letzter Schritt

Aspirin

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Es ist einer von den Herbsttagen, an denen sich der Himmel nicht zu einer Farbe bekennen will. Gelegentlich zeigt er blaue Flecken und verdeckt diese dann genauso schnell mit seiner grauschwarzen Wolkendecke.
Von dem Balkon aus hat man einen guten Blick auf die Straße. Die Bäume entlassen ihre Blätter wie Kinder, die zu groß fürs elterliche Heim geworden sind. Rot und Gelb tanzten sie mit dem Wind ein letztes Mal und fallen dann zum Boden, wo die meisten dann auch liegen blieben, um im nächsten Jahr anderen ungefragt wieder Leben zu spenden. Nur den wenigsten von ihnen gelingt es sich noch einmal hochzureißen, letzte Kreise zu drehen, in der kurzen Illusion der Schwerkraft entfliehen zu können. Aber auch sie können der Realität nicht entkommen und sinken irgendwann sanft und schläfrig zum Boden.

Hier und da sieht man vereinzelt Vögel, die aus den weichen grauen Wolken auftauchen, um genauso schnell wieder zu verschwinden, ohne eine Spur zu hinterlassen, außer in der Erinnerung des Betrachters, die aber mit der Zeit sich ebenfalls mit weichen grauen Wolken füllt.
Ab und zu fährt ein Auto die Straße entlang und zerreißt für den Bruchteil einer Sekunde die Stille, um doch wieder hinter der nächsten Ecke zu verschwinden und alles wieder in gähnende Ruhe einzuhüllen.
Vereinzelte graue Schatten bewegen sich auf dem Bürgersteig, sich den Hut auf dem Kopf festhaltend und leicht nach vorne gebeugt, um dem Wind wenigstens etwas trotzen zu können.

Die Bilder wechseln sich, ohne dass die Situation sich ändert, das Motiv bleibt doch gleich.

In der Hand, zwischen dem Zeige- und Mittelfinger, erlischt in der Bewegungslosigkeit die Zigarette. Die schwarzen Ränder beginnen wieder zu glühen, als die Flamme des Feuerzeugs sie erbarmungslos liebkost. Ein tiefer Zug und wie ein Geist entflieht der Rauch zwischen den Lippen und löst sich in der Luft auf, als hätte es ihn nie gegeben. Ein letzter Zug, ein Schnipsen mit dem Finger und die Kippe fliegt nach unten, sich in der Luft drehend. Vereinzelt brechen aus dem Stummel kleine, zum Teil verkohlte Tabakschnipsel aus, bevor er auf dem Boden aufschlägt und nach drei Hüpfern regungslos liegen bleibt.

Ich spüre eine Anspannung in meinen Oberschenkeln und ein Gedanke erfüllt meinen ganzen Kopf...

Es war einer von den Herbsttagen, an denen sich der Himmel nicht zu einer Farbe bekennen wollte. Jetzt hat er es. Durch die löchrige Wolkendecke sieht man sanfte Sonnenstrahlen und blaue Seen.
Unten versammelt sich die Menge. Alle starren ihn an, aus den Wolken sehe ich Erleichterung in seinem zerschmetterten Gesicht.
 

Löwengeist

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Ein seelischer Orgasmus

Ich bin schwer beeindruckt von Deinen Worten...es überliefen mich Schauer und Gänsehaut...ich finde die Geschichte sehr gelungen...leider kann ich meine Gefühle nicht besser ausdrücken, als im Thema schon geschehen :))

Liebe Grüße
Kerstin
 

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