Aniella
Mitglied
GB, 13. Februar 1877, nachts in einer dunklen Gasse
Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen.
Der erste Schlag brachte mich bereits zu Fall.
Im selben Moment wusste ich, dass ich keine Chance gegen die drei Angreifer hatte. Um diese Zeit kamen hier kaum noch Passanten vorbei. Schon gar nicht welche, die mir zu Hilfe eilen würden. Hier trieben sich nur zwielichtige Typen herum, die sich gegenseitig höchstens noch die Beute streitig machen würden.
Ich versuchte, lediglich mein Gesicht zu schützen.
Meine Gedanken rasten durch meine Gehirnwindungen, wie hunderte Lichtblitze auf dem Weg zum absoluten Kollaps.
Würde ich meine Familie wiedersehen? Würde ich überhaupt den nächsten Tag erleben?
Könnte ich nochmal in SEINE Augen sehen?
Wie in Gottes Namen kam ER jetzt in meine Gedanken ...?
Der nächste Schlag traf mich an der Schläfe und schickte mich in eine gnädige Ohnmacht.
Als ich aufwachte, verspürte ich ein Stechen in meinen Augen.
Die Sonne schien mir direkt ins Gesicht und ich konnte zunächst nur blinzeln. Ich war eindeutig nicht daheim.
Ich lag auf einer Matratze auf einem Holzfußboden und mein Kopf schmerzte. Nicht zu arg, aber genug, um ruhig liegen zu bleiben und die Lage zu sondieren. Einen Blick auf den Stapel meiner Kleidung auf einem Stuhl gegenüber machte mir klar, dass ich keine Faser am Leib trug. Wo zum Henker war ich hier und wer hatte mich ausgezogen?
Sehr vorsichtig drehte ich mich unter dem Laken zur anderen Seite.
Schockiert sah ich IHN. Er lag neben mir, schlief ruhig und entspannt auf dem Bauch, den Kopf auf den Armen abgelegt, und schien ebenso entblößt zu sein wie ich. Während ich meinen Blick förmlich an seinem schönen Gesicht festklebte, gingen mir die letzten Monate durch den Kopf, in denen ich mich vehement gegen die Gefühle wehrte, die dieser Mann in mir hervorgerufen hatte.
Als er mir das erste Mal auffiel, brachte er mir Medikamente aus der Apotheke in meine Arztpraxis, wie es üblich war.
Da ich zufällig im Weg stand, drückte er mir das Päckchen in die Hand. Nicht nur, dass mich seine sanften, braunen Augen schlagartig aus dem Konzept brachten, nein, auch die zufällige Berührung unserer Finger bei der Übergabe, ließ mich wie durch einen Stromschlag erschüttern.
Ich war sofort zurückgewichen und hatte mich schnell in mein Behandlungszimmer zurückgezogen, aber der Schaden war bereits angerichtet. Ich saß mindestens zehn Minuten zitternd an meinem Schreibtisch und dachte krampfhaft an meine Frau, die ich doch aufrichtig liebte. Jedoch die Leidenschaft, die dieser junge Mann wieder in mir entfachte, war etwas, was ich offensichtlich nicht mehr länger leugnen konnte, wenn ich es auch seit Jahren stets erfolgreich zustande gebracht hatte.
Nachdem ich mich etwas beruhigt hatte, beschloss ich, dass ich dieser puren Verführung auf keinen Fall mehr begegnen wollte, nie mehr begegnen durfte, wenn ich nicht mein mühsam aufgebautes Leben verlieren wollte. Ich hatte so viele Jahre geschafft, mein ganz persönliches Problem zu verdrängen, das wollte ich unbedingt wieder in den Griff bekommen.
Ich vermied es sorgfältig, ihm bei der Lieferung nochmals zu begegnen und es gelang mir auch in den nächsten vierzehn Tagen, doch diese Augen verfolgten mich bis in meine Träume und sie ließen mich regelmäßig schweißgebadet aufwachen.
Es belastete mich zusehends. Mein Verhalten veränderte sich so rasant, dass es meiner Umgebung auffiel, aber sie beobachteten mich nur, sagten nichts.
Das nächste Mal, als ich ihn sah, bemerkte er mich nicht einmal.
Ich konnte es jedoch nicht lassen, ihn zu beobachten, sein Lachen entzückend zu finden und feuchte Hände zu bekommen, als er sich fröhlich durch seine dunkelbraunen Locken strich und ich mir wünschte, es ihm gleichzutun. Vergebens. Er entschwand meinen Blicken und ich spürte so deutlich diese traurige Leere in mir, dass es mich schmerzte.
Da ich seinen Namen nicht kannte, fiel es mir nicht auf, als er eine Woche später als neuer Patient in mein Behandlungszimmer kam und ich dachte, ich würde in ein bodenloses Loch fallen, als er hereinkam.
Wie ein Tier in der Falle fühlte ich mich ihm hilflos ausgeliefert und vermied jeglichen Blickkontakt soweit es ging.
Zur Untersuchung musste ich ihm viel zu nah kommen, ich spürte seinen Atem auf meinem Arm und als er zaghaft eine Hand nach mir ausstreckte, wich ich entsetzt vor ihm zurück und vergaß von Stund an nicht mehr den traurig enttäuschten Ausdruck in seinem Gesicht. Seine Lippen bebten, bevor er sie zusammenpresste und dann resigniert auf den Boden blickte.
Mit herabhängenden Schultern hatte er die Praxis verlassen, ich hätte aufatmen sollen, aber ich verspürte eine anwachsende Verzweiflung in mir, die mich zermürbte. Immer noch leugnete ich es. Ich wollte mich nicht der Versuchung ergeben.
Nur wollte mir nichts einfallen, wie ich einer erneuten Begegnung am besten aus dem Weg gehen konnte und verdrängte jegliche Gedanken an seine Gestalt und diese sanften sehnsüchtigen Augen - mit mäßigem Erfolg.
Gestern wollte ich nur noch rasch eine Bestellung abholen, zwar sehr spät, aber so wollte ich den heutigen Valentinstag frei bekommen.
So der Plan.
Der war grandios gescheitert, weil mich die drei Halunken schlicht ins Reich der Träume geschickt hatten. Das war der Teil, an den ich mich erinnern konnte.
Wie ER mich in sein Zimmer geschleppt haben musste, war mir immer noch schleierhaft, aber er hatte es irgendwie geschafft.
Ich ließ meinen Blick genüsslich über seine Gestalt wandern, bis ich wieder bei seinem entspannten Gesicht landete.
Schon erwischte ich mich dabei, dass ich zärtlich durch sein lockiges Haar strich, wovon ich so oft geträumt hatte. Ohne darüber nachzudenken legte sich mein Arm wie von selbst auf die Hüfte meines wahr gewordenen Traums und ich rückte ein wenig näher an ihn heran. Er schlief weiter und ich konnte nicht anders, als ihm einen sanften Kuss auf seinen Arm zu geben, der dicht vor meinem Gesicht lag. Da schlug er seine wunderschönen Augen auf und ich war nach unserer dann folgenden Konversation besiegt.
Das ist nun die Stelle, an dem meine Erinnerungen in die Realität wechseln. Heute liegen wir gemeinsam in einem Bett und wieder betrachte ich ihn, denn er schläft wie damals neben mir.
Auch wenn es mir bis heute unerklärlich erscheint - selbst im sechsten Jahr nach unserem "Valentinsentscheidungstag" hat das Gespräch, das nun regelmäßig folgt, nichts von ihrer Romantik und prickelnden Vorfreude eingebüßt.
»Dr. George Hensington, ich brauche dringend Eure Hilfe. Ich habe mein Herz verloren.« Der Blick, mit dem du mich umhüllst, berührt mich bis in die Tiefen meiner Selbst.
»Werter Mr. Andrew Blizzard, das ist kein Problem für mich. Ich habe es gefunden und bewahre es gut auf. Damit Ihr Euch nicht grämt, schenke ich Euch derweil das meine.«
Unsere verschleierten Blicke versinken ineinander, unsere Lippen treffen sich zu einem zärtlichen Kuss, wir scheinen miteinander zu verschmelzen und ich feiere mit dir meine absolute Kapitulation. Mal wieder und von ganzem Herzen.
Valentinstag, 14. Februar 1883, irgendwo in Schottland
Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen.
Der erste Schlag brachte mich bereits zu Fall.
Im selben Moment wusste ich, dass ich keine Chance gegen die drei Angreifer hatte. Um diese Zeit kamen hier kaum noch Passanten vorbei. Schon gar nicht welche, die mir zu Hilfe eilen würden. Hier trieben sich nur zwielichtige Typen herum, die sich gegenseitig höchstens noch die Beute streitig machen würden.
Ich versuchte, lediglich mein Gesicht zu schützen.
Meine Gedanken rasten durch meine Gehirnwindungen, wie hunderte Lichtblitze auf dem Weg zum absoluten Kollaps.
Würde ich meine Familie wiedersehen? Würde ich überhaupt den nächsten Tag erleben?
Könnte ich nochmal in SEINE Augen sehen?
Wie in Gottes Namen kam ER jetzt in meine Gedanken ...?
Der nächste Schlag traf mich an der Schläfe und schickte mich in eine gnädige Ohnmacht.
Als ich aufwachte, verspürte ich ein Stechen in meinen Augen.
Die Sonne schien mir direkt ins Gesicht und ich konnte zunächst nur blinzeln. Ich war eindeutig nicht daheim.
Ich lag auf einer Matratze auf einem Holzfußboden und mein Kopf schmerzte. Nicht zu arg, aber genug, um ruhig liegen zu bleiben und die Lage zu sondieren. Einen Blick auf den Stapel meiner Kleidung auf einem Stuhl gegenüber machte mir klar, dass ich keine Faser am Leib trug. Wo zum Henker war ich hier und wer hatte mich ausgezogen?
Sehr vorsichtig drehte ich mich unter dem Laken zur anderen Seite.
Schockiert sah ich IHN. Er lag neben mir, schlief ruhig und entspannt auf dem Bauch, den Kopf auf den Armen abgelegt, und schien ebenso entblößt zu sein wie ich. Während ich meinen Blick förmlich an seinem schönen Gesicht festklebte, gingen mir die letzten Monate durch den Kopf, in denen ich mich vehement gegen die Gefühle wehrte, die dieser Mann in mir hervorgerufen hatte.
Als er mir das erste Mal auffiel, brachte er mir Medikamente aus der Apotheke in meine Arztpraxis, wie es üblich war.
Da ich zufällig im Weg stand, drückte er mir das Päckchen in die Hand. Nicht nur, dass mich seine sanften, braunen Augen schlagartig aus dem Konzept brachten, nein, auch die zufällige Berührung unserer Finger bei der Übergabe, ließ mich wie durch einen Stromschlag erschüttern.
Ich war sofort zurückgewichen und hatte mich schnell in mein Behandlungszimmer zurückgezogen, aber der Schaden war bereits angerichtet. Ich saß mindestens zehn Minuten zitternd an meinem Schreibtisch und dachte krampfhaft an meine Frau, die ich doch aufrichtig liebte. Jedoch die Leidenschaft, die dieser junge Mann wieder in mir entfachte, war etwas, was ich offensichtlich nicht mehr länger leugnen konnte, wenn ich es auch seit Jahren stets erfolgreich zustande gebracht hatte.
Nachdem ich mich etwas beruhigt hatte, beschloss ich, dass ich dieser puren Verführung auf keinen Fall mehr begegnen wollte, nie mehr begegnen durfte, wenn ich nicht mein mühsam aufgebautes Leben verlieren wollte. Ich hatte so viele Jahre geschafft, mein ganz persönliches Problem zu verdrängen, das wollte ich unbedingt wieder in den Griff bekommen.
Ich vermied es sorgfältig, ihm bei der Lieferung nochmals zu begegnen und es gelang mir auch in den nächsten vierzehn Tagen, doch diese Augen verfolgten mich bis in meine Träume und sie ließen mich regelmäßig schweißgebadet aufwachen.
Es belastete mich zusehends. Mein Verhalten veränderte sich so rasant, dass es meiner Umgebung auffiel, aber sie beobachteten mich nur, sagten nichts.
Das nächste Mal, als ich ihn sah, bemerkte er mich nicht einmal.
Ich konnte es jedoch nicht lassen, ihn zu beobachten, sein Lachen entzückend zu finden und feuchte Hände zu bekommen, als er sich fröhlich durch seine dunkelbraunen Locken strich und ich mir wünschte, es ihm gleichzutun. Vergebens. Er entschwand meinen Blicken und ich spürte so deutlich diese traurige Leere in mir, dass es mich schmerzte.
Da ich seinen Namen nicht kannte, fiel es mir nicht auf, als er eine Woche später als neuer Patient in mein Behandlungszimmer kam und ich dachte, ich würde in ein bodenloses Loch fallen, als er hereinkam.
Wie ein Tier in der Falle fühlte ich mich ihm hilflos ausgeliefert und vermied jeglichen Blickkontakt soweit es ging.
Zur Untersuchung musste ich ihm viel zu nah kommen, ich spürte seinen Atem auf meinem Arm und als er zaghaft eine Hand nach mir ausstreckte, wich ich entsetzt vor ihm zurück und vergaß von Stund an nicht mehr den traurig enttäuschten Ausdruck in seinem Gesicht. Seine Lippen bebten, bevor er sie zusammenpresste und dann resigniert auf den Boden blickte.
Mit herabhängenden Schultern hatte er die Praxis verlassen, ich hätte aufatmen sollen, aber ich verspürte eine anwachsende Verzweiflung in mir, die mich zermürbte. Immer noch leugnete ich es. Ich wollte mich nicht der Versuchung ergeben.
Nur wollte mir nichts einfallen, wie ich einer erneuten Begegnung am besten aus dem Weg gehen konnte und verdrängte jegliche Gedanken an seine Gestalt und diese sanften sehnsüchtigen Augen - mit mäßigem Erfolg.
Gestern wollte ich nur noch rasch eine Bestellung abholen, zwar sehr spät, aber so wollte ich den heutigen Valentinstag frei bekommen.
So der Plan.
Der war grandios gescheitert, weil mich die drei Halunken schlicht ins Reich der Träume geschickt hatten. Das war der Teil, an den ich mich erinnern konnte.
Wie ER mich in sein Zimmer geschleppt haben musste, war mir immer noch schleierhaft, aber er hatte es irgendwie geschafft.
Ich ließ meinen Blick genüsslich über seine Gestalt wandern, bis ich wieder bei seinem entspannten Gesicht landete.
Schon erwischte ich mich dabei, dass ich zärtlich durch sein lockiges Haar strich, wovon ich so oft geträumt hatte. Ohne darüber nachzudenken legte sich mein Arm wie von selbst auf die Hüfte meines wahr gewordenen Traums und ich rückte ein wenig näher an ihn heran. Er schlief weiter und ich konnte nicht anders, als ihm einen sanften Kuss auf seinen Arm zu geben, der dicht vor meinem Gesicht lag. Da schlug er seine wunderschönen Augen auf und ich war nach unserer dann folgenden Konversation besiegt.
Das ist nun die Stelle, an dem meine Erinnerungen in die Realität wechseln. Heute liegen wir gemeinsam in einem Bett und wieder betrachte ich ihn, denn er schläft wie damals neben mir.
Auch wenn es mir bis heute unerklärlich erscheint - selbst im sechsten Jahr nach unserem "Valentinsentscheidungstag" hat das Gespräch, das nun regelmäßig folgt, nichts von ihrer Romantik und prickelnden Vorfreude eingebüßt.
»Dr. George Hensington, ich brauche dringend Eure Hilfe. Ich habe mein Herz verloren.« Der Blick, mit dem du mich umhüllst, berührt mich bis in die Tiefen meiner Selbst.
»Werter Mr. Andrew Blizzard, das ist kein Problem für mich. Ich habe es gefunden und bewahre es gut auf. Damit Ihr Euch nicht grämt, schenke ich Euch derweil das meine.«
Unsere verschleierten Blicke versinken ineinander, unsere Lippen treffen sich zu einem zärtlichen Kuss, wir scheinen miteinander zu verschmelzen und ich feiere mit dir meine absolute Kapitulation. Mal wieder und von ganzem Herzen.
Valentinstag, 14. Februar 1883, irgendwo in Schottland