schlägt entsetzt die Tür des Schuppens wieder zu und eilt zurück ins Haus. ‚Die Sache muss ein Experte regeln', denkt sie und greift zum Telefon. Doch das Schicksal hat die Karten schon gemischt...
Die junge Frau musste im Leben schon manches Leid erfahren. Ein Unfall raubte ihr den Mann und nahm der kleinen Tochter den Vater. Zwei Jahre später lernte Angelika Herbert Dillinger kennen, verliebte sich in den Mann und erkannte viel zu spät, dass der Kerl ein sadistischer Teufel war. Weil ihre Tochter seine perversen Spiele nicht mitmachen wollte, schlug er das Kind, bis es tot auf dem Boden liegen blieb.
Bei der Gerichtsverhandlung nutzte der Verteidiger jedes Mittel, um Recht und Gesetz zu verdrehen. Ein neunmalkluger Seelendoktor redete von einem zu hastig geschlucktem Löffelchen Haferbrei, das postwendend retour gekommen war. Dadurch sei das Ästhetikempfinden der kindlichen Psyche nachhaltig geschädigt worden. Just in dieser sensiblen Entwicklungsphase habe eine Mücke das Kind gestochen und bei dem zarten Buben die Grenzen zwischen Gut und Böse irreparabel eliminiert. Folglich sei der Totschlag kein Verbrechen gewesen, sondern das Selbstverwirklichungsstreben einer gequälten Seele in der ach so feindlichen Umwelt.
Der Richter hörte staunend den Ausführungen des studierten Mannes zu und überlegte bei sich, wie eng doch Genie und Wahnsinn beieinander liegen. Und weil er bei dem Vortragskünstler letzteres vermutete, bestellte er ein zweites Gutachten. Dillinger wurde zu fünfzehn Jahren Haft verurteilt.
Angelika Meinert war erschüttert über das milde Urteil. Steht nicht in der Bibel geschrieben: Auge um Auge und Zahn um Zahn. Warum billigte man dem Täter ein Recht zu, das er seinem unschuldigen Opfer verwehrt hatte, warum durfte so ein Mörder weiterleben?
Die verbitterte Frau suchte die Einsamkeit und fand sie in einer Bauernkate, nur einen Steinwurf vom Zoo entfernt.

Angelika hat den Experten zur Eile gedrängt. Als sie den Hörer auflegt, steht plötzlich Dillinger in der Tür. Der Mann grinst böse und sagt: „Was für eine Überraschung. Ausgerechnet meine Ex- Schlampe läuft mir bei der Flucht über den Weg." Seine Stimme trieft vor Hohn. „Gut so, ich brauche Geld und andere Klamotten."
„Aber nicht von mir. Scher dich zum Teufel, du Dreckskerl."
Brutal schlägt Dillinger zu. Die Frau wimmert leise, doch als vor dem Haus ein Wagen hält, bringt der Mann sie mit einer herrischen Geste wieder zum Schweigen. Blitzschnell greift er nach einem Messer, richtet es drohend auf sein Opfer und zischt: „Wer ist der Mann in dem Lieferwagen?"
Angelikas Gedanken überschlagen sich. Fieberhaft sucht sie nach einem Ausweg und sieht plötzlich eine Chance. Jäh auflodernder Zorn bestimmt fortan ihr ganzes Handeln. „Der Mann ist Schreiner“, sagt sie. „Er repariert die Fenster im Haus."
Dillinger gerät in Panik. „Wo kann ich mich so lange verstecken? Los, mach' den Mund auf, du Schlampe, sonst..."
"Kannst ja draußen in den Schuppen kriechen, wenn du Freude daran hast." Es klingelt. Dillinger huscht durch den Hofausgang und eilt zum Schuppen. Die Klingel schrillt ein zweites Mal. Angelika bittet den Fahrer ins Haus.
„Gnädige Frau, wir haben miteinander telefoniert. Herido ist mein Name, Herido vom Stadtrandzoo. Ich wollte früher kommen, wurde aber von der Polizei aufgehalten. Die Herren dachten wohl, ich wäre der Mann, den sie überall suchen. Aus der Haftanstalt ist doch wieder mal einer ausgebüxt. Sperren sie also Türen und Fenster zu, wenn ich nachher wegfahre."
„Keine Sorge", antwortet Angelika und fügt leise hinzu: „vermutlich ist der Kerl längst dort, wo er bestimmt nicht hin wollte."
Doch unbeirrt fährt Herido in seiner redseligen Art fort: „Eigentlich müsste ich an meine eigene Brust schlagen, denn Anja ist ja ebenfalls ausgebüxt."
„Wer ist denn Anja?"
„Anja ist mein bester Schatz. Stellt sich nur ein wenig prüde, das gute Mädchen und lässt niemanden an sich heran. Bei fünf Metern Entfernung hört der Spaß auf. Wer dennoch sein Glück versucht, wird schnell ein Opfer ihres eigenwilligen Charmes. Und das mit tödlicher Sicherheit! Na ja, diese kleine Unart muss man einer Schwarzen Mamba halt verzeihen." Herido schaut sich suchend um. „Es war lieb von Ihnen, uns den Fund zu melden. Wo haben sie die reizende Giftschlange denn entdeckt, gnädige Frau?"
Wortlos deutet Angelika Meinert auf den kleinen Schuppen, der überaus friedlich dort hinten in der Mittagssonne steht.
 

flammarion

Foren-Redakteur
Teammitglied
sehr

fein gesponnen. die geschichte ist echt ein kleines meisterwerk. danke für den schluß, bin sehr befriedigt! ganz lieb grüßt
 
Hallo oldicke

ich freue mich, dass Dir der Schluss so gut gefällt.
Er ist aus voller Überzeugung so geschrieben.
Ganz lieb grüßt Dich
Willi
 


Oben Unten