Klassenreise

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Abendschön fährt mit der Bahn in die Alpen. Es ist ein Schnellzug, der Urlauber in die Berge bringt. Zunächst bleiben die Plätze in seiner Nähe frei, sie sind erst ab Kassel reserviert. Dort schiebt sich eine Gruppe junger Menschen in den Wagen, mit Rucksäcken und Seesäcken, mit tragbaren Radios und Mobiltelefonen. Die meisten sind verwegen kostümiert, einer hat einen Schäferhut aus Filz mit superbreiter Krempe auf dem Kopf. Zwei Respektspersonen sind unter ihnen, eine dünne, farblose Frau in mittleren Jahren, auffällig unauffällig, und ein jovialer Endvierziger, etwas beleibt. Unschwer zu erraten: Das sind ein Lehrer und eine Lehrerin, sie begleiten die Abschlussklasse auf mehrtägiger Reise ins Gebirge.

Sie verteilen sich und ihr Gepäck geräuschvoll im Wagen. Dann wird es ruhiger. Ihre Musik ist nicht zu laut. Die Unterhaltung untereinander verläuft rege. Ein Ratespiel wird veranstaltet. Man besucht sich gegenseitig. Kleine Reibereien entstehen, Gehässigkeiten werden ausgetauscht. Hin und wieder wechseln zwei die Plätze. Die meisten jungen Männer trinken Bier aus Dosen, eins nach dem anderen. Zwei Flaschen, eine mit klarer, eine mit gefärbter Flüssigkeit, kreisen. Ein Teil der jungen Damen nippt daran, süffelt. Man kommt immer mehr in Stimmung. Doch es bleiben zum Glück manierliche Mittelschicht- und Kleinstadtkinder.

Der Lehrer macht regelmäßig mit Hallo die Runde. „Was macht ihr? Geht’s euch gut?“ Erkennbar für jeden wird er als Kumpel akzeptiert. Bevor er weitergeht, erklärt er noch einmal den weiteren Verlauf der Reise. Sie müssen in München umsteigen und am Schluss noch zwei Stunden zu einer Berghütte aufsteigen. Er hat das Programm im Kopf - und sie verlassen sich auf ihn.

Die Monotonie der Zugfahrt, die leise stampfende Musik, der Alkohol – all das erzeugt eine Atmosphäre besonderer Art. Sie werden stiller, versonnen. Denken sie daran, dass es ihre letzte gemeinsame Fahrt ist?

Vor Abendschön sitzt ein großer hübscher Brünetter, zugleich schlaksig und weich. Auch er ist angesäuselt und gesteht einem Kameraden, dass ihn nur Frauen ab dreißig interessieren. Allein mit ihnen habe er seine bisherigen Erfahrungen gemacht. Dabei sieht er wie ein melancholischer Clown aus: sehr beschäftigt mit der eigenen wundervollen Problematik. Und dann ist von der Mutter eines Schulkameraden die Rede, es ist eine verwickelte Geschichte. Mrs. Robinson, übernehmen Sie?

Der Zug biegt hinter Pasing auf die Umgehungsstrecke ein. Das tut er fahrplanmäßig, er fährt nie über München Hauptbahnhof, wo sie doch umsteigen wollten. Triumph guter Reiseplanung! Wann werden sie es merken?

Kurz vor der Isarbrücke ist es so weit. Lehrer und Lehrerin scheuchen auf einmal ihre Schützlinge auf: „Gleich kommt der Ostbahnhof! Wir müssen sofort raus und mit der S-Bahn zurück zum Hauptbahnhof!“ Den Anschlusszug werden sie trotzdem verpassen. Gemaule und Gejohle. Sie raffen alles zusammen, schleppen ihre siebenundsiebzig Sachen zum Ausgang.

Als Letzter steht dieser Liebhaber etwas reiferer Frauen von seinem Platz auf. Er trödelt und sieht noch zu Abendschön hinüber. Sie schätzen sich mit Blicken ab. Wie viel hat der Ältere vorhin mitbekommen? (Alles.) Rechnet der Jüngere mit Verständnis, mit Beifall gar? Er geht langsam und leicht schwankend zur Wagentür, noch einmal angetrieben vom Lehrer: „Mach endlich voran, der Zug fährt gleich weiter. Dann sitzt du bis Rosenheim drin.“

Und das war erst der Anfang ihrer Reise in die Alpen wie in das Leben überhaupt.
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Arno,

wie immer fein beobachtet und feinstens beschrieben. Ich mag diese Geschichten, und ich finde es immer wunderbar, was man bei längeren Bahnfahrten so alles erleben kann. Mir hat allerdings (auf derselben Strecke) vor einigen Jahren eine hyperaktive und sehr laute Schulklasse die Fahrt ziemlich verdorben.

Ich wünsche Dir für 2017 weitere schöne Reisen und viele Ideen für neue Geschichten. Guten Rutsch!

Gruß Ciconia
 
Herzlichen Dank, Ciconia. Auch dir alles Gute für 2017. Auf weitere Texte von dir freue ich mich. Ich lese alles von dir, auch wenn ich mich nicht immer melde.

Arno Abendschön
 
A

aligaga

Gast
In den doitschen Schulen gilt - unabhängig vom Alter der Schöler - ein generelles Alkoholverbot. Es erstreckt sich auch auf schulische Veranstaltungen außerhalb des Schulgebäudes, wie z. B. Klassenfahrten.

Ausnahmen von diesem Verbot können nur von der Leererkonferenz beschlossen werden und sind eine xtreme Ausnahme (z. B. ein Glas Sekt bei einer Abiturfeier). Das sich während einer Zugfahrt unkontrolliert mit Bier und Schnaps Volllaufenlassen gehört ganz klar nicht zu diesen Ausnahmetatbeständen.

Dass gleich zwei "aufsichtsführende" Leerkräfte ungerührt zusehen, wie sich ihre Schützlinge schon auf der Hinreise volltanken, gehört ganz klar in den Fantasy-Bereich.

Thränchen lachend

aligaga
 
Beiträge des letzten Kommentators hier beantworte ich grundsätzlich nicht.

Wen von den übrigen Lesern das Thema Alkohol interessiert, kann ja mal bei Google die Stichworte "alkohol klassenfahrt" eingeben. Da wird er viel Material über die Praxis und deren Bandbreite finden.

Arno Abendschön
 

nisavi

Mitglied
hallo arno,

mir gefällt an deinem text vor allem eines: der wohlwollende blick auf die mitreisenden.

wie schnell ist man (in der realität) versucht, das verhalten der jungen leute zu verurteilen oder zu kritisieren. wie schnell werden die lehrer für das benehmen der jugendlichen zur rechenschaft gezogen.

(@aligaga: der öffentliche konsum von alkohol ist jugendlichen UNTER 16 jahren verboten. jugendschutzgesetz § 9. klassenfahrt hin oder her. anwesenheit von lehrern hin oder her. ich habe außerdem den eindruck, dass die jungen leute in abendschöns text älter sind. abiturienten in meiner vorstellung.)

lg
n
 
A

aligaga

Gast
Bevor hier über Alkohol auf Klassenfahrten weitergebrabbelt wird: Einschlägig ist im vorliegenden Phalle nicht das Bundes-Jugendschutzgesetz, sondern sind die Schulgesetze. Und die sind Ländersache.

In Hessen und in Bayern ist Alkohol bei Schulveranstaltungen grundsätzlich auf dem Index.

Was die "Moderation" wohl dazu bewogen haben mag, @alis sachliche Kritik an dem oberflächlichen Texterl in die "spontanen Leseeindrücke" zu verschieben? Hält sie Saufen auf Klassenfahrten für eine "literarisches" Moment?

Na, dann prost!

Kopfschüttelnd

aligaga
 
Danke, nisavi, für die Unterstützung. Ja, es war wohl die Abschlussklasse. Ich habe das mit der Formulierung von der letzten Fahrt anzudeuten versucht.

Dass Alkohol in diesem Zusammenhang problematisch sein kann, war mir bis heute Nachmittag gar nicht bewusst. Diese Fahrt hier fand entweder 2000 oder 2002 statt. Womöglich war man da noch etwas liberaler. Die Auswüchse und die Reaktionen darauf kamen erst in den Jahren seither. Auf meiner eigenen Abschlussklassenfahrt (1967), auch nach Bayern, war Alkoholkonsum problemlos möglich. Wir tranken schon am ersten Abend in einem Dorf am Wörthsee, aufgrund der hohen Preise allerdings nur wenig.

Im Netz erfahre ich, dass sich heutzutage manche Lehrer vor Klassenfahrten dadurch absichern, dass sie sich Erklärungen der Eltern geben lassen, wonach ihre Kinder Alkohol konsumieren dürfen.

Ich versichere, dass die Details hier im Text authentisch sind. Was hier heute dagegen zu unternehmen versucht wurde, rangiert auch unter Political Correctness. Es ist nicht mehr erlaubt, die Welt so zu zeigen, wie sie einem begegnet. Dagegen werde ich allerdings weiter anschreiben.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 
A

aligaga

Gast
Ich versichere, dass die Details hier im Text authentisch sind. Was hier heute dagegen zu unternehmen versucht wurde, rangiert auch unter Political Correctness.
Hihi - der ist wieder mal ganz besonders gut!

Wie kinderfreundlich doch, dass sowohl in Bayern als auch in Hessen schon kurz nach dem zweiten Weltkrieg ebenso kultusbürokratisch wie abschließend erkannt wurde, dass Suff und Klassenfahrten aus pädagogischer Sicht nicht in Übereinststimmung zu bringen seien.

Wenn sich der Autor hier auf eine authentische Lustfahrt beruft, dann sollte er deutlich machen, um welche es sich damals wirklich gehandelt haben könnte. Vielleicht war er ja mit im Zug, als sich die Fans von Wehen Wiesbaden im November 2008 nach München soffen, um sich mit dem TSV 1860 München zu messen?

@Ali hat hier nichts "unternommen", was von einer missliebigen Moderation zu auszublenden wäre. Er hat lediglich Tatsachen bemüht, und er geniert sich nicht, dazu zu stehen, dass Suff und schulische Veranstaltungen sich grundsätzlich ausschlössen.

Kopfschüttelnd

aligaga
 

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