Kurzgeschichte

eli-fant

Mitglied
Sackbahnhof

München Hauptbahnhof.
Ich steige aus dem Zug und sehe mich suchend in der rastlosen, koffer- und taschenschleppenden Menschenmenge auf dem Bahnsteig um.
Da bleibt mein Blick an einer vollschlanken, brünetten Frau Mitte dreißig und einem etwa gleichaltrigen, etwas bulligen ,bebrillten Mann hängen. Sie stehen wartend am Beginn des Bahnsteigs und mustern aufmerksam die Vorbeieilenden.
"Aha," denke ich, "das sind sie. Das müssen sie sein."
Beunruhigt fühle ich die Anspannung, die sich meiner bemächtigt.
In einiger Entfernung von dem Paar bleibe ich stehen und beobachte es.
Halb amüsiert und halb beklommen nehme ich wahr, dass die Gesichter der beiden gespannte Erwartung ausdrücken.
Der Grund für dieses Minenspiel ist für mich nicht schwer zu erraten:

Vor kurzem hatte nämlich der Bruder der brünetten Frau - ein schon auf die vierzig zugehender, eingefleischter Junggeselle - völlig unerwartet verkündet, er habe eine Frau kennengelernt, die er zu heiraten beabsichtige.
Dabei hatte die Schwester ihm noch zu seinem letzten Geburtstag - in weiser Voraussicht, wie sie damals glaubte - ein lustig-buntes Single-Gedeck aus Steingut geschenkt.
Kein Wunder, daß eine solch unerwartete Wendung der Dinge bei ihr und ihrem Ehemann wie eine Bombe einschlug und allerhand Spekulationen auslöste.
Was für eine Person mochte das bloß sein, die der Gute da an Land gezogen hatte?

Nun bot sich unverhofft die Chance, diese Neugier bei einem arrangierten Treffen auf dem Bahnhof zu befriedigen:
Der Bruder und dessen Freundin würden mit unterschiedlichen Zügen kurz hintereinander auf demselben Bahnsteig ankommen. Vor deren Weiterreise wäre es möglich, einige Stunden gemeinsam in der Stadt zu verbringen, um sich kennenzulernen.
Es versteht sich von selbst, daß das Ehepaar diese Gelegenheit beim Schopf ergriff und sich pünktlich auf dem Bahnhof einfand.
An den bezeichneten Gleisen bezog es Stellung und steht nun, erfüllt von nervöser Ungeduld und von einem Bein auf das andere tretend, wartend da.

Wirklich, ich kann es ja so gut verstehen, daß die zwei sichtlich aufgeladen sind vor Spannung und Neugier.
Nur - daß diese geballten Kräfte auf meine Person zielen, behagt mir ganz und gar nicht...
Dann geht auf einmal alles sehr schnell:
Ein weiterer Zug fährt an unserem Bahnsteig ein und hält mit kreischenden und quietschenden Bremsen.
Inmitten einer der Menschentrauben, die aus den Zugtüren quellen, entdecke ich R. .
Ich winke.
Eine Umarmung, ein flüchtiger Kuss, und schon läuft er heftig gestikulierend auf seine Schwester und deren Mann zu, die er im Gewühl entdeckt hat.
Mir bleibt nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.

Die Begrüßung fällt seltsam verkrampft aus.
Wir stellen uns einander vor, schütteln uns die Hände.
Ein kurzes "Hallo!", knappes, kaum wahrnehmbares Lächeln, Blicke, die einander ausweichen...
Schon im Vorfeld hatte ich läuten hören, dass die beiden Männer nicht gut aufeinander zu sprechen sind und der Mißklang zwischen ihnen ist auch deutlich zu spüren.
Ob die Ursache für die eigenartige Stimmung allein hier zu suchen ist? Oder sind meine zukünftigen Verwandten einfach Menschen, bei denen Offenheit und spontane Herzlichkeit nicht an der Tagesordnung sind?

Gleich nach der kurzen Begrüßung droht sich peinliche Stille auszubreiten.
Der hektische Lärm des Bahnhofs ist in den Hintergrund getreten. Einige unbeholfene, oberflächliche Bemerkungen über das Wetter und die Anreise werden augetauscht. Sie sind ein vergeblicher Versuch, die unbehagliche Atmosphäre zu verscheuchen.
Langsam schnürt sich mein Hals zu. Ich habe beim Atmen das Gefühl, nicht mehr genügend Luft zu bekommen.
Wie um meine Beklemmung noch zu vergrößern, sind die Blicke meiner zukünftigen Schwägerin und ihres Mannes fast ständig unverwandt auf mich gerichtet.
Aus ihren Augen sind weder Wohlwollen noch Abneigung zu lesen - allein unverhohlene Neugier. Einen irren Moment lang befürchte ich, die beiden auf mich gerichteten Augenpaare werden gleich aus ihren Höhlen treten, auf mich zustürzen und mich verschlingen.
Ich bin versucht, der eindringlichen Musterung ein Ende zu machen, indem ich den beiden eine unmißverständliche Grimasse schneide. Doch ich beherrsche mich.
Stattdessen krame ich in meinem Kopf nach unverfänglichen Gesprächsthemen, im Bemühen, aufgeschlossen und freundlich zu erscheinen.
Nicht etwa plötzlich aufkeimende Sympathiegefühle bewegen mich dazu, sondern das Wissen, dass ich im Zuge meiner Heirat nicht nur einen Ehemann bekommen werde, sondern daß die gesamte Palette seiner Familienmitglieder und Verwandten quasi unbestellt mitgeliefert werden wird.
Schon im Interesse meiner eignen Lebensqualität wünsche ich mir natürlich ein möglichst reibungsfreies Verhältnis zu all diesen Menschen.
Meine neuen Verwandten kann ich mir im Gegensatz zu Freunden eben nicht aussuchen und die Beziehung zu ihnen hat auch keine Zeit zum Wachsen und Reifen. Wir werden plötzlich miteinander konfrontiert und müssen miteinander zurechtkommen - ähnlich wie Tiere, die zusammen in einen Käfig gesperrt werden.

Obwohl heute ein eher kühler Tag ist, wird mir auf einmal heiß. Meine Kleidung scheint zu eng zu werden.
Ich habe das Empfinden, daß die Bande dieser mir so fremden Familie sich wie die Arme einer unsichtbaren Krake um mich zu schließen beginnen.
Denn allem, was zur Welt dieser Menschen gehört, werde auch ich mich in Zukunft nicht mehr völlig entziehen können. Ich werde mit ihren Wertvorstellungen und den von ihnen gelebten Familientraditionen konfrontiert werden und mich mit ihnen auseinandersetzen müssen, auch wenn mir diese noch so fremd sein und noch so wenig zu meiner eigenen Lebensgeschichte passen mögen.
Und auch aus ihren innerfamiliären Zwistigkeiten werde ich mich kaum heraushalten können. Ich werde entweder Partei ergreifen oder in einer waghalsigen Gratwanderung zwischen den Fronten balancieren müssen.

Plötzlich ergreift mich Panik.
Nein! Ich bin nicht willens, mich den Fängen dieser Familienkrake auszuliefern!
Ich habe Angst, mich selbst, mein Ich in der Enge ungeschriebener Familiengesetze und dem Zwang des Miteinander-Auskommen-Müssens zu verlieren.
Ich brauche doch Raum zum Atmen, zur Entfaltung, zum Leben!

Ein paar Sekunden lang bin ich versucht, zu fliehen.
Ich möchte mich hastig verabschieden, meine Tasche fester an mich pressen und davonrennen.
Im Gewühl des Bahnhofs untertauchen, um aus den Augen dieser Menschen zu entfliehen.
Freiheit...
Dann siegt die Vernunft.
Ich atme tief durch.
Lächelnd wende ich mich meiner zukünftigen Schwägerin und ihrem Mann zu und erkundige mich, wieviel Zeit sie für den Weg von zu Hause bis zum Bahnhof benötigt haben und wie lange sie schon in der Nähe von München wohnen.
Ich werde mit einer höflichen Antwort bedacht.
Die Arme der Krake schließen sich fester um mich.
 

Ingwer

Mitglied
:)

Gefällt mir, das mit der Familienkrake; besonders der letzte Satz. Am Anfang fühlte ich mich beim Lesen ein wenig von den vielen aneinandergereihten Adjektiven und Attributen erschlagen- aber ansonsten mag ich Deinen Text.

Liebe Grüße
Ingwer
 

flammarion

Foren-Redakteur
Teammitglied
zu

erst einmal herzlich willkommen auf der lupe. dein text gefällt mir gut, könnte aber etwas gestrafft werden. ich wünsche deiner protagonistin alles gute, vor allem die kraft, sich nicht vereinnahmen zu lassen. ganz lieb grüßt
 

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