Hauptkommissar Rolf Becker schaltete das Mikrophon ein.
Meine Damen und Herren,
zum Abschluss dieses Semesters des Jahrgangs ‚Kriminalistik II‘ möchte ich auf die häufig gestellte Frage eingehen, ob es den perfekten Mord gibt. Ich spiele Ihnen jetzt die prosaische Ausführung eines Falles vor, der sich Anfang der 90er Jahren ereignet hat.
„Nun hab dich nicht so, Dennis! Ich will doch nur wissen, wie es um meine Loretta bestellt ist.“ Norman bettelte um die Auskunft, aber Dennis blieb hart.
„Für einen Psychiater gelten dieselben rechtlichen Bedingungen wie für einen Arzt. Ich darf dir nichts sagen, und ein Einblick in ihre Akte geht schon gar nicht. Wenn ich ihr Einverständnis hätte, wäre das etwas anderes. Red mit Carlotta.“
„Nein, das geht nicht. Ich will ihre Besuche bei dir nicht zum Thema machen. Sie würde mir sofort mit dem Argument kommen, das ginge mich nichts an. Sie mauert bei solchen Angelegenheiten, und ich komme diesbezüglich einfach nicht an sie heran, wenn du verstehst, was ich meine.“
„Ich verstehe dich sehr gut.“
„Dann lass mich erzählen, was ihr meiner Meinung nach fehlt. Und anschließend kommentierst du meine Meinung.“
Dennis atmete hörbar seufzend, und Norman verstand sofort.
„Ich weiß, das ist so ein bisschen durch die Hintertür. Komm, gib dir einen Ruck. Dennis, wir sind Schulfreunde. Du hast in Mathe immer von mir abgeschrieben, jetzt hast du Gelegenheit, dich zu revanchieren.“
Sie suchten ein Terrassencafé auf und bestellten zwei Weizenbiere. Also los, was hast du mir zu erzählen, Norman?“
„Zunächst eine Feststellung: Loretta ist mit ihrem Leben total unzufrieden und deshalb todunglücklich. Sie hat natürlich keinen Grund, das zu sein. Wir führten bis vor Kurzen eine gute Ehe, aber ich krieg sie in letzter Zeit einfach nicht aus ihrer Miesepeterstimmung heraus. Und bevor du fragst: Ich glaube, die Ursache zu kennen. Sie ist stinkreich geboren, ihr Vater hat deine Milliarde im Kreuz, sie hat sich alles geleistet, was sie sich je gewünscht hat, es gibt keine Herausforderungen mehr für sie, ihre geistigen Interessen liegen inzwischen bei Null, weil sie zu bequem geworden ist, und ich habe Angst, dass sie zu saufen beginnt oder Drogen nimmt. Liege ich da richtig?“
Dennis schloss für einen Moment die Augen und ließ sacken, was er soeben gehört hatte. „Absolut, Norman. Genau das ist auch meine Überzeugung. Sie ist wohlstandskrank, sage ich mal so zwischen zwei Bieren. Nichts Ungewöhnliches heutzutage. Gibt es irgendetwas in letzter Zeit, was ihr Spaß gemacht hat?“
Norman überlegte. „Ihr macht überhaupt nichts mehr Spaß.“ Er zögerte. „Doch, ja, da war tatsächlich etwas. Vor vier Wochen haben wir am Rießer See gepicknickt. Wir hatten uns eine Flasche Wein und ein üppiges Essen vom Chinesen mitgenommen und haben den ganzen Nachmittag gelacht, gefeixt und geschlemmt. Ich habe nebenher geangelt, und den anschließenden Sex bei Tageslicht im Freien, also mehr oder weniger öffentlich, fand sie ausgesprochen aufregend. Natürlich war weit und breit niemand zu sehen, trotzdem reichte es ihr für den Kick. Ich wollte das zwei Wochen später wiederholen, aber sie hat sofort abgeblockt. Das war´s dann mit der Euphorie.“
„Sie hat mir davon erzählt. Es habe sie angewidert, wie du den Zander getötet und ausgenommen und mit den gleichen Händen ihren Körper gestreichelt hast.“
„Davon hat sie keinen Ton verlauten lassen.“
Sie erzählten sich noch eine Stunde, dann stellte Norman die entscheidende Frage. „Was würdest du tun, wenn du an meiner Stelle wärst?“
„Ach Norman, ich darf dir keinen solchen Rat geben.“ Dennis schaute ihn mit zusammengepressten Lippen an. „Dräng mich doch nicht in die Ecke!“
„Brauchst du noch ein Bier oder zwei?“
Dennis schüttelte wortlos den Kopf. „Also gut. Ich will das nicht begründen, aber ich denke, das Beste für sie wäre, eine ganz verrückte Reise zu machen, bei der sie viel sieht und erlebt, nicht nur Positives. Eine Reise, die sie schnell an ihre Grenzen bringt, damit sie sich anstrengt, Herausforderungen anzunehmen.“
„Sei beruhigt! Genau daran habe ich auch schon gedacht.“ Norman lächelte erleichtert.
*
Norman hielt Vally in den Armen und wollte nicht loslassen. „Vally, Liebes, mein kleiner Liebling! Schön, dass du dir heute Nachmittag freigenommen hast. Lass dich küssen.“ Ihre Lippen fanden zueinander, ihre Zungen umfächelten sich, und in ihm breitete sich ein Gefühl höchsten Glücks aus. Seine Empfindungen galten nur dieser Frau. Und das seit Monaten.
„Setz dich doch. Ich schenke uns etwas ein“, sagte sie. „Gibt’s was Neues?“ Ihre Frage galt Normans Beziehung zu seiner Frau.
„Nein, alles beim Alten. Ich finde einfach keine Lösung.“
„Es widerstrebt mir, immer mit der gleichen Leier zu kommen. Aber es gibt nur die eine Lösung. Sei vernünftig, Dennis, lass dich scheiden. Etwas anderes hält unsere Beziehung auf Dauer nicht aus. “ Vally schaute ihm um Zustimmung bittend in die Augen.
„Das geht eben nicht. Du weißt, dass mein Zahnlabor zu 100% finanziell von ihr abhängig ist. Bei einer Scheidung verlangt sie mit Sicherheit die Auszahlung, dann muss ich mit 800 000 Euro Schulden den Laden dicht machen. Wie sieht dann meine, unsere Zukunft aus? Ich komme doch nie wieder auf die Beine!“
„Wir sind jetzt zehn Monate zusammen, Norman. Irgendwann möchte ich klare Verhältnisse, und du weißt, dass wir das glücklichste Ehepaar auf der Welt sein würden. Pfeif doch auf das Geld! Nach sieben Jahren werden dir deine Schulden sowieso erlassen. Da gibt es doch so eine gesetzliche Regelung, oder?“ Sie schenkte einen gekühlten Rosé ein.
„Du vergisst, wer ihr Vater ist. Der beherrscht mit seinem Geld nicht nur die ganze Stadt, sondern auch die Gesetze. Der würde mich fertigmachen, dass ich kein Land mehr sehe. Prost!“
„Aber so können wir auch nicht ewig weitermachen“, erwiderte sie, und ihr Tonfall spiegelte ihre Enttäuschung.
„Liebling, hab Geduld. Bitte! Ich habe kürzlich mit ihrem Psychiater gesprochen. Er ist der Meinung, ich solle mit Carlotta eine längere Reise machen und bei dieser Gelegenheit eine Lösung mit ihr vereinbaren. Wenn wir längere Zeit so eng beisammen wären ohne die üblichen Einflüsse, könnte es gelingen, dass ich heil aus der Sache herauskomme.“ Dennis verdrehte den Sachverhalt, denn was er als letzte Möglichkeit in Betracht zog, wollte er ihr auf keinen Fall offenbaren. „Es würde zwei bis drei Monate dauern. Ich weiß, das ist eine lange Zeit, aber was sind drei Monate, wenn wir danach ein Leben lang nur für uns da sein könnten.“
*
Carlotta war Feuer und Flamme, als er ihr eine Tour durch die Vereinigten Staaten vorschlug. Nach ausgiebiger Planung und viel Recherche entschieden sie sich, die Westküste von Süden nach Norden abzufahren. Monterey, San Francisco, Los Angeles – aber all diese Städte waren nicht das, was Carlotta begeisterte. Den richtigen Kick fanden sie ganz im Norden, in Oregon, drei Autostunden südlich von Portland, der Hauptstadt. Der Ort trug den indianischen Namen Lakuma und war am gleichnamigen Fluss gelegen. Die Menschen hier, es mochten 400 in allen Altersklassen gewesen sein, lebten in einer Kommune, ein Relikt aus der Flower-Power-Zeit, das nach der Auflösung der zahlreichen Gemeinschaften der Hippie-Ära als Auffanglager für die übrig gebliebenen Blumenkinder Kaliforniens fungierte. Was Norman und Carlotta vorfanden, war eine Gesellschaft, die einen Zeitsprung hinter sich hatte. Sie entsprach den späten 70er Jahren und war in dem Sinn so konservativ geprägt, dass sie unnötigen technischen Fortschritt, die Gier des Kapitalismus und zwanghafte Regelungen für das soziale Leben grundsätzlich ablehnten. Da die Gemeinschaft friedlich war, wurde sie von den Behörden geduldet. Norman wusste sofort, dass dies der Ort der Entscheidung sein würde.
Als millionenschwere Tochter eines milliardenschweren Vaters wähnte sich Carlotta endlich in einer Umgebung, die ihr total natürlich vorkam, abseits einer auf Leistung um jeden Preis getrimmten Gesellschaft, ohne Neid und zufrieden mit dem, was zum Leben reichte.
Nach drei Monaten offenbarte Carlotta die tiefe Veränderung, die ihr Leben erfahren hatte.
„Norman, das ist genau das Leben, das ich gesucht habe. Lass uns hierbleiben – für immer.“
„Du willst nicht in deine heile Welt zurück? Willst hier in dieser Einfachheit und Armut sterben?“
„Was fehlt uns denn?“
„Na ja, eigentlich nichts. Aber das Leben hier? Selbstversorgung! Diese exzessive Freizügigkeit! Willst du ein Leben lang Souvenirs basteln und verkaufen?“
„Norman, du hast es immer noch nicht kapiert. Was mich hier hält, sind die Menschen. Ehrliche Leute, denen der ganze Zivilisationsscheiß zuwider ist, und die in einer Gemeinschaft leben mit viel Freizeit, guten Gesprächen, gegenseitiger Hilfe und allem, was uns unsere hoch entwickelte Heimat nicht mehr bieten kann.“ Sie schaute ihn entschlossen an. „Wenn dich hier nichts hält, fahr nach Hause. Ich bleibe auf jeden Fall hier. Und zwar solange ich will.“
Norman gab ihr Recht, um eine Diskussion zu vermeiden, und zog sich schweigend zurück. Und als er nachdenklich seine Blockhütte ansteuerte, wurde ihm plötzlich bewusst, dass die Zeit gekommen war, seinen Plan auszuführen.
Zwei Wochen später nahmen sie die Gelegenheit wahr, an einen Rafting-Trip auf dem Lakuma River teilzunehmen. Die Gemeinschaft besaß zwei Schlauchboote; eines benutzten an diesem Tag ihre Freunde Harvey und Alice, das zweite sie selbst. Ziel war die Durchfahrt einer Schlucht mit schnellen und je nach Wasserstand unberechenbaren Stromschnellen. Der Kitzel, der in dieser Schlucht garantiert war, machte diese Fahrt immer wieder zu einer Herausforderung, obwohl alle Vier die Stromschnellen schon einige Male durchfahren hatten.
*
Sie fanden Carlottas Leiche zwei Kilometer unterhalb der letzten Passage. Harvey eilte ins Camp, um über den Notruf den Sheriff zu benachrichtigen. Die Ermittlungen der Polizei waren schnell abgeschlossen.
In einer Notiz der Zeitung Lakuma News hieß es:
In den Stromschnellen von Little Snake in der Lakuma Schlucht ist am 24. 9. die 26jährige Carlotta Hellminger aus Deutschland ums Leben gekommen. Nach Angaben des Ehemannes löste sich das Sicherungsseil bei einem erforderlichen Steuerungsmanöver durch die Schlucht. Ihr Mann, der das Ruder bediente, hatte eine Richtungskorrektur vornehmen müssen, um einem Felsen auszuweichen. Dabei wurde das Opfer über die Bordwand geschleudert. Er bekam die Rettungsleine noch zu fassen, konnte das Opfer jedoch nicht mehr ins Boot ziehen. Zudem hatte sich die Befestigung an der Bordwand gelöst. Den tödlichen Verletzung nach zu urteilen ist die Deutsche in dem Weißwasser mehrmals gegen die Felsen geschleudert worden.
Bevor das Boot zu Wasser gelassen wurde, habe das Opfer selbst die Rettungsleine an der Klampe befestigt. Das bestätigen auch die beiden Zeugen auf dem zweiten Boot. Die Bewohner der Kommune reagierten fassungslos auf den tödlichen Unfall. Da dem Ehemann kein Verschulden oder eine Mitschuld zur Last gelegt werden kann, wurde das Ermittlungsverfahren eingestellt. Warum die erfahrene Rafterin so fahrlässig beim Anbinden der Sicherheitsleine vorgegangen war, konnte nicht geklärt werden.
*
Nun, meine Damen und Herren, für wie perfekt halten Sie diesen Mord? (Er wartete auf Wortmeldungen und fuhr fort). Ich will es vorwegnehmen: Ja, dieser Mord war perfekt. Und zwar vom Anfang bis zum Ende. Untersuchen wir die entscheidenden zwei Fragen: Wieso hat sich der Knoten gelöst, und warum konnte der Mörder seine Frau nicht wieder ins Boot ziehen?
Schweigen.
Die Polizei konnte das nicht ermitteln, eben weil es der perfekte Mord war, aber der Täter hat es in seinem Geständnis erklärt: Jeder der beiden band seine Leine selbst an. Carlotta benutzte einen üblichen Sicherheitsknoten, während Norman einen Halfterstek band. Das ist ein Knoten, der sich von selbst löst, wenn man an dem kurzen Ende zieht. Dann nahm er das Paddel. Er schob das Boot ins Wasser, sprang hinein, ergriff das Paddel, arbeitete gegen die Strömung, um nicht abzutreiben, und drehte es so, dass auch Carlotta einsteigen konnte. Was sie nicht bemerkte, war, dass sich Norman auf die Seite mit ihrem Knoten gesetzt hatte. Carlotta saß nun am Halfterstek.
Als seine Frau über Bord gegangen war, stürzte sich Norman auf die Klampe, an der ihre Leine befestigt war, ergriff ihr kurzes Ende, löste mit einem kurzen Ruck den Knoten und versuchte, die Leine mit den Händen einzuholen, was bei diesen schwierigen Umständen misslang.
Der Halfterstek erfüllt den Tatbestand einer Mordwaffe. Aber wie hätte man das beweisen können? Norman verdeckte den Knoten mit seinem Körper, als er ihn löste; die hinter ihm fahrenden Zeugen hatten in der Stromschnelle mit sich selbst zu tun.
Auch der misslungene Rettungsversuch ist perfekt. In seiner ersten Vernehmung sagte Norman, die Leine sei ihm bei diesen Wasserturbulenzen ständig durch die nassen Hände gerutscht, bis er sie enggültig verlor. Damit wäre er von sämtlichen Vorwürfen befreit, denn das Bemühen, die Leine einzuholen, reicht als Beweis für seine Hilfe.
Somit ist die Schuldfrage nicht zu klären. Wer will ihm wie nachweisen, dass er nicht richtig zugepackt hat?
Sie sehen, meine Damen und Herren, es gibt tatsächlich den perfekten Mord. Wir sehen uns in vierzehn Tagen wieder. Ich freue mich auf Ihre Kommentare.
Als er gehen wollte, wandte er sich nochmal an seine Klasse.
Ach ja, das hätte ich beinahe vergessen. Die Sache ist ja noch gar nicht zu Ende.
*
Drei Tage später fuhr Norman in die benachbarte Stadt, angeblich um Medikamente zu besorgen. Doch sein Besuch diente einem anderen Zweck. Er suchte die Bibliothek auf, entlieh ein Buch, bat um einen Stift und ein Blatt Papier und setzte sich an einen Tisch hinter ein verwinkeltes Regal, um unbeobachtet einen Brief zu schreiben.
Meine geliebte Vally,
es ist geschehen: Carlotta ist durch einen Rafting-Unfall ums Leben gekommen. Ich fliege übernächste Woche zurück und bringe ein volles Bankkonto mit.
In Liebe
Norman
Eine Woche später saß er am gleichen Tisch und schrieb einen weiteren Brief, jedoch in einer weniger glücklichen Stimmung:
Ach Vally, mein geliebtes Mädchen, heute habe ich eine ganz schlimme Nachricht. Ich war vor einer Stunden auf der Bank und wollte unser gemeinsames Konto auflösen und das gesamte Guthaben – es hätten etwa zweieinhalb Millionen Euro sein müssen – nach Hause zu transferieren. Aber der Banker schaute mich nur verdutzt an.
„Ja wissen Sie denn nicht?“, fragte er.
Ich schaute ebenso verdutzt zurück. „Nein.“
„Um es kurz zu machen: Ihre Frau hat mir erklärt, sie habe ihren Lebensmittelpunkt gefunden, und verfügt, das gesamte Guthaben auf das Konto des Camp Lakuma zu überweisen, um damit die Gemeinschaft für die Zukunft finanziell abzusichern. Die Transaktion wurde als Schenkung rechtlich dokumentiert.“
„Davon hat sie mir nichts gesagt. Na ja, es war ja auch ihr Geld.“
Und noch etwas: Kannst du mir ein Ticket von Portland nach Frankfurt mit Abflug Ende Oktober schicken. Ich bin blank wie eine Kirchenmaus.
Danke
Dein Norman
Meine Damen und Herren,
zum Abschluss dieses Semesters des Jahrgangs ‚Kriminalistik II‘ möchte ich auf die häufig gestellte Frage eingehen, ob es den perfekten Mord gibt. Ich spiele Ihnen jetzt die prosaische Ausführung eines Falles vor, der sich Anfang der 90er Jahren ereignet hat.
„Nun hab dich nicht so, Dennis! Ich will doch nur wissen, wie es um meine Loretta bestellt ist.“ Norman bettelte um die Auskunft, aber Dennis blieb hart.
„Für einen Psychiater gelten dieselben rechtlichen Bedingungen wie für einen Arzt. Ich darf dir nichts sagen, und ein Einblick in ihre Akte geht schon gar nicht. Wenn ich ihr Einverständnis hätte, wäre das etwas anderes. Red mit Carlotta.“
„Nein, das geht nicht. Ich will ihre Besuche bei dir nicht zum Thema machen. Sie würde mir sofort mit dem Argument kommen, das ginge mich nichts an. Sie mauert bei solchen Angelegenheiten, und ich komme diesbezüglich einfach nicht an sie heran, wenn du verstehst, was ich meine.“
„Ich verstehe dich sehr gut.“
„Dann lass mich erzählen, was ihr meiner Meinung nach fehlt. Und anschließend kommentierst du meine Meinung.“
Dennis atmete hörbar seufzend, und Norman verstand sofort.
„Ich weiß, das ist so ein bisschen durch die Hintertür. Komm, gib dir einen Ruck. Dennis, wir sind Schulfreunde. Du hast in Mathe immer von mir abgeschrieben, jetzt hast du Gelegenheit, dich zu revanchieren.“
Sie suchten ein Terrassencafé auf und bestellten zwei Weizenbiere. Also los, was hast du mir zu erzählen, Norman?“
„Zunächst eine Feststellung: Loretta ist mit ihrem Leben total unzufrieden und deshalb todunglücklich. Sie hat natürlich keinen Grund, das zu sein. Wir führten bis vor Kurzen eine gute Ehe, aber ich krieg sie in letzter Zeit einfach nicht aus ihrer Miesepeterstimmung heraus. Und bevor du fragst: Ich glaube, die Ursache zu kennen. Sie ist stinkreich geboren, ihr Vater hat deine Milliarde im Kreuz, sie hat sich alles geleistet, was sie sich je gewünscht hat, es gibt keine Herausforderungen mehr für sie, ihre geistigen Interessen liegen inzwischen bei Null, weil sie zu bequem geworden ist, und ich habe Angst, dass sie zu saufen beginnt oder Drogen nimmt. Liege ich da richtig?“
Dennis schloss für einen Moment die Augen und ließ sacken, was er soeben gehört hatte. „Absolut, Norman. Genau das ist auch meine Überzeugung. Sie ist wohlstandskrank, sage ich mal so zwischen zwei Bieren. Nichts Ungewöhnliches heutzutage. Gibt es irgendetwas in letzter Zeit, was ihr Spaß gemacht hat?“
Norman überlegte. „Ihr macht überhaupt nichts mehr Spaß.“ Er zögerte. „Doch, ja, da war tatsächlich etwas. Vor vier Wochen haben wir am Rießer See gepicknickt. Wir hatten uns eine Flasche Wein und ein üppiges Essen vom Chinesen mitgenommen und haben den ganzen Nachmittag gelacht, gefeixt und geschlemmt. Ich habe nebenher geangelt, und den anschließenden Sex bei Tageslicht im Freien, also mehr oder weniger öffentlich, fand sie ausgesprochen aufregend. Natürlich war weit und breit niemand zu sehen, trotzdem reichte es ihr für den Kick. Ich wollte das zwei Wochen später wiederholen, aber sie hat sofort abgeblockt. Das war´s dann mit der Euphorie.“
„Sie hat mir davon erzählt. Es habe sie angewidert, wie du den Zander getötet und ausgenommen und mit den gleichen Händen ihren Körper gestreichelt hast.“
„Davon hat sie keinen Ton verlauten lassen.“
Sie erzählten sich noch eine Stunde, dann stellte Norman die entscheidende Frage. „Was würdest du tun, wenn du an meiner Stelle wärst?“
„Ach Norman, ich darf dir keinen solchen Rat geben.“ Dennis schaute ihn mit zusammengepressten Lippen an. „Dräng mich doch nicht in die Ecke!“
„Brauchst du noch ein Bier oder zwei?“
Dennis schüttelte wortlos den Kopf. „Also gut. Ich will das nicht begründen, aber ich denke, das Beste für sie wäre, eine ganz verrückte Reise zu machen, bei der sie viel sieht und erlebt, nicht nur Positives. Eine Reise, die sie schnell an ihre Grenzen bringt, damit sie sich anstrengt, Herausforderungen anzunehmen.“
„Sei beruhigt! Genau daran habe ich auch schon gedacht.“ Norman lächelte erleichtert.
*
Norman hielt Vally in den Armen und wollte nicht loslassen. „Vally, Liebes, mein kleiner Liebling! Schön, dass du dir heute Nachmittag freigenommen hast. Lass dich küssen.“ Ihre Lippen fanden zueinander, ihre Zungen umfächelten sich, und in ihm breitete sich ein Gefühl höchsten Glücks aus. Seine Empfindungen galten nur dieser Frau. Und das seit Monaten.
„Setz dich doch. Ich schenke uns etwas ein“, sagte sie. „Gibt’s was Neues?“ Ihre Frage galt Normans Beziehung zu seiner Frau.
„Nein, alles beim Alten. Ich finde einfach keine Lösung.“
„Es widerstrebt mir, immer mit der gleichen Leier zu kommen. Aber es gibt nur die eine Lösung. Sei vernünftig, Dennis, lass dich scheiden. Etwas anderes hält unsere Beziehung auf Dauer nicht aus. “ Vally schaute ihm um Zustimmung bittend in die Augen.
„Das geht eben nicht. Du weißt, dass mein Zahnlabor zu 100% finanziell von ihr abhängig ist. Bei einer Scheidung verlangt sie mit Sicherheit die Auszahlung, dann muss ich mit 800 000 Euro Schulden den Laden dicht machen. Wie sieht dann meine, unsere Zukunft aus? Ich komme doch nie wieder auf die Beine!“
„Wir sind jetzt zehn Monate zusammen, Norman. Irgendwann möchte ich klare Verhältnisse, und du weißt, dass wir das glücklichste Ehepaar auf der Welt sein würden. Pfeif doch auf das Geld! Nach sieben Jahren werden dir deine Schulden sowieso erlassen. Da gibt es doch so eine gesetzliche Regelung, oder?“ Sie schenkte einen gekühlten Rosé ein.
„Du vergisst, wer ihr Vater ist. Der beherrscht mit seinem Geld nicht nur die ganze Stadt, sondern auch die Gesetze. Der würde mich fertigmachen, dass ich kein Land mehr sehe. Prost!“
„Aber so können wir auch nicht ewig weitermachen“, erwiderte sie, und ihr Tonfall spiegelte ihre Enttäuschung.
„Liebling, hab Geduld. Bitte! Ich habe kürzlich mit ihrem Psychiater gesprochen. Er ist der Meinung, ich solle mit Carlotta eine längere Reise machen und bei dieser Gelegenheit eine Lösung mit ihr vereinbaren. Wenn wir längere Zeit so eng beisammen wären ohne die üblichen Einflüsse, könnte es gelingen, dass ich heil aus der Sache herauskomme.“ Dennis verdrehte den Sachverhalt, denn was er als letzte Möglichkeit in Betracht zog, wollte er ihr auf keinen Fall offenbaren. „Es würde zwei bis drei Monate dauern. Ich weiß, das ist eine lange Zeit, aber was sind drei Monate, wenn wir danach ein Leben lang nur für uns da sein könnten.“
*
Carlotta war Feuer und Flamme, als er ihr eine Tour durch die Vereinigten Staaten vorschlug. Nach ausgiebiger Planung und viel Recherche entschieden sie sich, die Westküste von Süden nach Norden abzufahren. Monterey, San Francisco, Los Angeles – aber all diese Städte waren nicht das, was Carlotta begeisterte. Den richtigen Kick fanden sie ganz im Norden, in Oregon, drei Autostunden südlich von Portland, der Hauptstadt. Der Ort trug den indianischen Namen Lakuma und war am gleichnamigen Fluss gelegen. Die Menschen hier, es mochten 400 in allen Altersklassen gewesen sein, lebten in einer Kommune, ein Relikt aus der Flower-Power-Zeit, das nach der Auflösung der zahlreichen Gemeinschaften der Hippie-Ära als Auffanglager für die übrig gebliebenen Blumenkinder Kaliforniens fungierte. Was Norman und Carlotta vorfanden, war eine Gesellschaft, die einen Zeitsprung hinter sich hatte. Sie entsprach den späten 70er Jahren und war in dem Sinn so konservativ geprägt, dass sie unnötigen technischen Fortschritt, die Gier des Kapitalismus und zwanghafte Regelungen für das soziale Leben grundsätzlich ablehnten. Da die Gemeinschaft friedlich war, wurde sie von den Behörden geduldet. Norman wusste sofort, dass dies der Ort der Entscheidung sein würde.
Als millionenschwere Tochter eines milliardenschweren Vaters wähnte sich Carlotta endlich in einer Umgebung, die ihr total natürlich vorkam, abseits einer auf Leistung um jeden Preis getrimmten Gesellschaft, ohne Neid und zufrieden mit dem, was zum Leben reichte.
Nach drei Monaten offenbarte Carlotta die tiefe Veränderung, die ihr Leben erfahren hatte.
„Norman, das ist genau das Leben, das ich gesucht habe. Lass uns hierbleiben – für immer.“
„Du willst nicht in deine heile Welt zurück? Willst hier in dieser Einfachheit und Armut sterben?“
„Was fehlt uns denn?“
„Na ja, eigentlich nichts. Aber das Leben hier? Selbstversorgung! Diese exzessive Freizügigkeit! Willst du ein Leben lang Souvenirs basteln und verkaufen?“
„Norman, du hast es immer noch nicht kapiert. Was mich hier hält, sind die Menschen. Ehrliche Leute, denen der ganze Zivilisationsscheiß zuwider ist, und die in einer Gemeinschaft leben mit viel Freizeit, guten Gesprächen, gegenseitiger Hilfe und allem, was uns unsere hoch entwickelte Heimat nicht mehr bieten kann.“ Sie schaute ihn entschlossen an. „Wenn dich hier nichts hält, fahr nach Hause. Ich bleibe auf jeden Fall hier. Und zwar solange ich will.“
Norman gab ihr Recht, um eine Diskussion zu vermeiden, und zog sich schweigend zurück. Und als er nachdenklich seine Blockhütte ansteuerte, wurde ihm plötzlich bewusst, dass die Zeit gekommen war, seinen Plan auszuführen.
Zwei Wochen später nahmen sie die Gelegenheit wahr, an einen Rafting-Trip auf dem Lakuma River teilzunehmen. Die Gemeinschaft besaß zwei Schlauchboote; eines benutzten an diesem Tag ihre Freunde Harvey und Alice, das zweite sie selbst. Ziel war die Durchfahrt einer Schlucht mit schnellen und je nach Wasserstand unberechenbaren Stromschnellen. Der Kitzel, der in dieser Schlucht garantiert war, machte diese Fahrt immer wieder zu einer Herausforderung, obwohl alle Vier die Stromschnellen schon einige Male durchfahren hatten.
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Sie fanden Carlottas Leiche zwei Kilometer unterhalb der letzten Passage. Harvey eilte ins Camp, um über den Notruf den Sheriff zu benachrichtigen. Die Ermittlungen der Polizei waren schnell abgeschlossen.
In einer Notiz der Zeitung Lakuma News hieß es:
In den Stromschnellen von Little Snake in der Lakuma Schlucht ist am 24. 9. die 26jährige Carlotta Hellminger aus Deutschland ums Leben gekommen. Nach Angaben des Ehemannes löste sich das Sicherungsseil bei einem erforderlichen Steuerungsmanöver durch die Schlucht. Ihr Mann, der das Ruder bediente, hatte eine Richtungskorrektur vornehmen müssen, um einem Felsen auszuweichen. Dabei wurde das Opfer über die Bordwand geschleudert. Er bekam die Rettungsleine noch zu fassen, konnte das Opfer jedoch nicht mehr ins Boot ziehen. Zudem hatte sich die Befestigung an der Bordwand gelöst. Den tödlichen Verletzung nach zu urteilen ist die Deutsche in dem Weißwasser mehrmals gegen die Felsen geschleudert worden.
Bevor das Boot zu Wasser gelassen wurde, habe das Opfer selbst die Rettungsleine an der Klampe befestigt. Das bestätigen auch die beiden Zeugen auf dem zweiten Boot. Die Bewohner der Kommune reagierten fassungslos auf den tödlichen Unfall. Da dem Ehemann kein Verschulden oder eine Mitschuld zur Last gelegt werden kann, wurde das Ermittlungsverfahren eingestellt. Warum die erfahrene Rafterin so fahrlässig beim Anbinden der Sicherheitsleine vorgegangen war, konnte nicht geklärt werden.
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Nun, meine Damen und Herren, für wie perfekt halten Sie diesen Mord? (Er wartete auf Wortmeldungen und fuhr fort). Ich will es vorwegnehmen: Ja, dieser Mord war perfekt. Und zwar vom Anfang bis zum Ende. Untersuchen wir die entscheidenden zwei Fragen: Wieso hat sich der Knoten gelöst, und warum konnte der Mörder seine Frau nicht wieder ins Boot ziehen?
Schweigen.
Die Polizei konnte das nicht ermitteln, eben weil es der perfekte Mord war, aber der Täter hat es in seinem Geständnis erklärt: Jeder der beiden band seine Leine selbst an. Carlotta benutzte einen üblichen Sicherheitsknoten, während Norman einen Halfterstek band. Das ist ein Knoten, der sich von selbst löst, wenn man an dem kurzen Ende zieht. Dann nahm er das Paddel. Er schob das Boot ins Wasser, sprang hinein, ergriff das Paddel, arbeitete gegen die Strömung, um nicht abzutreiben, und drehte es so, dass auch Carlotta einsteigen konnte. Was sie nicht bemerkte, war, dass sich Norman auf die Seite mit ihrem Knoten gesetzt hatte. Carlotta saß nun am Halfterstek.
Als seine Frau über Bord gegangen war, stürzte sich Norman auf die Klampe, an der ihre Leine befestigt war, ergriff ihr kurzes Ende, löste mit einem kurzen Ruck den Knoten und versuchte, die Leine mit den Händen einzuholen, was bei diesen schwierigen Umständen misslang.
Der Halfterstek erfüllt den Tatbestand einer Mordwaffe. Aber wie hätte man das beweisen können? Norman verdeckte den Knoten mit seinem Körper, als er ihn löste; die hinter ihm fahrenden Zeugen hatten in der Stromschnelle mit sich selbst zu tun.
Auch der misslungene Rettungsversuch ist perfekt. In seiner ersten Vernehmung sagte Norman, die Leine sei ihm bei diesen Wasserturbulenzen ständig durch die nassen Hände gerutscht, bis er sie enggültig verlor. Damit wäre er von sämtlichen Vorwürfen befreit, denn das Bemühen, die Leine einzuholen, reicht als Beweis für seine Hilfe.
Somit ist die Schuldfrage nicht zu klären. Wer will ihm wie nachweisen, dass er nicht richtig zugepackt hat?
Sie sehen, meine Damen und Herren, es gibt tatsächlich den perfekten Mord. Wir sehen uns in vierzehn Tagen wieder. Ich freue mich auf Ihre Kommentare.
Als er gehen wollte, wandte er sich nochmal an seine Klasse.
Ach ja, das hätte ich beinahe vergessen. Die Sache ist ja noch gar nicht zu Ende.
*
Drei Tage später fuhr Norman in die benachbarte Stadt, angeblich um Medikamente zu besorgen. Doch sein Besuch diente einem anderen Zweck. Er suchte die Bibliothek auf, entlieh ein Buch, bat um einen Stift und ein Blatt Papier und setzte sich an einen Tisch hinter ein verwinkeltes Regal, um unbeobachtet einen Brief zu schreiben.
Meine geliebte Vally,
es ist geschehen: Carlotta ist durch einen Rafting-Unfall ums Leben gekommen. Ich fliege übernächste Woche zurück und bringe ein volles Bankkonto mit.
In Liebe
Norman
Eine Woche später saß er am gleichen Tisch und schrieb einen weiteren Brief, jedoch in einer weniger glücklichen Stimmung:
Ach Vally, mein geliebtes Mädchen, heute habe ich eine ganz schlimme Nachricht. Ich war vor einer Stunden auf der Bank und wollte unser gemeinsames Konto auflösen und das gesamte Guthaben – es hätten etwa zweieinhalb Millionen Euro sein müssen – nach Hause zu transferieren. Aber der Banker schaute mich nur verdutzt an.
„Ja wissen Sie denn nicht?“, fragte er.
Ich schaute ebenso verdutzt zurück. „Nein.“
„Um es kurz zu machen: Ihre Frau hat mir erklärt, sie habe ihren Lebensmittelpunkt gefunden, und verfügt, das gesamte Guthaben auf das Konto des Camp Lakuma zu überweisen, um damit die Gemeinschaft für die Zukunft finanziell abzusichern. Die Transaktion wurde als Schenkung rechtlich dokumentiert.“
„Davon hat sie mir nichts gesagt. Na ja, es war ja auch ihr Geld.“
Und noch etwas: Kannst du mir ein Ticket von Portland nach Frankfurt mit Abflug Ende Oktober schicken. Ich bin blank wie eine Kirchenmaus.
Danke
Dein Norman