Lass es … nicht (zu)!

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Aniella

Mitglied
GB, 13. Februar 1877, nachts in einer dunklen Gasse

Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen.

Der erste Schlag brachte mich bereits zu Fall.
Im selben Moment wusste ich, dass ich keine Chance gegen die drei Angreifer hatte. Um diese Zeit kamen hier kaum noch Passanten vorbei. Schon gar nicht welche, die mir zu Hilfe eilen würden. Hier trieben sich nur zwielichtige Typen herum, die sich gegenseitig höchstens noch die Beute streitig machen würden.
Ich versuchte, lediglich mein Gesicht zu schützen.
Meine Gedanken rasten durch meine Gehirnwindungen, wie hunderte Lichtblitze auf dem Weg zum absoluten Kollaps.
Würde ich meine Familie wiedersehen? Würde ich überhaupt den nächsten Tag erleben?
Könnte ich nochmal in SEINE Augen sehen?
Wie in Gottes Namen kam ER jetzt in meine Gedanken ...?
Der nächste Schlag traf mich an der Schläfe und schickte mich in eine gnädige Ohnmacht.

Als ich aufwachte, verspürte ich ein Stechen in meinen Augen.
Die Sonne schien mir direkt ins Gesicht und ich konnte zunächst nur blinzeln. Ich war eindeutig nicht daheim.
Ich lag auf einer Matratze auf einem Holzfußboden und mein Kopf schmerzte. Nicht zu arg, aber genug, um ruhig liegen zu bleiben und die Lage zu sondieren. Einen Blick auf den Stapel meiner Kleidung auf einem Stuhl gegenüber machte mir klar, dass ich keine Faser am Leib trug. Wo zum Henker war ich hier und wer hatte mich ausgezogen?
Sehr vorsichtig drehte ich mich unter dem Laken zur anderen Seite.
Schockiert sah ich IHN. Er lag neben mir, schlief ruhig und entspannt auf dem Bauch, den Kopf auf den Armen abgelegt, und schien ebenso entblößt zu sein wie ich. Während ich meinen Blick förmlich an seinem schönen Gesicht festklebte, gingen mir die letzten Monate durch den Kopf, in denen ich mich vehement gegen die Gefühle wehrte, die dieser Mann in mir hervorgerufen hatte.

Als er mir das erste Mal auffiel, brachte er mir Medikamente aus der Apotheke in meine Arztpraxis, wie es üblich war.
Da ich zufällig im Weg stand, drückte er mir das Päckchen in die Hand. Nicht nur, dass mich seine sanften, braunen Augen schlagartig aus dem Konzept brachten, nein, auch die zufällige Berührung unserer Finger bei der Übergabe, ließ mich wie durch einen Blitzschlag erschüttern.
Ich war sofort zurückgewichen und hatte mich schnell in mein Behandlungszimmer zurückgezogen, aber der Schaden war bereits angerichtet. Ich saß mindestens zehn Minuten zitternd an meinem Schreibtisch und dachte krampfhaft an meine Frau, die ich doch aufrichtig liebte. Jedoch die Leidenschaft, die dieser junge Mann wieder in mir entfachte, war etwas, was ich offensichtlich nicht mehr länger leugnen konnte, wenn ich es auch seit Jahren stets erfolgreich zustande gebracht hatte.
Nachdem ich mich etwas beruhigt hatte, beschloss ich, dass ich dieser puren Verführung auf keinen Fall mehr begegnen wollte, nie mehr begegnen durfte, wenn ich nicht mein mühsam aufgebautes Leben verlieren wollte. Ich hatte so viele Jahre geschafft, mein ganz persönliches Problem zu verdrängen, das wollte ich unbedingt wieder in den Griff bekommen.
Ich vermied es sorgfältig, ihm bei der Lieferung nochmals zu begegnen und es gelang mir auch in den nächsten vierzehn Tagen, doch diese Augen verfolgten mich bis in meine Träume und sie ließen mich regelmäßig schweißgebadet aufwachen.
Es belastete mich zusehends. Mein Verhalten veränderte sich so rasant, dass es meiner Umgebung auffiel, aber sie beobachteten mich nur, sagten nichts.

Das nächste Mal, als ich ihn sah, bemerkte er mich nicht einmal.
Ich konnte es jedoch nicht lassen, ihn zu beobachten, sein Lachen entzückend zu finden und feuchte Hände zu bekommen, als er sich fröhlich durch seine dunkelbraunen Locken strich und ich mir wünschte, es ihm gleichzutun. Vergebens. Er entschwand meinen Blicken und ich spürte so deutlich diese traurige Leere in mir, dass es mich schmerzte.
Da ich seinen Namen nicht kannte, fiel es mir nicht auf, als er eine Woche später als neuer Patient in mein Behandlungszimmer kam und ich dachte, ich würde in ein bodenloses Loch fallen, als er hereinkam.
Wie ein Tier in der Falle fühlte ich mich ihm hilflos ausgeliefert und vermied jeglichen Blickkontakt soweit es ging.
Zur Untersuchung musste ich ihm viel zu nah kommen, ich spürte seinen Atem auf meinem Arm und als er zaghaft eine Hand nach mir ausstreckte, wich ich entsetzt vor ihm zurück und vergaß von Stund an nicht mehr den traurig enttäuschten Ausdruck in seinem Gesicht. Seine Lippen bebten, bevor er sie zusammenpresste und dann resigniert auf den Boden blickte.
Mit herabhängenden Schultern hatte er die Praxis verlassen, ich hätte aufatmen sollen, aber ich verspürte eine anwachsende Verzweiflung in mir, die mich zermürbte. Immer noch leugnete ich es. Ich wollte mich nicht der Versuchung ergeben.
Nur wollte mir nichts einfallen, wie ich einer erneuten Begegnung am besten aus dem Weg gehen konnte und verdrängte jegliche Gedanken an seine Gestalt und diese sanften sehnsüchtigen Augen - mit mäßigem Erfolg.

Gestern wollte ich nur noch rasch eine Bestellung abholen, zwar sehr spät, aber so wollte ich den heutigen Valentinstag frei bekommen.
So der Plan.
Der war grandios gescheitert, weil mich die drei Halunken schlicht ins Reich der Träume geschickt hatten. Das war der Teil, an den ich mich erinnern konnte.
Wie ER mich in sein Zimmer geschleppt haben musste, war mir immer noch schleierhaft, aber er hatte es irgendwie geschafft.
Ich ließ meinen Blick genüsslich über seine Gestalt wandern, bis ich wieder bei seinem entspannten Gesicht landete.
Schon erwischte ich mich dabei, dass ich zärtlich durch sein lockiges Haar strich, wovon ich so oft geträumt hatte. Ohne darüber nachzudenken legte sich mein Arm wie von selbst auf die Hüfte meines wahr gewordenen Traums und ich rückte ein wenig näher an ihn heran. Er schlief weiter und ich konnte nicht anders, als ihm einen sanften Kuss auf seinen Arm zu geben, der dicht vor meinem Gesicht lag. Da schlug er seine wunderschönen Augen auf und ich war nach unserer dann folgenden Konversation besiegt.

Das ist nun die Stelle, an dem meine Erinnerungen in die Realität wechseln. Heute liegen wir gemeinsam in einem Bett und wieder betrachte ich ihn, denn er schläft wie damals neben mir.
Auch wenn es mir bis heute unerklärlich erscheint - selbst im sechsten Jahr nach unserem "Valentinsentscheidungstag" hat das Gespräch, das nun regelmäßig folgt, nichts von ihrer Romantik und prickelnden Vorfreude eingebüßt.

»Dr. George Hensington, ich brauche dringend Eure Hilfe. Ich habe mein Herz verloren.« Der Blick, mit dem du mich umhüllst, berührt mich bis in die Tiefen meiner Selbst.

»Werter Mr. Andrew Blizzard, das ist kein Problem für mich. Ich habe es gefunden und bewahre es gut auf. Damit Ihr Euch nicht grämt, schenke ich Euch derweil das meine.«

Unsere verschleierten Blicke versinken ineinander, unsere Lippen treffen sich zu einem zärtlichen Kuss, wir scheinen miteinander zu verschmelzen und ich feiere mit dir meine absolute Kapitulation. Mal wieder und von ganzem Herzen.

Valentinstag, 14. Februar 1883, irgendwo in Schottland
 
Zuletzt bearbeitet:

Anders Tell

Mitglied
Ich muss mich doch sehr wundern, wie man soviel schwülstige Sauce in ein so schmales Handlungsgefäß kippen kann. Figuren wie aus einem Sissy-Bastelbogen. Ein Familienvater, der sich aufführt wie ein Backfisch kann sich das Outing schenken. Kurz: Marlitt lebt.
 

Aniella

Mitglied
@AndersTell

dann wundere Dich ruhig weiter. :rolleyes:
Inspiriert durch den Film „Bodies – Vier Morde durch die Zeit“ ist diese abgeänderte Version eines winzigen Teils einer Episode mehrerer Zeitebenen entstanden. Insgesamt war es also kein so „schmales Handlungsgefäß“, aber es sollte ja nur eine KG sein.
Spielst du gern mit Sissy-Bastelbögen? Ich kenne sie nicht.
Danke für die abfällige Bezeichnung „schwülstige Sauce“. Wo steht denn was von einem Familienvater? Ehefrau und Eltern, Geschwister reichen für die Bezeichnung Familie wohl aus.
Übrigens „Backfisch“ hätte nicht einmal ich in diesem Zusammenhang verwendet. Wie großzügig von Dir, dass Du entscheidest, für wen sich ein Outing lohnt, oder wer es sich schenken kann.

Es ist immer wieder faszinierend, wie sich Menschen mit ihren herablassenden Kommentaren (und Bewertungen) selbst entlarven, was ihre Einstellung zu bestimmten Themen betrifft. Du würdest vielleicht überrascht sein, in welchen Genres ich sonst noch schreibe.
Vielen Dank für Deine Kategorisierung. Sehr aufschlussreich.
Ich wünsche Dir weiter viel Spaß in der Gartenlaube. Ebenfalls ein lohnenswertes Thema zur Verarbeitung, da bis heute (auch) aktuell. Allerdings vertrete ich die Auffassung, dass es durchaus eine Daseinsberechtigung auch für Texte gibt, die nicht dem eigenen Geschmack entsprechen (weil Kitsch, Romantik, queer etc.).
Wer dann trotzdem noch meint, alles nur schlechtmachen zu müssen, den kann ich nicht daran hindern, selbst wenn er konstruktiv nichts zum Text gesagt hat.
Es spricht ja auch ganz für sich.
Danke für die unzähligen, konstruktiven Verbesserungsvorschlägen, ich weiß jetzt gar nicht, wo ich anfangen soll …

Treffer, versenkt.

Erleuchtete Grüße
Aniella
 

petrasmiles

Mitglied
Liebe Aniella,

oops, da hast Du Anders aber eloquent heimgeleuchtet. Respekt!
Manchmal kann er nicht 'anders' und dann ist es schon in Ordnung, ein paar klare Worte zu finden.
Ich würde da aber kein zu großes Fass aufmachen, denn auch, wenn er Dir die Details schuldig blieb, halte ich seinen Verriss für nachvollziehbar.

Mein Hauptkritikpunkt ist, dass ich es für mehr als problematisch halte, eine gegenwärtige Entspannung eines solchen Themas wie Homosexualität in ein anderes Jahrhundert zu transportieren, wo es nichts Entsprechendes gab. Du hast das ein bisschen aufzufangen versucht, indem Du die Skrupel des Protagonisten schildertest, aber das durch die Umstände 'erzwungene' Outing - oder das unschuldig anmutende Nachgeben seines Drangs - wird nur als Aspekt der Befreiung gefeiert.

Dieses Vorgehen erweist dem Thema aber einen Bärendienst, weil es ignoriert, welcher Pein Homosexuelle ausgesetzt waren, sich als nicht richtig zu empfinden - mal ganz abgesehen von den strafrechtlichen Aspekten. Und das macht die Geschichte unglaubwürdig und lässt sie ins Kitschige abdriften.

Wenn ich mir vorstelle, dass noch in diesen Jahren ein amerikanischer Politiker weinend vor einem politischen Forum stand und um Verständnis bettelte, er habe alles versucht, aber er sei so geboren, dann negiert Dein Ansatz diesen Schmerz und diese Verzweiflung der Betroffenen. Homosexuelle waren (und sind bis heute, nur nicht überall) nicht nur mit einem von der Masse abweichendem Begehren geboren, sie werden auch aufgrund dieser Tatsache überproportional gefordert, ihre Ichstärke zu entwickeln; sie wurden (und werden immer noch, nur nicht überall) gezwungen, etwas Ur-Eigenes zu hinterfragen, zu verstecken, wenn nicht gar zu bekämpfen. Welche Auswirkungen all das auf eine Persönlichkeit hat, haben muss, vermag ich mir gar nicht vorzustellen.
Ich freue mich, dass es sie heute gibt, die jungen Menschen, die ungezwungen sich entdecken und ausleben können, nicht nur in dieser Hinsicht, aber verlassen sie ihr Umfeld, politisch oder kulturell, müssen sie mit allem rechnen.
Schwul zu sein, wird in meiner Lebenszeit niemals so selbstverständlich sein wie hetero, und wer diese Tatsache durch eine solche 'Erfolgsgeschichte' leugnet, begeht im Grunde Geschichtsfälschung und nimmt den Betroffenen die Ehre ihres Leides.

Man kann die Vergangenheit nicht ändern, ja, man sollte es gar nicht versuchen.

Das ist nur ein Aspekt, aber der für mich wesentliche.

Liebe Grüße
Petra
 

Anders Tell

Mitglied
Die queerfeindliche Keule habe ich kommen sehen. Nichts liegt mir ferner. Ich habe Freunde, die ich sehr schätze, die schwul sind. Auch gegen Kitsch habe ich nichts. Jeder hat eine kitschige Ecke in seinen Empfindungen. Aber es gibt eine Grenze, an der der Kitsch so überladen ist, dass er grotesk wird. Auch für Romantik bin ich sehr zu haben. Diese Blümchen/Herzporno-Klishees haben mit Romantik nichts zu tun.
Schon der erste Satz ist redundant: Wenn der Icherzähler sich nicht erinnern würde, könnte er die Geschichte kaum erzählen. Dann kommt ein Ort und eine Jahreszahl Ende des 19. Jahrhunderts. Warum? Dieser Ort und die Zeit spielen in der Geschichte keine Rolle.
Der Plot ist schnell erzählt. Ein Arzt verguckt sich in einen Botenjungen. Er will es sich und ihm nicht eingestehen. Vom bloßen Ansehen kann es sich ja eigentlich nur um Begehren handeln. Dann wird der Doktor überfallen und Botenboy schleppt ihn zu sich nach Hause, wo er den Bewußtlosen komplett entkleidet. Da ging es ihm ja wohl weniger um das einzigartige Wesen seines Angebeteten. Denn wie wir erfahren haben, ist auch der Jüngere scharf auf den Arzt.
Auf einmal und ohne erkennbaren Grund mutiert diese Beziehung zu einer Herzensbindung. Und sie säuseln sich Dialoge zu, die jedem Schnulzensänger den Job kosten würden. Und natürlich ist wieder Valentinstag. Was denn nicht noch?
 

Aniella

Mitglied
Liebe Petra,

damit kann ich etwas anfangen, danke dafür.

Wegen der Kritikpunkte werde ich es nun noch weitergehend erläutern (damit ist für mich jetzt klar, dass die Geschichte so nicht funktioniert), denn Deine Begründungen für die Ablehnung kann ich gut nachempfinden.

Diese Geschichte wurde nach bestimmten Vorgaben aus einer Challenge gefertigt:

a) gab es ein Bild (hier ein Foto von zwei Männern im Bett, einer küsste den anderen schlafenden Mann auf den Arm/die Schulter, ich habe es nur noch ungefähr vor Augen)
b) möglichst kurze Geschichte mit erotischem Background von Schwulen
c) als i-Tüpfelchen wurde der Valentinstag als Mit-Thema eingefügt
d) Happy End

Aus guten Gründen soll hier kein „Vorwort“ zu einer KG vorangestellt werden, schließlich soll die Geschichte für sich funktionieren.
Aus meiner Sicht war es eine fertige KG, denn sie erfüllt nach meinem Dafürhalten all die o.a. Vorgaben. Darum steht sie nun hier. Ich wollte wissen, ob sie so funktioniert, ohne dass man die Vorgaben kennt.

Aus Deinen Erläuterungen erkenne ich, dass sie das nicht tut.
In besagtem Film wurden von diesen von Dir genannten Aspekten viele erfüllt, wie Du es Dir vorgestellt hast und wie es ja leider auch Realität war/ist. Es gab dort auch kein Happy End, im Gegenteil, einer kam dabei ums Leben (um dem anderen das Leben zu retten) und damit war auch für diesen anderen jeder Traum zerplatzt. Auch die nunmehr Witwe war nach dem Outing ihres Mannes gesellschaftlich erledigt, auch wenn ihre (Schein-)Ehe offiziell nicht gescheitert war. Ich halte die vorgegebene Zeit übrigens schon für relevant, schon wegen der oft üblichen Scheinehen und der unmittelbaren Todesgefahren, was ja auch noch heute in zu vielen Ländern der Fall ist.
Die inneren Kämpfe, die von allen Beteiligten durchgestanden werden mussten, die teilweise bis zur Selbstaufgabe gingen, sind hier (wegen der Vorgaben) völlig zu kurz gekommen und gehören selbstverständlich hinein.

Da ich das nicht unter einen Hut bringen kann (in diesem speziellen Fall, auch wegen der Kürze und der Vorgaben) oder konnte, ist die Geschichte für das eigentliche Thema damit gescheitert. Fast möchte ich jetzt meinen, dass eine KG für solch ein komplexes Thema nicht geeignet ist, aber das ist jetzt vorschnell geschlussfolgert, da denke ich noch weiter drüber nach.
Zunächst erstmal herzlichen Dank für Deine Ausführungen.

Liebe Grüße
Aniella
 

petrasmiles

Mitglied
Ich halte die vorgegebene Zeit übrigens schon für relevant, schon wegen der oft üblichen Scheinehen und der unmittelbaren Todesgefahren, was ja auch noch heute in zu vielen Ländern der Fall ist.
Liebe Anniela,

all das, was Du hier zu dem Film gesagt hast, findet aber in Deiner Kurzgeschichte nicht statt - die zeitliche Zuordnung ist inhaltlich nicht vorhanden.
Ich stelle mir solche Schreibaufgaben recht schwierig vor, weil die Gefahr besteht, dass man das Setting im Kopf und als Rahmen verinnerlicht hat, ohne dass dieser hinreichend in der Geschichte selbst verankert ist.
War es nun ein Foto, oder ein Film?
Und woher stammt die Vorgabe, dass es ein historischer Stoff sein muss?
So eine Geschichte könnte funktionieren, wenn dieser Bezug nicht wäre ... also mich würde so eine Challenge nicht inspirieren :)

Liebe Grüße
Petra
 

Aniella

Mitglied
Die queerfeindliche Keule habe ich kommen sehen. Nichts liegt mir ferner. Ich habe Freunde, die ich sehr schätze, die schwul sind. Auch gegen Kitsch habe ich nichts. Jeder hat eine kitschige Ecke in seinen Empfindungen. Aber es gibt eine Grenze, an der der Kitsch so überladen ist, dass er grotesk wird. Auch für Romantik bin ich sehr zu haben. Diese Blümchen/Herzporno-Klishees haben mit Romantik nichts zu tun.
Schon der erste Satz ist redundant: Wenn der Icherzähler sich nicht erinnern würde, könnte er die Geschichte kaum erzählen. Dann kommt ein Ort und eine Jahreszahl Ende des 19. Jahrhunderts. Warum? Dieser Ort und die Zeit spielen in der Geschichte keine Rolle.
Der Plot ist schnell erzählt. Ein Arzt verguckt sich in einen Botenjungen. Er will es sich und ihm nicht eingestehen. Vom bloßen Ansehen kann es sich ja eigentlich nur um Begehren handeln. Dann wird der Doktor überfallen und Botenboy schleppt ihn zu sich nach Hause, wo er den Bewußtlosen komplett entkleidet. Da ging es ihm ja wohl weniger um das einzigartige Wesen seines Angebeteten. Denn wie wir erfahren haben, ist auch der Jüngere scharf auf den Arzt.
Auf einmal und ohne erkennbaren Grund mutiert diese Beziehung zu einer Herzensbindung. Und sie säuseln sich Dialoge zu, die jedem Schnulzensänger den Job kosten würden. Und natürlich ist wieder Valentinstag. Was denn nicht noch?

Ich nehme mal an, Du sprichst mich an?

Eigentlich wollte ich gar nicht mehr darauf reagieren, weil jedes Wort des Kommentars nicht nur Geringschätzigkeit gegenüber dem Text ausdrücken.
Deine Plotzusammenfassung ist nichts weiter, als eine Reduzierung auf das, was Du daraus lesen willst. Trotzdem: Einige Deiner Fragen sind bei meinen Antworten auf Petras Kommentar zu finden. Die Sprache, die ich hier gewählt habe, auch bei den Schilderungen, sind genau dieser Zeitepoche geschuldet.
Mehr brauche ich, glaube ich, gar nicht auszuführen.
Weitere Diskussion mit Dir sehe ich als wenig zielführend an.
 

Aniella

Mitglied
Liebe Anniela,

all das, was Du hier zu dem Film gesagt hast, findet aber in Deiner Kurzgeschichte nicht statt - die zeitliche Zuordnung ist inhaltlich nicht vorhanden.
Ich stelle mir solche Schreibaufgaben recht schwierig vor, weil die Gefahr besteht, dass man das Setting im Kopf und als Rahmen verinnerlicht hat, ohne dass dieser hinreichend in der Geschichte selbst verankert ist.
War es nun ein Foto, oder ein Film?
Und woher stammt die Vorgabe, dass es ein historischer Stoff sein muss?
So eine Geschichte könnte funktionieren, wenn dieser Bezug nicht wäre ... also mich würde so eine Challenge nicht inspirieren :)

Liebe Grüße
Petra
Liebe Petra,

das Foto war die Vorgabe, die konnte man in jede Zeitepoche setzen.
Der Film war das, was ich vor dem geistigen Auge hatte. Eine 1:1 Umsetzung wäre erstens viel zu lang geworden und hätte zweitens den Vorgaben nicht entsprochen und wäre dann drittens eine Nacherzählung von einer weiteren furchtbaren Geschichte geworden.
Die Änderungen, die für die Vorgaben nötig waren, habe ich in dieser Epoche angesiedelt (eben auch das Happy End, reine Fantasie, aber eventuell wäre es machbar gewesen. Längere Ausführungen sind dann aber vonnöten, die wegfallen mussten).
Alles andere sind mMn eher reine Liebesgeschichten von heute (nur eben unter Schwulen), die habe ich genug, gerade das Setting (aus dem Film, obwohl der sich um ein ganz anderes Thema drehte) war für mich interessant. Mitnichten wollte ich die seelischen und tatsächlichen Qualen deer Betroffenen herabsetzen. Dass das in Deinen Augen hier so wirkt, tut mir leid.
Gerade die ungewöhnlichen Formulierungen und die wiederholten Annäherungsversuche und Bedenken, Ängste, die ich angedeutet habe, sollten die Zeit/Epoche darstellen. Aber auch hier gilt, in einer KG kann man das gesamte Dilemma nicht darstellen, darum funktioniert es eben nicht.
Den Dialog am Ende halte ich für ein Rollenspiel zwar selbst überzogen, aber es soll Pärchen geben, die solche Rituale pflegen, aus reiner Sentimentalität an die Entstehungsgeschichte ihrer Liebe. Sie werden sich ansonsten sicher anders unterhalten …
Ich sagte ja bereits, dass ich hier nicht alles bedienen konnte, sehe ich ja an den Reaktionen.

Zitat:
Man kann die Vergangenheit nicht ändern, ja, man sollte es gar nicht versuchen. (Zitatende)

Da geh ich nicht konform mit Dir, auch wenn ich Deinen Standpunkt verstehe und akzeptiere. Gerade wenn man etwas von einer anderen Seite beleuchten will, kann man das durch Änderungen von der feststehenden Vergangenheit in einer fiktiven Geschichte erreichen. Ob es funktioniert, sieht man dann hinterher.

Liebe Grüße
Aniella
 

petrasmiles

Mitglied
Da geh ich nicht konform mit Dir, auch wenn ich Deinen Standpunkt verstehe und akzeptiere. Gerade wenn man etwas von einer anderen Seite beleuchten will, kann man das durch Änderungen von der feststehenden Vergangenheit in einer fiktiven Geschichte erreichen. Ob es funktioniert, sieht man dann hinterher.
Nun da habe ich tatsächlich eine sehr andere Meinung.
Ich finde z.B. diese Mode, in Kostümfilmen oder -Serien verstärkt people of colour auftreten zu lassen, als Geschichtsfälschung. Auf Kosten der Menschen, die Sklaverei und Ausbeutung erlebt haben, verschaffen sich die Nachgeborenen einen Vorteil - ich empfinde es als einen Schlag ins Gesicht. Und Menschen, die das sehen - und von dem Subtext keine Ahnung haben - können denken, 'die Schwarzen' konnten doch schon immer alles sein.
Der Mensch ist und entwickelt sich linear. Er muss wissen, woher er kommt, es ist Teil seiner Identität.
Die Vergangenheit braucht keinen Perspektivwechsel, wir brauchen es, um die Gegenwart zu verstehen, aber nicht, indem wir die Fakten verfälschen.
Natürlich ist die Fragestellung 'was wäre wenn' ein legitimes Denkmodell zum Erkenntnisgewinn. Für eine 'Geschichte' - für mich - eher nicht.

Liebe Grüße
Petra
 

jon

Mitglied
Ich habe mehre Probleme mit dem Text:

* Mir ist das auch viel zu wenig Geschichte. Eigentlich gibt es nur das Leugnen und den Konflikt "Ehefrau nicht verlieren wollen" (der so aber bei jedem Fremd-Verlieben auftritt) sowie einen glücklichen Zufall (wobei ich die Handlung des Lovers in spe etwas fragwürdig finde). Es gibt z. B. keine Aussagen dazu, wie es zum Happy End kam - zwischen der quasi erzwungenen Nacktheitsbegegnung und dem Zusammenleben liegen Welten. Statt den wenigen Raum, der in der in der Challenge durch die Längenvorgabe eingeräumt wurde, für den Überfall und das Breiträumen der Äußerlichkeiten zu verwenden, hättest du Konflikt und Lösung in den Fokus nehmen sollen.

* Schau dir mal bitte die Geschichte der Elektrifizierung in GB an. London als Metropole z. B. hat erst 1882 mit der Holborn Viaduct Power Station das erste "öffentliche" Kohlekraftwerk der Welt bekommen, in Haushalten wird erst nach 1930 Strom Standard. Dein Vergleich "auch die zufällige Berührung unserer Finger bei der Übergabe, ließ mich wie durch einen Stromschlag erschüttern. " passt also nicht zu angegebenen Jahr.

* Das Happy End ist ja schön für die beiden, aber mal ehrlich: Der Prota wird niedergeschlagen und sein Lover in spe hat nichts Besseres zu tun, als ihn zu sich zu schleppen und nackig zu machen?
 

Aniella

Mitglied
Ich habe mehre Probleme mit dem Text:

* Mir ist das auch viel zu wenig Geschichte. Eigentlich gibt es nur das Leugnen und den Konflikt "Ehefrau nicht verlieren wollen" (der so aber bei jedem Fremd-Verlieben auftritt) sowie einen glücklichen Zufall (wobei ich die Handlung des Lovers in spe etwas fragwürdig finde). Es gibt z. B. keine Aussagen dazu, wie es zum Happy End kam - zwischen der quasi erzwungenen Nacktheitsbegegnung und dem Zusammenleben liegen Welten. Statt den wenigen Raum, der in der in der Challenge durch die Längenvorgabe eingeräumt wurde, für den Überfall und das Breiträumen der Äußerlichkeiten zu verwenden, hättest du Konflikt und Lösung in den Fokus nehmen sollen.

* Schau dir mal bitte die Geschichte der Elektrifizierung in GB an. London als Metropole z. B. hat erst 1882 mit der Holborn Viaduct Power Station das erste "öffentliche" Kohlekraftwerk der Welt bekommen, in Haushalten wird erst nach 1930 Strom Standard. Dein Vergleich "auch die zufällige Berührung unserer Finger bei der Übergabe, ließ mich wie durch einen Stromschlag erschüttern. " passt also nicht zu angegebenen Jahr.

* Das Happy End ist ja schön für die beiden, aber mal ehrlich: Der Prota wird niedergeschlagen und sein Lover in spe hat nichts Besseres zu tun, als ihn zu sich zu schleppen und nackig zu machen?
Hallo @jon ,

je länger ich Euren Ausführungen folge, desto mehr stimme ich Euch in vielen Bereichen zu. Diesen ganzen konfliktreichen Hergang hatte ich zwar vor Augen, konnte den aber nicht in der Kürze adäquat einfügen. Im Film schmachtete der Jüngere den Älteren gleich ab der ersten Begegnung an. Bei jedem Blickwechsel äußerte sich das mit spürbarem Knistern zwischen ihnen, das ging hier verloren.
Ganz offensichtlich geht auch jeder (Leser) davon aus, dass beim Aufwachen bereits irgendwas "gelaufen" ist zwischen ihnen, was aber gar nicht in meiner Absicht lag. Es sollte mehr der Punkt sein, an dem George vor seinen Gefühlen kapituliert. Deswegen auch der Kuss. Der Anfang von Gesprächen, vorsichtigen Annäherungen, das nun von der vorliegenden Situation begünstigt wird. Das Ausziehen hatte nichts mit Erotik zu tun, sondern war die (logische?) Schlussfolgerung, dass Andrew ihn nach Verarztung ins Bett/Matratze verfrachtet hat. In Ermangelung von mehr Platz, lag er letztlich neben ihm, irgendwo wollte er ja auch schlafen. Okay, da könnte man auch von anderen Handlungen ausgehen. Hm.
Andrew konnte ihn ja schlecht auf der Straße liegen lassen, aber der Rest war nicht im Sinne von nackig machen gemeint, bezog sich auf das Foto und war aus diesem Grund für mich stimmig. Aber ich gebe zu, es ist sehr eindeutig nicht eindeutig.
Dein Hinweis mit der Elektrik, da habe ich glücklich gepennt und einfach eine Formulierung gewählt, die mir geläufig war. Ob es mit einem Blitzschlag auch funktionieren könnte? Ich werde drüber nachdenken, aber in jedem Fall vielen Dank für den Hinweis!

LG Aniella
 



 
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