Kindheitserinnerung oder Warum ich Hammelbraten so gern mag

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Jens Rohrer

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Kindheitserinnerung oder Warum ich Hammelbraten so gern mag

Mit Kindheitserinnerungen ist das ja so eine Sache. Vor allem bei den frühen. Da weiß man eigentlich doch nie so recht, ob man sich wirklich selbst daran erinnert, oder ob einem die lieben Eltern die Geschichten so oft erzählt haben, bis man sie als eigenes Gedankengut übernommen hat. Was mich vor allem beschäftigt ist: Stimmt das denn wirklich alles? Wurden mir vielleicht einfach Unwahrheiten untergejubelt, um die Erziehung zu unterstützen? Eine Gehirnwäsche zum Wohl des „braven Buben“? Clockwork Orange im Kinderzimmer?
Wenn man Mutter und Vater dann darauf ansprechen würde, würden sie vermutlich Fotos als Beweismaterial vorlegen. Nur, bin das da wirklich ich? Ich finde nämlich, dieser kleine, dreckverschmierte Fettsack hat nicht die geringste Ähnlichkeit mit mir. Und ich weigere mich strikt zu glauben, ich hätte jemals in eine Kakaodose gekotet.
Gibt es eine geheime Datenbank, in der sich Eltern Fotos von Kindern mit gleichermaßen schokoladenverschmierten wie schmerzverzerrten Gesichtern besorgen, um dann mit hocherhobenem Zeigefinger und besorgnisverzerrter Mimik zu proklamieren:
„Iss nur weiter. Du weißt ja, wie du damals am Nikolaus so Bauchweh hattest.“
Nö. Weiß ich eigentlich nicht. Aber die werden schon Recht haben. Herrgott, das sind doch Mama und Papa, die würden mich doch nie anlügen!
So ist dies nun wohl keine wahre Geschichte sondern lediglich eine Erinnerung an eine Episode in meiner Kindheit. Es war ein Vorfall, der in mir einen gesunden Respekt vor landwirtschaftlichen Nutztieren weckte. Wer kennt es nicht - Das bösartige Glitzern in den Augen von Milchkühen? Die pure Mordlust, die man im Blick eines Schafes spürt? Seither nehme ich es wahr, und oft ist mir, als schliche sich so ein Nutzvieh von hinten an mich heran. Meistens ist es dann nichts oder nur ein Rottweiler.
Das ganze spielte sich vor ungefähr 23 Jahren ab. Ich war damals ungefähr 10 Jahre alt, und wir waren wie jeden Sommer in das beschauliche Städtchen Staufen im Breisgau gefahren, wo meine Großmutter einen Bauernhof bewirtschaftete. Mein Großvater war schon seit längerer Zeit verstorben, und mittlerweile gab es nur noch eine kleine Schafherde und den Hofhund Back. Die letzte Kuh Elsa war schon lange verschieden und als Erinnerung prangte ihr skelettierter Schädel an der Wand der Terrasse, von wo aus man die Schafe beim Weiden beobachten konnte.
Die Fauststadt Staufen findet sich eingebettet von Ausläufern des Schwarzwaldes und vor allem von Weinbergen. Wenn man dort einen Stein aufhöbe, und aufs Geratewohl irgendwohin würfe, träfe man mit Sicherheit einen Winzer. Zeugnis davon legte auch der Dichter Johan Peter Hebel in seinem Werk „Der Schwarzwälder im Breisgau“ ab:
Z'Staufen uf em Märt
henn si, was me gehrt:
Tanz und Wii un Lustberkait,
was aim numme 's Herz erfreut,
z'Staufen uf em Märt!
Und ebendort, etwas außerhalb in dem eingemeindeten Dorf Grunern, befand sich Omas Bauernhof. Erbaut 1732, wie eine Tafel über dem Eingang bedeutete, und seither in Familienbesitz. Und für ein Kind ein unerschöpfliches Reservoir an Betätigungsfelder. Mit zahlreichen Gefahren, denen zu trotzen war. Die verbotene Scheune etwa, in der in einem wilden Durcheinander ein Sammelsurium an landwirtschaftlichen Gerätschaften lagerte, mit dem man gut und gerne mehrere Bauerngerätemuseen bestücken hätte können. Schon alleine der Weg dorthin war ein Abenteuer, denn davor war der Hofhund angekettet, der einen nur dann nicht zerfleischte, wenn man eine Gießkanne in der Hand trug. Back war nämlich extrem wasserscheu. Ebenfalls nicht erlaubt war eine weitere Scheune, in der das Heu gelagert war. Dort konnte man über eine wacklige Leiter auf eine Empore gelangen, von wo aus man zwei Metern Höhe in das Heu springen konnte. Den menschlichen Drang, sich immer wieder in die Tiefe zu stürzen, sollte man vielleicht auch mal genauer untersuchen. Ist es psychologisch bedingt, das Leute sich an Gummiseilen von Brücken, von hohen Felsen oder Brettern ins Wasser oder gar aus Flugzeugen stürzen? Oder hat sich in der Evolutionshistorie vielleicht der Weg von Mensch und Lemming gekreuzt? Wissenschaft, ich bitte um Aufklärung.
Wenn das Angebot des Hofes schließlich erschöpft war, gab es dann immer noch den nahe gelegenen Wald in dem man sogar Steine finden konnte, die glitzerten. Mineralogen mögen mir diese Ausdrucksweise bitte gnädigst verzeihen. Ich bin ja noch ein Kind.
Allerdings war die Zahl der Zimmer im Haus begrenzt, da auch noch mein Onkel nebst Familie dort wohnte. So kam es, das ich neben Oma im Bett meines Großvaters schlief. Zurückblickend mutet es etwas seltsam an, an der Stelle zu schlafen, an der mein Vater gezeugt wurde, aber solche Gedanken waren mir damals fremd. Überdies waren es eigentlich zwei getrennte, nebeneinander gestellte Betten und Oma schnarchte nicht und wollte auch nie löffeln.
Nun aber genug ausgeholt, wir begeben und direkt zu jenem verhängnisvollen Nachmittag, an dem ich in der Schafwiese hinter dem Hof meinen Fußball gegen eine Mauer kickte. Irgendwie musste ich es geschafft haben, den Argwohn des Bocks zu erregen. Wie genau, kann ich nicht sagen. Vielleicht hatte ich eine seiner Damen zu lange angesehen, eventuell gar gestreichelt oder gefüttert, ich weiß es nicht mehr. Genauer im Gedächtnis verankert hat sich der Moment, als mein Widersacher den Kopf senkte, auf mich lospreschte und mir seinen Kopf in den Bauch rammte. Ich hatte dem Angriff anfänglich nichts entgegenzusetzen, viel zu überrascht war ich über das unvermutete Aggressionspotential meines wöllernen Gegners. Zuerst begann ich zu weinen, merkte dann aber, dass dieses Verhalten den Feind nicht im Mindesten beeindruckte, und besann mich eines besseren. Ein Tritt in die Seite war wesentlich effektiver und zwang den Widersacher zur Flucht. Ich nahm die Verfolgung auf und setzte noch ein paar gezielte Tritte in das Hinterteil des Schafs. Nach einigen Metern musste ich davon ablassen, da ich die Geschwindigkeit nicht halten konnte und lief statt dessen zurück zum Haus.
Sie fragen sich jetzt sicher völlig zu Recht, wo denn meine Eltern zu diesem Zeitpunkt waren. Nun, mein Vater hatte das Treiben von der Terrasse aus mit einer Videokamera gefilmt. In den Jahren darauf wurde es mir dann mit schöner Regelmäßigkeit vorgeführt. Und wahrscheinlich kann man es sich jetzt von jener Geheimnisumrankten Eltern-Datenbank downloaden.
 

Ironbiber

Foren-Redakteur
Ich fühle mit dir

Na Jens – da hast du ein kleines Déjà-vu in mir ausgelöst. Auch ich bin in ländlicher Umgebung aufgewachsen und habe seither auch so meine klar definierten Feindbilder. Das sind vor allem mordgierige Kühe.

Im zarten einstelligen Altersbereich wurde ich von meinen Eltern gezwungen, den Ziehorgelunterricht in meiner kleinen Dorfschule zu besuchen. Der Weg dorthin ging immer quer über eine Kuhweide. Eine der Untiere ist mal im Schweinsgalopp auf mich zugerast um mich samt Quetschkommode in den fladenverseuchten Untergrund zu rammen. Kurz vor dem Zusammenstoß hat sie mein Schreien aber so irritiert, dass sie von mir abließ.

Seither habe ich aber, neben Spinnen und Dorfkötern, auch das Feindbild „Kuh“ und keine selbstinitiierte Angsttherapie konnte mit bislang von dieser Psychose heilen.

Deine Geschichte hat mich sehr amüsiert und mir die Tage meiner Kindheit ins Gedächtnis zurückgerufen. Dank dafür und liebe Grüße … Ironbiber
 

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