Konzert für Fischstäbchen

Eigentlich sollte die Überschrift sein: Buchempfehlung „Das Fischkonzert“ und eigentlich kurz und knapp werden, aber dann kamen mir noch so viel Einfälle, dass sich das verselbstständigte.

Sonnabend zweiundzwanzig Uhr. Im Fernsehen nichts. Auf Netflix nichts. Mit einmal kam mich das Bedürfnis an, mal wieder „Das Fischkonzert“ zu sehen. Diesen Film hatte ich zuvor nur ein Mal gesehen. Da war ich zwölf. Meine Mutter war bei Nachbarn und ich konnte ausnahmsweise nach acht Uhr Fernsehen kucken.
Wir hatten zu Hause nur ein Programm. Also keine Schwierigkeiten bei der Auswahl, da keine Auswahl vorhanden war.
Zu meinem Kummer, wann hatte ich schon mal mit zwölf die Gelegenheit, abends Fernsehen zu kucken, kam eine Geschichte über einen Jungen, der in einem Dorf bei seinen Großeltern lebte. Liebesgeschichte wär mir lieber gewesen. Sehr düster. Alle im Dorf warteten auf einen geheimnisvollen Sänger, der im Ausland lebte und nie zu Besuch kam, da er immer anderweitig verhindert war.
Langsam wurde mein Interesse wach. Ich fing Feuer und hoffte inständig, dass meine Mutter sich verspätete.
Was sie auch tat, da dort bei den Nachbarn Schnäpschen getrunken wurden. Als sie dann doch kam, hatte sie so gute Laune und war so mit Klatsch und Tratsch angefüllt, dass sie mir großzügig erlaubte, den Film, der sehr lang war, bis zum Ende zu sehen.
Ich war hin und weg und habe ihn nie vergessen, konnte aber auch nicht rauskriegen, wie er hieß. Wir hatten kein Fernsehprogramm.

Später, mit sechzehn, fiel mir mal ein Buch von Halldor Laxness in die Finger. In der Libary von dem Dorf, in dem ich in der Lehre war. Von ihm kannte ich bisher nur die Islandglocke. Ein Buch, dass meiner Mutter vom Buchclub 65 gesandt wurde, der jeden Monat ein neues Buch schickte. Die Handlung kam mir bekannt vor. Dadurch erfuhr ich, dass der Film, den ich vor Jahren gesehen hatte, eine Literaturverfilmung war.

Er ist von Dreiundsiebzig erzählte mir das World Wide. Damals haben die Wessis, ein Volk, mit dem ich vereinigt worden bin – England wär mir lieber gewesen, da gibt es bessere Musik und schönere Männer -, ja noch richtig Filme gemacht. Man staune. Der Regisseur ist ein gewisser Rolf Hädrich. Das Filmemachen haben wir wohl verlernt. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Dagegen damals in den Siebzigern hat Faßbinder sein Unwesen getrieben – liebe ihn -, Schlöndorff drehte 65 den Jungen Törless, genial, und Ende der Siebziger die Blechtrommel und eben dieser R.Hädrich stand auch hinter der Kamera.

Ich hatte vorher schon versucht, diesen Film irgendwo zu ergattern. Was mir nicht gelungen war. So versuchte ich es einfach noch mal aber mit wenig Hoffnung. Was sich als ein Irrtum entpuppte. Waren doch beide Teile auf you-tube kostenlos anzuschauen.

Der Sonnabend war gerettet. Das süßliche Netflix-Zeug hing mir schon so zum Halse raus, dass es ein Labsal war, mal wieder was Vernünftiges zu sehen. Cameron Dias musste ohne mich in Las Vegas einen Mann erobern.
Wie fühlt sich eine gute Schauspielerin wie sie eigentlich, wenn sie immer nur von ihr wollen, dass sie heiratswütige Frauen spielt? Damen, denen an nichts weiter was dran liegt, als sich einen Mann zu kapern. Und sie selbst ist jemand, der sein eigenes Geld verdient, seine eigene Karriere verfolgt.

Na, ja, vielleicht gibt es ja eine Neuverfilmung von Halldor Laxnesss Fischkonzert in ein paar Jahren, wenn sie so alt ist, dass sie die Großmutter spielen kann. Für das mollige Mädchen, die jugendliche Heldin in dem Film, ist sie dann doch nicht mehr jung genug. Wenn man manchmal so liest, dass wieder eine Aktrice verstorben ist, denke ich immer: „Sie hat bloß Mist gespielt“ undstelle mir vor, wie sie vor das Himmelstor tritt und der, der davor sitzt, sie fragt: „Was hast du gemacht?“ und sie antwortet darauf: „Ich habe jahrelang zur festen Besatzung vom Traumschiff gehört und Kommissarinnen habe ich auch noch jede Menge gespielt, neben Gastrollen bei „Förster Falkenau“.

Dann ist seine Antwort doch bestimmt: „Du hast dich verlaufen und bist falsch. Du musst die Straße nehmen, die Highway to hell heißt. Immer der Nase nach.
Auf ihre erstaunte Frage: "Was habe ich verbrochen?", erfolgt die Antwort: "Der Grund ist, dass du dazu beigetragen hast, die Fernsehprogramme mit verlogenem Quatsch zu überschwemmen. Und mit den unsäglichen Kriminalfilmen, die heute inflationär produziert werden, hast du bestimmt in manchem potentiellen Psychokiller irgendwas zum Leben erweckt, was besser im Verborgenen weitergeschlummert hätte."

Der Film - er spielt in Island - den ich Jahrzehnte nicht gesehen hatte, gefiel mir noch genau so gut wie mit zwölf.
Worum geht es überhaupt in - jetzt wollte ich gerade Filmkunstwerk schreiben, verkneife es mir aber, weil das ein sicherer Garant dafür ist, dass das niemand kuckt – diesem Streifen? Hört sich weniger gefährlich an. Bei diesen sogenannten Kunstwerken besteht ja meist Einschlafgarantie.

Die Handlung ist schnell erzählt – wollte ich gerade schreiben, aber ist sie natürlich nicht. Ein älterer Mann und eine Frau, die auf dem Brekkukothof wohnen, nehmen alle auf, die ihnen zulaufen. So auch den kleinen Jungen, als er noch ein Baby war. Der Großvater ist so was ähnliches wie ein Heiliger, ohne einem Glauben anzuhängen.

Eine Frage ist: Warum hat mich dieser Film tief beeindruckt?
Wahrscheinlich imponierten mir diese Leute so sehr, weil sie genau das Gegenteil von meinem Großeltern waren. Zur Information: Witwer, Vater von meiner Mutter, hatte Witwe geheiratet. Beide hatten sie ihre Ehepartner durch den Krieg verloren. Er besaß ´ne Tochter, die studierte, sie einen Sohn, der Lehrling war.

Nicht nur, dass sie niemanden durchfütterte, wie die Großeltern auf dem Brekkukot, bei meiner Oma herrschte ein bis zum Exzess getriebener Geiz. Ihr habe ich mein Großzügigkeit zu verdanken, da ich mit Geiz so schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Oder besser gesagt: rabenschwarze.

Man muss aber auch Verständnis für meine Oma haben. Sie hat ihren Vater früh verloren, und sie waren zu Hause acht Geschwister. Das entschuldigt aber nicht alles. Wie oft musste ich, wenn ich in den Ferien dort war, mit meiner Oma zurück in den Fleischerladen gehen, in dem ich gerade zweihundert Gramm Leberwurst für das Abendbrot gekauft hatte.
Meine Oma besaß in der Speisekammer eine Waage mit Gewichten und fand heraus, dass einige Gramm fehlten. So zerrte sie mich an der Hand in den Laden, wo die Verkäuferin nicht wusste, was ihr geschah. Ich wäre vor lauter Peinlichkeit am liebsten unsichtbar geworden.
In diesen Laden musste ich übrigens noch öfter, wobei ich immer sehr unfreundlich bedient wurde. Sie hatten den Auftritt nicht vergessen.

Eine andere Geschichte, die mich zu Großzügigkeit erzog, war die mit den Fischstäbchen. Ich sollte in der Halle zwei Päckchen davon kaufen. Damals war ich vielleicht zehn. Als ich sie auf dem Küchentisch packte, erstarrte meine Oma. Ich hatte statt zwei kleinen zwei große gekauft. Es gab keine anderen. Das war eindeutig zu viel.
Meine Oma besaß aus Sparsamkeitsgründen keinen Kühlschrank und einen Eisschrank erst recht nicht. Ich wurde mit einem Päckchen Fischstäbchen zu der Halle zurückgeschickt. Natürlich nahmen sie kein Gefriergut zurück. Mein Lage wurde immer auswegloser. Wieder zurück zu Oma.
Der nächste Versuch galt einer Tante, die an die Achtzig ging. Vielleicht hatte sie Appetit auf Fischstäbchen? Aber auch sie drehte jeden Pfennig dreimal um und hatte für das nächste Mittagessen schon Bratwürste gekauft. Eigentlich hätte sie mir ja den Gefallen tun können, denn sie kannte meine Oma. Die Stäbchen waren sehr billig wie alle Lebensmittel bei uns im Osten, die staatlich gestützt wurden.
Verheult lief ich durch die Stadt. Ich hatte immer angenommen, dass diese Tante mich mochte. Mir wurde klar, dass das ein Irrtum gewesen war. Ich kam mir von allen verlassen vor.

Auch bei meinem Großvater konnte von Gütigkeit keine Rede sein. Er hatte seiner einzigen Tochter nie verziehen, dass der Vater ihres Kindes, ich, verheiratet war und ignorierte mich. Auf ihn braucht ich nicht zu hoffen im Fischstäbchenstreit. Meiner Oma widersprach er nie. Er ist der erste schwache Mann gewesen, der mein Leben streifte. War aber nicht der letzte. Schwache sind oft gefährlicher als welche, die wirklich schlecht sind.

Meine Rettung war mein Onkel, der Sohn meiner Oma. Er kam mit dem Auto vorbei und brachte drei seiner Kinder mit. So wurden die Fischstäbchen doch noch alle, sind mir aber lange im Gedächtnis geblieben. Ein frühes Trauma. Hat mir einen abartigen Hass gegen Geiz eingebracht. Vielleicht muss man die Geizigen verstehen, aber ich mag sie nicht. Auch der Geiz entspringt Erlebnissen in der frühen Kindheit.

Und das merkwürdigste kommt ja noch: Ausgerechnet unter meinen Kumpeln in der Hippieszene lernt ich die größten Geizhälse over kennen. Meine Oma konnte ich ja noch verstehen, da sie wirklich kein einfaches Leben hatte. Was Leute, die ich für Freunde hielt, aber für peinliche Auftritte hinlegten, wenn sie ein Bier mitbezahlen sollten, da ich kein Geld mehr im Portemonaie hatte, konnte ich nicht nachvollziehen. Oder dass es auf Geburtstagsfeten nur Brot und Schmalz gab und auch das nur nach energischem Nachfragen der Gäste. Denn Bier macht bekanntlich hungrig.
Und ausgerechnet die Geizigen versuchen sich überall durchzuessen. So war meine Oma nicht. Sie war zwar knauserig, aber mit Geld war sie korrekt.

Und diese Brekkukotleute, Großvater und Großmutter, verschenkten, was sie besaßen. Einmal bestahl ein Dieb sie, wurde vom schlechten Gewissen gepackt und brachte das Diebesgut zurück. Der Großvater verzieh ihm nicht nur, sondern gab ihm das geklaute Zeug, einen Sack Torf, wieder mit. Die Oma kocht noch Kaffee für den Dieb. So stellt man sich seine Herkunftsfamilie vor. Da werden einem menschliche Werte mitgegeben.
Aber eigentlich, wenn ich es mir recht bedenke, habe ich meiner Oma ja auch eine gewisse Geringschätzung von Geld zu verdanken. Was sie natürlich nicht erreichen wollte. Viele, die mit Großzügigkeit konfrontiert werden, versuchen das auszunutzen. Aber lieber lasse ich mich ausplündern, als in die Fußtapfen meiner Großmutter zu treten.

Fischstäbchen waren übrigens ein paar Jahre aus den Regalen verschwunden, so dass ich erst nach der Wende wieder in ihren Genuss kam. Über zehn Jahre, eher mehr, hatte ich keine gegessen. Vielleicht hatten sie sie in den Westen exportiert. Die Wende brachte nicht nur Bananen, sondern auch die Rückkehr dieser knusprigen Stäbchen.
 
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Anders Tell

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Oh Mann. Dieser Film ist wirklich eine cineastische Spezialität. So wie Du davon schreibst, wirst kaum jemanden neugierig darauf gemacht haben. Wenn dann noch alles in orangefarbener Panade wendest, hast Du es zusätzlich banalisiert. Außerdem sind solche in einen Topf gerührte Plaudereien keine Kurzgeschichte.

Etwas bräsig
Anders
 



 
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