Dichter Erdling
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Das Gemälde trägt den Titel „Toter Krieger im Stacheldraht“ und stammt aus dem Jahr 1935.
Heute hängt es im städtischen Museum mit seinen überdimensionierten weißen Räumen und den Zimmerfluchten, die sich wie ein unendlicher Spiegel nach hinten verjüngen; alles sehr modern und imposant.
Das Bild zeigt schonungslos eine Realität, wie es sie im Ersten Weltkrieg häufig gegeben hat.
Der Krieger hängt zerfetzt im Stacheldraht. Eins seiner Beine ist nur noch ein blutiger Stumpf. Das andere, das noch einen Stiefel trägt, ist nach hinten verdreht. Der Oberkörper des Mannes hängt in besagtem Stacheldraht, vor allem der linke Arm hat sich darin verfangen. Die Augen des Toten sind geschlossen, der Mund wie zu einem letzten Stoßseufzer geöffnet. Der Stahlhelm auf dem Soldatenkopf ist immer noch festgezurrt, der Rest der Uniform allerdings ist ähnlich lädiert wie der Körper, der sie trägt und hängt ebenso in Fetzen.
Hinter dem toten Krieger im Stacheldraht erhebt sich ein schwarzer Hügel, darüber zeigt sich der Himmel düster und unheilvoll mit einem blutroten Schimmer zwischen dunkelgrauen Wolken.
Während ich im Museum vor diesem Gemälde aus dem Jahr 1935 stehe, kommt mir wieder dieser Zeitungsartikel in den Sinn, den ich am 29. Mai 2026 in einer österreichischen Qualitätszeitung lesen musste.
In der eigenen Rubrik „Militärtechnik“ erschien an diesem Tag ein Artikel mit dem Titel: „Im Ukrainekrieg trifft Hightech auf Taktiken des 19. Jahrhunderts“.
Der Artikel beschreibt exakt das, was ich auf diesem Bild im Museum sehe, aber er beschreibt es anders. Man schreibt:
„…Wie in den Materialschlachten des Ersten Weltkriegs, wo Stacheldraht und Maschinengewehre die Fronten einfroren, wird Stacheldraht wieder massiv eingesetzt. Soldaten verfangen sich darin und werden anschließend von Drohnen neutralisiert, da sie sich kaum noch befreien können, erklärt der Experte…“
So reden mittlerweile die Experten vom schändlichen Töten und Sterben im Krieg, als wären dies notwendige, nicht vermeidbare Vorgänge, die sich mittels technokratischer Sprache verschleiern lassen.
Das Zerfetztwerden auf dem Schlachtfeld, wo man dir die Beine abgerissen hat und der Stacheldraht bohrt sich in dein sterbendes Fleisch, deinen Körper, der verzweifelt versucht, sich loszureißen, aber keine Chance, immer mehr Stacheln martern dich nur noch tiefer, lassen dich nicht mehr los… all das versteckt sich in dieser Zeitung hinter dem irreführenden Wort „neutralisieren“.
Ja, der Krieger auf dem Ölgemälde von 1935 ist auch „neutralisiert“. Er steht nicht wieder auf, er ist für niemanden mehr ein Feind, eine Gefahr, ein Ziel. Er ist tot.
Für jemanden, der in seinen Mitmenschen Feinde, Gefahren oder Ziele sieht, ist das ein Grund zur Freude.
Bei dieser Zeitung arbeiten nun also wieder Schreibende, die das so sehen. Die freuen sich, wenn sich andere in Stacheldraht verheddern und qualvoll sterben, sofern es diese anderen sind, die sie „Feinde“ nennen.
Der Artikelschreiber versteckt das Grausame hinter einer trügerischen Sprache, indem er in diesem Zusammenhang von „technologischer Evolution“, von „taktischen Vorteilen“ oder „enormem Zugewinn“ spricht, während sich die Realität auf dem Schlachtfeld hin zu alten Barbareien zurückentwickelt.
Der Artikel endet denn auch auf dem besonders dümmlichen Satz:
„Diese Verschmelzung von moderner Technologie und teilweise jahrhundertealten Methoden zeige, dass der militärischen Innovation keine Grenzen gesetzt sind…“
So geht das jetzt schon seit Monaten in dieser Qualitätszeitung, die sich selbst als „linksliberal“ beschreibt.
Beinah täglich wird hier militärisches Tötungsgerät bewundernd angestaunt und detailverliebt angehimmelt. Dem Soldatischen wird Raum gegeben und die generelle Militarisierung wird vorangetrieben, blind für alles andere - wie Diplomatie, Ursachenforschung, Verständigung.
Meist unter den Rubriken die Rubriken „Web“ und „Innovationen“ – als wäre das Fortschritt.
Man muss fast schon Waffenexperte sein, um die vielen Fachtermini in den Artikeln zu verstehen (Gatling-Gun, Shaheds, System Merops, Project Eagle, M134, Geran-3 oder Geran-5, R-60…)
Habe mich immer konsequent geweigert, mir das Hirn mit dem todbringenden Unsinn verkleistern zu lassen und fange auch bestimmt nicht damit an. Wer nur Waffen im Kopf hat, hat dort bald keinen Platz mehr für anderes.
In der Qualitätszeitung scheint dieser Platz bereits verloren. Raum kriegt hier nur das Kriegerische. Die beigefügten Links führen hin zu einschlägigen Militärschädeln und Waffenenthusiasten, es werden ungehörige Vergleich von realem Krieg und Action-Filmen gebracht.
Manchmal blitzt das Barbarische auch unverstellt durch, eben weil es sich nie ganz kaschieren lässt. Etwa, wenn man von einer „Todeszone“ schreibt, die sich mit einer Ausdehnung von bis zu 50 Kilometern auf beiden Seiten gebildet hat und in die sich niemand mehr hineinwagt.
Oder wenn man schreibt: „Die Angst vor den allgegenwärtigen Drohnen ist so groß, dass es Berichte und Aufnahmen gibt, in denen Soldaten sich selbst das Leben nehmen, um dem Moment des Drohnenangriffs zuvorzukommen…“
Meist aber tun sie so, als wäre Krieg ein Fußballmatch, das man nur nicht verlieren darf – und wenn man dafür das Stadion in die Luft sprengen muss.
Sie jubeln: „Leopard 2A6 gelingt der längste Panzertreffer in der Geschichte!“
Sie nicken beeindruckt: „Ukraine baut ein Amazon für Kamikazedrohnen und Kampffahrzeuge“
Oder, erst vorgestern, zeigen sie sich schwer begeistert: „Terminator an der Front: Ukraine plant Einsatz bewaffneter humanoider Roboter“
Man möchte ihnen sarkastisch zurufen:
„Wirklich sehr innovativ, wie man sich gegenseitig bei lebendigem Leib verbrennt. In todbringenden Blechbüchsen auf einem Schlachtfeld. Jetzt noch effektiver, auf noch größere Distanz. Tolle Technik. Bitte mehr davon!“
Oder warnend:
„Jubelt nicht über das, was technisch machbar ist im Krieg.
Früher oder später wird das technisch Machbare auch von jenen gemacht, die ihr heute (oder morgen - das ändert sich ja so schnell!) „Feinde“ nennt!“
Oder:
„Wo soll das alles hinführen? Habt ihr die Terminator-Filme auch wirklich angesehen und verstanden? Glaubt ihr echt, das geht langfristig gut aus für die Menschheit?“
Manchmal habe ich auch versucht, ihnen derlei zuzurufen, aber meine Zurufe gingen unter im allgemeinen Waffen- und Kriegsfuror, der sich längst auch unter der Leserschaft breitgemacht hat.
Noch nicht mal popkulturelle Referenzen helfen.
Der Hinweis auf den Kitschfilm „Legenden der Leidenschaft“ (mit Kriegsszenen aus WW I und mit Brad Pitt) hat auch nicht gewirkt.
In diesem Hollywood-Schinken hängt einer der Protagonisten irgendwann ebenfalls schreiend im Stacheldraht, während er zeitgleich von Kugeln durchsiebt wird.
Ziemlich sicher haben die meisten beim Anschauen gedacht: „Oh Gott, wie schrecklich, das darf nie wieder sein!“
Heute zucken sie die Achseln, reden vom „Neutralisieren“ und wollen nicht dran erinnert werden, was das eigentlich bedeutet.
Heute hängt es im städtischen Museum mit seinen überdimensionierten weißen Räumen und den Zimmerfluchten, die sich wie ein unendlicher Spiegel nach hinten verjüngen; alles sehr modern und imposant.
Das Bild zeigt schonungslos eine Realität, wie es sie im Ersten Weltkrieg häufig gegeben hat.
Der Krieger hängt zerfetzt im Stacheldraht. Eins seiner Beine ist nur noch ein blutiger Stumpf. Das andere, das noch einen Stiefel trägt, ist nach hinten verdreht. Der Oberkörper des Mannes hängt in besagtem Stacheldraht, vor allem der linke Arm hat sich darin verfangen. Die Augen des Toten sind geschlossen, der Mund wie zu einem letzten Stoßseufzer geöffnet. Der Stahlhelm auf dem Soldatenkopf ist immer noch festgezurrt, der Rest der Uniform allerdings ist ähnlich lädiert wie der Körper, der sie trägt und hängt ebenso in Fetzen.
Hinter dem toten Krieger im Stacheldraht erhebt sich ein schwarzer Hügel, darüber zeigt sich der Himmel düster und unheilvoll mit einem blutroten Schimmer zwischen dunkelgrauen Wolken.
Während ich im Museum vor diesem Gemälde aus dem Jahr 1935 stehe, kommt mir wieder dieser Zeitungsartikel in den Sinn, den ich am 29. Mai 2026 in einer österreichischen Qualitätszeitung lesen musste.
In der eigenen Rubrik „Militärtechnik“ erschien an diesem Tag ein Artikel mit dem Titel: „Im Ukrainekrieg trifft Hightech auf Taktiken des 19. Jahrhunderts“.
Der Artikel beschreibt exakt das, was ich auf diesem Bild im Museum sehe, aber er beschreibt es anders. Man schreibt:
„…Wie in den Materialschlachten des Ersten Weltkriegs, wo Stacheldraht und Maschinengewehre die Fronten einfroren, wird Stacheldraht wieder massiv eingesetzt. Soldaten verfangen sich darin und werden anschließend von Drohnen neutralisiert, da sie sich kaum noch befreien können, erklärt der Experte…“
So reden mittlerweile die Experten vom schändlichen Töten und Sterben im Krieg, als wären dies notwendige, nicht vermeidbare Vorgänge, die sich mittels technokratischer Sprache verschleiern lassen.
Das Zerfetztwerden auf dem Schlachtfeld, wo man dir die Beine abgerissen hat und der Stacheldraht bohrt sich in dein sterbendes Fleisch, deinen Körper, der verzweifelt versucht, sich loszureißen, aber keine Chance, immer mehr Stacheln martern dich nur noch tiefer, lassen dich nicht mehr los… all das versteckt sich in dieser Zeitung hinter dem irreführenden Wort „neutralisieren“.
Ja, der Krieger auf dem Ölgemälde von 1935 ist auch „neutralisiert“. Er steht nicht wieder auf, er ist für niemanden mehr ein Feind, eine Gefahr, ein Ziel. Er ist tot.
Für jemanden, der in seinen Mitmenschen Feinde, Gefahren oder Ziele sieht, ist das ein Grund zur Freude.
Bei dieser Zeitung arbeiten nun also wieder Schreibende, die das so sehen. Die freuen sich, wenn sich andere in Stacheldraht verheddern und qualvoll sterben, sofern es diese anderen sind, die sie „Feinde“ nennen.
Der Artikelschreiber versteckt das Grausame hinter einer trügerischen Sprache, indem er in diesem Zusammenhang von „technologischer Evolution“, von „taktischen Vorteilen“ oder „enormem Zugewinn“ spricht, während sich die Realität auf dem Schlachtfeld hin zu alten Barbareien zurückentwickelt.
Der Artikel endet denn auch auf dem besonders dümmlichen Satz:
„Diese Verschmelzung von moderner Technologie und teilweise jahrhundertealten Methoden zeige, dass der militärischen Innovation keine Grenzen gesetzt sind…“
So geht das jetzt schon seit Monaten in dieser Qualitätszeitung, die sich selbst als „linksliberal“ beschreibt.
Beinah täglich wird hier militärisches Tötungsgerät bewundernd angestaunt und detailverliebt angehimmelt. Dem Soldatischen wird Raum gegeben und die generelle Militarisierung wird vorangetrieben, blind für alles andere - wie Diplomatie, Ursachenforschung, Verständigung.
Meist unter den Rubriken die Rubriken „Web“ und „Innovationen“ – als wäre das Fortschritt.
Man muss fast schon Waffenexperte sein, um die vielen Fachtermini in den Artikeln zu verstehen (Gatling-Gun, Shaheds, System Merops, Project Eagle, M134, Geran-3 oder Geran-5, R-60…)
Habe mich immer konsequent geweigert, mir das Hirn mit dem todbringenden Unsinn verkleistern zu lassen und fange auch bestimmt nicht damit an. Wer nur Waffen im Kopf hat, hat dort bald keinen Platz mehr für anderes.
In der Qualitätszeitung scheint dieser Platz bereits verloren. Raum kriegt hier nur das Kriegerische. Die beigefügten Links führen hin zu einschlägigen Militärschädeln und Waffenenthusiasten, es werden ungehörige Vergleich von realem Krieg und Action-Filmen gebracht.
Manchmal blitzt das Barbarische auch unverstellt durch, eben weil es sich nie ganz kaschieren lässt. Etwa, wenn man von einer „Todeszone“ schreibt, die sich mit einer Ausdehnung von bis zu 50 Kilometern auf beiden Seiten gebildet hat und in die sich niemand mehr hineinwagt.
Oder wenn man schreibt: „Die Angst vor den allgegenwärtigen Drohnen ist so groß, dass es Berichte und Aufnahmen gibt, in denen Soldaten sich selbst das Leben nehmen, um dem Moment des Drohnenangriffs zuvorzukommen…“
Meist aber tun sie so, als wäre Krieg ein Fußballmatch, das man nur nicht verlieren darf – und wenn man dafür das Stadion in die Luft sprengen muss.
Sie jubeln: „Leopard 2A6 gelingt der längste Panzertreffer in der Geschichte!“
Sie nicken beeindruckt: „Ukraine baut ein Amazon für Kamikazedrohnen und Kampffahrzeuge“
Oder, erst vorgestern, zeigen sie sich schwer begeistert: „Terminator an der Front: Ukraine plant Einsatz bewaffneter humanoider Roboter“
Man möchte ihnen sarkastisch zurufen:
„Wirklich sehr innovativ, wie man sich gegenseitig bei lebendigem Leib verbrennt. In todbringenden Blechbüchsen auf einem Schlachtfeld. Jetzt noch effektiver, auf noch größere Distanz. Tolle Technik. Bitte mehr davon!“
Oder warnend:
„Jubelt nicht über das, was technisch machbar ist im Krieg.
Früher oder später wird das technisch Machbare auch von jenen gemacht, die ihr heute (oder morgen - das ändert sich ja so schnell!) „Feinde“ nennt!“
Oder:
„Wo soll das alles hinführen? Habt ihr die Terminator-Filme auch wirklich angesehen und verstanden? Glaubt ihr echt, das geht langfristig gut aus für die Menschheit?“
Manchmal habe ich auch versucht, ihnen derlei zuzurufen, aber meine Zurufe gingen unter im allgemeinen Waffen- und Kriegsfuror, der sich längst auch unter der Leserschaft breitgemacht hat.
Noch nicht mal popkulturelle Referenzen helfen.
Der Hinweis auf den Kitschfilm „Legenden der Leidenschaft“ (mit Kriegsszenen aus WW I und mit Brad Pitt) hat auch nicht gewirkt.
In diesem Hollywood-Schinken hängt einer der Protagonisten irgendwann ebenfalls schreiend im Stacheldraht, während er zeitgleich von Kugeln durchsiebt wird.
Ziemlich sicher haben die meisten beim Anschauen gedacht: „Oh Gott, wie schrecklich, das darf nie wieder sein!“
Heute zucken sie die Achseln, reden vom „Neutralisieren“ und wollen nicht dran erinnert werden, was das eigentlich bedeutet.