Locker bleiben, Alter

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Wer als Senior Apotheken aufsuchen muss…, - und welcher Alte muss das nicht ? – kommt am Doppelherz kaum vorbei. Jenes Stärkungsmittel wird dort unübersehbar auf Werbeplakaten präsentiert. Immer zusammen mit besonders gesund aussehenden Jungseniorinnen und -senioren, die zumeist immer sehr viel frischer aussehen, als die blassen Apotheker und deren Helferinnen. Aber ich will mich hier eigentlich gar nicht über Mittel, Mittelchen und Apothenhelferinnen auslassen.
Vielmehr geht es mir um jene zwei Seelen in meiner Brust, die, wenn es sie denn gibt, vermutlich im Herzen ihren Doppelsitz haben.
Die eine Seele - wahrscheinlich die auf der linken Seite treibt mich an und die rechte versucht, mich beruhigend zurückzuhalten. Und das in der Regel gleichzeitig.
Die eine will, das ich noch äußert wichtig bin und gebraucht werde, während die andere mich daran erinnert, dass ich gefälligst meinen Ruhestand als solchen genießen sollte.
Als Ergebnis ihres gemeinsamen Gegeneinanderwirkens bleibt eine gewisse Ungeduld und Überenergie, die sich mit rechtsseitiger Seelenruhe nur mäßig besänftigen lässt.
Das bringt mich nicht selten derart in linkischen Schwung, dass gerade der jede Art altersentsprechend würdigen Auftretens verhindert.
Unter diesem eigentlich unseligen Einfluss gerät mein Versuch, mit Eleganz ein gefülltes Rotweinglas zu ergreifen, zu jenem Missgriff, der das volle Glas über den mit weißem Damasttischtuch festlich gedeckten Tisch auskippt.
Oder wenn sich mir die immer seltener werdende Gelegenheit bietet, ein jüngere Frau zu umarmen, stolpere ich plötzlich über die eigenen Füße auf sie zu und muss mich von ihr auffangen lassen. Was nicht unangenehm ist, wenn ich nicht anschließend meine bei dem Manöver zu Boden gefallene Brille suchen müsste, um beim Aufstehen vor Rückenschmerz kaum mehr in eine aufrechte Haltung zurückkehren zu können. Neulich, als ich meine Brille endlich wiedergefunden und auf die Nase gesetzt hatte, musste ich feststellen, das mich eine mir unbekannte kräftige ältere Dame im Arm gehalten hatte.
In Schlangen vor Supermarktkassen treibt mich jene zwiespältige Ungeduld zu unverständlich gemurmelten Lästereien und unüberhörbar lautem Stöhnen über Altersgenossen, die Mühe haben, ihr Kleingeld in angemessener Geschwindigkeit aus dem Portemonnaie zu kratzen.
„Na, Uropa, hast Du schon wieder das Sparschweine deiner Enkelin geplündert?“ murmelte ich, während die junge und gut aussehende Kassiererin dann auch noch behauptet, dass sie gern Kleingeld nehme. Natürlich lächelt der von mir ernannte Uropa mich triumphierend an und beginnt zitternd nach weiteren kleinen Kupfermünzen zu suchen.
Zumeist beginne ich dann mit der geballten Faust auf den Schiebegriff des Einkaufswagens den Takt irgendeines Rockhits zu hämmern, an dessen Titel sich mein altersschwaches Gedächtnis nicht erinnern kann.
Vollkommen unerträglich wird es für mich, hinter einem so genannten Minivan herzufahren, an dessen Lenkrad ein Mann mit Baseball-Kappe sitzt, aus der hinten eine silbergraue Haarpracht quillt. So einer der nicht über hundert Stundenkilometer ununterbrochen auf der mittleren Autobahnspur und grundsätzlich ansonsten überall mindestens zehn Stundenkilometer langsamer fährt, als Geschwindigkeitsbegrenzungen ohnehin schon erlauben.
Kann ich ihn endlich überholen, muss ich sehr an mich halten. Im Mittelfinger meiner rechten Hand zuckt es verdächtig. Doch noch verbietet mir meine gute Erziehung, die ihren Platz in der rechten Seele behaupten konnte, den Stinkefinger.
Natürlich nerven mich auch schillende Jugendliche. Neulich saßen mir einige im Weg und das ausgerechnet auf der Treppe eines Museums, das ich unweit vor Ende der Öffnungszeit noch schnell aufsuchen wollte.
Natürlich wagte ich nicht, sie laut zu beschimpfen. Schließlich liest alterman häufig in der Zeitung von leicht erregbaren gewalttätigen Jugendlichen.
Obwohl ich ihn überhaupt nicht beschimpfte, baute sich sofort so ein gepiercter pickliger langaufgeschossener Jüngling grinsend vor mir auf. „Nun bleib mal locker, Alter.“
Vollkommen gelassen ging er die Stufen zum Eingang hinauf, hielt mir die Tür auf, verneigte sich und wünschte mir viel Spaß bei den Altertümern, konnte sich aber ein „So kommt zusammen, was zusammengehört“ nicht verkneifen.
 

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