London after Midnight

Ramon hatte den Marquee Club nicht wie all seine Freunde gleich nach der letzten Zugabe verlassen, sondern hatte sich statt dessen noch auf einen Wodka Lemon an die Theke gesetzt. Schnell war aus dem einen ein ein zweiter und dann sogar noch ein dritter geworden. Seine Phantasie hatte in seinem Kopf aus den hypnotischen Klängen einen Bilderteppich gewebt, Bilder voll bizarrer Schönheit, die sich nun vor seinem inneren Auge zu einem berauschenden, exstatischen Film zusammenfügten. Die melancholischen Melodien hatten etwas in ihm in Bewegung gesetzt, waren bis in den tiefsten Winkel seiner Seele vorgedrungen. Sie waren der Schlüssel zu Gefühlen, die durch Enttäuschungen und Trauer für immer verschlossen schienen,. von deren Existenz er noch nicht einmal mehr etwas geahnt hatte. All dies projezierte er auf die Leinwand seiner Selbst.

Es war kurz nach Mitternacht , die Straßen menschenleer, als er den Club endlich verliess. Kaum draussen hörte er direkt hinter sich das schwere Eisengitter einrasten, er war allein in der Dunkelheit. In der Gegend hier gab es längst schon keine funktionierende öffentliche Telefonzelle mehr um sich ein Taxi zu rufen welches ihn hätte nach Hause bringen können. Am Liebsten hätte er sich selbst in den Allerwertesten getreten, weil er den Barkeeper nicht gebeten hatte, eines für ihn zu organisieren. Ihm fiel die U - Bahnstation am anderen Ende des Viertels ein.Der Gedanke den ganzen Weg durch die dunklen Strassen zu Fuß zurückzulegen, machte ihm Angst, doch ihm war klar, je länger er hier wartete, um so größer war das Risiko, mit einer herumstreunenden Nachtgestalt aneinanderzugeraten und darauf konnte er in seinem Zustand allemal verzichten. Er sprach ein stummes Gebet, zog den Kragen seiner Jacke bis tief unters Kinn und machte sich zu Fuß auf den Weg.

Während er durch die kaum beleuchteten Straßen eilte, versuchte er sich über die Angst klar zu werden, die ihn gepackt hatte und nicht mehr losließ. Eigentlich war er gar nicht der Typ der es so schnell mit der Angst zu tun bekam. Sein fester Glaube an die Existenz höherer Mächte und die Erfahrungen die ihm in dieser Beziehung zu teil geworden waren, hatten ihn immer vor panischen Reaktionen bewahrt. Aber irgend etwas war heute anders. Er beschleunigte seine Schritte, denn er konnte sich des unheimlichen Gefühls nicht erwehren, als hätte sich ein unsichtbares Netz der Gefahr um ihn herum zusammengezogen. Irgenwie glaubte er, wenn er schneller ginge , könnte er dem Netz entgehen, ehe es auf ihn herabfiel. Er warf einen Blick hoch zum Himmel, und sein Herz blieb stehen, als er bemerkte, daß der Nachthimmel an dem noch vor wenigen Minuten millionen heller Sterne gefunkelt hatten pechschwarz geworden war. Er schüttelte den Kopf , überlegte, ob er dabei war seinen Verstand zu verlieren.

Er bog um eine Ecke und im selben Augenblick in dem er die vor ihm liegende Straße betreten hatte, zerplatzte über ihm die Straßenbeleuchtung. Wie auf ein unsichtbares Kommando hin, barsten um ihn herum alle Laternen , eine nach der anderen , und ein klirrender Glasregen ergoss sich über den Asphalt. Die Straße war nun genauso düster wie der Himmel hoch über ihm. Hilflos sah er sich um, konnte jedoch nichts weiter entdecken, als ein paar kleiner stechender Augen, die ihn aus einem sicheren Versteck heraus beobachteten, eine Katze, so vermutete er, die auf ihrem nächtlichen Streifzug gestört worden war. Mit vorsichtigen Schritten tastete er sich durch die Dunkelheit. Die Nacht war recht kühl, doch irgendwie begann er zu schwitzen, sein Puls hämmerte in seinen Schläfen, daß es ihn schmerzte und dann bemerkte er, daß er verfolgt wurde.

Ramon hörte leichte Schritte wie von einer Frau über das zerbrochene Glas knirschen. Sie folgte ihm im Abstand von nur wenigen Metern, wenn er ging, ging auch sie, blieb er stehen, so blieb sie ebenfalls stehen.Beschleunigte er seine Schritte, so tat sie es ihm gleich, ging er langsamer, tat sie es ebenfalls. Nach einer Weile, die ihm wie eine Ewigkeit vorkam, schien sie genug von diesem Spiel zu haben und begann aufzuholen. Ramon verspürte den Drang einfach davonzulaufen, doch wagte er dies nicht, da er kaum etwas sah. Instinktiv wußte er daß es sich um eine ganz besondere Begegnung handelte, die alles was er bisher erlebt hatte in den Schatten stellen würde, zu außergewöhnlich waren die Umstände. In seinen Gedanken versuchte er sich die Frau vorzustellen, die sich ihm jetzt schnell näherte und dann stand sie direkt vor ihm.


Sie schien seiner Phantasie entsprungen zu sein. Sie war groß für eine Frau, vielleicht sogar etwas größer als er selbst. Langes blondes Haar umrahmte ein attraktives Gesicht mit einer frechen Nase und einem ungemein sinnlichen Mund. Das faszinierendste an ihr waren jedoch die beiden unterschiedlich farbenen Augen. Selbst in dieser fast vollständigen Finsternis schien es ihm als würden kleine goldene Fünkchen darin tanzen. Er zwang sich zur Ruhe, unfähig den Blick von ihren Augen zu nehmen, und er spürte ein seltsames kribbeln in sich aufsteigen. Sie sprach kein Wort betrachtete ihn nur mit einem strahlenden Lächeln, und er spürte wie das Eis in seinem Innersten mit einem mal zu schmelzen begann, spürte wie sich wohlige Wärme in seinem Herzen ausbreitete und ein lange vermisstes Gefühl der Ruhe die Rastlosigkeit der vergangenen Jahre vertrieb. Das alles geschah in weniger als einem Augenblick, im nächsten trat sie auf ihn zu, legte ihm die Arme um den Nacken, berührte sanft seine Lippen mit den Ihren und zog ihn mit sich in ein verwirrendes Gefühl von Geborgenheit, Vertrautheit und wilder Begierde. Er fühlte sich dem Wahnsinn nah, zugleich jedoch durchströmte ihn ein berauschendes Glücksgefühl. „War dies alles nur ein Traum ?“ schoss es ihm durch den Kopf. Er fühlte ein leichtes Frösteln und ein flaues Gefühl das sich in seiner Magengegend austzbreiten begann. Sie löste sich von ihm, hielt fest seine Hände, neigte leicht den Kopf und musterte ihn mit echter Zuneigung im Blick. Dann als hätte sie seine Gedanken gelesen, begann sie mit ihm zu reden „ Nein, was geschieht, geschieht wirklich, es passiert hier und jetzt. Ein Geschenk .....“ sie machte eine kurze Pause wie um ihren Worten den nötigen Nachdruck zu verleihen, obwohl es dies überhaupt nicht bedurft hätte. Jede Silbe, jeder Buchstabe, fand den richtigen Addressaten in ihm, löste ihn aus seiner Erstarrung und hob ihn einer Feder gleich vom Boden und trug ihn dem Himmel entgegen. „ Was daraus wird liegt an uns selbst, ob wir es zu schätzen wissen, behutsam damit umgehen. oder ob wir es betrachten und irgendwann nur achtlos in die Ecke werfen.“ Dann küsste sie ihn wieder, verlieh ihren Worten mit der Sanftheit des Kusses Nachdruck, ließ ihn spüren dass sie es ernst meinte. Er versank in ihr, öffnete sich und ließ sie ein, zeigte ihr all seine Verletzlichkeit, seine Träume und den Hass auf sich selbst. Gleichzeitig drang er mit jeder Berührung weiter in sie, erkundete ihre Zweifel, ihre Ängste und ihre Wünsche. Indem sie einander entdeckten, spürten sie beide, obwohl sie es nicht verstanden, dass dies eine ganz besondere Begegnung war, deren Zustandekommen ihnen für immer unerklärlich bleiben würde, doch dies spielte keine Rolle. Sie spürten,dass sie den Menschen getroffen hatten, der für sie vorbestimmt worden war und dass sie ihr Schicksal für eine Weile selbst es in der Hand hielten, fest entschlossen, es nicht mehr loszulassen.
Gemeinsam richteten sie ihren Blick gen Himmel, waren wie hypnotisiert von den glitzernden und blinkenden Sternen die nun wieder ganz ungewöhnlich und merkwürdige zu ihnen herabfunkelten und blitzten. Sie lauschten voller Heiterkeit und Zufriedenheit in die Nacht hinaus, die nun ihre Schrecken für sie verloren hatte.
 

 
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