Lachen im Garten

Sally Winter

Mitglied
Lachen im Garten
Manuel lachte so laut, dass die Amseln im Apfelbaum erschrocken aufflogen.
Ich zog ihn zu mir.
„Weißt du was, Manu?“, flüsterte ich.
„Was, Papa?“ Seine Augen funkelten.
„Ich wette, ich kann dich noch einmal zum Lachen bringen.“
Kaum ausgesprochen, kitzelte ich ihn an den Seiten. Ein helles, freudiges Kichern entfuhr ihm.
„Hör auf, Papa!“, rief er, doch kaum ließ ich los, sprang er wieder in meine Arme.
„Du bist der beste Papa der Welt!“, sagte er ernst.
Ich küsste seine Stirn. „Und du bist der beste Manu der Welt.“
Er grinste, kuschelte sich kurz an mich und stürzte dann wie ein Wirbelwind über den Rasen.
„Papa, fangen spielen?“
Ich legte die Hand ans Kinn. „Hm … na gut. Aber sei gewarnt – ich bin der schnellste Fänger der Welt!“
Er quietschte und rannte los. Lachend jagte ich hinterher, stolperte beinahe über eine Wurzel. Sein Lachen flog wie bunte Blätter durch den Garten. Das Gras kratzte unter meinen Händen, der Wind wirbelte durch sein Haar. Ich strich über die Stelle im Gras, wo er eben noch gelegen hatte.
Atemlos ließ ich mich ins Gras fallen. Manu nutzte die Gelegenheit und sprang triumphierend auf mich.
„Papa, du bist aber langsam! Jetzt hab’ ich dich!“
„Gut, du hast gewonnen. Aber beim nächsten Mal … bin ich noch schneller.“
Er legte den Kopf auf meine Brust und blickte zu den Wolken.
„Papa … können wir immer so viel Spaß haben?“
Ich sah ihn an. Seine Haare klebten ihm an der Stirn, seine Wangen waren noch ganz warm vom Rennen.
„So oft wir können“, sagte ich.
Er nickte zufrieden und zupfte einen Grashalm auseinander.
Ich nahm ihm einen der kleinen grünen Streifen aus der Hand und drehte ihn zwischen den Fingern.
Er würde das hier vergessen.
Ich nicht.
Er spielte mit einem Grashalm, betrachtete ihn konzentriert, als wäre er ein kleiner Schatz. „Papa … wenn ich groß bin, bist du dann immer noch mein bester Freund?“
Ich lächelte.
Die Antwort, die ich dachte, sagte ich nicht.
Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Ich hielt ihn einen Moment länger fest, als müsste ich mir merken, wie leicht er noch war. Doch schon sprang er auf:
„Jetzt hab’ ich Hunger! Gibt es was Leckeres?“
Ich lachte. „Dann ab nach Hause, kleiner Wirbelwind!“
Zu Hause rannte er in die Küche. „Mamaaa! Pfannkuchen?“
„Na, du hast ja Hunger!“, lächelte meine Frau. „Zum Glück ist schon etwas vorbereitet.“
Er kletterte auf seinen Stuhl. „Pfannkuchen mit Apfelmus! Ich liebe sie!“
Während wir aßen, erzählte er lebhaft vom Fangspiel, und ich beobachtete ihn, spürte die Wärme der Küche, den Duft der Pfannkuchen – und eine leise Sorge: Wie schnell wird er wachsen?
Nach dem Essen wurde er müde, und kuschelte sich an meinen Arm.
„Papa … morgen fange ich dich wieder.“
„Darauf freue ich mich schon.“
Bald schlief er ein, ein friedliches Lächeln auf den Lippen. Vorsichtig trug ich ihn in sein Zimmer, zog die Decke bis zum Kinn hoch und strich ihm eine Locke aus dem Gesicht.
„Schlaf gut, mein Großer“, flüsterte ich und küsste ihn sanft auf die Stirn.
„Papa … wenn ich träume, bist du dann auch da?“, murmelte er mit geschlossenen Augen.
„Natürlich“, sagte ich.
Er schien zufrieden.
Ich war es nicht ganz.
Ich trat ins Wohnzimmer, atmete die Stille ein, und für einen Augenblick blieb ich einfach stehen. Das leise Haus, das sanfte Ticken der Uhr.
Aus seinem Zimmer hörte ich seinen ruhigen Atem.
In der Küche stand noch sein halb leerer Teller.
 

Anders Tell

Mitglied
Hallo Sally,
die Kriterien der Kurzgeschichte sind hier fast mustergültig umgesetzt. Auch der deskriptive Teil liefert nachvollziehbares Geschehen. Was mich stört, ist das überzeichnete Idyll. Das wirkt wie ein amerikanischer Werbespot für Sanostol. Die Aussage ist erkennbar, ertrinkt jedoch in der Weichspülung. Der Vater würde sein Kind auch lieben, wenn es ihn nicht so verehrte und so unerträglich brav wäre. Das Ganze ergibt dann ein unbuntes Bild ohne Tiefe (lithographisch gesprochen).
Anders
 

jon

Mitglied
Erstmal: Willkommen auf/in/unter der Leselupe!

Ich verstehe die Geschichte nicht. Es wäre okay (wenn auch eher uninteressant), wenn es um das reine Idyll ginge. Aber es gibt offenbar ein Problem. Das reine Wissen des Vaters, dass der Junge irgendwann nicht mehr so unbeschwert kindlich sein wird, ist es nicht. "Die Antwort, die ich dachte, sagte ich nicht." und "… und eine leise Sorge: Wie schnell wird er wachsen?" sprechen dagegen. In welche Richtung das Problem geht, ist allerdings völlig unklar, und das macht es (mir) unmöglich, die Situation zu verstehen.
 

Sally Winter

Mitglied
Hallo,
vielen Dank für Eure konstruktive Kritik. Das ist mein allererster Text und bin immer bereit zu lernen.
Bei Gelegenheit nehme ich mir den Text noch einmal vor. Mal schauen was daraus wird.
Viele Grüße
Sally
 
Hallo Sally, Anders und Jon -

ich habe keine Probleme mit der Geschichte. Ich verstehe sie als Schilderung eines dieser zauberhaften Momente, die hoffentlich jeder liebende Vater mit seinem Kind erlebt - traumhaft schön, aber trügerisch. Das Kind weiß noch nicht, wie fragil das Glück ist, das es gerade erlebt. Wie vergänglich. Im Erwachsenen aber ist das Wissen um die Gefahren, die in der Zukunft liegen, längst vorhanden . Dieser Zwiespalt wird im Text nicht benannt, nur der geschilderte still bleibende Zweifel des Vaters deutet darauf hin und mehr braucht es auch nicht.
Mir gefällts. Mich hat die Geschichte berührt,
meint der Clown dazu.
 

Anders Tell

Mitglied
Ja, lieber Clown,
so habe ich die Aussage auch aufgenommen. Nur denke ich, dass Väter die innige Zeit oft verstreichen lassen und erst im Nachhinein begreifen, dass sich diese Zeit nicht zurück holen lässt. Das Kind hier ist aber zu megabrav und sagt diese ganzen Artigkeiten auf wie bei Goldlöckchen.
Anders
 
so habe ich die Aussage auch aufgenommen.
Dessen war ich mir sicher. Nur, dass ich das schon recht gut herausgearbeitet finde.
Aber warum dKritik an dem megabraven Kind? Auch so etwas gibt es - als Dauerzustand oder besonderen Moment. Meine Braven haben auch Sicherheitsbögen um die Blumenstauden gemacht und schlau dahergeredet, während ich innerlich zerrissen war, dass es nie für eine Ponyherde reichen wird, oder so.
Ich verstehe eure Kritik, kann sie aber nicht nachvollziehen.;)
 

jon

Mitglied
Nein, das "Problem" des Vaters ist ein anderes, viel konkreteres als allgemeine, die aus Lebenserfahrung geborgen Sorge, die Beziehung könne sich abkühlen, bzw. das Wissen, dass die hier erlebt spaßige Unbeschwertheit nicht endlos ist. Das hier:
„So oft wir können“, sagte ich.
kann man damit noch erklären, aber dass er auf die Freund-Frage eine so "schlimme" Antwort denkt, dass er sie nicht sagen kann, deutet auf mehr hin. Und
Wie schnell wird er wachsen?
ist eben nicht dasselbe wie der allgemeine Seufzer der Art "Sie werden ja so schnell erwachsen." Es gibt irgendein ein Problem, das dadurch akut werden wird, dass der Sohn - rein körperlich - größer wird. Und letztlich ist auch
Ich war es nicht ganz (also zufrieden).
ein Zeichen, dass etwas Akutes offen ist. Ja, es wird nicht ewig so spaßig-unbeschwert zwischen ihnen zugehen, aber wenn das zur Unzufriedenheit reicht, dann dürfte niemand je ganz zufrieden sein, denn nichts ist von Dauer.
 

Anders Tell

Mitglied
@ Clown
"Papa, wenn ich träume, bist du dann auch du?" So etwas sagt kein Kind. Das ist verbaler Kitsch reinsten Wassers.

@jon
Mag sein, dass hier noch etwas im Verborgenen liegt. Aber darüber könnte ich nur mutmaßen. Vielleicht sagt die Autorin noch etwas dazu.

Anders
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ich habe beim Lesen sofort etwas Dunkles hinter der scheinbaren - nicht anscheinenden! - Idylle empfunden.

Irgendetwas stimmt nicht. Für mich festzumachen an

"
„So oft wir können“, sagte ich.
und

und eine leise Sorge: Wie schnell wird er wachsen?

"Er" könnte auch ein bösartiger Tumor sein und das Kind ist schwer krank.

Das Bild am Schluss

Ich war es nicht ganz.
Ich trat ins Wohnzimmer, atmete die Stille ein, und für einen Augenblick blieb ich einfach stehen. Das leise Haus, das sanfte Ticken der Uhr.
Aus seinem Zimmer hörte ich seinen ruhigen Atem.
In der Küche stand noch sein halb leerer Teller.

wirkt auf mich wie eine Vorwegnahme des leeren Hauses ohne Kind. Das Essen auf dem halbleeren Teller wird er nie mehr aufessen.

Ein starkes Bild - und ein sehr trauriges.

Vielleicht stimmt das alles gar nicht und die Autorin wollte nur die allgemeine Traurigkeit über das zu schnelle Wachstum des Sohnes einfangen. Aber dafür besitzt der Text einen zu traurigen Grundtenor. Auch merkwürdig, dass der Vater nicht die Nähe der Mutter sucht.

Auf jeden Fall gefällt mir, dass der Text so viele unterschiedliche Reaktionen auslöst.

Gruß DS
 



 
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