Lass Sprache fließen (Sonett)

4,00 Stern(e) 2 Bewertungen

Walther

Mitglied
Lass Sprache fließen


Es folge jeder Rhythmus gern den Takten:
Auch wenn so mancher meint, wie obsolet
Das wär, das mit dem Tanz der Worte. Seht,
Wenn wir die Texte einfach nur entschlackten,

Gelänge es, dass Wunderbares steht
Und glänzt! Am überzeugendsten sind Fakten:
Man blättere ein wenig in den Akten! -
Ein Dichter ist voll Übermut: Asket

Nur der, der Epigonenhaftes drechselt
Und meint, die Form sei Meister aller Dinge,
Der Sprache in die Verse quält und häckselt,

Damit am Ende das nach „kunstvoll“ klinge.
Er hat die Form mit Folter wohl verwechselt:
Lass Worte fließen, trag laut vor und: Singe!
 

hermannknehr

Mitglied
Hallo Walther,
Du willst die Texte entschlacken, damit etwas Wunderbares entsteht? Überzeugend wären nur Fakten, die man beim Durchblättern von Akten erhält? Ist das Deine Vorstellung von Lyrik? Dann sollte man besser gleich das Kursbuch der Deutschen Bundesbahn lesen, an Stelle eines Gedichtes. Und der Übermut eines Dichters hält sich nicht an Fakten, genau so wenig wie ein Asket, der auf Minimalismus aus ist, gedrechselte Texte formulieren wird. Nein... dem Inhalt Deines Gedichtes kann ich nicht zustimmen. Aber -jetzt kommt das Positive- die Form finde ich sehr gelungen! Durch eine Vielzahl von Enjambements ein sehr lebendig wirkendes Sonett.
Sehr "kunstvoll", ja man könnte sogar an manchen Stellen von leicht "gedrechselt" sprechen.
Ein Gedicht, das mir gut gefällt, wenn man den Inhalt als eine Satire begreift.
Gruß
Hermann
 

Walther

Mitglied
Lb Hermann,

danke für deinen eintrag. du hast den zwiespalt, den dialog zwischen form und text messerscharf erkannt. man darf zur verteidigung sagen, daß auch im text selbst ein dialog stattfindet - sonettig eben. das sonett ist das dialoggedicht, das wägt und manchmal, über die moral von der geschicht, die Shakespeareschen letzten beiden verse, auch entscheidet.

es ist gestattet, dem sonett die dritte dimension zu geben, den dialog sozusagen "in den raum zu stellen". das geschieht zum einen durch den dialog zwischen form und inhalt; das geschieht des weiteren, indem der dialog selbst mehrere interpretationsebenen eröffnet. es ist sozusagen nichts mehr offensichtlich - da es mehrere bedeutungsebenen gibt.

es ist, darüber hinaus, gestattet, über die (selbst)ironie nichts, besonders das apodiktisch gesagte, wirklich ernst zu nehmen. man darf dieses gedicht mit einem sardonischen lächeln lesen - dann hat man möglicherweise die absicht des autors getroffen.

oder auch nicht.

lg W.
 

Mondnein

Mitglied
Du schaffst sie selbst und folgst ihr dann

Und meint, die Form sei Meister aller Dinge,
Sie ist.
Geglückt ist sie meistens dann, wenn sie spielerisch daher kommt ("tanzt"). Gequält nennen die Meister Formen, die nicht singen, tanzen oder schwingen.
Deshalb lesen die Erstleser der Gedichte (die sich für deren Autoren halten) ihr Lied durch, und noch einmal, und noch einmal, um zu prüfen, wo's noch hakt, hemmt, stolpert, drückt oder - siehe Aschenputtel - ob Blut im Schuck ist.

Mit "Akten" hast Du gewiß (so habe ichs beim Erstlesen gelesen) den Abyssus der vergessenen Leselupenliteraturrattennester gemeint.
Es lebe revilo, der gelegentlich was aus dem Abgrund hervorholt. Oder die Werkdesmonatssucher, die schon mal durch die Kadenzen der Dekadendekadenz hinabstürzen.
 

Walther

Mitglied
dem aufmerksamen

lb mondnein

ist gleich aufgefallen, daß dieses sonett sich selbst auf die schippe nimmt und ein stückweit selbst ad absurdum führt - aber eben nicht ganz, wie hermannknehr eingeräumt hat.

in den akten sind die fakten - eigentlich der ganze olle plunder, den man gelesen und verstanden haben muß, damit's was wird. da kann mans nachlesen - wer schreibt bleibt -, wie es gehen könnte, wenn es geht.

danke fürs kommentieren!

lg W.
 

Oben Unten