lied an die nacht

5,00 Stern(e) 7 Bewertungen

Mimi

Mitglied
sie bleibt ein schatten nur aus fahlem licht
ein leises flüstern stets im hintergrund
oh nacht verschling' den glanz der farben nicht
ein jeder ort gibt ihren namen kund

von ihr entfernt zu sein ertrag' ich nicht
geplagt von einsamkeit in kalter stund'
die liebe bleibt ein spitzer dorn der sticht
vom weh der liebe ist das herz mir wund

oh nacht bedecke nicht ihr angesicht
dein tiefes schwarz ist mir ein dunkler schlund
führ' mich zu ihr ist was mein herz dir spricht
denn nur ihr name lebt in meinem mund




Inspiriert vom Gedicht "Poesie des Wahnsinns"
( الشعر الجنون ) [ al- schir' uljūnūn ]
des arab. Dichters Abū Bākir a-Siblī
 
Hallo Mimi

Zuallerst, man sollte ein ernstes Lob vorausstellen, wenn man diesen Text kritisiert, denn er ist streckenweise brilliant in seinen Bildern. vorallem die letzte Strope ist ungeheuer stark, sie zieht mich in ihren Bann und misst die gesammte Spannbreite einer Liebe ab, die tief unter die Haut geht.

Dennoch;

von ihr entfernt zu sein ertrag' ich nicht
geplagt von einsamkeit in kalter stund'
die liebe bleibt ein spitzer dorn der sticht
vom weh der liebe ist das herz mir wund

oh nacht bedecke nicht ihr angesicht
dein tiefes schwarz ist mir ein dunkler schlund
führ' mich zu ihr ist was mein herz dir spricht
denn nur ihr name lebt in meinem mund

Das sind unschöne Doppelungen; wenn der Dorn spitz ist, sticht er natürlich auch, wenn das Schwarz tief ist, ist es natürlich auch dunkel. Es einfach zu streichen, ist natürlich keine Lösung, das würde den hymnischen Ton brechen. Aber was dann? Mir fällt nichts ein ...
 

James Blond

Mitglied
Für dieses Forum sehr ungewohnte orientalische Klänge, die ich sehr begrüße. Die islamischen Mystiker hatten keine Scheu vor starken Worten. Ich kenne zwar die inspirierende Textvorlage nicht, aber die Sufis, zu denen Abū Bakr asch-Schiblī zählt, sind als glühende Verehrer Allahs in ihrer toleranten Gottesliebe ein wunderbarer Gegenpol zu den Hasspredigern der Gegenwart.

Wenn man den Weg üppiger, blumiger Worte beschreitet, darf man, nein, muss man auch über das Ziel hinausschießen. Insofern teile ich Patricks Kritik nicht, sie riecht mir ein wenig nach Krittelei.

Nein, ein Lied an die Nacht ist es nicht, vielmehr ein Gebet, eine eindringliche Bitte eines von Liebe geschundenen Lyrischen Ich an die Nacht, die hier zur angebeteten Stellvertreterin der von ihr verhüllten Geliebten wird. Einfache Worte - große Wirkung!
Für mich eine großartige Überraschung.

Grüße
JB
 
G

Gelöschtes Mitglied 23190

Gast
sie bleibt ein schatten nur aus fahlem licht
ein leises flüstern stets im hintergrund
oh nacht verschling' den glanz der farben nicht
ein jeder ort gibt ihren namen kund

von ihr entfernt zu sein ertrag' ich nicht
geplagt von einsamkeit in kalter stund'
die liebe bleibt ein spitzer kahler dorn der sticht
vom weh der liebe ist das herz mir wund

oh nacht bedecke nicht ihr angesicht
dein tiefes schwarz ist mir ein dunkler weiter schlund
führ' mich zu ihr ist was mein herz dir spricht
denn nur ihr name lebt in meinem mund

inspiriert vom Gedicht "Poesie des Wahnsinns"
( الشعر الجنون ) [ al- schir' uljūnūn ]
des arab. Dichters Abū Bākir a-Siblī
alles gute, mimi
 

Mimi

Mitglied
Lieber Patrick, lieber James Blond,

ich habe mir beim Schreiben dieses Gedichts wirklich das Hirn zermartert...

Der Grund dafür lag primär darin, dass ich versucht habe den orientalischen und mystischen Stil des Dichters Abū Bākir as-Šiblì (oder auch a-Schiblì, es existieren im Deutschen mehrere Schreibweisen) in mein Werk "hineinzutransferieren".
Abū Bākir a-Šiblìs Gedicht ist nach dem klassischen arabischen Monoreim-Prinzip aufgebaut, das Versmaß wechselt zwischen kurzen und langen Silben, die einen spezifischen Rhythmus entstehen lassen.
Mir war es auch wichtig, diese "Musikalität des Wechselspiels" zwischen kurzen und langen Silben, in meinem Gedicht wiederzugeben.

Und ja, dieser Stil ist nun mal geprägt von einer üppigen Ausdrucksweise, sinngesättigten Metaphern und Spiritualität, die typisch sind für die damalige Epoche des frühen 10. Jahrhundert in der arabischen Poesie.
Das Besondere an a-Šiblìs Dichtung ist, dass sie oft nicht klar abgrenzt zwischen dem weltlichen (wie hier der Liebesschmerz) und dem spirituellen oder religiösen Aspekt.
Das begündet sich natürlich auch teilweise im Sufismus, a-Šiblì war ja schließlich Sufist und Mystiker.

Mir war beim Schreiben durchaus bewusst, dass insbesondere die letzte Strophe mit ihren nachdrücklichen Betonungen, nach Maßstäben der "westlichen Poesie" als Pleonasmus empfunden werden könnte.
Trotzdem möchte ich nicht auf diese verstärkende Wirkung verzichten.

Vielen lieben Dank, Patrick und James Blond, für die Beschäftigung mit meinen Zeilen.
Es hat mich sehr gefreut...

Gruß
Mimi
 

James Blond

Mitglied
Mir war beim Schreiben durchaus bewusst, dass insbesondere die letzte Strophe mit ihren nachdrücklichen Betonungen, nach Maßstäben der "westlichen Poesie" als Pleonasmus empfunden werden könnte.
Trotzdem möchte ich nicht auf diese verstärkende Wirkung verzichten.
Der Pleonasmus ist ein rhetorisches Stilmittel, das in der Lyrik durchaus angebracht sein kann, wenn es zur Verstärkung eingesetzt wird; wörtlich übersetzt bedeutet es "Überfluss". Pleonasmus muss also nicht generell vermieden, sollte aber gezielt verwendet werden, wie z. B. hier:
" die liebe bleibt ein spitzer dorn der sticht "
Oder hier:
"leises flüstern"
Und auch hier:
"dein tiefes schwarz ist mir ein dunkler schlund "


Grüße
JB
 

wüstenrose

Mitglied
Hallo Mimi,
das gefällt mir sehr gut! Vom "Inständigen", vom gänzlichen Verfallensein sind deine Zeilen erfüllt. Das kommt nicht nur durch den Text rüber, sondern auch durch den spezifischen Rhythmus, der eine Art Sog herzustellen weiß.

In der vorletzten Zeile würde mir anstelle von "herz dir" das zugegebenermaßen antiquierte "herze" besser gefallen
(z.B. Heinrich Heine: "
Mein dunkles Herze liebt dich"), weil es sich runder lesen lässt, aber das ist nun eher eine Randnotiz.

lg wüstenrose
 


Oben Unten