LOLLIPOP-Boy

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Wladimir

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Lollipop-Boy


Der Lolli ist pink und gelb geringelt, ein gigantische Zuckerscheibe, ein Magnet. Er hält ihn vor sich wie eine Blume. Ab und zu leckt er, nicht zu oft, weil er braucht den Lolli, in der Straßenbahn auf dem Weg von der Schule nach Hause. Zuhause ist er dann erst mal alleine, nimmt sich den zugedeckten Teller Spaghetti mit Hackfleischsoße aus dem Kühlschrank und trägt ihn in die Mikrowelle rüber, 3 Minuten auf der Zahl Sechs. Dann vorsichtig und ohne den Teller zu kippen auf den Küchentisch. Daneben liegt sein Micky Maus-Heft, Mama will nicht, dass er fernsieht.

Erst seit ein paar Wochen muss er morgens früh mit seiner Mama aufstehen, sie trinkt ein paar Tassen Kaffee, er isst Fruit Loops mit Milch. Die Lollis sind von Oma. Sie kauft immer die Gelb-Pinken, die ihn reinziehen in einen Strudel voller Glück. Sie hat auf ihn aufgepasst als er noch nicht zur Schule ging, aber sie ist schon sehr alt, hat einen dicken Bauch und kann fast nicht mehr gehen. Die Treppen zu euch rauf, sind Hölle, sagt sie immer mit so einem Zischen zwischen den Zähnen durch. Sie sagt, sie ist froh, dass sie jetzt einfach im Sessel sitzenbleiben kann. Sie kommt jetzt nur noch am Sonntag, dann gibt sie ihm die Lollis, wenn Mama Kaffee kocht und den Kuchen auf die große Platte tut, die mit den Rosen drauf.

Die Leute in der Straßenbahn schauen böse. Sie gucken durch sein Glücksschild, als ob es nicht da wäre. Die zornigen Augen sehen ihn an, immer nur ganz schnell und dann wieder weg. Er versucht nicht hinzusehen. Es ist nichts Böses an seinem Lollipop, also schauen sie wahrscheinlich ihn böse an. Er versucht ganz still dazusitzen. Er hat Angst. Auch Angst, dass er die Haltestelle verpasst. Königinstraße raus!,das sind fünf Stationen von der Schule aus, dann zwei Stufen von der Straßenbahn runter, über die Schienen, nein, nicht über die Schienen!, bei der Fußgängerampel rüber!, mit den anderen Menschen und dann auf der rechten Seite, rechts ist da, wo man in der Schule den Stift halten soll, bis zum großen gelben Haus, dann da links, also, wo man nichts hält oder manchmal das Lineal, um die Ecke und bis zum Mobiltelefonladen, das ist der mit den hellgrünen Leuchtstreifen und dann noch mal über die Straße, vorsichtig, es gibt da keine Ampel, und er steht immer einfach länger und schaut, dann geht er rüber und dann ist er vor seinem Haus und geht rauf, eine Treppe bis zum ersten Stock und dann nochmal 8 Stufen hoch und da ist ihre Wohnung, mit dem rotgepunktetem Plastikherz ums Guckloch.

Zuhause ist niemand bis Mama kommt. Mama kommt immer bevor es dunkel ist –und sogar im Winter ist es dann noch fast nicht dunkel, sagt sie.
In der Klasse lachen sie manchmal, wenn er von seinem Stuhl aufsteht oder wenn er sich bückt, weil der Stift auf den Boden gefallen ist. Frau Maier-Hofer lächelt ihn dann immer an. Einmal hat er versucht mitzulachen, aber er machte es wohl nicht richtig, sie guckten woandershin und da hat er aufgehört zu lachen. Die Leute in der Straßenbahn lachen nicht. Sie lächeln auch nicht. Sie schauen oft zum Fenster raus, wenn er sich durchquetscht und hinten einen Sitzplatz sucht. Nur wenn er seinen Lolli aus dem Rucksack nimmt, dann fangen sie an so zu schauen. Stillsitzen nützt nichts. Sie sind böse auf etwas Anderes, manche schütteln den Kopf ein wenig. Er leckt und versucht nur das Süße zu schmecken. Beim Abendbrot fragt er Mama, warum Erwachsene so böse gucken. Aber er erzählt ihr nicht von den Lollis. Die Lollis sind ein Geheimnis mit Oma. Mama sagt, dass Erwachsene oft müde sind oder Sorgen haben, wegen Geld und so. Sie sagt, er soll aufstehen, wenn ein alter Mann oder eine alte Frau einsteigen und alle Sitzplätze besetzt sind. Aber er sitzt immer ganz hinten und da sind immer Plätze frei. Vielleicht fahren Erwachsenen nicht gerne Straßenbahn, weil es so sehr ruckt und laut quietscht. Vielleicht haben sie auch Angst, dass sie die richtige Haltestelle verpassen. Vielleicht, wenn sie gerade an Geldsorgen denken. Ein Lolli reicht für die Straßenbahn und für bevor Mama kommt. Oma hat sonntags immer fünf dabei und das ist genau richtig. Oma ist klug und drückt ihn immer in ihren weichen, großen Bauch hinein.

Er hat Angst vor der Frau, die sich ihm gegenüber hinsetzt. Sie sitzt so dicht vor ihm, ihre Knie mit der Einkaufstasche stoßen fast an ihn dran, immer wenn es einen Ruck gibt in der Kurve. Er starrt auf seine gelb-pinken Kreise, er traut sich nicht zu lecken. Ihre Augen sind so eng zusammen wie bei Mama, wenn sie erzählt, wie es in der Arbeit war. Sie starrt auch drauf und ihre Wut wird in die Spirale gesaugt und kommt auf ihn rausgeschossen. Was soll er tun, sie ist so unfröhlich und so böse und sie sieht aus, als ob sie gleich den Mund aufmacht und eine Schlange kommt raus. Er ritscht den Reißverschluss auf und nimmt den für morgen raus und hält ihn ihr hin. Seine kleinen hellblauen Augen, fast verborgen durch die Fettschicht – Schweinsaugen nennt man das – bitten um Verzeihung.
 

molly

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Hallo Wladimir,

So sieht wahrscheinlich der Alltag manch einsamer Kinder aus. Für mich ist das keine Kindergeschichte, welches dicke Kind würde das gerne lesen.
Und für die normal Gewichtigen ist sie nicht spannend.
Soll Deine Botschaft heißen: Kinder, esst keine Lollis, davon bekommt ihr Schweinsaugen und Oma, hör auf mit dem Lolli-schenken?

Ursula Wölfl hat in Ihrem Kinderbuch: Feuerschuh und Windsandale" von einem kleinen dicken Jungen erzählt, mit viel Humor und Verständnis-
Deine Geschichte ist eigentlich nur traurig.

Dennoch, freundliche Grüße von molly
 

Wladimir

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Hallo Molly, danke fürs Lesen und Kommentieren.
Muss mal drüber nachdenken. Ja, die Geschichte ist wohl traurig. Ich denke, auch Kinder brauchen nicht nur lustige Sachen. Allerdings machst du mich auch nachdenklich. Ja, für welches Alter ist diese Geschichte eigentlich?
Leider kenne ich Ursula Wölfl nicht. Meine Kinder sind in Kalifornien aufgewachsen. 'The Giving Tree' von Shel Silverstein oder auch Geschichten von Sharon Creeck, wie z.B. 'Replay' mochte ich sehr, obwohl ich mich ganz bestimmt nicht vergleichen kann.
 
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molly

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Hallo Wladimir,

Ich denke, auch Kinder brauchen nicht nur lustige Sachen.
das stimmt natürlich, dennoch braucht eine traurige Kindergeschichte ein Erlebnis, das Hoffnung verspricht. Bei Deiner Geschichte könnte ich mir vorstellen, das der Junge einen "Leidensgefährten" trifft, dem er seinen Lolli anbietet. Doch er ist nicht von Süßigkeiten dick, sondern vielleicht von Medizin oder sonst was. und er will den Lolli nicht, weil seine Mama vieleicht Stress macht wegen schlechten Zähnen, oder weil es bei ihm Zuhause immer am Wochenende Süßes gibt....
Oder er trifft einen ganz dürren Jungen, oder ein einsames Mädchen,
Die beiden könnten sich anfreunden, und damit kommt schon etwas mehr Leben in die Bude. Damit die KInder zuhören, muss die Geschichte spannend sein, das geht auch bei traurigen Geschichten.

Deine Bücher kenne ich leider nicht.

Nur Mut und viele Grüße

molly
 

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