Linoleum

Ich starre so oft ich kann auf den Boden und zähle die grünen und weißen Quadrate. Das Linoleum ist verschrammt und zerkratzt, Ergebnis von vierzig Jahren schleifender Absätze. Ich starre auf den Boden, weil ich sonst sie ansehen müsste.
Dinge fühlen ist längst nicht alles, sagt sie.
Ich nicke und verfolge eine Rille im Boden mit den Augen. Denke an einen spanischen Gitaristen. El Mariachi.
Zu wissen wer du bist, sagt sie, ist auch nicht das Maß aller Dinge.
Ich nicke wieder und versuche, meine Wimpern zu zählen.
Psychologie ist eine Farce, sagt sie. Erfundene Theorien für ausgedachte Leiden.
Ich nicke wieder.
Außer in meinen Träumen bin ich nie glücklich, sagt sie.
Sie erzählt mir all dies während der Stunde, die ich auf dem harten orangenen Plastikstuhl neben ihrem Bett verbringe. Sie erzählt es mir während ich sie mit warmen Müsli füttere. Der Doktor hat gesagt, ihre Geschmacksnerven registrieren nichts mehr, trotzdem weigert sie sich, etwas anderes zu essen als dieses Müsli, ihre Lieblingssorte.
Ihre leeren blauen Augen starren durch die Decke. Sie sind umrandet von Haut die knittrig ist wie Zellophan. Ihre Haare hängen in schlaffen Strähnen um ihr Gesicht herum. Graue Reben. Sie sieht nichts mehr.
Einst traf ich einen Mann, sagt sie. Das ist Jahre her. Ich traf diesen Mann auf der Landeskirmes, wo ich mit meiner Familie war.
Ihre Worte sind nuschelig.
Dieser Mann zog mich zur Seite und küsste mich! sagt sie. Er küsste mich so lange. Und dann schubste er mich zurück in die Masse von Leuten.
Ihre Augen leuchten auf, ich muss lächeln. Sie kann mein Lächeln nicht sehen.
Jeden weiteren Kuss, sagt sie, habe ich mit diesem einen Kuss verglichen. Sogar die von Johann. Johann hat nie so geküsst.
Ich sage, Wow, dass muss Liebe gewesen sein.
Ich sage, ich weiß genau was sie meinen.
Ich sage, ja ja, das ist wahr.
Dann ist die Stunde vorüber, die Krankenschwester kommt herein und nickt mir zu. Ich stelle die Müslischale zur Seite und tätschle ihre Hand. Bis morgen, sage ich.
Sei ein gutes Mädchen, sagt sie zu mir.
Die Krankenschwester teilt die Bedrückung, die dieser Ort in mich hineinbrennt. Ich gehe den Gang entlang, schneller und schneller bis ich hinaus in die Sonne springe und mich auf den Rasen fallen lasse. lasse die Wärme der realen Welt diese langsam tickenden Minuten von mir abkratzen.
Dann gehe ich wieder rein. Ins nächste Zimmer.
 

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