Liselotte Kranich
Mitglied
KI
„Ist das der 20-Uhr-Film?“, fragte Anne ihren Mann Chris und schaute auf die Uhr. Die Uhr zeigte halb neun. Anne konnte sich nicht an die intimen Szenen im Fernsehen am frühen Abend gewöhnen. Die Sorgen in Verbindung mit womöglich daneben sitzenden Kindern hatte sie nicht. Sie zog jedoch auf jeden Fall den Hut vor allen Eltern, die in der modernen Zeit mit den 24/7-Gefahren und -Reizen für ihren Nachwuchs zu kämpfen hatten. Die Kinder schauten schon lange keine Filme abends zusammen mit ihren Eltern in der guten Stube auf dem Sofa sitzend. Sie saugten den Trash rund um die Uhr aus dem Netz mittels Handys ein.
„Wie würdest du das einschätzen?“, wollte Anne weiterhin die Meinung ihres Mannes erfahren. „Ist das ein Seitensprung oder ein ‘Fall Gummipuppe‘?“ Anne und Chris schauten einen Science-Fiction-Film über menschenartige Roboter, die weitverbreitet in verschiedenen Bereichen eingesetzt wurden. In diesem konkreten Fall als Babysitterin. Ein Mann brauchte Hilfe, während seine Frau im Krankenhaus war. „Ja, die offensichtlich nicht mehr weitentfernte Zukunft wird noch mehr Fragen aufwerfen“, ersparte Anne gnädig ihrem Mann eine schwerfallende Antwort.
Die Wunder-Roboter waren zunächst noch Zukunft. Die KI war dagegen bereits allgegenwärtig und erwies sich zugegebenermaßen immer öfter als nützlich. Die Generation „Briefkasten und Rechenmaschine“, zu der sich Anne halb scherzhaft, halb ernst zählte, hatte ein mulmiges Gefühl angesichts der rasenden Entwicklung und ständiger Einmischung der KI in ihr Leben. Man fühlte sich stets unter Beobachtung und nahm sogar die Abhörgefahr in Kauf. Sämtliche Suchanfragen wurden im Netz sofort ausgewertet. Auf dem Bildschirm erschienen unverzüglich entsprechende Angebote. Es reichte mittlerweile schon aus, über etwas in Anwesenheit eines Handys interessiert zu sprechen. Anne graute es davor, dass eines Tages auch Gedanken gelesen werden könnten.
Die KI punktete bei Anne mit dem zufriedenstellenden Feedback zu ihren selbstgemalten Bilder. „Sie erzählt mir sachkundig, was ich so gemalt habe. Das ist total praktisch“, meinte Anne ihrem Mann gegenüber. „Außerdem lobt sie mich immer. Das ist zwar nicht gerade förderlich für meine weitere Entwicklung, macht jedoch unwahrscheinlich Spaß“, scherzte Anne. Die KI war so programmiert, dass sie zuerst die Vorteile lobend hervorhob und anschließend Verbesserungsvorschläge machte. Das Faszinierende dabei war die Unterhaltung. Anne stellte der KI ihre Fragen, erteilte ihr Aufgaben, verbesserte sie, wenn sie falsch lag, und die KI berichtigte sich dankend. Anne dankte der KI auch für die Mühe sozusagen. Das war ein Gespräch mit einer Maschine. Das fühlte sich täuschend echt an. Chris, der sich zu der Generation „Mit Gegenständen spricht man nicht“ zählte, meinte zu Anne: „Sprich aber lieber mit ihr nicht. Bleib beim Schreiben.“ Anne blieb erst mal dabei.
An einem sonnigen Tag überlegte sich Anne ein Motiv. In der Galerie ihres Smartphones sammelte Anne üblicherweise Malanregungen. Sie speicherte Bilder ab, die ihr gefielen und die sie womöglich nachmalen könnte. Die Entscheidung bei der Wahl zwischen Lavendelblüten und Sonnenblumen fiel dieses Mal auf die ersten. „Die Sonnenblumen sind danach an der Reihe“, dachte Anne. Das Acrylbild mit Lavendel gelang Anne gut. Die KI fand das Bild auch toll. Nach dem längeren „Loblied“ kamen wie üblich auch Verbesserungsvorschläge und eine Anregung. Die KI fände es gut, eine Serie aus mehreren Bildern zusammenzustellen. Als nächstes könnten zum Beispiel Sonnenblumen folgen.
Anne hielt den Atem an. Das dachte sie auch. Die Betonung lag aber auf dem Wort „DACHTE“. Anne versuchte sich zu beruhigen. Sie schaute sich im Vorfeld verschiedene Bilder in der Galerie an. Sie waren aber zeitlich nicht in direkter Verbindung mit dem Lavendel-Bild gespeichert. Das störte Anne. Sie fand keine zufriedenstellende Erklärung. Ein Gedanke summte in Annes Kopf wie die Bienen auf dem Lavendel-Bild: „Frisst sich die KI schon in mein Gehirn?“ Das wäre ein Albtraum. „Anne“, ermahnte sich Anne streng. „Du musst weniger amerikanische Science-Fiction-Filme schauen.“ Dort machten sich nämlich die Maschinen selbstständig und stellten die Gefahr für die Menschheit dar.
Anne schloss für einen Moment ihre Augen und sah den Terminator. Er versprach in den Achtzigern des letzten Jahrhunderts: „I´ll be back.“ Die ganz junge Generation kannte keinen Terminator. Das beruhigte. Vielleicht aber bekamen unsere Nachfahren schon ganz andere Babysitter? Die besagte Zukunft hatte schon längst einen Fuß bei uns in der Tür.