Kommissar Platte

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Auch für mich wäre es sicherlich von Vorteil, wenn ich meinen Lebensweg um einige Stationen zurückgehen könnte, um mit ein paar neuen Teilzielen zu beginnen.
Veronika, sie verließ mich vor gut zwei Jahren wegen eines Jüngeren, hat mich kürzlich angerufen und wollte es noch einmal mit mir probieren. Das mit ihrem jungen Verehrer sei wohl nur eine verspätete Jugendsünde ihres Liebhabers gewesen.
Nach dem Telefonat habe ich lange gezögert. Immerhin hatte ich mit Veronika über zehn Jahre keineswegs unglücklich zusammengelebt. Ich erbat mir von ihr Bedenkzeit.
Nach der letzten Begegnung mit Gerd schrieb ich ihr allerdings einen Brief, der nach wenigen Zeilen mit der Feststellung endete, es habe wirklich keinen Zweck mehr. Wirklich nicht!

Gerd hieß auch Gerd aber eigentlich Winfried und machte seit gut einem Jahr Platte.
Für manche, die seine Geschichte kannten, war er Kommissar Platte. Und die Platte war für Eingeweihte der weitläufige, aber öde Platz rund um den Hauptbahnhof.
Denen, die Gerd nicht kannten, galt er als alter Penner, der am Hauptbahnhof bettelte, um sich von seinen Einnahmen vor allem billigen Rotwein zu kaufen.
Von jenen, die ihn nur vom Bahnhof kannten, ließ er sich Gerd rufen, denn Gerhard war tatsächlich einer seiner drei Vornamen, mit dem ihn in seinem bürgerlichen Vorleben allerdings niemand gerufen hatte.

Ex-Polizeihauptkommissar Winfried Maximilian Gerhard Wallmann hatte auf einem Teil des Bahnhofsvorplatzes sein öffentliches Wohnzimmer sowie einen Geschäftsraum und in einer der Unterführungen hinter dem Bahnhofsgebäude sein Schlafzimmer.
Brachte die Bettelei zu wenig, klaute er in umliegenden Supermärkten Rotwein in jenen großen Zweiliterflaschen, von denen er täglich bis zu drei austrank.
Wie er die Flaschen an den Kassiererinnen vorbei schmuggelte, verriet er keinem. Erwischt wurde er bis dahin nicht.
Kommissar Platte trug Vollbart. Wie bei Pennern unüblich, kurz und gepflegt. Sein volles Haupthaar war rechts gescheitelt und mit Wasser zu einer furchenreichen Frisur gekämmt.
Am Nebeneingang des Hauptbahnhofs hockte er ab Mittag auf dem Boden - zwischen seinen Beinen ein Pappschild mit exakt gemalten großen roten Druckbuchstaben: „Obdach- und arbeitsloser Beamter bittet um Spenden“. Und in kleinerer Schrift stand darunter: „Großzügige dürfen gern mehr geben.“
Lange Zeit kamen Großzügige vorbei, zumeist ehemalige Kollegen, die ihn zum Schein kontrollierten, um ihm dabei schnell und unauffällig eine Fünf-Euro-Note zuzustecken.
Doch da Polizeibeamte öfter in andere Reviere versetzt werden, blieben großherzigere Spender allmählich aus.
Nur ein Kollege in Zivil kam noch einmal die Woche und brachte ihm gelegentlich sogar ein Fresspaket mit.
Genau der Kollege habe, so wussten Mitpenner am Bahnhof, dem Gerd die Frau ausgespannt.
Nachdem sie sich wegen ebendieses Kollegen vor knapp drei Jahren von ihm trennte, fing Bernd das Saufen an, verlor seinen Job bei der Polizei und schließlich seine Wohnung. Alles in gerade einmal zwei Jahren.
Seitdem verbrachte er Tage und Nächte am Bahnhof, der zu dem Gebiet gehörte, in dem er einst mit Kollegen Streife lief.

Ich heiße übrigens auch Gerd und fuhr an Arbeitstagen wenige Minuten nach Ende meines Innendienstes gegen 17.00 Uhr vom Hauptbahnhof zu einer nahegelegenen Kleinstadt, in der Veronika und ich einst ein Eigenheim mit großem Garten gekauft hatten.
Wenn ich über die Platte ging, glaubte ich immer wieder einmal Veronika in der Menge zu entdecken, rannte auf sie zu oder hinter ihr her, um jedes Mal festzustellen, dass die verfolgte Blonde doch eine andere war.

Da ich Gerd in einem Anfall von mir selbst unerklärlicher Großzügigkeit an einem Freitag vor meinem Urlaub einen Zehn-Euro-Schein in seinen fettigen Bic-Mac-Karton geworfen hatte, grüßte er, sobald er mich kommen sah.
Er sah mich jeden Tag, an dem ich nach Feierabend auf dem Bahnhofsvorplatz auftauchte und meine Geldbörse zückte, um ihm einen Euro zuzuwerfen.
Am letzten Montag hockte auf seinem Platz eine barfüßige Dunkelhaarige mit einem Baby auf dem Arm und hielt mir jammernd die rechte Hand entgegen.
Da ich den Euro für Gerd schon in der Hand hatte, gab ich ihn der Frau und fragte sie, ob sie eine Ahnung hätte, wo Gerd sich aufhalte.
Sie verstand mich nicht.
Ein Junge, der offenbar auf den Strich ging, lächelte mich an. „Im Krankenhaus. Gab gestern ´ne Schlägerei. Hat ziemlich geblutet. Am Kopf.“

Das katholischen Marienkrankenhaus lag nur wenige Minuten Fußweg vom Bahnhof entfernt.
Gerd trug einen Kopfverband, sah mich lächelnd an und gab sich, als hätte er meinen Besuch erwartet.
Zunächst sah ich ihn schweigend an. „Was ist passiert?“
„Wollte das Geld von dem Kerl nicht mehr. Und als er mir von seiner, nein, von meiner Frau erzählte, hab ich zugeschlagen. Der Dreckskerl konnte noch zurückschlagen…!“
Gerd fasste sich an den verbundenen Hinterkopf.
„Jetzt bin ich seit zwei Tagen hier und will wieder raus. Kannst du mir keinen Wein besorgen?“
Ich schüttelte den Kopf. „Bist auf Entzug, was? Neh, Alkohol im Krankenhaus geht gar nicht!“
„Und warum nicht. Was meinst du denn, was ich von dem Geld, das du mir gespendet hast, sonst gekauft habe?“
„Ja, natürlich gesundes Essen. Oder?“ Ich lachte. Er lachte mit, verzog sein Gesicht und griff sich wieder an den Hinterkopf.
„Holst du mir jetzt ne Flasche?“
Als ich wieder den Kopf schüttelte, richtete er sich auf und brüllte: „Was willst du hier. Dann hau doch ab.“
Zögernd stand ich auf.
„Ja, hau ab!“ Er drehte mir den Rücken zu. Am Hinterkopf war sein Verband durchgeblutet.

Am Freitag, lehnte ich mich unweit des Bahnhofsnebeneingangs an einen Laternenpfahl. Gerd tauchte nicht auf. Der Strichjunge lächelte ältere Männer an, ging auf und ab und kam schließlich auf mich zu. Seine Zeichensprache war eindeutig. „Blasen oder von hinten?“
Ich zeigte ihm einen Vogel. „Hast du Gerd gesehen?“
„War gestern kurz hier. Ham ihn beim Rewe mit zwei Flaschen erwischt.“
„Und wo ist er jetzt?“
Der Stricher zuckte mit den Achseln.
„Hier“, brummte jemand hinter mir.
Gerd trug immer noch einen Kopfverband. „Die Kollegen Bullen haben mich laufen lassen. War ja eigentlich auch nur Mundraub!“ Lachend entblößte er seine gelben Zähne. „Hast du mal nen Euro für mich!“
„Neh! Mir ist auch die Frau abgehauen. Und sitze ich etwa hier am Bahnhof?“
Ich versuchte ihm in die trüben Augen zu sehen. Er wich meinem Blick aus. Wütend schob ich ihn ein Stück von mir weg, zückte mein Portemonnaie, nahm einen Zehn-Euro-Schein heraus und hielt ihn Gerd hin. Als er zugreifen wollte, zog ich den Schein weg, um ihn ihm schließlich doch zu überlassen.
Jetzt sah er mich grinsend an. „Ich weiß nicht, wenn du hier Geld schnorren müsstest, ob ich dir dann was geben würde. Ich weiß es wirklich nicht.“
Nickend murmelte ich: „Werde Veronika schreiben, dass ich nicht mehr will.“
Gerd sah mich immer noch an. „Was hast du gesagt?“
„Geht dich nichts an!“
 

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