Krimi ohne Leiche

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Heike Bauer

Mitglied
Krimi ohne Leiche


Sitzung

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Der Raum roch nach Kaffee und Papier, eine Mischung, die für Frau Koller fast schon beruhigend wirkte.

Der kleine Sitzungssaal im Gemeindehaus war an diesem Abend nur halb gefüllt – ein gutes Zeichen. Halb voll hieß überschaubar, effizient, ohne Grundsatzdiskussionen, bei denen man sich stundenlang im Kreis drehte.

Die Fenster standen gekippt, draußen kroch die Dämmerung langsam zwischen den Häusern hindurch und malte Schatten auf die alten Holztische.

„Dann kommen wir zum Dorffest“, sagte Frau Koller, schlug ihren Ordner auf und ließ den Blick über die Teilnehmer schweifen.

Sie war seit Jahren Protokollführerin. Niemand hatte sie je gewählt, und doch verließ sich jeder auf sie. Wenn etwas irgendwo festgehalten war, dann bei ihr.

Die Stühle knarrten leise, ein Räuspern durchbrach kurz die Stille.

„Wie immer also?“, fragte Herr Brandner vom Sportverein, die Hände in den Taschen. „Grillplatz wie letztes Jahr?“

„Wie letztes Jahr“, bestätigte jemand von hinten, ohne aufzusehen.

Frau Koller schrieb mit, ihre Handbewegungen präzise und gleichmäßig. Neben ihr saß Paul, der Hausmeister. Die Arme verschränkt, der Blick konzentriert. Paul sagte selten etwas. Wenn er sprach, dann nur, wenn er sich sicher war.

„Strom übernimmt wieder die Gemeinde“, murmelte Frau Koller, halb zu sich selbst, halb zu den anderen.

„Ja“, meinte der Bürgermeister, ohne aufzusehen. „Wie gehabt.“

Paul hob kurz den Kopf.
„Der Verteiler am Platz…“
Sein Ton war leise und fest, ohne zu zögern.
„Der ist seit dem Umbau anders geschaltet.“

Frau Koller blickte auf. „Anders?“
„Ja“, sagte Paul. „Nicht mehr direkt. Da müsste vorher…“
„Das klären wir noch“, fiel der Bürgermeister ihm ins Wort. „Schreiben Sie es ruhig ins Protokoll.“

Frau Koller nickte, tippte die Worte ein, und der Punkt war damit erledigt.

Die Sitzung ging weiter. Getränke, Musik, Helferlisten. Alles wie immer, nur dichter, schneller. Das Fest rückte unaufhaltsam näher, und doch schien niemand zu prüfen, ob wirklich alles vorbereitet war. Paul lehnte sich zurück, die Hände im Schoß, den Blick starr auf den Tisch gerichtet. Er sagte nichts.

Später, als die Stühle wieder an ihren Platz geschoben wurden und draußen die Straßenlaternen ihr Licht über den Platz warfen, blieb Paul einen Moment stehen. Er ließ den Blick über den leeren Platz schweifen, als könnte er schon jetzt die bevorstehenden Abläufe erkennen.

Er dachte an den Satz. An den Moment. An das kurze Innehalten, das niemand bemerkt hatte.
Er würde sich später daran erinnern. Und wenn jemand fragte, würde er ruhig sagen:
„Ich habe es gesagt.“




Kleine Fehler, große Wirkung
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Am Dorfplatz lag der Maibaum bereit, akkurat vorbereitet und mit allen Bändern versehen. Paul überprüfte noch einmal die Befestigungen, drehte die Schrauben nach und nickte zufrieden. Alles war korrekt, alles in bester Ordnung. Niemand zweifelte an der Arbeit, jeder war überzeugt, dass der Baum perfekt aufgestellt werden würde.

Beim Aufstellen halfen einige Dorfbewohner, die Stangen vorsichtig an den vorgesehenen Platz zu bringen. Ein kleiner Helfer stieß aus Versehen leicht gegen die Abstützung, wodurch der Baum minimal zur Seite rutschte – für die Stabilität völlig unproblematisch.

Paul befestigte einige abgefallene Bänder erneut. Während er sich bückte, huschte eine Katze über den Platz, schnappte sich ein loses Band und trug es kurz durch die Luft, bevor Paul es wieder anbrachte. Alles wurde gewissenhaft erledigt, formal korrekt – und doch verschoben sich die kleinen Elemente unbemerkt ein winziges Stück von ihrer idealen Position.

Am Rande des Platzes überprüfte Paul den Verteilerkasten für die Stromversorgung. Alles war sauber angeschlossen, alles funktionierte wie vorgesehen. Er nickte zufrieden, notierte sich kurz eine Kleinigkeit für das Protokoll und flüsterte erneut: „Der Verteiler ist geändert, alles vorbereitet.“

Der Bürgermeister, der am Tisch die Aufbauten überprüfte, war zufrieden. „Dann läuft alles nach Plan“, bemerkte er, ohne genauer auf die Einzelheiten einzugehen. Niemand zweifelte an Pauls Meldung, an Kollers Protokoll oder an der korrekten Ausführung der Aufgaben. Alles schien in bester Ordnung, korrekt erledigt und bereit für den großen Tag.

Während Paul die letzten Bänder am Maibaum befestigte, huschte erneut die Katze über den Platz. Sie schnappte sich ein loses Band, spielte kurz damit und verschwand dann. Paul lachte leise, befestigte das Band erneut und schüttelte den Kopf.

Im Hinterkopf behielt er noch den kleinen Flüchtigkeitsfehler mit den Namen auf der Liste – nur ein winziger Gedanke, der sich leise zwischen all den anderen Notizen einfügte.

Er dachte an den Satz. An den Moment. An das kurze Innehalten, das niemand bemerkt hatte.
Er würde sich später daran erinnern. Und wenn jemand fragte, würde er ruhig sagen:
„Ich habe es gesagt.“



Vertauschte Zettel
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Paul war keiner, der Listen liebte.
Er respektierte sie. Das war etwas anderes.

Er wusste, dass Papier nicht lügt – aber auch nicht alles sagt.

Er stand einen Moment länger als nötig am Rand des Festplatzes. Der Aufbau war fast abgeschlossen. Tische, Bänke, Kabel, Fahnen. Alles da. Alles an seinem Platz. Zumindest auf den ersten Blick.

Der Maibaum stand. Minimal anders als im letzten Jahr. Kaum sichtbar. Ein Zentimeter vielleicht, den man nur bemerkte, wenn man wusste, wo er eigentlich stehen sollte.

Paul wusste es.

Er ging einmal langsam um den Baum herum, legte kurz die Hand an die Rinde, als würde er prüfen, ob etwas atmete. Dann ließ er es bleiben. Der Baum war stabil. Sicher. Korrekt aufgestellt.

Formal in Ordnung.

Ein Band flatterte im Wind, löste sich ein Stück, wurde von einer Katze ergriffen und ein paar Schritte weiter wieder fallengelassen. Paul hob es auf, befestigte es neu. Exakt. Wie vorgesehen.

„Passt“, sagte jemand hinter ihm.

Paul nickte.

Am Rand des Platzes lagen die Stromkabel. Neu verlegt seit dem Umbau. Markiert, beschriftet, abgenommen. Paul hatte es erklärt. Im Protokoll. In der Sitzung. Nebenbei, fast unauffällig.

Er sah den Verteiler an. Alles war angeschlossen. Alles war richtig. Und doch lag ein Kabel so, dass man leicht darüber stolpern konnte. Nicht falsch. Nur ungünstig.

Er schob es ein Stück zur Seite.

Weiter vorne stellten Kinder Tabletts auf. Sorgfältig, konzentriert. Sie taten genau das, was auf ihren Zetteln stand. Die Senioren warteten ein paar Meter weiter. Geduldig. Niemand beschwerte sich. Niemand fragte nach.

Paul blieb stehen.

Es war nichts kaputt.
Nichts falsch.
Aber vieles war… leicht daneben.

Wie ein Bild, das gerade hängt und doch schief wirkt.

Er dachte an die Helferliste. An den kurzen Moment, in dem er gezögert hatte. Nicht lange genug, um etwas zu sagen. Nicht deutlich genug, um es benennen zu können.

Er hatte keinen Beweis. Nur dieses leise Ziehen, das sich meldete, wenn Dinge zwar stimmten, aber nicht zusammenpassten.

Paul war kein Mann für Verdächtigungen.
Er war ein Mann für Zustände.

Und dieser Zustand fühlte sich an wie ein Raum, in dem alles ordentlich eingeräumt war – nur nicht dort, wo man es erwartete.

Er sah noch einmal über den Platz.
Dann ging er weiter.

Er dachte an den Satz.
An den Moment.
An das kurze Innehalten, das niemand bemerkt hatte.

Er würde sich später daran erinnern.

Und wenn jemand fragte, würde er ruhig sagen:

„Ich habe es gesagt.“



Der verschobene Maibaum
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Am Dorfplatz lag der Maibaum bereit, akkurat vorbereitet und mit allen Bändern versehen. Paul überprüfte noch einmal die Befestigungen, drehte die Schrauben nach und nickte zufrieden. Alles war korrekt, alles in bester Ordnung. Niemand zweifelte an der Arbeit, jeder glaubte, dass der Baum perfekt aufgestellt war.
Beim Aufstellen halfen einige Dorfbewohner, die Stangen vorsichtig an den vorgesehenen Platz zu bringen. Ein kleiner Helfer stieß aus Versehen leicht gegen die Abstützung, wodurch der Baum einen winzigen Zentimeter zur Seite rutschte – für die Stabilität völlig unproblematisch. Alles wurde weiterhin gewissenhaft ausgeführt, jeder war zufrieden, dass die Aufgabe korrekt erledigt war.
Die Kinder spielten zwischen den Ständen, lachten und rannten um den Maibaum herum. Ein Band wurde von einer Katze geschnappt, ein anderes schwang leicht im Wind. Paul bemerkte die kleinen Veränderungen kaum, befestigte das Band erneut und murmelte für sich:
„Ich habe es gesagt.“
Niemand zweifelte an der Richtigkeit der Arbeiten, alle Aufgaben waren formal korrekt erledigt – und doch waren dies die kleinen Momente, aus denen später die humorvolle Verwirrung entstehen würde.

Die Kinder schlichen bereits fröhlich um den Kuchenstand herum, der eigentlich für die Senioren vorgesehen war, während die Senioren geduldig über das Getränkeangebot informierten. Der Maibaum stand leicht verschoben, die Bänder flatterten im Wind, und ein paar Listen waren von einem Hund über den Platz getragen worden.

Alles war harmlos, alles korrekt erledigt – und doch summierten sich die kleinen Ungereimtheiten.



Alle sind informiert - es kann losgehen
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Die Nachricht, dass die Stromversorgung am Platz geändert worden war, hatte Paul korrekt weitergegeben.
Eine Mail, ein Satz beim letzten Treffen, handschriftlich ins Protokoll geschrieben – alles da.

„Also, alles klar mit dem Strom?“, fragte der Bürgermeister beim Frühstück im Gasthaus.
„Na, dann ist ja gut“, meinte die Wirtin und drehte sich ab, um die Theke zu wischen.

Am Abend sollte Musik über den Platz ziehen.
Sie tat es nicht.

Als die Band den ersten Akkord anschlug, blieb die Anlage stumm. Kein Knacken, kein Summen, nichts. Die Musiker sahen sich an, dann auf die Kabel, dann wieder aufeinander, als hätten sich die Regeln plötzlich geändert.

„Was ist denn jetzt los mit dem Strom?“, rief der Bürgermeister und ging unruhig von Stand zu Stand. Sein Blick suchte automatisch nach Paul.

Paul war nicht da.

„Die Stromversorgung wurde doch geändert“, sagte jemand.
„Ja, das wurde gesagt“, meinte ein anderer.
„Aber geprüft hat es keiner“, murmelte Frau Koller und zog die Stirn in Falten.

Die Band kniete inzwischen auf dem Boden, steckte Kabel um, zog sie wieder heraus. Jeder Handgriff schien logisch – und führte doch zu nichts.

Währenddessen bemerkte die Wirtin, dass etwas fehlte. Dann noch etwas.

„Hat jemand die Kuchenlisten gesehen?“ rief sie und lief von einem Stand zum nächsten.
„Die lagen doch hier…?“
„Nein, die hingen da drüben!“

Hinter den Ständen kicherten die Kinder. Sie hatten die Zettel längst entdeckt. Eine Katze des Postboten hatte sie vom Brett gezogen und über den Platz verteilt, als handle es sich um Spielzeug.

Die ersten Vermutungen machten die Runde.
„Irgendwer muss sie weggenommen haben.“
„Vielleicht zum Sortieren?“
„Oder zum Anhaken?“

Niemand wusste es genau. Jeder hatte eine Erklärung.

Ein Mikrofon tauchte plötzlich auf der falschen Bühne auf. Zwei identische rote Fahnen hingen vertauscht. Der Hund der Wirtin trug eine Dekokette stolz durch die Menge, als gehöre sie ihm.

Alles war passiert, ohne dass jemand etwas falsch gemacht hatte.
Alles war logisch erklärbar.
Alles war korrekt – nur nicht zusammen.

Der Bürgermeister blieb schließlich stehen, sah über den Platz und sagte leise:
„Paul hätte das gewusst.“

Aber Paul war nicht da.
Und mit ihm fehlte der Satz, der sonst immer da war.

„Ich habe es gesagt.“



Die verschwundenen Gegenstände
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Kuchenlisten, Schilder, Dekoartikel – alles schien gleichzeitig verschwunden zu sein.
Die Bäckerei hatte die Torten geliefert, pünktlich und ordentlich, doch auf dem Platz waren sie plötzlich nicht mehr auffindbar. Die Tabletts standen bereit, die Messer lagen daneben – nur die Orientierung fehlte.

„Hat jemand die Kuchenlisten gesehen?“ rief Frau Koller und lief nun sichtbar nervös von einem Stand zum nächsten.
„Die lagen doch auf dem Tisch…?“
„Nein, ich habe sie doch aufgehängt!“

Niemand wusste mehr genau, wer sie zuletzt gesehen hatte. Nur, dass sie da gewesen waren. Irgendwann.

„Paul hätte das gewusst“, sagte die Wirtin halblaut und sah sich um.
Paul war nicht da.

Wer hatte den Maibaum verschoben?
Wer hatte die Kabel anders gelegt, als es vorgesehen war?

„Ich habe doch gesehen, wie jemand an den Bänken war“, rief ein Jugendlicher.
„Ich war das nicht“, sagte Brandner sofort. „Ich habe nichts gerückt.“

Die Antworten kamen schneller als die Fragen. Jeder wollte klarstellen, was er nicht getan hatte.

„Das mit dem Strom…“, begann jemand.
„Das wurde doch gesagt“, fiel ihm ein anderer ins Wort.
„Ja, aber von wem?“

Einen Moment lang entstand eine Pause.
Dann sagte ein älterer Mann, mehr zu sich selbst als zu den anderen:
„Ich meine, das wurde angekündigt.“

Niemand widersprach.
Niemand bestätigte es.

Überall summierten sich die kleinen Irrtümer. Ein Mikrofon stand auf der falschen Bühne. Zwei identische rote Fahnen hingen vertauscht. Der Hund der Wirtin trug eine Dekokette stolz durch die Menge, als sei sie ihm übergeben worden.

Alles wirkte harmlos.
Alles war erklärbar.
Und doch fehlte etwas Entscheidendes.

Paul.
Und mit ihm der eine Satz, der sonst immer alles zusammenhielt.

„Ich habe es gesagt.“



Der Tag danach —---------------------------------------------------------------------------------------------
Es war noch früher Vormittag, als Brandner hinter dem alten Geräteschuppen ein leises Stöhnen hörte. Er hielt inne, spitzte die Ohren und lief vorsichtig um die Ecke. Dort, halb hinter einem Haufen Kartons und Besen, lag Paul – verschnürt, die Arme lose zusammengebunden, sein Hemd zerkratzt von Zweigen und Dornen, als hätte er einen kleinen Feldzug gegen die Natur verloren.
„Paul?!“, rief Brandner, erschrocken. Pauls Augen blitzten kurz auf, er murmelte nur: „…ich habe es gesagt…“
Die Kinder, die gerade eine ihrer geheimen Beobachtungen machten, stürmten herbei und kicherten erst leise, dann immer lauter, als sie das Bild des leicht zerzausten Hausmeisters sahen. „Er sieht aus wie ein gefangener Superheld!“, rief eines der Mädchen, während es die Hand vor den Mund schlug.
Frau Koller, die gerade die Liste der vertauschten Fahnen überprüfte, trat ebenfalls hinzu. Sie runzelte die Stirn. „Wer hat dich denn…?“
Paul seufzte tief. „Ich… wollte nur nachsehen, ob die Katze des Postboten wieder die Listen holt… und dann… na ja, ich habe es gesagt.“
Und dann, fast beiläufig, fügte er hinzu:
„Ach ja… und bei den Listen… ein paar Namen stimmen nicht mit den Zetteln überein.“
Die Erklärung war so simpel wie absurd. Ein kleiner Stapel Kisten war umgefallen, während Paul versuchte, die verstreuten Kuchenlisten zu retten, und beim Versuch, sich zu befreien, hatte er sich in einigen herumliegenden Seilen und Bändern verfangen.
Brandner kniete sich hin und begann, die Bänder zu lösen. „Du bist also die ganze Zeit genau da gewesen, wo das Chaos seinen Ursprung hat?“ Paul nickte, das Gesicht ein wenig blass, aber die Augen noch immer aufmerksam.
Frau Koller seufzte. „Na, wenn das kein Beweis ist: Paul sieht, dass alles formal korrekt war – und trotzdem geht hier alles schief.“
Als Paul schließlich befreit war und sich die Kratzer an den Armen rieb, murmelte er wieder – halb trotzig, halb resigniert:
„Ich habe es gesagt.“
Und für einen kurzen Moment schien das Dorf kollektiv zu erkennen: Alles war korrekt weitergegeben, alles formal erledigt – nur Paul, der stille Seismograf, hatte die vertauschten Namen bemerkt, die kleinen Ungereimtheiten, die sonst niemand sah. Erst seine unbeabsichtigte Gefangenschaft brachte die Aufmerksamkeit der anderen auf all das, was eigentlich schon längst korrekt, aber praktisch verschoben war.

Am Nachmittagt lag der Dorfplatz still in der Sonne. Die Stände waren leer, die Fahnen hingen schief, einige Bänder flatterten noch im leichten Wind, und der Maibaum stand ein bisschen schief, genau wie am Tag zuvor. Doch etwas war anders: Die Unruhe, das hektische Hin und Her, das ständige Überprüfen von Listen – all das war verflogen.
Frau Koller saß auf einer Bank, die Protokolle geschlossen vor sich auf dem Schoß. Sie seufzte, blickte über den Platz und lächelte. „Weißt du“, sagte sie zu Brandner, der neben ihr saß und gedankenverloren eine vertauschte Fahne betrachtete, „all diese Pläne, Listen, Zettel – am Ende zählen sie gar nichts. Das Wichtige sind die Menschen, die sich darum kümmern.“
Brandner nickte. „Und die, die versuchen, alles richtig zu machen, selbst wenn es schiefgeht.“
Überall auf dem Platz begegneten sich die Dorfbewohner. Die Kinder halfen beim Aufräumen, lachten über ihre eigenen Verwechslungen, und sogar die Katze des Postboten wurde liebevoll zurück ins Haus gebracht. Die Wirtin verteilte noch Reste von Kuchen und Getränken, und jeder, der vorbeikam, half ein wenig, ohne zu überlegen, ob es auf dem Plan stand oder nicht.
Die Stromkabel lagen zwar noch kreuz und quer, aber niemand scherte sich darum. Das Mikrofon stand auf der falschen Bühne, der Hund der Wirtin trug eine Dekokette quer über den Platz, und der Maibaum wankte leicht – aber alle lachten gemeinsam. Niemand erinnerte sich an vertauschte Zettel, Listen oder die winzigen Fehler, die sich während des Festes summierten.
„Siehst du, Brandner?“, sagte Frau Koller, „alles formal korrekt zu machen hilft nichts, wenn wir vergessen, dass wir Menschen sind.“
Brandner grinste. „Ja, und manchmal muss man einfach zulassen, dass es ein bisschen chaotisch wird.“
Und irgendwo, fast unhörbar, flüsterte jemand – als Erinnerung an all die kleinen Irrtümer und unbeachteten Warnungen:
„Ich habe es gesagt.“
Aber diesmal lachte niemand. Diesmal war es ein stilles, zustimmendes Lächeln. Denn das Dorf hatte gelernt, dass Pläne und Listen nie so viel wert sind wie die Fürsorge füreinander, die kleinen Gesten der Hilfe und die Freude, gemeinsam etwas zu schaffen – selbst wenn es schiefgeht.
Am Ende des Tages saßen alle auf den Bänken, sahen dem Sonnenuntergang zu und verstanden: Das Chaos war nur eine Nebensache. Wichtig waren die Menschen, die es gemeinsam erlebt hatten.






Am Morgen nach dem Fest versammelten sich die Dorfbewohner erneut auf dem Platz. Der Maibaum stand noch immer leicht schief, zwei rote Fahnen hatten ihre Plätze getauscht, die Bänder flatterten im Wind, und auf den Tischen lagen verstreute Listen und Dekorationen. Alles wirkte friedlich – und doch hing ein unsichtbarer Schatten über dem Geschehen: Paul war nicht da.
„Wo ist eigentlich Paul?“, fragte die Wirtin, während sie nach einer Torte griff, die von gestern übrig geblieben war. Niemand antwortete sofort. Die Stille war nur von gelegentlichem Kichern der Kinder unterbrochen, die sich hinter einem Baum versteckten und die vertauschten Stände betrachteten.
„Er wird wohl… beschäftigt sein?“, murmelte Brandner unsicher und strich sich über die Stirn.
„Oder… vielleicht wollte er uns das Chaos einfach mal allein überlassen?“, überlegte jemand anderes.
Niemand konnte genau sagen, was fehlte. Paul hatte das Protokoll geführt, die Stromversorgung weitergegeben, die kleinen Verschiebungen bemerkt – und jetzt war er weg. Seine stille Präsenz fehlte wie ein unsichtbarer Taktgeber, den niemand mehr hatte.
Frau Koller breitete ihre Unterlagen aus, begann zu zählen und zu notieren. Alles war formal korrekt dokumentiert, aber etwas schien plötzlich aus dem Gleichgewicht geraten zu sein. Die Kinder liefen zwischen den Ständen umher, riefen über vertauschte Fahnen und Bänder hinweg, und die Erwachsenen begannen, sich gegenseitig verdächtig anzusehen.
„Also, wir müssen rekonstruieren, wer was gemacht hat“, begann Frau Koller. „Aber… Moment mal – Paul fehlt. Wer hat überhaupt den Überblick?“
Die Erkenntnis, dass der stille Seismograf des Festes nicht anwesend war, schuf ein neues Maß an Verunsicherung. Jeder spürte, dass etwas fehlte, aber niemand wusste, wie stark sein Fehlen die Ereignisse beeinflusste.
„Vielleicht hat er alles schon richtig gesehen und wir müssen nur noch aufräumen?“, schlug Brandner vor, doch seine Stimme klang zaghaft.
„Oder… es ist alles noch chaotischer als wir dachten“, murmelte ein älterer Herr und blickte auf die Bänder, die im Wind tanzten.
Die Kinder kicherten im Hintergrund und flüsterten: „Er fehlt… das erklärt alles!“
Und während die Dorfbewohner diskutierten, die Schuldigen suchten und die vertauschten Listen aufnahmen, war da dieser unausgesprochene Gedanke, der wie ein Mantra durch den Platz schwebte:
Wenn Paul hier wäre, würde er sagen: „Ich habe es gesagt.“
Doch Paul war nicht da. Und genau das machte die Situation noch absurder, noch chaotischer und auf eine fast schon komische Weise vollkommen unberechenbar.

Nachdem Paul am nächsten Morgen vermisst gemeldet worden war, tauchte die Polizei auf dem Dorfplatz auf. Zwei Beamte fragten höflich nach Zeugen, sahen sich die verstreuten Listen, verschobenen Fahnen und den leicht schiefen Maibaum an und notierten einige Details in ihr Formular.
Sie stellten Fragen, nickten ernst und machten Fotos – und doch schien niemand wirklich in Eile zu sein. Nach ein paar Stunden des Umhergehens, Befragens und Kopfschüttelns stiegen sie wieder in ihr Auto und fuhren davon, mit dem Hinweis, dass alles vorerst „unter Beobachtung“ bliebe.

Es war mittags, als Brandner hinter dem alten Geräteschuppen ein leises Stöhnen hörte. Er hielt inne, spitzte die Ohren und lief vorsichtig um die Ecke. Dort, halb hinter einem Haufen Kartons und Besen, lag Paul – verschnürt, die Arme lose zusammengebunden, sein Hemd zerkratzt von Zweigen und Dornen, als hätte er einen kleinen Feldzug gegen die Natur verloren.

„Paul?!“, rief Brandner, erschrocken. Pauls Augen blitzten kurz auf, er murmelte nur: „…ich habe es gesagt…“

Die Kinder, die gerade eine ihrer geheimen Beobachtungen machten, stürmten herbei und kicherten erst leise, dann immer lauter, als sie das Bild des leicht zerzausten Hausmeisters sahen. „Er sieht aus wie ein gefangener Superheld!“, rief eines der Mädchen, während es die Hand vor den Mund schlug.

Frau Koller, die gerade die Liste der vertauschten Fahnen überprüfte, trat ebenfalls hinzu. Sie runzelte die Stirn. „Wer hat dich denn…?“
Paul seufzte tief. „Ich… wollte nur nachsehen, ob die Katze des Postboten wieder die Listen holt… und dann… na ja, ich habe es gesagt.“

Und dann, fast beiläufig, fügte er hinzu:
„Ach ja… und bei den Listen… ein paar Namen stimmen nicht mit den Zetteln überein.“

Die Erklärung war so simpel wie absurd. Ein kleiner Stapel Kisten war umgefallen, während Paul versuchte, die verstreuten Kuchenlisten zu retten, und beim Versuch, sich zu befreien, hatte er sich in einigen herumliegenden Seilen und Bändern verfangen. Dass er zerkratzt war, lag allein an der wilden Verfolgung durch ein besonders aufgewecktes Katzenrudel.

Brandner kniete sich hin und begann, die Bänder zu lösen. „Du bist also die ganze Zeit genau da gewesen, wo das Chaos seinen Ursprung hat?“ Paul nickte, das Gesicht ein wenig blass, aber die Augen noch immer aufmerksam.

Frau Koller seufzte. „Na, wenn das kein Beweis ist: Paul sieht, dass alles formal korrekt war – und trotzdem geht hier alles schief.“

Als Paul schließlich befreit war und sich die Kratzer an den Armen rieb, murmelte er wieder – halb trotzig, halb resigniert:
„Ich habe es gesagt.“

Und für einen kurzen Moment schien das Dorf kollektiv zu erkennen: Alles war korrekt weitergegeben, alles formal erledigt – nur Paul, der stille Seismograf, hatte die vertauschten Namen bemerkt, die kleinen Ungereimtheiten, die sonst niemand sah. Erst seine unbeabsichtigte Gefangenschaft brachte die Aufmerksamkeit der anderen auf all das, was eigentlich schon längst korrekt, aber praktisch verschoben war.
 
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marcm200

Mitglied
"Das Fest rückte unaufhaltsam näher, doch niemand schien zu prüfen, ob wirklich alles vorbereitet war." - ich würde eher "scheint prüfen zu wollen" schreiben. Während der Sitzung ist es ja normal, dass niemand die Stromleitung überprüfen kann.

"Er dachte an den Satz. An den Moment." - hier fehlt mir der klare Bezug. Welchen Satz? Den über die Stromversorgung? Paul sagt wenig, aber bereits hier mehrere Sätze. Und im Verlauf der Sitzung vielleicht noch weitere.

"Niemand zweifelte an der Richtigkeit der Aufgaben" - geht es nicht eher um die Ausführung der Aufgaben, also das Ergebnis der Arbeiten? Die Aufgaben wurden ja seit Jahren schon als nötig für das Fest identifiziert.

"Bald begannen erste Fragen im Dorf zu flüstern:" - eine seltsame Formulierung: Fragen, die flüstern. Meintest du "Bald machten hinter vorgehaltener Hand Fragen im Dorf die Runde"?

"Die ersten Vorbereitungen liefen harmlos, beinahe unscheinba" - welche "erste" Vorbereitungen? Davor wurden doch schon der Baum aufgestellt, die Stände vorbereitet, die Bänder korrigiert. Meinst du nicht eher "Auch die weiteren Vorbereitungen..."?


Warum erzählst du Folgendes doppelt? Und dann noch fast wortgleich?
1) "Während er sich bückte, huschte eine Katze über den Platz und schnappte sich ein loses Band, das sie kurz durch die Luft"
"Während Paul die letzten Bänder am Maibaum befestigte, huschte eine Katze über den Platz. Sie schnappte sich ein loses Band, spielte kurz damit und rannte dann davon."

2) "Am nächsten Tag standen die Kinder fröhlich am Kuchenstand, denn sie hatten die farbigen Zettel so interpretiert,"
"Am nächsten Morgen standen die Kinder fröhlich am Kuchenstand, weil sie die farbigen Zettel so interpretierten,"

Formulierungs-/Ideendopplungen dieser Art sind mir zu sehr Copy&Paste. Das stört meinen Lesefluss enorm, und so habe ich vorerst abgebrochen, wenngleich mich das Fest und der Krimiaspekt schon interessieren.

Der Text in seiner jetzigen Form klingt mir zu sehr nach dem Ergebnis des Abarbeitens einer Checkliiste, ob Punkte X, Y, Z in der Szene nun verarbeitet worden sind. Prinzipiell keine schlechte Methode, nur würde ich empfehlen, die Formulierungen deutlich variabler zu gestalten und auch die Ideen (Katze, Kinder am Kuchenstand) etwas variantenreicher auszuarbeiten.

Hat es einen Grund, dass manche Teile der Geschichte in anderer Schriftgröße veröffentlicht worden sind?
 

Heike Bauer

Mitglied
Danke für deinen Kommentar.

Das mit der Schriftart ist ungewollt, ist im Originaltext nicht vorhanden und auch nach einer Neuformatierung/Neuveröffentlichung nicht verschwunden.
 

jon

Mitglied
Nachdem zum dritten Mal die Katze ein Band geschnappt hat, hab ich nur noch ganz grob quergelesen. Schon bis zu diesem Punkt hat es sich zunehmend als endlos werdend drohende Wiederholungsspirale dargestellt, das erzeugt keine Spannung, das tötet sie. Es kommt - soweit ich es beim Querlesen sehe - auch nichts Spannendes mehr, nur noch mehr Wiederholungen. Auch kein "Verbrechen". Ein bisschen Durcheinander, okay, aber wie es dazu kommt, ist schon lange bevor es dazu kommt klar.

PS: Die Formatierungen stecken offenbar schon im Schreib-Dokument. Falls das Word ist, entferne doch mal alle Formatierungen und stelle den Text neu ein. Man kann auch auch über einen Format-freien Editor gehen.

Und noch ein Nachtrag: Mach doch mal bitte die Absätze bei den Dialogen/der wörtlichen Rede richtig.
 
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