Kurzgeschichte

E

Eveline Quipipa-Dias

Gast
Freitag

Donnerstag, 8:30 Uhr morgens. Lotte legte sich unter ihren Stammplatz, den Couchtisch, und lauschte dem beständigen Brummen ihres Frauchens. Frauchen summte einen ihrer Lieblingsmärsche. 'Auf in den Kampf...' oder so ähnlich begann die erste Strophe. Zwischendurch schlürfte Frauchen lautstark an ihrem Verdauungsförderungsmittel. Den Tee hatte ihr der Arzt verschrieben, um dem trägen Darm der betagten Dame Beine zu machen.
Darm. Lotte glaubte, dass es nun an der Zeit war, Frauchen ans Gassi gehen zu erinnern. Anders als bei Frauchen hatte sich nämlich bei Lotte das Hundefutter schon ganz nach unten vorgearbeitet. Sie kläffte ihr typisches Langhaardackelbellen. Doch seit dem Unfall vor einem guten Jahr musste sie sich schon ganz schön ins Zeug legen, um sich bei Frauchen Gehör zu verschaffen.
Jeder hatte sein Fett abbekommen als der schwarze VW in den dunkelroten Opel Kadett von Frauchen hinein gekracht war. Frauchen war fast taub (zumindest Lottes Meinung nach) und Lotte hatte ein schweres Hüftleiden abbekommen. Aber am schlimmsten war es doch mit Liese, Lottes Schwester, gewesen. Wieder mal nicht angeschnallt war sie bei dem Aufprall in hohem Bogen durch die Windschutzscheibe gesegelt und wie ein Pfeil im Wind spitz auf dem Asphalt gelandet. Der Tierarzt hatte Liese nur noch ins Tierkrematorium fahren können.
Nach dem ersten Schock hatte Frauchen sich furchtbare Vorwürfe gemacht, dass sie Liese nicht angeschnallt hatte. Leider war es eine Tatsache gewesen, dass Liese sich partout niemals anschnallen hatte lassen und zu Lebzeiten lieber frei auf dem Vordersitz neben Frauchen weilte während die Fahrt dauerte. Lotte hatte diesen Anspruch ihrer Schwester auf einen Logenplatz neben dem Frauchen damit begründet gesehen, dass Liese eine halbe Stunde früher geboren war als Lotte. Rein biologisch hatte ihr die Führung des Schwesternteams zugestanden und bis zu ihrem Tod im vergangenen Dezember hatte sie ihre Herrschaft gebührend in Anspruch genommen.
Nun war es still geworden im Leben der beiden betagten Damen. Dies dachte Lotte auch wieder als sie unter dem Couchtisch des Apartments im Souterrain von Frauchens Solarium saß, der einzigen Einnahmequelle die Gerda Brombe hatte. Dieses Solarium war ein kleiner Selbstbedienungsladen mit Automaten, die an die Außenwände kleiner Kabinen angebracht waren und die man mit 5-Markstücken fütterte, um es sich dann auf einer der fünf Sandwichliegen nackt bequem zu machen. Seit gut 15 Jahren führte Frauchen nun schon den Laden und Lotte hatte unter der Führung von Liese jeden Kunden mit wackerem Bellen und drohendem Zähnefletschen empfangen. Die Hundedamen waren der Ansicht gewesen, dass man es der Kundschaft nicht zu leicht machen sollte. Nur die Tapfersten unter den Zweibeinern schafften es an ihr Ziel bis zum Automaten. Frauchen war immer in heller Aufregung gewesen, wenn Liese und Lotte ein besonders feiges Exemplar umzingelt und ihm dann das Fürchten beigebracht hatten. Sie war auf die Idee gekommen, den beiden kampftauglichen Dackeln durch Anbringung eines waagerechten Holzbrettes den Zugang von der Souterrainwohnung zu den im Erdgeschoss befindlichen Sonnenkabinen zu verwehren. Dies ärgerte Liese ihr Leben lang, denn es unterstrich den wohl einzigen Schwachpunkt der sonst so formvollendeten Hunderasse: Die mangelnde Sprungkraft ihrer Dackelbeine. Vergeblich waren Liese und Lotte auf ihren kurzen Vorderbeinen an dem vermaledeiten Brett gehangen und hatten die dreist ein- und ausmarschierenden Schuhpaare der Kunden und Kundinnen mit wütenden Hundeaugen verfolgt. Selbstverständlich wurden die Beine mit höllischem Gebell begleitet. Seit Liese jedoch von ihnen gegangen war, hatte es kein drohendes Kläffen und Bellen mehr gegeben. Lotte und Frauchen waren zu betroffen gewesen von dem Verlust, um sich noch um die schwachbrüstige Kundschaft zu kümmern. Ja, Lotte bemerkte oft noch nicht einmal den Wechsel der Kommenden und Gehenden.
Gerda Brombe hatte leise mit ihren runzeligen Lippen gepustet. Lotte nahm es ihr nicht übel, dass sie noch nicht einmal pfeifen konnte. Sie wusste was das verunglückte Säuseln in der Luft zu bedeuten hatte und zerrte ihren alten Körper unter dem Couchtisch hervor. Toilettenzeit! Die beiden Seniorinnen watschelten in Zeitlupe die drei Stufen zum Solarium empor und den Ausgang hinaus auf die kleine Straße. Lotte legte ihr Ei nahe am Eingang. Es schadete nie, wenn man eine Nachricht gleich neben seinem Quartier hinterließ. Die Stadt war voll von Hunden und eigentlich gab es keine wirkliche Territorialaufteilung mehr. Das wenige was man besaß, musste man mit Zähnen und Krallen verteidigen.
Dann schleppten sich die Ladies die Straße entlang. Lottes lange Nase strich dicht über den Boden hinweg und filterte die interessantesten Meldungen des Tages aus dem täglichen Müll heraus. Aha! Zwei besonders verhasste Hunde aus der näheren Umgebung waren bereits auf ihrem Gassi hier gewesen. Eine große Doggen und der kleine Rehpinscher von nebenan. Allesamt Produkte menschlicher Fehlzüchtung. Einmal mehr schritt Lotte mit Würde an Frauchens Seite und zeigte der schlappen Donnerstagmorgenwelt die Schokoladenseiten eines reinrassigen Dackels: langer Rücken, edles Gesicht, ein beeindruckender Fuchsschwanz.
Sie kamen in den Park, den Frauchen so liebte und von dem Frauchen dachte, dass Liese und Lotte ihn auch so liebten. Dabei war dieser Park ein Dschungel! Es gab wohl kaum einen gefährlicheren Fleck auf der Erde für einen Hund als diesen Park. Erstens war das Angebot an Markierungen und kryptischen Geruchsnachrichten so überwältigend, dass man sich auf das Herannahen von Gegnern gar nicht mehr konzentrieren konnte. Außerdem war dieser Park von Menschen derart beherrscht, dass man jede Minute befürchten musste, von einem Fahrradfahrer oder einem Jogger niedergewalzt zu werden. Trotzdem humpelte Lotte brav auf ihren Stummeln hinter dem schlurfenden Frauchen einher. Sie würden es schon irgendwie überstehen. Wie auch in den vergangenen 15 Jahren.
Lotte und Frauchen hatten ihre übliche Tour um den kleinen See gedreht und waren dann zum Solarium zurückgekehrt. Zum Glück für Lotte hatte Frau Obstler bereits ungeduldig vor der Glastür gewartet, weil sie ihrem graubraunen Teint vor dem nächsten Urlaub noch einen leichten Touch Solariumsbraun verabreichen wollte. Diese Gelegenheit hatte Lotte gleich beim Schopf gepackt und bedrohlich nahe an Frau Obstlers Krampfadern hin gebellt. Frau Obstler war umgehend in Angstschweiß ausgebrochen und hatte Frauchen darauf hingewiesen, dass Lotte das 'einzige störende Element' in dem sonst so 'heimeligen und einladenden Etablissement' sei. Frauchen hatte Lotte daraufhin schimpfend nach unten in die Wohnung verbannt. Unter dem Couchtisch nun träumte Lotte davon nur einmal so richtig kräftig in die bestrumpften Krampfadernknödel von Frau Obstler hineinbeißen zu dürfen. Während sie träumerisch vor sich hindöste, bewegten sich ihre Kiefernmuskeln rhythmisch zum virtuellen Bisserlebnis. Testen müsste man das halt mal können! Wie das ist, wenn man seine Zähne in so ein Menschenbein hineingrub. Oder meinetwegen auch in eine menschliche Arschbacke. Aber man müsste es halt einmal probiert haben in seinem kurzen Hundeleben! Lotte jaulte winselnd im Schlaf und Frauchen tröstete Lotte, dass auch ihr der Tod von Liese immer noch nahe ging.
Für einen alten Menschen wie auch für einen alten Hund ist Zeit etwas sehr Merkwürdiges. Während man in frühen Jahren völlig bedenkenlos mit der Zeit um sich geworfen und sprichwörtlich im Überfluss der Zeit gelebt hatte, so knechtet die Zeit in späten Jahren den müden Geist. Man ist ihr untertan und huldigt ihr, indem man jeden ihrer einzelnen Abschnitte einem bestimmten unumstößlichen Ritual zuschreibt. Nur der Tod oder Gewalt von außen können diese Einheit zwischen Zeitpunkt und Ritual erschüttern. So war es zum Beispiel für Frauchen ein Muss um 11:00 Uhr den kleinen Fernsehapparat anzudrehen und 'Dr. Schlüter rät' anzusehen. Lotte öffnete ihre alten, zerquetschten Hundeaugen und schielte auf das Chaos, dass der Wunderkasten, genannt TV, täglich in ihrem Wohnzimmer verbreitete. Frauchen saß in ihrem Sessel und rauchte ihre Zigaretten während sie den Hergang des Tohuwabohus von 'Dr. Schlüter rät' verfolgte. Ebenso war es selbstverständlich, dass Frauchen um 12:00 Uhr den Apparat wieder abdrehte und dann vor sich hinstarrend weiter rauchte. Die Uhr vertickte die zähflüssige Zeit, in der verlebte Kreaturen wie Frauchen und Lotte sich ins Nichts aufzulösen drohten.
Ab halb eins erlebte das Frauchen mit ihrem Sonnengeschäft einen unerwarteten Konjunkturaufschwung. Auf und zu fiel die Glastür. Gegen Ein Uhr waren alle fünf Kabinen besetzt und die Sonnenröhren liefen auf vollen Touren. Der Strom der Anbeter von Frauchens künstlicher Sonne ließ bis um drei Uhr nachmittags gar nicht nach und dies hatte zur Folge, dass Lotte alleine in der Souterrainwohnung vor sich hinbrüten musste, weil das Frauchen alle Hände voll weiter oben zu schaffen hatte. Zur Abwechslung konnte Lotte nur traurig an dem Holzbrett hängen, das den Aufgang zum Solarium verbarrikadierte.
Frauchen holte in regelmäßigen Abständen aus der kleinen Küche ihrer Kellerwohnung frisch in Essig getränkte Handtücher, mit deren Hilfe die Kunden ihre aufgeheizten und gebräunten Leiber ein wenig kühlen konnten. Es war keine Vorschrift, dass Frauchen kühle Tücher zur Verfügung stellte, aber damit pflegte sie das Image ihres 'heimeligen und einladenden Etablissements', wie es die Obstler zu nennen pflegte. Gegen 16:00 Uhr hatte Frauchen dem letzten Kunden ihre frischen Essigtücher sowie ihr geduldiges Ohr geliehen. Sie war eine bewundernswerte Zuhörerin und dies war auch wieder vonnöten gewesen. Denn beim letzten Kunden hatte es sich um den manisch-depressiven Andreas B. gehandelt, einem Mann um die vierzig, der gleich über dem Solarium wohnte. Nicht, das Gerda Brombe ihn so genannt hätte: manisch-depressiv. Gegenüber Lotte nannte sie ihn einfach nur 'ein bisschen dusselig'. Seine Versponnenheit führte Frauchen darauf zurück, dass er immer nur 'Männer' bei sich hatte, 'mit denen er ja doch nichts Vernünftiges anstellen konnte'. Und sie glaubte, wenn er nur die richtige Frau fände, dann könnte man seine 'Versponnenheit' doch noch wieder gerade biegen. Lotte war immer sehr verwirrt, wenn Andreas B. in die Souterrain-Wohnung eindrang, um mit Frauchen einen Kaffee zu trinken und über seine manischen Depressionen zu plaudern. Er war der erste Hodenmensch mit einem ungewöhnlich weiblichen Verhalten und Lotte widerstand nur schwer der Versuchung, ihm das Fürchten beizubringen.
Nach Andreas B. hatten also Lotte und Frauchen eine Pause eingelegt und waren ein wenig an die frische Luft gegangen. Nur um den Häuserblock. Aber schon das kurze Stück Weg war Lotte zuviel gewesen. In der halben Stunde, in der die beiden betagten Wesen über den Asphalt scharrten, fuhr Lotte hart mit sich zu Gericht und forderte von sich eine Rekapitulierung aller ihr noch verbliebenen Musen. Am Ende musste Lotte sich eingestehen, dass das einzige Vergnügen, dass ihrem verbrauchten Hundekörper noch einen Lebenskitzel entlockte, die Vorstellung von einem gelungenen Überfall auf ein paar Menschenbeine war. Wie jeden Tag ihres Lebens zogen auch jetzt in Abständen hier und da ein paar lukrative Zweibeiner an Lotte vorbei, doch sie konnte sich einfach nicht dazu entschließen, einem Verlangen nachzugeben, dass zwar seit Gedenken in ihr schlummerte, aber zeitlebens von Frauchen unterdrückt worden war. Zu untergeordnet und abgerichtet war sie, die Lotte, um ihren Urinstinkten spontan zu folgen. Doch die Idee des Reinbeißens an sich manifestierte sich immer unauslöschbarer in dem spitzen Kopf der Dackeldame.
Noch weitere fünf Stunden musste das Sonnenstudio von Gerda Brombe geöffnet bleiben, denn ein kleines Schildchen an der Glastür versprach den Kunden eine Öffnungszeit von täglich 10:00 Uhr bis 22:00 Uhr. Frauchen indessen hatte auf einmal einen Putzrappel bekommen und die kleine Wohnung zu säubern begonnen. Gegen die Glastür des Solariums trommelte ein heftiger Regen, der sich schon den ganzen Tag über mit dicken, grauen Wolken angekündigt hatte. Gerda Brombe stellte das gesamte Mobiliar der Kellerwohnung - außer dem Couchtisch, den Lotte mit einem Knurren verteidigte - in das Solarium hinaus und fegte und putzte, dass die Schwarten krachten. Lotte hatte im mittleren Feld ihrer putzenden Besitzerin den Dackelhintern zugekehrt, um damit auszudrücken, dass ihr dieser Hygieneanfall sehr ungelegen kam. Frauchen ließ sich von Lottes Ungezogenheit nicht beirren, sondern schichtete den Dreck der Souterrainwohnung emsig mit einer, alten Menschen zueignen Kurzsichtigkeit von einem Eck in das andere, so dass sie eine erfrischende Umverteilung des über Jahre angesammelten Hausstaubs erreichte.
Nach einer Stunde hatte Gerda Brombe die ihr zur Verfügung stehenden Energien erschöpft und fand gerade noch genügend Kraft, um ihre Möbel wieder in die Wohnung zu zerren. Gleich darauf ließ sie sich in ihren Fernsehsessel fallen und rauchte eine 'nach der Arbeit' Zigarette. Sie hatte sich das Abendprogramm des Fernsehers angemacht und nickte ziemlich nach Beginn der Show 'Alles oder weniger' ein. Eine halbe Stunde später ertönten aus dem Sessel Wände erschütternde Schnarchgeräusche, die Lotte ganz und gar nicht erschreckten. Denn sie wusste, dass Frauchen seit ein paar Jahren zu den ungewöhnlichsten Tages- und Nachtzeiten für ein oder zwei Stunden fest einnickte. Trotzdem trottete sie zu dem Sessel, um zu ihrer eigenen Belustigung einen Blick auf die schnarchende Karikatur zu werfen, die ihre Brotgeberin im schlafenden Zustand abgab. Wie immer entlockte ihr der Anblick des schief im Sessel hängenden ausgetrockneten Leibes der alten Dame ein Hundegrinsen. Als sie sich vom schnarchenden Frauchen abwandte, stach Lotte noch etwas Erfreulicheres ins Auge: Das Brett, dass den Aufgang zum Solarium verwehrte, lag neben der Tür am Boden. Frauchen musste vergessen haben, es wieder vor den Eingang zu stellen. Und da stand nun Lotte und starrte die einladenden Treppen hinauf zum verbotenen Solarium. Sie spitzte die Ohren und stellte mit Befriedigung fest, dass Frauchen noch im Tiefschlaf lag. Sofort trippelte sie nach oben und überquerte mit einem Anflug von Feierlichkeit die verbotene Grenze.
Das Sonnenstudio lag wie ausgestorben im Halbdunkel da. Nur die unablässig vom Himmel fallenden Regentropfen veranstalteten ein wildes Trommelkonzert an den Glasscheiben des Eingangs. Lotte spazierte frei und munter in alle offen stehenden Kabinen. Sogar in den zweiten Stock, dort wo sich die Super-Turbo-Bräunerkabine befand, wagte sie sich noch hinauf und beschnüffelte jeden Quadratmeter. Bald wurde ihr die freie Einsamkeit ein bisschen zu langweilig. Sie beschloss wieder artig unter ihren Couchtisch zu gehen und so zu tun als wäre sie niemals im verbotenen Sonnenstudio gewesen. Da ging die Glastür auf und eine triefend nasse Gestalt im Regenmantel trat in das Sonnenstudio. Lotte beobachtete von der Balustrade des zweiten Stockes aus, wie die Gestalt - ein Mann, wie sich heraus stellte - seinen tropfenden Mantel ablegte und diesen an der Kleidergarderobe aufhängte. Sorgfältig studierte der Mann die einzelnen Tafeln jeder Kabine, die angaben welche Stärke der Bräuner dieser Kabine zur Verfügung stellte. Da Lotte befürchten musste, dass er sich für den Super-Turbo-Brauner entschied, watschelte sie mit klopfendem Herzen unter die Sandwichbank der obersten Bräunerkabine. Tatsächlich hörte sie schon kurz darauf die herannahenden Schritte des Mannes, mit denen er die Treppe auf der Suche nach einem stärkeren Solarium nach oben erklomm.
Seine Fünf-Markstücke plumpsten mit einem dumpfen Geräusch in die gut gefüllte Automatenkasse. Dann sperrte der Mann sich in die Kabine ein, unter dessen Sandwichbank Lotte mit bangem Herzen harrte, und machte sich hastig daran, seinen Körper aus den Kleidern zu schälen. Man konnte bereits hören, wie die Röhren des Bräuners sich summend zur erforderlichen Hitze aufwärmten. Lotte verzog sich tiefer unter die Sandwichröhre und versuchte weniger laut zu hecheln. Plötzlich wurde sie sich ihrer Chance gewahr. Ein bedeutsames Ereignis, ein Entscheidungsschritt stand ihr also bevor und ihr Herz schlug zum Zerbersten laut. Vor ihr bewegten sich die Beine des Mannes hin und her. Auf dem Boden fielen nach und nach Pullover, Hemd und Unterhemd. Dann machte sich der Mann an seinen Schuhen zu schaffen. Ein Glück war es hier für Lotte, dass der Mann seine Brille zuvor abgelegt hatte und nun recht kurzsichtig an seinen Schnürsenkeln herum fummelte. Mit Sicherheit hätte er sonst die vor Jagdlust funkelnden schwarzen Augen Lottes erspäht. Die Zeit drängte und daher riss der Mann ungeduldig an seinen Hosenbeinen, seinen Unterhosen und schließlich den Socken. Ein unwiderstehlicher Duft entströmte diesen Socken und stachelten Lottes Kampfeslust bis ins Unerträgliche an. Es war eine Gelegenheit wie keine zuvor und diese Waden, die so provozierend vor ihr auf und abmarschierten, raubten ihr jede Möglichkeit zu rationeller Entscheidung. Sie schoss ganz einfach mit der ganzen geballten Kraft ihres alten Dackelkörpers unter der Liege hervor und haute ihre Zähne in das rechte Bein des Mannes.
'AHHHHH'
Der Mann schrie lauter als jedes Kind, dass Lotte jemals in ihrem Leben gehört hatte. Trotzdem hörte Gerda Brombe ihn nicht sofort, denn der Super-Turbo-Bräuner hatte nun eingesetzt und tauchte die Umgebung mit beachtlicher Geräuschentwicklung in lilafarbenes Licht. Die noch weit aufklaffenden Hälften der Sandwichliege bestrahlten den Oberkörper des Mannes, dessen Wunsch nach mehr Bräune spätestens in dem Moment gestillt worden war, als sich ein altes Zottelmonster, dass urplötzlich aus dem Nichts erschienen war, sich in sein Bein verbissen hatte. Mit aller Macht versuchte er in einem Indianertanz diesen tasmanischen Teufel loszuwerden. Lotte indessen, machte das Beste aus ihrer einmaligen Chance und grub ihre Zähne tiefer in das weiche Wadenfleisch des Mannes. Erst als ein kreischendes 'LOTTE' von Frauchen ertönte, ließ die Dackeldame von ihrem jungfräulichen Beinbiss ab und nudelte, so schnell es eben ging, zur Kabine hinaus, die Treppen hinunter.
Gerda Brombe, die den gellenden Schrei mit einigem Unbehagen vernommen hatte, eilte ebenso schnell von der Souterrainwohnung zu den Kabinen hoch. Auf dem Treppenabsatz kam ihr Lotte mit blutbefleckter Schnauze entgegen und sie musste auf halber Strecke keuchend halt machen, um die schrecklichen Vorahnungen, die sich ihr beim Anblick des Blutes aufdrängten, zu verarbeiten.
Aus der Kabine ertönte neben dem brummenden Summen des Bräuners das immer schwächer werdende Stöhnen eines nackten Mannes, der ohnmächtig zu werden drohte.

Man kam nicht gleich auf Lotte zu sprechen. Erst war der Notarzt da. Dann die Polizei. Alldieweil ignorierte Frauchen ihre Lotte, die brütend unter dem Couchtisch hockte und sich das Blut ableckte.
Der Jagdrausch war längst verklungen und Schritt für Schritt war Lottes Vernunft wieder zurückgekehrt. Und mit der Vernunft auch die Angst vor den Konsequenzen. Was wohl mit ihr passieren mochte? Sie hatte des öfteren davon gehört; von der Strafe für Menschenbeißer, die Einschläfern genannt wurde. Und dabei ärgerte Lotte am meisten, dass es sich so gar nicht gelohnt hatte. Alles was sie sich von diesem Biss versprochen hatte, war nicht eingetreten. Das jämmerliche Schreien eines Opfers, das sogar nicht kaputt gehen wollte, hatte den Dackel im besten Fall irritiert, aber nicht amüsiert. Es hatte sich nicht gelohnt. Und all das Blut. Man sollte ihr noch einmal sagen das Schweine bluten. Sie wusste es ab heute besser. Und nun kam wohl unweigerlich dieses Einschläfern. Hatte sie das gewollt? Um diesen Preis?

Während die Helfer von der Ambulanz den stöhnenden nackten Mann auf einer Liege zum Wagen trugen, winselte Lotte vor lauter Selbstmitleid in schrillen Tönen unter dem Tisch hervor. Lange lag sie so da und bereute.
Selbst als Frauchen mit der Polizei am Couchtisch saß, um einige Papiere zu unterschreiben, richtete sie nicht einmal das Wort an Lotte. Auch als Gerda Brombe unter Tränen den Hergang von Lottes Überfall schilderte, ignorierte sie die einsame Dackelin unter dem Tisch.
Später als die Polizei fort war, saß Frauchen in ihrem Sessel und rauchte. Stille Tränen liefen über ihr altes Gesicht und Lotte empfand die wohl tiefste Schuld ihres Lebens. Sie schlich reumütig unter dem Couchtisch hervor und strich um Gnade bettelnd an Frauchens Hosenbeinen entlang. Doch Gerda streckte die Hand nach ihr nicht aus. Ihre Stimme zitterte vor Trauer und Schmerz als sie das Wort an Lotte richtete: "Was hast du dir denn dabei gedacht? Wozu habe ich dich all die Jahre so gut erzogen, dass du jetzt - wo wir doch nich' mehr lange sein mögen - auf einen Menschen los gehst? Weißt du nicht was du deinem Frauchen angetan hast? Sie werden kommen und deinen Dummkopf einschläfern, du rücksichtsloses Ding! Du dummes Ding. Ach..." Frauchen ergoss sich in bitteren Tränen, die ihr jedes weitere Wort versagten. Lotte wusste nur ihren warmen Dackelkörper tröstend an Frauchens Beine zu drängen und mit ihr zu winseln.
Bald fand Frauchen wieder ihre Stimme und sie sagte, nicht mehr weinend, doch um so trostloser.
"Ach Gottchen, armes Ding! Kannst ja auch nichts dafür. Hast ja keinen Verstand, du armes, armes Ding." Sie schnaufte hörbar auf. " mit'n Wagen wird er dich nu' für immer von mir wechnehmen. Was haste dir denn bei gedacht, den armen Mann in die Beine zu beißen?"
So saßen die beiden betagten Gestalten an ihren Lieblingsplätzen und lamentierten vor sich hin: Gerda Brombe, weil sie sich schon ihren zweiten Hund begraben sah und Lotte, weil sie immer noch verzweifelt nach einem Weg aus ihrem tödlichen Dilemma sann.
Es hatte zu regnen aufgehört. Die Nacht zog leise und gewaltlos über die Dächer der Stadt.
Der geschädigte Solariumbesucher hatte eine sofortige Eliminierung des mit Sicherheit von Tollwut befallenen bissigen Subjekts gefordert. 'Sofern seinem Wunsch unwiderruflich Folge geleistet würde', hatte der Solariumbesucher geäußert bevor ihm die Krankenschwester eine Tetanusspritze verabreicht hatte, 'würde er von einer weiteren Klage gegen die Hundebesitzerin absehen können'. Die Polizei hatte den Vorschlag für so vernünftig gehalten, dass sie ihn gleich Frau Gerda Brombe unterbreitete. Da Gerda nichts außer einem miserabel laufenden Solarium besaß und sie müde und schwach war, willigte sie auf den Vorschlag ein. Noch in derselben Stunde wurde ein ortsansässiger Tierarzt mit dem Einschläfern des Dackels beauftragt.
Als Dr. Winsel gegen 22:20 Uhr an die Klingel des Solariums drückte - der Betrieb war seit 21:00 Uhr geschlossen - war er schon in besserer Laune als zum Zeitpunkt des Anrufes von Frau Brombe. Allein die Tatsache, dass man heutzutage für das Einschläfern eines Hundes DM 150.- kassierte, hatte ihn dazu veranlassen können, den Auftrag von Frau Brombe zu übernehmen. Winsel überlegte, welchen Prozentsatz die DM 150,- auf die Abzahlung seiner neuen Jamaha ausmachen würde. Der devote Motorradfan rechnete emsig der Erfüllung seines Traumes entgegen. Mehr von diesen lästigen ‚außer Haus' Behandlungen und er könnte sich sogar noch Zubehör leisten. Bei sauberer Kalkulation war sogar zu überlegen, ob man nicht einen sogenannten 24 Stunden- Express Einschläferservice in der Praxis einrichten sollte. Bissige Hunde gab es ja genügend in der Stadt. Gerda ließ sich ordentlich Zeit mit dem Heranschlurfen an die Tür. Sie wusste wohl, wer da an der Tür klingelte und dem Sensemann brauchte man keine Minute zuviel schenken. Auch Lotte zogen sich instinktiv vor lauter Angst die Eingeweide zusammen. Sie hatte das Gefühl, jeden Moment auf den grünen Teppich machen zu müssen. Trotz der erbärmlichen Reaktion ihres Metabolismus hatte die alte Lotte jedoch einen klaren Plan gefasst, wie sie am Ende doch noch ihren Kopf aus der Schlinge ziehen könne. Ruhig und gelassen wollte sie bleiben und brav dem Frauchen bis zum Ausgang folgen, wenn der Schlächter einträte. Doch bevor sie in sein Auto stiegen, würde sie nach links ausscheren, tief durchatmen und laufen so schnell sie ihre Stummelbeine in ihrer Angst trugen. So Gott wollte, würde sie ihren Peinigern entkommen und sich im Stadtpark verstecken. Frauchen könnte ihr dann, wenn die Menschen ihre Hetzjagd auf sie eingestellt hatten, heimlich Asyl gewähren bis Gras über die Sache gewachsen war. Ja, so könnte es funktionieren.
Dr. Winsel hatte auf einer Leine bestanden. Nach 10-minütiger Suche hatte Gerda Brombe endlich eine der Hundeleinen gefunden, die seit Jahrzehnten achtlos in der Ecke gelegen hatten. Frauchen hatte die beiden Hunde nicht groß anzuleinen gebraucht. Genau aus diesem Grund hatte Lotte diesen Tick, den die Menschen mit der Leine für Hunde hatten, bei der Ausarbeitung ihres Fluchtplanes nicht bedacht. Es lief ihr siedend heiß über den Rücken, als ihr das Frauchen mit zitternden Händen das Halsband um den Dackelkopf zog und Dr. Winsel die Leine reichte. Weil sich Lotte nun mit aller Kraft wehrte, war es um die Standhaftigkeit von Gerda Brombe geschehen. Mit einem ergreifenden Aufschluchzen ließ sich die Greisin auf ihrem altbewährten Sessel nieder. Dr. Winsel beschloss darauf hin, den Hund ohne die alte Dame mitzunehmen. Gerda willigte unter Tränen ein. Abgerechnet würde per Rechnungsstellung, erklärte der Doktor. In Gedanken bei seiner Jamaha zerrte Winsel die fette Dackeldame hinter sich her. Lotte gab sich alle Mühe, die Schwerkraft ihres ansehnlichen Hintern zu unterstützen und Winsels Zugkraft zu trotzen.
Schnell hatte der Tierarzt den Hund zur Tür hinaus geschleift. Sein Kofferraum stand bereits weit geöffnet, um den Patienten in Empfang zu nehmen. Lotte sah für sich schon keinen Ausweg mehr. Doch als sie ihren Kopf im Widerstand hin und her schleuderte passierte das Unerwartete. Die Schlinge rutschte über ihre Ohren und entließ Lotte in die Freiheit.
Es dauerte keine Sekunde für die alte Hündin um ihre Chance zu wahrzunehmen. Sofort sauste sie so schnell los, wie sie ihre alten Hundebeine ließen. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte ihr der Umstand zum Glück verholfen, dass sie eine ältere und größere Schwester gehabt hatte. Denn mit Sicherheit war das Halsband nicht jenes von Lotte gewesen.
Ihre Lungen drohten zu platzen, als Lotte im Zickzack die Straßen zum Park hinunter jagte. Sie hätte niemals gedacht, dass der mürrische, fettwanstige Tierdoktor ihr mit soviel Pfeffer hinterher stieben würde. Allein die Tatsache, dass Lotte die Gegend noch besser als die Unterseite ihrer Pfoten kannte, verhalf ihr zu einem beachtlichen Vorsprung vor ihrem Schlächter. Und als sie im Dickicht des riesigen Parks verschwand, blieb Dr. Winsel nach Luft schnappend wie ein Fisch und wütend wie ein Stier vor der Parkeinfahrt stehen. Lotte lief noch ein ganzes Stück weiter in den finsteren Park hinein trotz der Schmerzen in Hals und Brust. Sie wollte sicher gehen, dass ihr der Todesarzt am Ende nicht doch beikam. Geschafft. Unter Atemringen erkannte Lotte den glücklichen Ausgang dieses unseligen Tages. Als sie dann an einer Gabelung stehen blieb, um zu verschnaufen, wurde sie zum ersten Mal des schaurigen Nebels gewahr, der sich über die Parklandschaft gelegt hatte. Lotte fröstelte. Unsicher tastete sie sich ein paar Schritte weiter in den Park hinein. Die Hündin fragte sich, wie lange sie wohl in diesem unwirtlichen Dschungel ausharren musste, bis sie zu ihrem Frauchen zurück kehren konnte. Mit hängenden Ohren machte sie sich auf eine lange Nacht gefasst.
Gerda Brombe mag wohl eingenickt sein. Verwirrt erlangte sie das Bewusstsein und fand sich wie gewohnt in ihrem Fernsehsessel. Ein Gefühl der Zeitlosigkeit irritierte Gerda mächtig. Irgendwann zwischen Weinen und Jammern musste sie wohl ins Schlummerland abgedriftet sein. Als sie sich in ihrem Sessel regte, taten ihr alle Glieder weh, so als hätte sie Hochsport betrieben. Mit blinkenden Augen glotzte sie zunächst weiterhin nur verwundert um sich und fragte sich warum sie überhaupt aufgewacht war. Ein Geräusch hatte sie aus ihrem Schlaf geschreckt. Die Hausklingel oder das Telefon. Es war schwer zu sagen. Wer immer das sein mochte, Gerda Brombe war es ohnehin egal. Sie hatte kein Interesse mehr an ihren Mitmenschen. So viel Kummer und Leid war allein an diesem Tag geschehen; und das auf ihre alten Tage hin. Sie wünschte anderen weiß Gott nichts schlimmes. Nur, musste denn ausgerechnet dieser Unglücksmensch partout an ihrer Tür pochen und ein Drama anrichten?! Mit seinem vermaledeiten Bein. Gerda wünschte sich dieses Bein sehnlichster weg als alles andere auf der Welt. Sie sah wieder deutlich den nackten Mann am Boden, in Pein sein rechtes Bein haltend, dessen Wade recht übel zugerichtet war. Sie konnte noch von Glück sagen, dass der Mann keine Strafanzeige gegen sie stellte. Eingesperrt mit 78. Ja, das wäre die Krönung ihres verhöhnten Lebens. Was hatte sie dem lieben Gott getan, dass er sie so schmähte?
Doch für Tränen fand Gerda nicht mehr genug Selbstmitleid in sich. Sie war nun still geworden und hatte nur noch einen Wunsch: sich fertig fürs Bett zu machen und schlafen zu gehen. Am Spiegel des alten Toilettentisches lachten ihr Photos von Liese und Lotte entgegen. Gerda nutzte diesen feierlichen Moment und hielt inne in ihrer gewohnten Prozedur. Sie strich mit zittrigen alten Fingern über die Photos ihrer Dackelinnen und für einen Moment beneidete sie Lotte um die Ewigkeit, in die sie sicherlich schon eingekehrt war. Um für immer bei ihrer Schwester zu sein. Ein erhellender Gedanke schoss Gerda durch den Kopf, der sie tröstete wie schon lange zuvor nichts mehr. Sie würde sich ihnen bald anschließen. Ja. Das wollte sie tun. Sie würde nicht mehr weiter ihre Zeit hier unten vertrödeln, in diesem trostlosen Solarium mit diesen bedeutungslosen Menschen. Sie würde zu ihren Dacke
 

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