Kerstins Weihnachtswunsch - Eine (fast) wahre Geschichte

Frank Zimmermann

Junior Mitglied
Kerstins Weihnachtswunsch

Ende November war es, die Tage kurz und das Wetter schmuddelig. Ich war elf und wie jedes Mädchen in meinem Alter wünschte ich mir nichts sehnlicher, als eine Tanzpuppe mit einem Rüschenkleid, verpackt in einem Karton mit Wänden aus Folie, im dem sie aussah, wie Schneewittchen in ihrem gläsernen Sarg. Ich hatte gar nicht damit spielen wollen. Nicht mal aus dem Karton nehmen wollte ich sie. Sie sollte in ihrem gläsernen Sarg bleiben und im Regal neben dem Schreibtisch stehen. Da könnte ich sie dann bewundern und vielleicht auch mit ihr sprechen, wenn wir uns aneinander gewöhnt hätten und natürlich, wenn niemand anderes in der Nähe wäre. Besonders nicht meine Mutter, denn die hatte ständig etwas an mir auszusetzen, besonders, weil sie fand, ich sei für mein Alter viel zu kindisch. Als sie so alt war wie ich, ließ sie mich immer wieder wissen, war sie schon für den Haushalt und ihre kleinen Brüder verantwortlich. Sie sei sehr stolz, betonte sie immer wieder, daß sie mir solch eine Kindheit ersparen könne, und daß es mir so gut gehe. Gleichzeitig ließ sie mich aber auch immer spüren, daß ich mich nicht zu sehr an meinem Schicksal freuen dürfe, denn darüber könnte ich ja vergessen, ihr dankbar zu sein.
Dies tief in meinem Hinterkopf verankert, mehr spürend als wissend, machte ich mich daran, meinen diesjährigen Weihnachtswunschzettel zu schreiben.
Zunächst erledigte ich den Pflichtteil, von dem ich wußte, daß meine Mutter ihn lesen wollte: ich erwähnte ein paar Schulutensilien und die obligatorischen Kurzwaren und hoffte damit ausreichend meine Vernunft dokumentiert zu haben. Denn die Frage, die meine Mutter mir am häufigsten stellte war: "Wann wirst du nur endlich erwachsen, Kind?".
Dann setzte ich alles auf eine Karte und schrieb nur noch einen weiteren Wunsch: eine Tanzpuppe.
Zu meiner Überraschung hielt meine Mutter sich mit Kommentaren zurück, als ich ihr den Wunschzettel gab, damit sie ihn - wovon ich schon wußte, das sie es nicht tat - an das Christkind weiterleiten könnte.

Die Zeit bis Weihnachten schlich dahin, wie der Nebel über die Felder. Ich hoffte und bangte und fieberte. Nur diese Puppe müßte unter dem Weihnachtsbaum liegen, dann wäre alles gut, dann hätte ich endlich jemanden, dem ich mich anvertrauen könnte und wie wäre immer für mich da, in ihrem gläsernen Sarg, im Regal neben dem Schreibtisch.
Am Abend vor Weihnachten lag ich im Bett und wälzte mich hin und her, vergeblich auf den Schlaf wartend. Zu groß war die Aufregung, da half auch Schäfchenzählen nichts. Gerade hatte ich mich vom Bauch wieder auf den Rücken gedreht, da hörte ich vom Wohnzimmer her das Rascheln von Geschenkpapier. Einem unwiderstehlichen Impuls folgend schlich ich barfuß und im Nachthemd zur Wohnzimmertüre, kniete mich davor und sah durch den Schlitz, in dem schon lange der Einsatz aus Milchglas fehlte. Nur mit Mühe unterdrückte ich einen Freudenschrei, denn ich sah gerade noch, wie der transparente Karton in seiner Verpackung verschwand. Überglücklich schlich ich zurück in mein Zimmer. Einmal zuckte ich zusammen, als der alte Holzboden vernehmlich unter mir knarrte; wie gefroren stand ich starr im Flur und lauschte. Doch meine Mutter schien nichts bemerkt zu haben, denn die Wohnzimmertüre blieb geschlossen. Erleichtert huschte ich in mein Zimmer und schlüpfte unter die Decke.

Die Weihnachtsmesse schien mir in diesem Jahr länger denn je und ich war heilfroh, als wir zum "Stille Nacht" aufstanden. Die neue Strumpfhose kratzte.
Dann, wieder zuhause, endlich die Bescherung: da lag das längliche Paket und obwohl meine Mutter sonst immer darauf bestand, daß ich zuerst die kleineren Geschenke auspackte, ließ sie mich gewähren, als ich direkt darauf zustürmte. Voller Vorfreude öffnete ich das Geschenkpapier und fand darin - einen leeren Karton.
Mit offenem Mund sah ich meine Mutter fragend an.
"Tja", sagte sie, "da hat wohl jemand versucht zu lauern, dann nimmt das Christkind die Geschenke wieder mit. Das weiß doch jedes vernünftige Kind!"

(für Ute)
 

zero

Mitglied
Eine Kritik

Weil es ein gutes Beispiel für das ist, was ich im Thread 'Talent oder Übung' eigentlich sagen wollte (aber anscheinend nicht verständlich ’rübergebracht habe), hier also meine Kritik zu Franks Geschichte.

Erste Kategorie: Was will der Autor loswerden, was für eine Gedanke steckt dahinter?

Tja. Ich habe einen leisen Verdacht, dass mir zu der Geschichte ein Kontext fehlt, sie ist ja anscheinend speziell für jemand geschrieben, der ihn vielleicht kennt, aber der Leser nicht, und damit ist er für die weitere Betrachtung bedeutungslos.

Also will mir der Autor jetzt sagen: ‚Kinder, werdet vernünftig’ oder ‚es gibt Eltern mit einem kranken Sinn für Humor’? Am Wahrscheinlichsten scheint mir die Möglichkeit: ‚Ich will eine Weihnachtsgeschichte schreiben, und sie soll nicht so kitschig sein und gut ausgehen, wie all die anderen Weihnachtsmärchen.’

Na gut. Nicht sehr spannend, aber vielleicht kann man was draus machen. Sehen wir mal weiter.

Zweite Kategorie: Wie wird die Idee umgesetzt?

Form: Es geht hier um Literatur, Roman wäre zu lang und würde die Idee auch etwas überfordern. Bleibt noch Lyrik oder Kurzgeschichte. In Versform und mit etwas Pep hätte was draus werden können. Und die Idee mit einem Kind, dass ohne ausreichenden Grund sein Geschenk nicht bekommt, kann ich nicht als überragend bezeichnen.

Letzter Teil: Handwerk/Arbeit.

Die Sprache ist flüssig, aber nicht inspiriert, die Wörter ‚gefroren’ oder ‚lauern’ sind nicht besonders glücklich, aber das ist nicht so wild. Die Vorfreude auf die Puppe kommt ganz gut rüber. Aber wir finden ein Klischee nach dem anderen, angefangen mit dem Mädchen und der Puppe, die anfängliche Darstellung der Mutter (ich musste auf meine Brüder aufpassen, gut dass du es besser hast, bla bla), der knarrende Fußboden, die vernünftigen Weihnachtsgeschenke etc. etc. Nun sind Klischees grundsätzlich nicht schlecht, wenn sie (in Maßen) Normalität vermitteln sollen, locker oder ironisch verwendet werden, eben mit einer gewissen Genialität. Aber zumindest mich langweilen sie hier nur. Dann haben wir einen Spannungsbogen, der den Leser am Ende in der Luft verhungern lässt. Es wäre noch schlimmer, wenn das Wort ‚schien’ vorher nicht schon alles verraten würde. Und schließlich ist das Ende unglaubwürdig, denn wenn die Mutter ihrer Tochter Vernunft eintrichtern will, warum soll sie sich dann so albern verhalten und ausserdem was vom Christkind faseln. Falls das Ironie sein soll (direkt oder indirekt) dann passt sie nicht zu dem vorher doch recht langweilig gezeichneten Charakter der Mutter und kommt zumindest bei mir nicht an.

Und zum Schluß: Natürlich ist das jetzt etwas ungerecht, weil es Vadi war, der meine Vorstellung von Arbeit angezweifelt hat und nicht Frank, aber, ehrlich gesagt, da fängt bei mir noch nicht mal das Vergnügen an, und vielleicht geht ihr mit dem Begriff etwas zu locker um.
 

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