Kein Hexenwerk

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Bo-ehd

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Kießling hatte sich für den Wagon hinter dem Speisewagen entschieden und öffnete die Tür eines Abteils, in dem ein etwa gleichaltriger Mann und eine etwas jüngere Dame saßen. Mit einem deutlichen, aber verhaltenem Guten Tag betrat er es, sein Köfferchen hinter sich herziehend. Die Dame grüßte leise zurück, während der Mann nur nickte und Kießling ansah, als wollte er ihn röntgen. Kießling nahm den Fensterplatz ihm gegenüber ein, und nachdem sich alle eingehend gemustert hatten, packte Kießling seine Astrological Review aus und schlug sie auf. Sein Gegenüber las in einem Buch. Kießling versuchte, den Titel zu erkennen, aber es gelang ihm nicht.
Nach etwa zehn Kilometern legte der Mann eine Karte als Lesezeichen in das Buch, klappte es zu und verstaute es in einer Tasche. Dann starrte er auf die Umschlagseiten von Kießlings Zeitung, als wolle er mitlesen, und nach einer halben Minute begann er eine Unterhaltung.
„Entschuldigen Sie, ich will nicht aufdringlich sein, aber Ihrem Lesestoff nach zu urteilen, sind Sie Astrologe, richtig?“
„Ganz recht“, gab Kießling zurück. „Interessiert Sie die Astrologie?“
„Ja, das tut sie, obwohl ich nicht die leiseste Ahnung habe, was eigentlich dahintersteckt. In meinem Bekanntenkreis wird sie als Pseudowissenschaft betrachtet und belächelt.“
„Damit fängt das Elend an. Manche haben ein Brett vor dem Kopf, und bisweilen ist es aus Teakholz.“
„Sie reagieren sehr heftig. Aus welchem Grund?“
„Das ist einfach zu erklären“, begann Kießling. „Die Astrologie ist die älteste Wissenschaft der Welt, etwa 5000 Jahre alt. Ohne sie wäre zum Beispiel die Landwirtschaft in den Kinderschuhen steckengeblieben, denn erst die Schaffung eines Kalenders und das Wissen um die lunaren Einflüsse hat die notwendige Planung …“
Der Mann unterbrach ihn. „Das ist ja wohl ein astronomisches Problem!“
„Keineswegs. Der Kalender ergibt sich aus dem Lauf der Planeten um die Erde. Die Bahnen sind aber für uns nicht alles, denn wir interpretieren auch deren Stellung untereinander, was die Astronomen zum Beispiel als völlig unsinnig empfinden.“
„Eine sonderbare Ansicht!“
„Und jetzt kommt das Wichtigste: Die Astrologie beurteilt den Sternenhimmel von der Erde aus, handelt also nach dem alten ptolemäischen Weltbild. Die Astronomie beurteilt ihn etwa seit Kopernikus mit der Sonne als Mittelpunkt, vereinfacht ausgedrückt. Was beiden Methoden gemeinsam ist, ist, dass sie auf Berechnungen beruhigen. Aus genau diesem Grund ist die Astrologie auch als Wissenschaft zu betrachten.“
„Und was folgt daraus?“
„Die Astronomen arbeiten auf einer vollkommen anderen Ebene. Und das Ergebnis ist: Sie können vorausberechnen, wann ein Komet wie nah an der Erde vorbeifliegt oder wie groß ein soeben geborener Stern ist. Wir hingegen sehen, wie die Natur von den Sternen beeinflusst wird und hätten die Menschheit darüber aufklären können, wieviel negative Veranlagung in Hitler, Putin und Trump steckt.“
„Wenn ich mich einmischen darf: Es gibt solche Horoskope“ meldete sich nun die Frau zu Wort.
„Sie überraschen mich. Beide,“ staunte der Mann.
„Das wundert mich nicht.“ Kießling zog die Brauen hoch.
„Und welche Bedeutung haben die Sternbilder?“
„Sternbilder? Keine. Die Sternbilder bilden die tatsächliche Position der Sterne aus Sicht von der Erde aus ab. Was für uns wichtig ist, sind die Tierkreiszeichen. Wir haben das gesamte Himmelsgewölbe kartiert und in zwölf 30°-Sektoren eingeteilt, denen wir Tierkreiszeichen zuordnen. Können Sie noch folgen?“
Die Frau knöpfte ihre Schafwolljacke auf und legte ihren Schal beiseite.
„Ja, aber das wird mir jetzt zu speziell. Statt dessen interessiert mich eine andere Frage.“
„Die will ich Ihnen gern beantworten, wenn ich kann. Was wollen Sie denn wissen?“
„Wenn Zwillinge geboren werden, müsste ihr Geburtshoroskop identisch sein?“
„Ist es auch“, bestätigte Kießling. „Die Sterne bewegen sich ja in wenigen Minuten nicht oder zumindest kaum messbar. Diese Frage stellen die Gegner der Astrologie übrigens sehr gern.“
„Wenn sie das gleiche Horoskop haben, müssten sie doch das gleiche Schicksal erfahren“, würde ich jetzt argumentieren.“ Der Mann versuchte, Kießling in die Enge zu treiben. „Das ist aber nicht so, wenn man den späteren Lebensweg betrachtet. Dementsprechend müsste eines der beiden Geburtshoroskope völlig daneben liegen.“
„Oh nein, das ist sehr kurz gedacht. Das Geburtshoroskop definiert nur die Eigenschaften zum Zeitpunkt der Geburt und die grundsätzlichen Anlagen. Die Formung des weiteren Lebens wird durch verschiedene Faktoren bestimmt: Zunächst spielt die Position in der Gesellschaft eine Rolle. Junge, Mädchen, Erstgeborener, Entrechtete wie früher Sklaven, Halb- oder Vollwaise oder Bevorzugung durch einen Elternteil. In diese Positionen wird das Kind hineingeboren; sie bleiben deshalb von einem Horoskop unberührt.“
„Und wenn das alles nicht zutrifft?“
„Die weitere Beeinflussung erfolgt durch das Elternhaus, die gesellschaftliche Umgebung, Beruf, Ehe, Gesundheit und dergleichen. Deshalb darf es nicht verwundern, wenn sich Zwillinge völlig unterschiedlich entwickeln.“
„Klingt plausibel.“ Der Mann schaute auf die Uhr. „Wir sind gleich in Köln. Ich muss umsteigen.“ Er stand auf und stellte Tasche und Koffer neben sich. „Und vielen Dank für das freundliche und informative Gespräch.“
„Warten Sie!“ Die Frau stand ebenfalls auf. „Astrologen sind Deuter, keine Wahrsager oder Hellseher, ich hingegen kann viele Dinge vorhersehen. Ich bin eine … Hexe, und deshalb wage ich mich mit meiner Vorhersage mal aufs Eis: Gute Fahrt Ihnen noch nach Amsterdam und viel Erfolg bei Ihrem Vortrag beim astronomischen Kongress.“
Der Mann schnappte nach Luft. „Wie …“
Da kam die Ansage. „Der Zug läuft ein … „

*

Auch die Frau stieg aus. Sie wartete am Ende des Bahnsteigs auf Kießling. Er lächelte sie freundlich und wie nach einem Sieg an. „Ich will ja nicht indiskret sein, aber haben Sie wirklich vorausgesehen, dass der Mann nach Amsterdam fahren und dort einen Vortrag halten will?“
Sie fing an zu lachen. „Wie ich schon sagte, Astrologen sind keine Hellseher. Ich übrigens auch nicht, auch wenn ich mich sehr intensiv mit den Kräften der Natur, auch den übersinnlichen, auseindersetze. Aber schön, wenn er glaubt, in mir eine Hellseherin entdeckt zu haben. Es wird ihn noch längere Zeit beschäftigen. Haben Sie gesehen, wie er diese Karte als Lesezeichen in sein Buch gesteckt hat?“
Kießling schüttelte den Kopf.
„Die Karte hielt er, während er las, in der Hand. Ich konnte lesen, was darauf stand. Es war ein Dauerticket für die AstroCom, ein Kongress für Astronomen, und auf dem blauen Streifen an der Seite befand sich ein Wort auf holländisch: Spreker. Es kennzeichnet den Besitzer als Redner.
 

jon

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Hier ist was schief gegangen:
„Ist es auch“, bestätigte Kießling. „Die Sterne bewegen sich ja in wenigen Minuten nicht oder zumindest kaum messbar. Diese Frage stellen die Gegner der Astrologie übrigens sehr gern.“
„Wenn sie das gleiche Horoskop haben, müssten sie doch das gleiche Schicksal erfahren“, würde ich jetzt argumentieren.“ Der Mann versuchte, Kießling in die Enge zu treiben. „Das ist aber nicht so, wenn man den späteren Lebensweg betrachtet. Dementsprechend müsste eines der beiden Geburtshoroskope völlig daneben liegen.“

„Klingt plausibel.“
Nein, eigentlich nicht. Zwillinge wachsen in der Regel im selben Elternhaus auf, in selben sozialen Umfeld etc. pp. Das heißt: Daher können die Unterschiede nicht kommen.


Davon abgesehen: Ich empfand den Text nicht als humorvoll oder satirisch. Die Wendung am Ende ist okay, aber auch nicht nicht humorvoll oder satirisch oder Ähnliches. Das größte Problem des Textes ist wahrscheinlich, dass der Astronom nur Stichwortgeber ist. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mal, warum er dieses Gespräch begann.
 



 
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