(Lese-)Tagebuch

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zeitistsein

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Ich brauche immer eine Weile, bis ich gehypte Bücher zur Hand nehme, um sie zu lesen.

Bei Han Kang habe ich es a) bereut, so lange mit dem Lesen gewartet und b) mich geschämt, sie nicht vor der Nobelpreisverleihung schon gekannt zu haben.

Der Roman "Unmöglicher Abschied" ist an die Massaker angelehnt, die während des Zweiten Weltkriegs in Südkorea verübt wurden. Es erinnert vom Duktus her stark an J.M. Coetzees "Sommer des Lebens", welches die Folgen der Apartheid bis in die Träume, Vorstellungen, Gedanken und das Körperempfinden und die zwischenmenschlichen Beziehungen des südafrikanischen Protagonisten erfahrbar macht. Hier lässt die männliche Hauptfigur seine Lebensgeschichte von anderen Figuren erzählen, so als wäre er selbst davon entfremdet.

Bei Han Kang spielt die Romanhandlung auf der Insel Jeju. Zwei Freundinnen, beide Ende 40, wollen ein Mahnmal für die Opfer der Kriegsverbrechen aufstellen. Dabei verletzt sich die eine und landet im Spital. Die andere reist zu ihr nach Hause an einen abgelegenen Ort, um den dort gebliebenen Vogel zu füttern. Der Strom fällt aus, das Haus wird eingeschneit und die Frau, von der Aussenwelt abgeschnitten, beginnt, sich ihren Erinnerungen zu stellen.

Die Gewalt ist mit dem Tod derer, die sie am eigenen Leib erfuhren, nicht untergegangen. Sie ist noch Generationen später gegenwärtig und greifbar. In den Gefühlen, den Träumen, im Denken, in den Lebensläufen und Beziehungen.

Die Erfahrung, die man in diesem Roman macht: Wir Menschen sind keine erratischen Blöcke, jeder für sich, sondern Träger des kollektiven Unbewussten, in dem die erlebte Gewalt weiter wirkt. Der Körper hat Fühler, die weit in die Geschichte zurückreichen. Und er vergisst nicht, auch nach Jahrhunderten nicht.

Ein Meisterwerk. Der Nobelpreis hoch verdient.
 

zeitistsein

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Liebe Martina,

dieser Brief ist in dunkelgrüner Schrift verfasst. Grün, weil das die Farbe der Hoffnung und dunkel, weil mein Gemüt schwer ist. Ich glaube an ein Wiedersehen, irgendwann, daher die Hoffnung und doch ist meine Trauer gross, seitdem ich vor einer Stunde erfuhr, dass du nicht mehr unter uns weilst.

Ich sehe dich vor meinem inneren Auge, wie du voller Elan ins Klassenzimmer hineinspaziert kommst, strahlend, erhobenen Hauptes, mit deiner Kurzhaarfrisur, hinten kurz und vorne mit kinnlangem Rechtsscheitel. Du hättest die Lehrerin sein können. Trugst enge Jeans und eine hüftlange Stoffjacke mit Schulterpolstern.

Du strahltest jeden an. Sogar den mürrischen Klassenlehrer, der zugleich unser Deutsch- und Geschichtslehrer war. Du warst ein Sonnenschein. In meinem Herzen wirst du das immer bleiben. Eigenartig, diese Verbundenheit. Wir waren keine besten Freundinnen noch hatten wir sonderlich viel Kontakt. Dich schloss man einfach ins Herz. Du hast eine Spur der Zuversicht in meinem Leben hinterlassen. Dein breites Lächeln, deine ruhige Stimme, deine bestimmte Gangart – so bist du mir in Erinnerung. Und ich bin mir fast sicher, ganz viele Menschen durften sich glücklich schätzen, in den Genuss deines Lichtes zu kommen.

Nachdem ich sitzengeblieben war und die Klasse gewechselt hatte, trennten sich unsere Wege. Ich sah dich Jahre später auf dem Fernsehbildschirm wieder. Wieder strahlte mir dein Lächeln entgegen und ich dachte mir: ein Volltreffer. Martina Fiedler ist fürs Fernsehen wie geschaffen. Vielleicht sogar für die grosse Leinwand.

Es vergingen wieder ein paar Jahre und wir begegneten einander im Sechsertram von der Innenstadt in Richtung Allschwil. Dieselbe Frisur, dasselbe Lächeln. Du trugst eine volle Einkaufstasche. Wir wechselten während der Tramfahrt ein paar Worte, stiegen an der Haltestelle Allschwilerplatz aus und gingen wieder getrennte Wege. Du liefst in Richtung Kirche und ich an der Kirche vorbei, geradeaus nach Hause. Ich sah dich nie wieder.

Heute nun durch Zufall die Nachricht, die mich in Schockstarre versetzt und aus der Bahn wirft. Viel zu früh, Martina. Warum nur? Du fehlst.

Durch dein Sosein hast du mich so reich beschenkt und ich konnte und kann dir nichts davon zurückgeben. Ich fühle mich hilflos. Am liebsten würde ich jetzt ins Flugzeug steigen und mich auf dem Hörnli zu dir legen. Oder wenigstens eine Weile vor deinem Grabstein sitzen und dem Unfassbaren ins Auge sehen. Innerlich bin ich jetzt gerade da. Klopfe an und rufe nach dir. Vielleicht hole ich auch eine Schaufel und will, dass du aufstehst. Es darf nicht sein. Es tut weh.

Du warst und bist etwas ganz Grosses, Martina. Dein Tod erschüttert mich, aber die Erinnerung an dich ist unerschütterlich, die Wahrheit, die du in mir errichtet hast, ein Denkmal an Lebensfreude, Wärme und Zuversicht.

Heute ist ein Wendepunkt. Nichts ist mehr so wie vorher. Du bist so greifbar nah und doch so fern. Ich spreche weiter zu dir, Martina. In meinem Innern bleibst du lebendig.

Schweren Herzens

Sandra
 

zeitistsein

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Nietzsches "Zarathustra" habe ich zum ersten Mal ganz gelesen, da war ich etwa 23.
Es war in einem Seminar im Sommersemester des Jahres 2002. Ich erinnere mich noch gut an das konzentrierte Schweigen im Raum. Gut 30 Köpfe brüteten über die hochkomplexen Texte, die Nietzsche in diesem Buch komponiert hatte. Der Dozent sass vorne und schwieg mit. Man könnte sagen, wir meditierten eher statt, dass wir das Buch besprachen.
Ich spürte sofort: Hier tut sich eine ganze Welt auf, die sich mit dem althergebrachten sprachlichen und wissenschaftlichen Besteck nicht beschreiben lässt. Also sprach Zarathustra ist:
- Novelle
- Musikstück
- Roman
- Biografie
- Legende
- Parodie der biblischen Sprache
- Bekehrungserzählung
- Rhetorikhandbuch
- Lehrgedicht
- Gesang
- und noch Vieles mehr.
Letzteres ist nicht so ohne Weiteres ersichtlich. Aber nach mehrmaligem Lesen wird klar: Zarathustra verbringt zehn Jahre in der Einsamkeit der Bergeshöhe. Danach beschliesst er zu den Leuten auf den Marktplatz hinunterzugehen, um seine gewonnenen Erkenntnisse zu verkünden. Das sind deren zwei: Gott ist tot und der Übermensch. Doch er scheitert kläglich mit seiner Verkündigung. Weil er mit der Tür ins Haus fällt.
Die Leute fühlen sich vor den Kopf gestossen, verstehen Bahnhof und lachen ihn aus. Die Vorrede des Buches endet mit einem sinnträchtigen Bild: Ein Seiltänzer stürzt zu Boden, während er seine Kunststücke hoch oben vorführt. Das ist ein Bild für Zarathustras Scheitern. Die Vor-rede ist eine gescheiterte Rede. Zarathustra muss seine Rhetorik überdenken, um die Leute zu erreichen.
Danach beginnt das sogenannte Erste Buch. Drei Verwandlungen nenne ich euch des Geistes: Kamel, Löwe, Kind. So nimmt Zarathustras Laufbahn als Redner ihren Lauf. Und tatsächlich: Indem er seine Gedanken ab ovo darlegt, gewinnt er nach und nach Gefolgschaft. Zarathustra zieht sich mehrmals in die Einsamkeit zurück, kehrt aber immer wieder zu seinen Schülern zurück.
Das letzte Buch - die Gelehrten streiten, ähnlich wie bei Wagners "Ring", ob das Werk aus drei oder aus vier Teilen besteht - beinhaltet das grosse Ja-Sagen. Ein bedingungsloses Ja zur Ewigen Wiederkunft des Gleichen. Zur Erkenntnis also, dass dieses Leben das ewigen Leben ist. Sie wird einem Esel in den Mund gelegt, der das Ja-und-Amen-Lied singt.
23 Jahre sind vergangen und das Buch habe ich noch immer nicht durchdrungen. Es ist kompositorisch so fein konstruiert, dass da noch vieles unendeckt geblieben ist.
Das Kapitel "Vom Gesicht und Räthsel" etwa ist nach dem Prinzip der Fibonacci-Zahlenreihe aufgebaut. Und den "Zarathustra" selbst hat Nietzsche in den Mittelpunkt seines Schaffens gestellt. Das kann man in der Werkanordnung seiner Autobiografie "Ecce homo" nachlesen.
Es gibt also noch viel zu entdecken. Denjenigen, die heute noch an vorderster Front forschen, wird die Arbeit nicht ausgehen
 

zeitistsein

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Toxische Positivität
Die gibt es. Sie wird uns tagtäglich von der Glücks- und Optimismusindustrie, die sich mittlerweile etabliert hat, aufs Auge gedrückt.
Foster Wallace war wohl der Allererste, der die Spassgesellschaft aufs Korn genommen und deren Mechanismen zugleich am tiefsten durchdrungen hat.
Figuren, die vor dem Fernseher sitzen, sich in die Hose machen und dennoch nicht davon loskommen. Spass und Ablenkung, sogar von den Grundbedürfnissen des eigenen Körpers. Eine Gesellschaft, die sich durch Verdrängung über Wasser hält, anstatt mittels Zusammenhalt die echten Probleme anzugehen.
Alles wird gut. Da kommst du schon raus. Sei stark. Toxisches Schönreden der Wahrheit, das die Leidenden und Weinenden einsam und hilflos zurücklässt. Anstatt zu sagen: Teile deine Schwere mit mir. Ich helfe dir beim Tragen.
Foster Wallace kombiniert hier postmoderne Hyperreflexion mit pseudowissenschaftlicher Ästhetik. Dieses Verfahren hat er schon in seinem meisterhaften Essay "The Depressed Person" durchexerziert. Eine Frau, die sich seitenlang in geradezu narzisstischer Selbstverliebtheit über ihre psychischen Achs und Wehs auslässt.
"Unendlicher Spass" führt diese giftige Mischung aus Selbstverliebtheit, Leid und Hyperreflexion als Roman über eine innerlich abgestorbene Gesellschaft vor. Vor lauter Spass werden wir zu Hüllen unserer Selbst, die Gesellschaft zum Konglomerat aus Konsum und Unterhaltungssucht ohne inneren Kompass.
1996 erschienen und immer noch hochaktuell.
 

zeitistsein

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Heute vor 190 Jahren wurde Mark Twain geboren.
Sein wohl berühmtestes Werk ist zugleich Lausbubengeschichte und Bildungsroman. Es berührt sich stilistisch mit Melville und Shakespeare. Manche sehen "Tom Sawyer und Huckleberry Finn" auch als Eichendorff unter dem Vergrösserungsglas.
Eichendorffs Taugenichts, die Hauptfigur in "Aus dem Leben eines Taugenichts" verweigert sich der Leistungsgesellschaft. Er nimmt sich die Freiheit, ein Leben als Aussenseiter zu führen. Eichendorff erlaubt sich hier aufs Ganze gesehen ein winziges Spiel mit der Freiheit.
Doch bei Twain geht es um die ganz grosse Freiheit: "Na schön, dann fahre ich eben zur Hölle“, spricht Huck, als er beschliesst, den Sklaven Jim zu befreien und mit ihm die gewaltige Reise auf dem Missississippi anzutreten.
Was hast du schon mal zur Befreiung eines anderen auf dich genommen? Die ewige Verdammnis wie Huck?
Der Mississippi in der Nacht - eine Mischung aus Schönheit und Gefahr. Das Steigen und Fallen des Wassers, die vierhundert Millionen Tonnen Schlamm, die dieses in den Golf von Mexiko befördert und: der Fluss als Allegorie für den fliessenden Übergang zwischen Gefangenschaft und Freiheit:
"Ein solcher Richtweg des Flusses zerstört zuweilen sogar die Staatsgrenzen: beispielsweise kann ein Mann, der heute im Staate Mississippi lebt, infolge eines über Nacht erfolgten Durchbruches sich und sein Land morgen auf der andern Seite des Flusses wiederfinden, wo er im Gebiete des Staates Louisiana ist und unter dessen Gesetzen steht! Passierte derartiges in den früheren Zeiten am oberen Lauf des Flusses, so konnte es vorkommen, daß ein Sklave auf solche Weise von Missouri nach Illinois versetzt und zum freien Manne wurde."
Die Spannung geht durch Huck Finn hindurch: Unermessliche Freiheitserfahrung und zugleich das schlechte Gewissen, das Richtige zu tun.
Ein gewaltiges Ereignis. Ein zeitloses Meisterwerk.
 

zeitistsein

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Unglaublich, wie das Leben so spielt.
Da stösst man auf ein Buch, das einem zunächst nichts sagt. Findet den Autor irgendwie spannend. Recherchiert mal weiter. Hört sich ein Interview mit besagtem Autor an. Und dieses stellt sich als grosses Aha-Erlebnis heraus.
Ob es doch sowas wie Schicksal gibt?
Der Eindruck entsteht manchmal.
 

zeitistsein

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Ich denke, @zeitistsein, das nennt sich Achtsamkeit, wenn man nicht an allem gedankenlos vorübergeht und dadurch die versteckten Schätze des Lebens entdeckt.

LG Aniella

Liebe Aniella,

vielen Dank für deine Antwort.
Ja, du hast recht: Achtsamkeit ist ganz wichtig in unserer oberflächlichen, schnelllebigen Zeit, um die Bodenhaftung nicht zu verlieren.
Und wenn man dann noch das Glück hat, das einem Bedeutungsvolles über den Weg läuft, ist die Gunst der Stunde gleich doppelt.

Viele Grüsse
Sandra
 

zeitistsein

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Parasozial - dieser Begriff bezeichnet anscheinend die emotionale Bindung zu Unbekannten oder fiktiven Charakteren.

Im Zuge der Heraufkunft der KI gewinnt dieser Begriff zunehmend an Bedeutung. Es soll Menschen geben, die sich in Avatare verlieben. Ich kenne mich damit nicht aus. Doch scheint mir, dass eine Parallele zwischen dieser Bindungsform und dem Liebeswahn, wie Gaetano Benedetti ihn beschrieb, besteht.

Benedetti war Psychiatrieprofessor in Basel und hat das Nachdenken über die Schizophrenie massgeblich beeinflusst. Für ihn ist die Schizophrenie keine auf eine sonstige Persönlichkeit aufgepfropfte Erkrankung wie eine Grippe, die in Erscheinung tritt, behandelt wird und wieder vergessen geht. Vielmehr ist die Psychose in die lebenslange Entwicklung der Persönlichkeit eingebettet. Ihre Behandlung besteht nicht im Abtöten der Symptome durch Medikamente, sondern in der Begleitung durch den Therapeuten.

Beispiel Liebeswahn. Benedetti unterscheidet zwischen Liebesfantasien und dem Wahn. Erstere sind in der Realität verankert, während letzterer aus einer Art Tagesrest der Wirklichkeitswahrnehmung besteht. Der Liebeswahn ist eine Art Gespenst. Unverarbeitete Versatzstücke der Wirklichkeit geistern in der Psyche herum und verdichten sich zur Überzeugung, irgendein zufälliger Passant liebe einen abgöttisch und wolle einen heiraten. Solche Überzeugungen, die handfeste Konsequenzen nach sich ziehen, entstehen in einem existenziellen Vakuum, schreibt Benedetti.

Daher der Buchtitel: "Todeslandschaften". Die Seele macht eine Todeserfahrung, sei es durch schwere frühkindkliche Erkrankungen oder durch sonstige Erfahrungen der Todesnähe. Dazu gehören auch extreme Isolation, Reizarmut sowie im Allgemeinen die Erfahrung der Leere, der Abwesenheit jeglichen bedeutungsvollen Gegenübers. In ein solches Vakuum findet das Liebesgespenst Eingang. Es richtet sich dort als feste Grösse ein, zu der man immerhin eine Beziehung aufbauen kann.

Parasoziale Beziehungsmuster sind also nichts Neues. Es gab sie lange vor der Digitalisierung und es wird sie immer geben. Sie geben Auskunft über das urmenschliche Bedürfnis nach Zugehörigkeit, nach Gehört- und Gesehenwerden, nach Bestätigung und Akzeptanz.

Wessen Interesse jetzt geweckt ist, der lese Benedettis Buch. Es erschien im Jahr 1984 und ist heute nicht mehr leicht zu kriegen. Schau mal im Katalog deiner Unibibliothek - die haben bestimmt eins vorrätig.

https://www.amazon.de/Todeslandscha...ie-Psychodynamik-Psychotherapie/dp/3525456662
 

zeitistsein

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Glück und Wohlwollen - kein einfaches Buch.

Insbesondere das letzte Kapitel, wo es um die Verzeihung geht, hat es in sich.

Denn Verzeihung, so Spaemann, setzt zunächst einmal ein Wohlwollen gegenüber dem Sosein des Menschen voraus. Diese sind nunmal unvollkommen. Das liegt in seiner Natur.

Gleichzeitig aber darf dieses Wohlwollen nicht zum Freibrief werden, jedes Unrecht achselzuckend hinzunehmen, nach dem Motto: So sind wir halt, kann man nichts machen.

Hier kommt das Zusammenspiel zwischen Zweideutigkeit und Verantwortung zum Tragen. Spaemann schreibt, es gibt keine Pflicht gegenüber sich selbst, aber wohl eine Selbstverantwortung.

Diese wiederum setzt ein Besitzverhältnis voraus. Ich kann nicht für etwas verantwortlich sein, was mir nicht gehört und handkehrum trete ich in ein Besitzverhältnis ein, sobald ich die Verantwortung für eine Sache oder einen Menschen übernehme. Wenn ich also für mich selbst verantwortlich bin - wer ist dann mein Besitzer?

Spaemann formuliert: Da gibt es ein Absolutes, dessen Stellvertreter auf Erden ich bin. Diesem gehöre ich. Der ist mein Besitzer, der über mein Leben verfügt.

So erklärt Spaemann das Gefühl der Schuld. Ich kann gar nicht selbst entscheiden, wann und wofür ich Schuld empfinde. Das Gefühl der Schuld ist nur zu erklären angesichts der Existenz eines anderen, dem ich mich verdanke. Die augustinische Prägung dieser Ausführungen ist überdeutlich: Der Mensch ist winzig klein angesichts der Grösse Gottes.

Wo aber keine Schuld, dort ist auch keine Verzeihung möglich. Und wo beides ausbleibt bzw. in Abrede gestellt wird, dort ziehe ich mich auf meine blosse Natürlichkeit, auf mein unverschuldetes Sosein zurück.

Ein gewaltiges Buch, das man sich auf der Zunge zergehen lassen und nach und nach verdauen muss.
 

zeitistsein

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Dies und das gelesen in letzter Zeit und dabei Spannendes gelernt. Unter anderem:

Aus Peter Vajkoczys "Kopfarbeit":

  • Dass jeder von uns mehrere innere Antreiber hat, welche einem das Leben schwermachen, das Glück vermiesen und Miseren noch vergrösseren. Es gibt deren fünf: Sei stark!, Sei gefällig!, Sei perfekt!, Streng dich an! und Sei schnell!
Vielleicht gibt es auch andere, aber um das Konzept geht es.​
Ich habe mich nämlich gefragt, warum ich nach dreissig Jahren Berufserfahrung immer noch gleich unentspannt und ungesund eifrig bin wie als blutige Anfängerin. Die Antreiber sind schuld! Die trage ich mit mir herum und die vermitteln mir, einwandfrei aufeinander abgestimmt, das Gefühl: Sei so und so. Habe ich mich angestrengt, meldet sich dafür der Hetzer zu Wort: Ja, du hast dich angestrengt, aber du warst nicht rasch genug. Einer muss immer seinen Senf dazugeben.​
Eine Offenbarung.​
Den Schreihälsen von Antreibern kann man in unterschiedlicher Manier begegnen. Nachgeben bietet sich nicht an. Man kann aber besonnen bleiben und den Antreiber der Stunde sich austoben lassen. Polter du mal herum, wie ein verzogenes Kind, kann man ihm sagen. Oder aber auf den Antreiber eingehen, so teuflisch er sich gebärden mag.​
Eine andere Erkenntnis, die jetzt gerade dazu passt, ist, dass man Kindern gegenüber das Wort "Nein" vermeiden sollte. Warum? Weil Kinder das Verhalten der Eltern übernehmen und diesen dann "Nein" zurückspiegeln. Ein lustiges, aber im Kern ernstes YouTube-Video zeigt das eindrücklich. Da zählt ein kleines Mädchen: eins, zwei, drei fünf. Der Vater korrigiert: Nein. Eins, zwei, drei, vier, fünf. Das Mädchen wieder: Nein. Eins, zwei, drei, fünf. Dann der Vater wieder: Nein. Und so geht es hin und her, bis die Mutter dazwischengeht.​
Sie hat den Mechanismus durchschaut und durchbricht ihn prompt. Statt dem Fehler des Mädchens mit "Nein" zu begegnen, fordert sie es auf, auf vier zu zählen. Und siehe da: Das Mädchen zählt korrekt auf vier.​
Der Vater hat sich aus der Situation entfernt und damit den pädagogischen Kniff seiner Frau sowie den Lernfortschritt des Mädchens verpasst. Schade.​
So wie mit dem Mädchen verhält es sich auch mit dem Antreiber. Ihn abzulehnen verstärkt seinen Widerstand noch.​
Den "Sei schnell!"-Antreiber könnte man zum Beispiel um Rat fragen: Sag mir doch mal, wie ich schneller hätte sein können. Das macht den Antreiber mundtot, denn er weiss es selber nicht besser. Weiss nur, mit dem Finger auf dich zu zeigen.​
Und schon hat man Ruhe. Zumindest eine zeitlang.​
Das war ein Learning der letzten Tage.​

  • Was Talent und Disziplin wirklich bedeuten. Eben nicht die Performance, wie man Neudeutsch sagt, sondern vielmehr die Voraussetzungen dafür. Heisst: Ausdauer, Dranbleiben, auch das Aushalten und Durchstehen von Unangenehmem, das Wieder-Aufstehen nach dem Fall. Nicht jedem ist das offenbar in gleicher Weise gegeben, und zwar wegen des Missverständnisses, dass man ja untalentiert sei und die wahre Berufung noch nicht gefunden habe.
Wer in einer Sache gut ist, wäre es auch in einer anderen, die dieselben Talente erfordert. Vajkoczy ist heute ein weltbekannter, renommierter Neurochirug, aber von der inneren Einstellung her, von den Talenten eben, hätte er genausogut Leistungssportler werden können. Dass sein Körper hier nicht mitgemacht hat, ist schicksalshaft - die Talente aber sind geblieben und kommen nun halt in seiner Arzttätigkeit zum Vorschein.​
Disziplin heisst, sich diese Talente bewusst zu holen. Ausdauer kann man durch Sport trainieren, gegen Gleichgültigkeit und Faulheit kann ein Coaching helfen. Undiszipliniert ist, wer sich die Dinge einfach geschehen und dabei schlimmstenfalls sogar andere zu Schaden kommen lässt.​

  • Es braucht den Mut zum Fühlen. Das hat mich an seinen Schilderungen am meisten berührt. Man könnte ja denken, dass sich ein Neurochirurg, der Menschen in Lebensgefahr behandelt, sich erstmal emotional abschotten muss, um das alles zu ertragen und einigermassen unbeschadet zu überstehen.
Das Gegenteil ist der Fall! Vajkoczy schreibt, es brauche den Mut, Gefühle zuzulassen und mit ihnen umzugehen. Ein Arzt, dessen Patientenschicksale ihn kalt lassen, ist berufsuntauglich - das sagt er nicht wörtlich, geht aber zwischen den Zeilen hervor.​
Eine starke Einsicht, die für seinen Führungsstil folgenreich war.​
Emotionaler Führungsstil nennt er ihn. Und setzt dabei voraus, dass seine Mitarbeitenden die Arbeit nicht nur als Broterwerb, sondern als Berufung sehen. Sprich: Dass sie zu ihm als Vorgesetztem eine emotionale Bindung aufbauen.​
Kritik vom Chef führt zu Niedergeschlagenheit und Schmerz.​
Fehler sollen zu Leid führen, bei demjenigen, der den Fehler verursacht hat.​
Eine harte Schule, die der Autor aber selbst am eigenen Leib erfuhr, die ihn geprägt hat und die er auch aus vollem Herzen bejaht.​
Denn - und das Argument leuchtet unmittelbar ein - nur, wer auf diese Art leidensfähig ist, ist vor Übermut und Waghalsigkeit gefeit. Leidensfähigkeit des Arztes als Weg zum Patientenschutz.​


Ein starkes, inspirierendes, mitreissendes Buch: Peter Vajkoczy: Kopfarbeit. Bei Droemer erschienen.
 
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zeitistsein

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Als Verursacher ist man immer auch der Leidtragende.
Man hat die Bescheidenheit verloren, weil man sich zu viel zugetraut hat.
Früher galt man als zu still, zu ängstlich.
Jetzt plötzlich konnte man. Was Kleines. Und wurde gleich überheblich.
Jetzt bin ich da angekommen, wo ich sein sollte, denkt man sich. Und legt das alte Ich ab. Kein Bedarf mehr nach Ängstlichkeit.
Dann gehen aber Sachen schief.
Man erfährt Ablehnung. Aber man lässt sich nichts mehr sagen. Schliesslich hatte man ja schon dieses eine Erfolgserlebnis. Kein Grund, sich zu ducken. Wem meine neue Art nicht gefällt, hat selber ein Problem.
Man verliert das Mitgefühl und legt sich die neue Haltung als Mut und Selbstbewusstsein zurecht.
Wer das Mitgefühl verliert, verliert den Lebenskompass.
Irgendwann bricht das ganze Leid, das man verursacht hat, über einen herein.
Man kann es nicht zuordnen, hat noch eine diffuse Erinnerung an die Fehler, die man begangen hat. Aber insgeheim rechtfertigt man die Fehler irgendwie noch. Man denkt sich: Na, die heuchlerische Freundin, die ich nach Strich und Faden belogen habe, die wollte mich ja nur ausnutzen. Der habe ich gar nicht am Herzen gelegen. Die wollte nur deshalb mit mir befreundet sein, weil sie an den Jungen da, den ich kannte, ran wollte. Und ich habe mich gerächt. Gleichzeitig habe ich die Freundin durch Lügen an mich gebunden, weil ich sonst einsam war. Ich hatte keine echten Freunde. Nie gehabt.
Was für ein miserables Leben.
Alles unecht. Nicht einmal meine Schuldgefühle kann ich greifen. Sie wirken abgehoben, fern, wie auf einer Leinwand.
Alles unwirklich.
So denkt Klara über sich.
Vielleicht, gebe ich ihr zu bedenken, solltest du endlich mal aus dir rausgehen.
Aber nicht so wie du denkst.
Sondern indem du anderen was Gutes tust. Dich ganz dabei vergisst und schaust, auf welchen Böden du blühst.
Sie kreist immer noch um sich.
Sie mag meinen Vorschlag nicht. Er ist ihr zu wenig preisend, zu sehr auf ein Ziel ausgerichtet, das sie übergeht, so empfindet sie es. Was sie nicht unmittelbar betrifft, empfindet sie als Kränkung.
Ich überlege, ob man in der Kindheit zu wenig auf sie eingegangen war. Oder doch zu viel?
Sie erzählt, dass sie es hasste, wenn die Mutter daheim am Schreibtisch sass und schrieb.
Sie hasste die Tippgeräusche der Schreibmaschine. Sie wollte die Mutter ganz für sich.
Und strauchelte mit dieser Abhängigkeit. Opferte sich für andere auf, um jenseits der Mutter doch noch etwas Zugehörigkeit zu erfahren.
Das klappte nicht.
Ich setze ihr auseinander, dass Lügen ein denkbar schlechter Weg sind, um Freunde zu finden.
Denn Freundschaft beruht auf Vertrauen.
Sie entgegnet, dass ihr auch niemand aufrichtig begegne. Alle wollen sie nur ausnutzen, meint sie.
Was sind Beweise für diese Unterstellung, frage ich.
Sie beginnt aufzuzählen.
Ich leide mit Klara mit, weiss aber keinen Weg aus ihrem Labyrinth.
Ich kann höchstens da sein und zuhören.
Weisst du, sage ich gegen Ende unseres Gespräch, es muss nicht immer die grosse Bühne sein. Du darfst auch Dinge ganz still für dich feiern. Die gute Tat nicht immer an die grosse Glocke hängen. Sondern Verletzlichkeit zeigen. Das verbindet.
Klara schweigt.
Ob ich was Falsches gesagt habe?
 
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zeitistsein

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Heute vor sechs Jahren verstarb mein Vater. An Bauchspeicheldrüsenkrebs. Es war entsetzlich.

Damals um diese Uhrzeit lag er bereits in den letzten Zügen. Ich war allein mit ihm und wusste nichts anderes zu tun, als den Notarzt zu rufen. Der kam sofort. Humpelnd, weil er sich den Knöchel verrenkt hatte.

Eine Krankenschwester war dabei. Sie legte meinem Vater eine Kanüle an und spritzte ihm den Inhalt einer Morphiumampulle ein. Dann nahm sie mich zur Seite erklärte mir, wie ich vorgehen musste, um die nächste Dosis zu verabreichen. Sie flüsterte mir zu, dass die Sterbephase jetzt begonnen habe. Ganz sanft. Wir standen bei uns im Flur. Vater starb daheim. In seiner Wohnung, in seinem Bett. Der Flur war dunkel, obwohl es erst drei Uhr nachmittags war.

Inzwischen war Mutter vom Einkaufen zurück. Wir brauchten einen Rollstuhl, um Vater von der Küche, wo er immer sitzen wollte, ins Schlafzimmer zu bringen. Keine Chance, dass er bis dorthin gehen konnte. Mutter dachte an ihren Einkauf. Packte die Sachen aus.

Ich verabredete mit der Krankenschwester, dass wir jetzt gemeinsam den Rollstuhl organisieren würden. Draussen begann es zu regnen. Notarzt, Schwester und ich machten uns auf den Weg zum Krankenhaus. Dort verordnete der Arzt den Rollstuhl, den ich wenige Minuten später auch schon mitnehmen durfte.

Der Regen war etwas abgeklungen, jetzt fielen nur noch vereinzelt Tropfen. Ich zog meine Jacke aus und bedeckte den Rollstuhl damit. Machte mich dann zügig auf den Nachhauseweg. Glücklicherweise passte der Stuhl in den Aufzug.

Mühsam schafften wir Papas Verlegung vom Küchen- in den Rollstuhl und fuhren ihn den inzwischen weiter verdunkelten Wohnungsflur entlang ins Schlafzimmer. Zum Glück schaffte der Rollstuhl auch noch den Dreh um die Flurecke durch die Schlafzimmertür hinein. Dann halfen wir Papa ins Bett. Es war inzwischen fünf Uhr abends. Mutter zog sich in die Küche zurück und werkelte weiter dort herum. Ich blieb bei Papa.

Gegen sechs Uhr verschlechterte sich seine Atmung und er schien unruhig. Ich verliess das Schlafzimmer, um die Hausärztin anzurufen und um Rat zu fragen. Sie meinte, die Sterbephase könnte unterschiedlich lang ausfallen, ich solle zur Apotheke gehen und weiteres Morphium besorgen, sie würde das Rezept sofort freigeben. Ich legte auf, ging wieder ins Zimmer und sagte "Ich komme gleich wieder, Papa". Ob er mich hörte oder verstand, weiss ich nicht. Zu unruhig war seine Atmung, die Augen hielt er geschlossen.

Ich schlüpfte zügig in Schuhe und Jacke. Ein merkwürdiges Grummeln machte sich in meiner Magengegend breit. Und ich verfiel innerlich plötzlich in so eine Art Traumzustand. Alles schien unwirklich, wie ein Film auf einer Leinwand.

Mutter stand in der Küche und rüstete Gemüse. Ich würde so schnell wie möglich wiederkommen, sagte ich ihr.

Auf der Strasse war es inzwischen stockdunkel. Die Weihnachtsbeleuchtung war an. Die Leute schleppten bereits ihre Weihnachtseinkäufe. Es war eine seltsame Aufbruchstimmung, gepaart mit einer ungewöhnlichen Ruhe. Kein Stau, kein Hupen auf der sonst vielbefahrenen Fahrbahn.

Ein Bekannter huschte vorbei. Er betrieb die Kneipe im Erdgeschoss unseres Wohnblocks und war auf dem Weg dorthin. Er grüsste mich mit einem breiten Lächeln, das mich ein höhnisches Grinsen dünkte, weil es in scharfem Gegensatz zu meinem inneren Zustand war.

Meine Glieder waren schwer, ich fürchtete, auf der Strasse zu kollabieren. Irgendwie schaffte ich es bis zur Apotheke.

In der Apotheke traf ich auf keine allzu lange Schlange. Dennoch dünkte sie mich kilometerlang. Als ich drankam, hiess es, es sei kein Morphium mehr da, man müsse nachbestellen. Morgen früh solle ich wiederkommen.

Da klingelte mein Handy. Mutter schrie ins Telefon, dass Papa gestorben war.
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Ich danke allen Menschen, die öffentlich über Trauer sprechen. Sie finden Worte für diesen komplexen Zustand, über den zu reden so schwierig ist im nahen Umfeld.
Sie tun es, ohne zu beschönigen und ohne mit abgedroschenen Formeln daherzukommen.
Viele Menschen haben keine Sprache für ihre Trauer. Das liegt daran, dass sie niemanden haben, mit dem sie darüber reden können. Denn Sprache entsteht nie im stillen Kämmerlein, sondern immer im Austausch.
Wer öffentlich über Trauer spricht und dabei Vereinfachungen und Floskeln vermeidet, hilft uns Trauernden ungemein.
Wir brauchen Differenzierung, ein genaues Hinschauen auf die Gefühle und keinen verallgemeinernden Trost, der sie kleinredet oder übergeht.
Danke all den lieben Menschen, die offen und klar ihre Gefühle zulassen.
Dank ihnen fühle ich mich mit meinen weniger allein.
 

zeitistsein

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Der Sinn des Lebens besteht darin, das zu machen, wofür man denkt, dass man auf der Welt ist. Und das möglichst gut zu machen.
Sagte ein kluger Mann.
Was aber ist, wenn man denkt, dass man zu nichts gut ist?
Vermutlich bewahrheitet sich das dann.
Selffulfilling prophecy.
 

zeitistsein

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Heute zum Thema Schreibblockade.
Ein ewiges Thema, für das es keine Lösung zu geben scheint.
Am Perfektionismus liege es, habe ich mir sagen lassen.
Und lange habe ich es auch geglaubt.
Ich will einfach zu viel und sollte meine Ansprüche runterschrauben.

Doch in Wirklichkeit verhält es sich anders.
Den perfekten Text gibt es nämlich objektiv nicht.
Wieso sollte der Perfektionismus einem also dabei in die Quere kommen?

Perfektionismus hat eine positive Kehrseite.
Er kann lähmend wirken, wenn er zu einem Zwang ausartet.
Oder aber ein Ansporn sein, sich immer weiter zu steigern.
Du gegen dich selbst, ohne Vergleich mit anderen.
Gestern habe ich einen Fehler gemacht. Dessen bin ich mir bewusst. Heute sage ich mir: nicht so wie gestern. Ich weiss, dass ich fehlbar bin. Das zeigt mir meine Baustellen.

Die Auskunft, dass man einen Fehler gemacht hat, führt bei vielen zu Verallgemeinerung. Sie machen dann nur noch Fehler, verlernen sogar das, was sie bislang gut konnten. Sie übertragen den Fehler im Aussen auf sich selbst, nehmen ihn persönlich.
Manchmal liegt das daran, dass die Kritik unprofessionell geäussert wurde.
Manchmal aber auch daran, dass sich der Kritisierte keine Kritik gewohnt ist. Er wurde zu sehr in Watte gepackt, hält sich für den Grössten, dem man jeden Wunsch von den Lippen abliest. Spielt die beleidigte Leberwurst.
Bei den Schreibenden ist das dann so, dass sie die Flinte ins Korn werfen.
Ich erinnere mich an einen Autor, dessen Geschreibsel wir kleinteilig lektoriert hatten. Er war so beleidigt darüber, dass er von uns eine Entschuldigung verlangte. Wie hatten wir es wagen können, ihn zu korrigieren?

Mir war das damals eine wichtige Lehre.
Aber ich habe dennoch lange gebraucht, um ihre Tragweite zu verstehen.
Ich möchte gefallen, das ist mein Problem.
Und das war wohl auch das Problem jenes eingeschnappten Autors, bei dem wir uns selbstverständlich nicht entschuldigt haben.
Der Wunsch nach Gefälligkeit steht der Qualität im Weg.
Wer unbedingt Applaus möchte, ist unter Umständen bereit, Qualitätsabstriche zu machen, also seine Werte preiszugeben.
Das ist erschreckend.

Wer also unter einer Schreibblockade leidet, musste ich lernen, lechzt nach Applaus.
Perfektionismus würde ihn zur Tat schreiten lassen, der Wunsch nach Gefälligkeit aber hemmt ihn.
Der Perfektionist tüftelt an seinen Texten. Da steckt Leidenschaft dahinter.
Der gefällig sein will, knüpft seine Arbeit an Bedingungen.
Nur bei zugesichertem Beifall, sonst rühre ich keinen Finger.
Im Turmzimmer der narzisstischen Kränkung fristet der unbedingt gefallen Wollende schmollend sein Dasein.

Ein weiteres Learning in dieser Sache ist, dass die Technik uns beim Schreiben in die Quere kommt.
Meinen Kunden rate ich, den Laptop zuzuklappen und wieder mal mit dem guten alten Schreibstift übers Papier zu fahren, dabei dem Tintenfluss zu folgen und sich einfach mal diesem Flow hinzugeben.
Den Computer kann man ja für die Reinschrift bemühen, wenn man denn publizieren möchte.
Aber zunächst einmal ist Schreiben dieses Tete-a-tete mit dem Papier, auf dem ein widerborstiger Text entsteht. Man weiss nicht, woher die Worte kommen, sie sind einfach da, ergeben sich auseinander. Alles ist Dialog auf dem Papier.
Und Intimität.
Niemand anders kann nachvollziehen oder mithören, was sich im Gespräch mit dir und den Worten abspielt. Im Schreiben entsteht etwas Unbeschreibliches, wovon das vollgeschriebene und -gekleckste Papier nur die äusserste Schicht ist.
Das Wesentliche passiert hingegen ganz woanders.
 

zeitistsein

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Die weihnachtliche Stille eignet sich gut, um Innenschau zu betreiben. Das habe ich heute versucht.
Habe mich hingesetzt und versucht, mal Revue zu passieren, was in letzter Zeit so war.
Dabei wurde ich zweimal unterbrochen.
Einmal poppte das Video eines selbsternannten christlichen Retters auf. Er verkündigt die allumfassende Rettung oder aber im Verweigerungsfall die ewige Verdammnis.
Nun gut. Meine Seelenschau kann warten. Ich höre es mir mal an.
Eine Stunde dauerte das Herumreiten auf der Verlorenheit des Menschen und seiner unbewussten Sehnsucht nach der Nachfolge Christi, die Abwertung des Humanismus sowie meine stetig zunehmende Ungeduld.
Ich stoppte das Video, das kein Ende zu nehmen schien, nahm mein Heft und meinen blauen Stift zu Hand und begann zu kritzeln.
Ich mag das Geräusch des Stiftes auf dem Papier. Dabei achte ich auf den Rhythmus. Der stimmige Rhythmus führt zu einer leserlichen Handschrift, habe ich bemerkt. Die kommt einem beim Tippen abhanden.
Nachdem ich etwa zwei Zeilen geschrieben hatte, kam Mutter angeschlurft.
Sie hielt etwas in der Hand, das wie eine Postkarte aussah.
Mit gerunzelter Stirn kam sie näher und streckte mir das Ding entgegen.
Es war ein kleiner Bilderrahmen. Darin war der Schattenriss eines Paares eingespannt, das sich in den Armen hielt. Sehr kitschig, mit rötlich-violettem Hintergrund. Auf der Rückseite ein romantisches Gedicht.
Dein Vater war wohl bei Prostituierten, meinte sie scharf. Ihre Stimme bebte und sie hielt mir das Ding hin, als ob darauf die Wahrheit geschrieben stünde und ich sie ihr vorlesen sollte.
Wie kommst du darauf, Mama?, frage ich.
Na, ist doch klar, schoss sie zurück. Dieses giftige Zeugs ist nicht von mir. Wo kommt das her? Hast du es etwa heimgebracht?
Nein, Mama, erwidere ich ruhig. Habe ich nicht.
Es gibt hier so viele Marktschreier und Obdachlose, die irgendwelchen Ramsch verschenken. Vielleicht war das einer von denen.
Mutter schüttelt den Kopf.
Männer, schimpfte sie.
Ich habe deinem Vater immer vertraut. Zu Unrecht, wie es scheint.
Jetzt ist er tot und kann sich nicht mehr verteidigen, urteilte sie zum Schluss. Versorgte das Kärtchen wieder in der Schublade und verschwand in der Küche.

Das konnte Mutter immer schon gut. Bomben fallen lassen, als wäre es nichts. Und sich dann sang- und klanglos zurückziehen.
Ich glaube, dass sie gerade ganz viel durchmacht.
Und schon oft habe ich ihr vorgeschlagen: Lass uns wegziehen Mutter. Dieser Ort ist zu fest belastet. Aber sie weigert sich.
Vielleicht bringt das neue Jahr eine Veränderung.
 

zeitistsein

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Was ist das gute Leben? Wie sieht ein ethisch und moralisch einwandfreies Leben aus? Das sind Fragen, die Philosoph*innen seit jeher umgetrieben haben. Dieter Thomä, langjähriger und inzwischen ehemaliger Philosophieprofessor an der HSG, findet darauf die verblüffend einfache, deshalb aber nicht minder komplexe Antwort: Gut ist ein Leben dann, wenn es erzählbar ist.

Ausgangspunkt für den Essay ist der sogenannte narrative turn, der in den Wissenschaften stattgefunden hat. Dabei ging es um die Mittelpunktstellung bestimmter Narrative in den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen und deren Einfluss auf die jeweiligen Forschungsthesen und - ergebnisse. Dieter Thomä spart nicht mit Bezügen zur Philosophiegeschichte. Es geht ans Eingemachte: Kierkegaard, Kant und insbesondere sein Steckenpferd, Heidegger, dessen Gesamtwerk er jahrelang herausgegeben hat, kommen ausführlich zur Sprache. Wer eine Scheu vor philosophischer Begrifflichkeit hat, der mache einen grossen Bogen um das Buch. Wer das Labyrinth liebt und sich am liebsten denkerisch immer weiter darin verliert, für den ist dieses Buch genau das Richtige.

Erzählbarkeit hat mit Stringenz zu tun. Wortgeschichtlich sind “zählen” und “erzählen” miteinander verwandt. Doch das Zählen ist eine Abfolge, man möchte sagen eine Reihung, während im Erzählen die Bezüge vielfältiger sind. Ein Ereignis kann zeitlich auf ein anderes folgen, dennoch aber die Konsequenz eines ganz anderen sowie Grundvoraussetzung von vielen anderen werden. Im Aufzählen hat jedes Ereignis seinen festen Platz, im Erzählen sind die Ereignisse aufgrund der Vielfalt der Bezüge mehrdeutig. https://www.suhrkamp.de/buch/dieter-thomae-erzaehle-dich-selbst-t-9783518294178

Somit ist die Stringenz einer Lebensgeschichte etwa nur dem Subjekt zugänglich. Einem Fremden das eigene Leben zu erzählen, kann schon gelingen, der Fremde wird uns aber nie bis ins letzte Detail verstehen können. Weil nur wir, die Erzählenden, um die innersten Beweggründe die vom einen zum anderen geführt haben, wissen. Erzählbarkeit ist etwas zutiefst Intimes, schlussfolgert Thomä. Sie setzt eine grosse Intimität des Subjekts mit sich selbst voraus, von der alle anderen ausgeschlossen sind.

Welche ethischen Konsequenzen ergeben sich aus der Erzählbarkeits-Forderung? Hat das Umfeld alles zu respektieren und zu tolerieren, was der Stringenz der subjektiven Erzählung dient? Oder ist Einmischung erlaubt, ja in gewissen Fällen sogar geboten? Wo beginnt und wo endet die Rechenschaftspflicht des Subjekts hinsichtlich der Stringenz seiner Lebensgeschichte? Nach welchen Kriterien lässt sich solche Stringenz überhaupt definieren? Taugen literaturwissenschaftliche Begriffe dazu?

Erzählbarkeit als philosophisches Problem. Für mich war es ein Genuss, den Essay zu lesen. Es ist ein anstrengende Lektüre, aber ich mag das. Was mich nicht fordert, bringt mich nicht weiter.
 

zeitistsein

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Tja, was will man über einen Nobelpreisträger schreiben, noch dazu über einen, der Literatur im wahrsten Sinne des Wortes schreibt.


Leider kann ich kein Ungarisch und ich könnte mir vorstellen, dass vieles auch unübersetzbar ist. Auch so ist die Erzählung “Someone’s knocking at my door” in höchstem Masse ergreifend: https://archive.nytimes.com/opinionator.blogs.nytimes.com/2013/01/12/someones-knocking-at-my-door/


Ein Text, der den Verzwickungen von Hass, Selbsthass, innerer Schwäche und äusserer Stärke auf den Grund geht. Sie hilft, den Wahnsinn unserer Zeit nachzuempfinden und einzuordnen. Stilistisch operiert der Autor wie auch in den Büchern mit der Ein-Satz-Methode und kriegt es wiederum hin, dass der Text spannend und keineswegs langatmig oder schwerfällig rüberkommt.


So ist das eben, wenn ein Autor sein Handwerk beherrscht.
 

zeitistsein

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Ich stehe noch ganz unter dem Eindruck der Bilder aus Crans Montana und weiss nicht so recht, wohin mit mir.
Dieses Feuer, diese lodernden Flammen. Diese fürchterlichen Todesbotschaften. Einfach furchtbar.
Und gleichzeitig diese Besserwisser und Besserkläffer überall, die zu allem eine Meinung haben und viel mehr wissen wollen als die Behörden.
Dann kommen noch diejenigen dazu, die sich über die Berichterstattung beschweren und sich gleichzeitig über die Höhe der SRG-Gebühren echauffieren. Als ob jetzt der richtige Zeitpunkt wäre, sich übers Geld Gedanken zu machen.
Den Gipfel des Ganzen bildet ein wohlbekannter hagerer, hochgeschossener Lockenkopf mit Brille und kantigem Gesicht, der die Tragödie zum Anlass nimmt, um gegen die Personenfreizügigkeit zu wettern.
Wieder andere sehen über die Toten und Verletzten hinweg, kümmern sich dafür umso mehr um die anscheinend schon mit Panik erwarteten Einbruchszahlen im Schweizer Tourismus. Die Schweiz habe ihr Gesicht verloren und müsse jetzt dringend vor der internationalen Prangerstellung wegkommen, heisst es.
Ich weiss nicht, was mich mehr ekelt: der nachlässige Brandschutz, die Frivolität der Besserwisser und Verschwörungstheoretiker (stimmt, die gibt's ja auch noch!), die einseitige Fixierung auf Geld und Rache oder die politische Vereinnahmung des hier entstandenen menschlichen Leids.
Mein Mitgefühl gilt den jungen Menschen, die einfach nur jung sein und eine gute Zeit haben wollten, den verzweifelten Angehörigen, die jetzt mit dem Verlust leben müssen und all jenen, die andere aus den Flammen gerettet und dabei ihr eigenes Leben verloren haben.
Crans Montana, immer im Herzen.
Die Schweiz sowieso.
 
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