Kippa und Meskalin

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Er ist nur noch ein Bild aus ferner Vergangenheit. Nennen wir ihn David … Von Barry Graves hörte ich, er sei Kanadier. Er war neu in Berlin, doch Barry war schon gut informiert: „Er hat eine richtige Wohnung, keine Nissenhütte, sage ich euch. Und an der Tür steht sein eigener Name … Er bekommt jeden Monat einen Scheck von seinen Eltern.“

Abgesehen davon, dass er hübsch war, fiel er mir durch seine Kippa auf. Er ging nie ohne sie in die Bars. Ich fragte mich, was er damit ausdrücken wollte. War es eine Demonstration gegenüber dem Geburtsland seiner Eltern? Seht her, wollte er vielleicht sagen, ich bin ein junger Jude in Berlin, dreißig Jahre DANACH. Oder ging es ihm dabei um Profanation?

Näher begegnet bin ich ihm erstmals in einer Samstagnacht. Er sprach mich in einer Diskothek an und zog mich gleich in einen sehr gemischten Kreis hinein. Da gab es einen Schauspieler, nicht vom Fach und von einem jungen Filmemacher entdeckt worden. Der Meister hatte die Naivität des jungen Mannes geschickt ausgebeutet – und der kam nun mit seinem fragwürdigen Ruhm nicht zurecht. Einige Zeit später hat er sich umgebracht. Weiter erinnere ich mich an einen auf beklemmende Weise schrillen Dänen. Und dann war da noch eine englische alte Jungfer, angeblich Davids Schwester. Nun, Schwestern gibt’s gar manche … Sie war dicklich und würdevoll. Alle waren betrunken und genossen es momentan sehr. David war aufgekratzt lustig, von einer melancholisch-jiddischen Lustigkeit, wie eine Parodie auf den „Fiddler on the Roof“ in „Anatevka.“

Am Freitag darauf sah ich ihn in einer Bar wieder, deren Schmuddeligkeit, wie man heute sagen würde, Kult war. Ich ging zu ihm und begrüßte ihn mit gewissen Erwartungen. David erschien mir sehr verändert: fast unansprechbar, beinahe autistisch. Ich stand eine Weile verlegen bei ihm, dann kam ein Bekannter, der mit mir reden wollte. David ging schnell hinaus, ohne ein Wort zu sagen. Ich sah ihm hinterher, er schien mir neben seinen Stiefeln zu gehen.

Am Abend darauf: „Warum bist du gestern so plötzlich aufgebrochen?“ – „Ich hatte Meskalin genommen. Ich habe nur noch ein paar Meter weit sehen können.“ Und heute Abend sei er wieder im Kopf durcheinander, er habe Haschisch geraucht. Er trank auch wieder viel. Wir trennten uns in dieser Nacht nicht mehr, wir wechselten die Bar und gingen um zwei Uhr nachts in ein sehr gutes Lokal essen. Ich war etwas befangen, wollte nicht merken lassen, dass ich nach fünf Jahren in der Stadt noch immer ein wenig der Kleinbürgersohn aus der Provinz war. David hielt mich frei.

Er sprach angeregt über seine Verhältnisse. Ja, seine Eltern hatten Deutschland verlassen, ja, sie hatten kanadische Pässe … Und er hatte zehn Jahre in New York gelebt. Berlin mochte er nicht. - Warum er dann hierher gekommen sei? - Er wisse es nicht … Später kam heraus, er war hier befreundet und der Freund war gerade im Ausland. Er wolle zurück nach New York. Oder besser nach Spanien?

Im Vorraum seiner Wohnung empfing uns sehr verschüchtert ein junger Cockerspaniel. Das Hündchen war nicht stubenrein, es hatte Bad und Wohnzimmer an verschiedenen Stellen verunreinigt. David nannte es nur „stupid dog“ und schlug es häufig, immer auf den Kopf. Er wischte den Kot fort und schrie: „I have to pay for all!“ Danach rauchte er sein Haschisch-Pfeifchen. Für den Rest der Nacht wurde der Hund ins Bad gesperrt. Wenn er zwischendurch vor Langeweile winselte, ging David zu ihm und zog ihm wieder eins über. Es kam mir durchaus nicht sadistisch vor, es war brutale Stumpfheit, die mich entsetzte. Und am anderen Morgen nahm er ihn zu sich ins Bett und der Hund drückte sich an ihn …

Wir blieben bis zwei Uhr nachmittags liegen. Ich erlebte ihn erstmals ohne unmittelbare Wirkung von Drogen und Alkohol. Er war nun merkwürdig stumpf, eingeigelt und mürrisch. Seine Züge waren die eines noch sehr jungen Mannes, doch unter seinen Augen und auf den Wangen sah ich die Zeichen des Verfalls, von beginnender Selbstzerstörung.

Ich wollte ihn zum Frühstück zu mir einladen. Er lachte nur bitter: „Frühstück? Das ist für mich eine Zigarette und eine Flasche Bier.“

Er vermied es danach, noch einmal mit mir zu reden. Wir sind uns nur noch selten über den Weg gelaufen und bald schon war er auf Dauer verschwunden. Vielleicht ist er längst tot und vergessen. Er kam mir wieder in den Sinn, als ich neulich davon las, dass seinerzeit junge orthodoxe Juden in New York mit Meskalin experimentierten - auf der Suche nach spirituellen Erfahrungen.
 
A

Alberta

Gast
Eine verstörende und gleichzeitig interessante Schilderung einer Szenerie mit ihren suchenden und süchtigen Persönlichkeiten, dieser Normalität der Zerrissenheit, lieber @Arno Abendschön!
Sehr gerne gelesen, wenn auch das Erzählte nachdenklich stimmt.
Lieben Gruß, Alberta
 
Danke, Alberta, für deine Reaktion. Ja, ich finde das alles im Rückblick auch ziemlich verstörend. Düsternis gab`s also früher auch schon. Das Besondere an Westberlin damals war, dass diese individuellen Entgleisungen und Katastrophen sich auf kleiner, kammerspielartiger Bühne vollzogen. Alles war zugleich gruselig und intim. Man spielte New York, aber es war nur ein großes Dorf. Man muss dieser seltsamen Zwischenzeit nicht hinterhertrauern oder sich Legenden basteln (vgl. David Bowie).

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 
A

Alberta

Gast
Ich hatte einen von mir sehr geliebten (ungeouteten) schwulen Onkel Jobst, der in den 70ern nach Berlin zog und in einer, dem Rest der Familie unbekannten Szene sein Berliner Doppelleben führte ... wie bei diesem Text habe ich das Gefühl, ihn in meiner Phantasie begleiten zu dürfen - was er mir auch später, als ich wusste, dass er schwul ist, nicht gestattete. Bis zu seinem Tod (er starb an Aids) sprach er nicht darüber. Obwohl er wusste, dass ich es wusste ... Noch kurz vor seinem Tod besuchte ich ihn in Berlin, um ihn und seine Wohnung zu pflegen - und selbst da hat er mir verschwiegen, dass er Aids hat. Wieviel Angst muss dieser Mann gehabt haben, von uns, der Familie, abgeurteilt zu werden? Das macht mich heute noch traurig.
 
Danke, Alberta, für die Zusatzinformation. Sie verdeutlicht, wie sehr Westberlin für manche eine Art selbstgewähltes Exil war, eine familienfreie Zone. Die Meskalin-Episode hier spielt ja auch in den 70ern, eine Zeit zwischen euphorischem Aufbruch (68er!), Exzessen und Depressionen, dabei kulturell recht produktiv. Schon vor Aids waren Geschlechtskrankheiten ein großes Thema und Drogen natürlich auch.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

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