Lieber ein Spatz in der Hand

Der Tod seiner 92-jährigen Tante Klara überraschte Jochen Wuttke nicht. Er und seine Frau Helga hatten zeitnah damit gerechnet. Nicht damit gerechnet hatten sie, dass die alte Dame ihnen ihr Haus vererben würde: ein Reihenhaus in einer kleinen Stadt. Statt wie bisher in der achten Etage in einem Hochhaus inmitten einer Großstadt würden sie künftig auf eigenem Grund und Boden leben können. Bereits bei der Erstbesichtigung waren sie von der Immobilie angetan. Haus und Grundstück befanden sich in einem guten Zustand; die Energieversorgung war auf dem neuesten Stand: Heizen mit Wärmepumpe, elektrische Versorgung per Foto-Voltaik. Die dazugehörigen Sonnenkollektoren auf den Dächern waren optisch zwar kein Highlight, technologisch jedoch aktuell und in der Nachbarschaft verbreiteter Standard. Insgesamt verströmte die Siedlung die gefällige Aura kleinbürgerlichen Daseins. Die Wuttkes spürten sofort, hier würden sie gut reinpassen. Ihre Prämisse als Neubewohner war es, ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn aufzubauen und zu pflegen. Und doch gab es bald Unstimmigkeiten.

Jochen Wuttke, seit vielen Jahren Züchter von Brieftauben, genoss es, seinem liebsten Hobby hier am Stadtrand unbeschwert nachgehen zu können. Als früherer Miethausbewohner in einer Großstadtsiedlung hatte er stets einen weiten Weg zurücklegen müssen, um seine Tauben zu versorgen. Dies entfiel in der neuen Umgebung. Jochen, durch und durch korrekter Bürger, beantragte beim Bauamt der Gemeinde eine Baugenehmigung für einen Taubenschlag innerhalb eines geschlossenen Wohngebiets. Er erhielt eine Erlaubnis für die Haltung von acht Brieftauben sowie sechs stationäre Zuchttauben. Hierüber, sowie über die relevante Lärmimmission, informierte er alle seine Nachbarn persönlich. Diese begrüßten diese Art der offenen Annäherung sehr; die Wuttkes wurden nicht zuletzt deswegen herzlich in die Gemeinschaft aufgenommen. Und die meisten Anwohner empfanden die Anwesenheit der possierlichen Vögel als Bereicherung und erfreuten sich an den eleganten Flugmanövern des Taubenschwarms. Faszinierend die exakten Flugformationen von Jochens Tauben, die dazu noch extrem pünktlich getaktet waren; man konnte nach deren Übungsflügen die Uhr stellen. Dann gingen erste Beschwerden bei Jochen ein; denn der Flug der Vögel hatte nicht nur ästhetische Aspekte. Wie leicht zu erkennen war, landeten die Vögel stets punktgenau auf den dafür vorgesehenen Plätzen. Auf ihre Ausscheidungen traf dies nicht zu - die Tauben kackten im Laufe der Zeit flächendeckend auf die umliegenden Dächer in der Nachbarschaft, was nicht nur beschissen aussah, sondern auch die Solar-Paneele dort schädigte. Die betroffenen Nachbarn wollten diese leidige Verschmutzung irgendwann nicht mehr hinnehmen. Alle wussten, die natürlichen Bedürfnisse der Vögel zu ändern, das würde nicht funktionieren. Die altbekannte Redewendung, 'Lieber ein Spatz in der Hand, als eine Taube auf dem Dach', wurde zum geflügelten Wort in der Siedlung. Selbst ein harmoniebedürftiger Zeitgenosse, wie es Jochen Wuttke einer war, konnte und wollte nicht ständig Taubendreck von Dächern anderer Leute entfernen.

So rief man in dieser Causa das örtliche Schiedsgericht an, wo ein Kompromiss geschlossen wurde. Die ständige, sehr aufwändige Arbeit zur Beseitigung der Taubenkacke auf allen betroffenen Dächern wäre Jochen nicht zuzumuten. Andererseits, ihm die liebsten Objekte seiner Freizeit nehmen, dies wollte auch niemand. Die Einigung sah vor, dass Herr Wuttke die Taubenhaltung im bisherigen Umfang reduzieren müsse, und nur noch ein einziges Paar Haustauben zu seiner seelischen Erbauung behalten sollte. Jochen schaffte sich daraufhin eine Taubenrasse an, deren Paare ihr gesamtes Leben monogam zusammen bleiben würden. Nach gründlicher Recherche entschied er sich für die Rasse 'Türkentaube'. Es war ein ästhetischer Genuss, diese eleganten Vögel über der Siedlung ihre Runden ziehen zu sehen. Wie die Falken, so die Meinung vieler Beobachter, wenn sie in typischer Art am Himmel unterwegs waren: zunächst steil aufsteigend, dann eine kurze Weile schwirrend in der Luft stehen, um anschließend fast ohne Flügelbewegungen nach unten zu gleiten. Manche Bewohner der Siedlung genossen es fast täglich, diesem Paar in Aktion zuzuschauen.

Allerdings gab es einen weiteren Aspekt. Als Lautäußerung geben 'Türkentauben' arttypische Turtelgeräusche von sich. Diese wären zu ertragen gewesen. Jedoch das permanente, monotone Uuuuruurh-Uuuuruurh-Urh nachts und in den frühen Morgenstunden raubte vielen Anwohnern den Schlaf. Später hörten die Geräusche dann nicht einfach auf, lediglich die Tonart wurde eine andere. Und auch diese war von einer nervtötenden Penetranz. Da diese Vögel nicht den Regeln für Haustiere unterlagen, konnte als Einschränkung keine Nachtsperre für sie angeordnet werden. Schweren Herzens stimmte das Ehepaar Wuttke zu, die Vögel zu vergrämen, was aber nicht dauerhaft gelang, denn sie waren extrem standorttreu. Eine radikale Lösung, wie die Vögel zu töten, zog niemand ernsthaft in Erwägung; man beachtete strikt das Tierschutzgesetz. So wandte Jochen sich an einen Fachmann für Fragen jeglicher Art in Bezug auf Haustauben. Dieser hatte den Ruf eines 'Taubenflüsterers' und wusste alles zu diesem Thema. Und er hatte prompt einen verblüffenden Lösungsvorschlag. Man müsse einfach nur, so sein Rat, eine Taube fangen und auf deren Kopf vorsichtig den Kronkorken einer Bierflasche fixieren, am besten mit Maler-Abklebeband. Wichtig ist dabei der gezackte Rand eines Kronkorkens. Andere leichte Scheiben, wie Chips für Einkaufswagen oder Alu-Münzen der früheren DDR-Währung zeigen hier keinen Effekt. Die genaue Wirkweise kann niemand erklären, es hat vermutlich mit der Störung der Sensorik für den Orientierungssinn der Vögel zu tun. Jedenfalls kehren auf diese Art präparierte Tauben nie wieder an den Ort zurück, an dem ihnen diese Kopfbedeckung verpasst wurde. Und es funktionierte auch bei Jochens Taubenpaar. So konnten die Bewohner der Siedlung endlich wieder durchschlafen und hatten tagsüber nur noch normale Geräusche einer Häusergemeinschaft um sich herum.

Aber dieser Zustand der wohltuenden Ruhe hielt nur einige Wochen lang an. Dann war es erneut vorbei mit der Nachtruhe. In der beschaulichen Siedlung wurde eine Mardersippe sesshaft. Das Spektakel dieser putzigen Tierchen raubte den Menschen ihren Schlaf und einigen Anwohnern zusätzlich Kunststoffschläuche im Inneren ihrer Autos. Da half kein Experte, kein Marderflüsterer mit seinen Ratschlägen. Die Häuser mussten umgebaut und anschließend mardersicher versiegelt werden. Beim Ausheben einer der Beutenester dieser Kleinräuber dann ein erstaunlicher Fund: halb verweste Köpfe zweier Haustauben. Kronkorken einer regionalen Biermarke sowie Reste von Klebeband waren noch gut zu erkennen.
 



 
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