Kontinentgrenze

Michele.S

Mitglied
Unser Stellplatz war ganz im Süden Andalusiens. An klaren Tagen konnten wir die afrikanische Küstenlinie andeutungsweise erkennen. Es war ein einfacher Betonplatz mit ein paar wenigen Bäumen, die Schatten spendeten. Hinter unserem Platz zogen sich endlose Sonnenblumenfelder bis zum Horizont, die allerdings hier und da von übergroßen, kitschigen Stierfiguren aus Hartplastik durchzogen wurden. Es war Ende April, aber die Temperatur hatte schon knapp die Marke überschritten, ab der es für einen Mitteleuropäer anfing, unangenehm zu werden. Das Meer hingegen war noch eiskalt. Da war es nicht verwunderlich, dass wir die einzigen Deutschen auf dem Platz waren. Um uns herum nichts als schwarzäugige Spanier, die sich in ihrer schnellen, eindringlichen Landessprache unterhielten.
Wir hatten unser Wohnmobil unter einem der hohen mediterranen Bäume abgestellt und unsere Campingtische und Stühle ausgeklappt.
Wir mussten sehr eng beieinandersitzen, wenn alle im Schatten bleiben wollten. Ich roch die Sonnencreme meiner Mutter. Ein herrlich fruchtiger Geruch nach warmer Haut.
Es war später Vormittag, aber meine Brüder und ich waren bereits bei unserem zweiten Bier.
„Die Zigaretten kosten hier nur 4,50 € die Packung, und zwar für alle Marken, nur Marlboro kostet 5 €“, sagte Markus, mein jüngerer Bruder.
Ich genoss das Kitzeln einer Ameise, die über meinen nackten Fuß krabbelte, und sagte: „Das ist schon geil.“
Markus drehte sich kurz um, wahrscheinlich um zu sehen, ob unsere Eltern in Hörweite waren, und fügte dann hinzu: „Theo und ich haben auf dem Hin- und Rückweg so viele brutale Spanierinnen gesehen, das ist so krass, so ein Unterschied zu Deutschland.“
„Ist echt so“, sagte Theo bestimmt.
Ich legte ein Bein übers andere und sagte nichts dazu.
Später gingen wir zum Strand.
Unsere Mutter hatte darauf bestanden, dass wir die stärkste Sonnencreme benutzten, weil sie große Angst vor Hautkrebs hatte, besonders wenn es um ihre Kinder ging.
Um an den Strand zu kommen, mussten wir eine frisch geteerte Straße überqueren. Mir war ein wenig schwindlig, aber das war angenehm. Das Problem war nur, dass ich pinkeln musste. Der Sandstrand war unerträglich heiß unter meinen nackten Füßen. Aber ich musste schnell ins Meer, es war dringend. Das Wasser war eisig. Ich watete so weit ins Wasser, bis es meinen Bauchnabel erreichte. Dann ließ ich alles raus. Eine Welle ging mir bis zur Brust, und das reichte mir, um zu wissen, dass ich heute nicht schwimmen würde.
Aber am Strand war es angenehm, es wehte ein leichtes Lüftchen. Meine Brüder und ich ließen uns einfach auf eine feuchte Stelle des Sands fallen und lagen da einige Minuten lang, ohne zu reden. Es war sehr ruhig hier.
Dann hörte man aus der Ferne eine Stimme:
„No, Papa, solamente aquí!“
Ich konnte nicht sagen, ob es eine männliche oder eine weibliche Stimme gewesen war. Ich blickte in Richtung der Stimme und sah aus der Entfernung eine schlanke Gestalt, die wohl ein paar Zentimeter kleiner war als ich selbst. Jetzt sprang sie ohne zu zögern ins kalte Meer. Aus diesem Lichtwinkel war ich mir ziemlich sicher, dass es ein Jugendlicher war. Er schwamm eine Weile in kräftigen Stößen den Wellen entgegen. Dann stapfte er langsam zurück zum Strand und legte sich ohne Handtuch auf den Sand, um sich von der Sonne aufwärmen zu lassen.
„Hier ist nichts los, lass mal mehr da nach hinten gehen“, sagte ich beiläufig.
Meine Brüder hatten nichts dagegen. Schließlich erreichten wir die Nähe des Jugendlichen, und ich legte mein Handtuch in einiger Entfernung von ihm ab. „Hier ist doch ein guter Platz“, meinte ich.
Jeder von uns öffnete sich ein Beck's. Ich betrachtete die Person, deren Stimme ich vorher gehört hatte. Ich konnte absolut nicht sagen, ob es ein Junge oder ein Mädchen war. Sie trug ein weites T-Shirt. Gut möglich, dass sich darunter Brüste verbargen. Sie hatte ziemlich kurze, dunkelblonde Haare, sah aber dennoch spanisch aus. Jedenfalls nicht deutsch. Ich trank ein paar Schluck Bier und warf der merkwürdigen Person immer wieder einen Blick zu. Nach einer Viertelstunde packte sie aber ihre Sachen zusammen und verließ zusammen mit ihrem Vater den Strand. Dabei kam sie direkt an unserem Platz vorbei.
"Buenos Dias", sagte ich.
Sie wurde etwas rot, senkte den Blick und antwortete nicht. Als die beiden außer Hörweite waren, fragte Theo: „War das grade ein Junge oder ein Mädchen?“
„Wer?“, antwortete ich.
Ich freute mich darüber, dass es ihm aufgefallen war.


Später saßen wir im Wohnmobil und aßen zu Abend. Während das Essen zubereitet worden war, hatte ich hinten auf dem Bett gelegen und dem gleichmäßigen Geräusch der vorbeifahrenden Autos gelauscht. Die Luft im Wohnmobil hatte nach Kochgas gerochen. Ich hatte mich angenehm müde gefühlt. Nach dem Essen fragte ich meine Mutter, als mein Vater gerade draußen war: „Könnte ich heute zum Schlafen 'ne Zolpidem bekommen?“
Ich schluckte die Tablette und notierte mir die genaue Uhrzeit, zu der ich sie genommen hatte. In zehn bis fünfzehn Minuten würde die Wirkung einsetzen. Ich ging noch mal nach draußen. Die Temperatur war jetzt sehr angenehm, und es wehte ein leichter Wind, der die Bäume rauschen ließ. Ich schaute nach oben zu den Blättern. Sie wirkten jetzt viel lebendiger, als würden sie wachsen und sich zu faszinierenden Formen zusammenschließen. Der Wind blies mir herrlich ins Gesicht. „Der Wind kommt vom Meer und verbindet Raum und Zeit“, dachte ich. Dann meinte ich, in den Blättern die Form eines Gesichts zu erkennen. Es war das Gesicht des Jugendlichen von vorhin am Strand. Ich schaute ganz genau hin und kniff dabei die Augen zusammen. Das Gesicht war verschwunden.
„Wenn jemand gleichzeitig Junge und Mädchen ist, dann ist er zwei Menschen auf einmal, und das bedeutet, dass er niemals jemand anderen braucht“, ging mir durch den Kopf. Der Gedanke machte mich traurig. Dann dachte ich noch: „Ich werde ihn oder sie Andrea nennen.“ Danach fühlte ich mich bereit fürs Bett und trat zurück ins Wohnmobil, wo nur noch mein Vater wach war und unter einem kleinen Lämpchen sein Buch las.


Am nächsten Tag lief ich alleine zum Strand, zur selben Uhrzeit wie gestern. Es war kühler geworden und der Himmel war bedeckt. Die Farben der Landschaft waren jetzt nicht mehr grell, sondern angenehm gedämpft. Auch der Sand war heute nicht mehr heiß. Ab und zu trat ich auf kleine, harte Muscheln.
Ich hatte nur ein Handtuch, eine Dose Sprite und meine Taucherbrille dabei, keinen Rucksack. Ich blickte den Strand sorgfältig in beide Richtungen ab. Dann wandte ich mich nach links und ging ein paar Minuten ganz nah am Meer entlang, wo der Sand glatt und fest war. Ich ging mit federnden Schritten und es war eine Freude, zu laufen. Irgendwann merkte ich, dass ich am Platz von gestern bereits vorbeigegangen war.
Ich blieb stehen und bohrte mit meinen Zehen Löcher in den Sand. Ich beschloss, ins nächstgelegene Strandlokal zu gehen. Dort bestellte ich ein Glas Weißwein und setzte mich an einen Einzeltisch, von dem aus ich den Strand gut im Blick hatte. Ich trank den Wein sehr langsam und ließ meinen Blick zwischen Strand und Lokal hin und her wandern. Ich sah die Frauen im Lokal mit ihren hohen Stöckelschuhen, ihren kleinen Handtäschchen und ihrem Make-up. Ich sah die Männer mit ihren kräftigen, tätowierten Oberarmen. Sie saßen breitbeinig auf ihren Stühlen und redeten und lachten sehr laut.
Ich wandte mich von ihnen ab und schaute jetzt nur noch zum Strand hin. Überall halbnackte Körper, manche wohlgestaltet, andere weniger.
Irgendwann bemerkte ich jemanden, der irgendwie anders ging als die anderen, bewusster und vorsichtiger. Es war Andrea. Ich legte schnell einen 5-€-Schein unter mein noch halbvolles Glas und verließ das Lokal.
Ich ging rasch über den Sand und ließ meine Augen konzentriert schweifen, als suche ich einen geeigneten Platz. Dann blieb ich stehen, streckte mich und legte mein Handtuch etwa fünf Meter neben Andreas Platz. Ich blieb noch ungefähr zehn Minuten liegen, mit halb geschlossenen Augen, als würde ich dösen und betrachtete sie dabei heimlich ununterbrochen. Andrea hatte graublaue, große Augen und dichte Augenbrauen. Der Mund war dünn geschnitten, aber der Kiefer war eher weich. Die Haut wirkte milchig, aber nicht blass. Auch heute trug sie ein großes T-Shirt. Sie war sehr dünn und ihre Figur wirkte zerbrechlich. Schließlich stand ich auf, gähnte laut und sprang dann ohne zu zögern ins eiskalte Meer. Es war zuerst ein kleiner Schock, aber dann fühlte ich mich wach und belebt. Ich schwamm eine Runde parallel zum Strand und wieder zurück. Ich konnte jetzt sehen, dass Andrea nun ebenfalls im Wasser war und aufs offene Meer hinausschwamm. Wenn ich mich jetzt etwas beeilte, würden wir uns vielleicht treffen. Ich schwamm so schnell ich konnte. Als ich nur noch zwei Meter von Andrea entfernt war, hörte ich auf zu schwimmen und ließ mich senkrecht ins Wasser abtauchen, so als wollte ich die Wassertiefe feststellen.
Als ich wieder auftauchte, rief ich laut: „Ah! Shit!“
Andrea drehte sich zu mir um.
„What happened?“
Ich hörte den spanischen Akzent in ihrer eigenartig verschleierten und belegten Stimme.
„I stepped on something on the ground. It hurts a bit", sagte ich und wusste nicht, ob ich vielleicht zu laut oder zu leise gesprochen hatte.
„Oh dear!“ sagte Andrea und lächelte mich an.
Auch ich versuchte zu lächeln, aber es kam nur ein verzerrtes Grinsen dabei heraus.
"You're German?" hörte ich sie jetzt sagen.
„How do you know?“ fragte ich sie.
„Your accent.“
Dann drehte sie sich um und wollte weiterschwimmen.
Ich rief ihr noch hinterher: „What's your name?“
Aber das hörte sie anscheinend nicht mehr.
Ich blieb noch ein paar Minuten im Wasser, dann wurde mir kalt und ich schwamm in kraftvollen Stößen zurück zum Strand. Ich wollte meine Taucherbrille holen, weil ich wissen wollte, ob es hier Fische gab.
Während ich über den Strand lief, dachte ich: „Schade, dass einem sowas nicht öfter passiert.“
Ich drehte mich noch einmal zum Meer um.
Aber Andrea war untergetaucht.
 
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