Mädchen am Bahnsteig

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MÄDCHEN AM BAHNSTEIG

Die junge Frau – ein groß gewachsenes, hübsches Mädchen Anfang zwanzig – hatte keine Arme.
Wenn ich von hübsch spreche, so ist damit in erster Linie ihr Gesicht gemeint: Ein schmales, leicht gebräuntes Oval aus sanften, angenehmen Linien; mittelgroße, schüchtern blickende, braune Augen mit grünlich schimmernden Pupillen. Ihr glattes, kurz geschnittenes Haar umschloss den Kopf gleich einer über die Ohren herabgezogenen Skimütze, dunkel, sehr dunkel, beinahe schwarz; ein Eindruck, der von dem matten Oberlicht der U-Bahnstation noch verstärkt wurde. Soweit zu erkennen war, besaß sie eine attraktive Figur. Selbst unter einem weiten, beinahe knielangen Strickpullover und der unförmigen Trainingshose waren lange, schlanke Beine und ein wohlgeformter Busen zu bewundern.
Ja, sie war hübsch, und man konnte sich von ihr angezogen fühlen; aber natürlich – sie hatte keine Arme. Wohl war das Fehlen der Arme nicht unmittelbar auszumachen; vielleicht, weil man von ihrem Gesicht und ihrer Figur abgelenkt war. Übrigens war es ein kühler Spätsommerabend und die U-Bahnstation war unangenehm zugig; die Arme mochten also sehr wohl zum Schutz unter dem weiten Pullover verborgen sein. Doch als sie sich eines kühlen Luftzugs wegen einmal kurz zur Seite drehte, konnte man die Behinderung an der Art der Bewegung ihrer Schultern erkennen.
All dies konnte der junge Mann jedoch nicht sehen, wie sie ihm das erste Mal begegnet war. Sie hatte seine Blindheit sofort bemerkt. Ein unbeholfener Zusammenstoß, eine gestammelte Entschuldigung, Stock vergessen, tut mir leid, ich bin blind, wissen Sie, und so weiter. Als sie ihn ein paar Tage darauf am Bahnsteig wiedersah, sprach sie ihn zu ihrer Überraschung an. Sie hatte so etwas bislang noch nie getan und sich auch nicht vorstellen können, jemals etwas derartiges zu tun. Hallo! Guten Tag – erinnern Sie sich noch an mich, am, äh, Montag? Wir sind zusammengestoßen. Oh, ist das Ihre Bahn? Nein? Haben Sie Ihren Stock wieder vergessen – kann ich Ihnen helfen? Ich meine – kommen Sie ohne ihren Stock zurecht? Was man eben so sagt, erinnerte sie sich verlegen.
Er schien erfreut über die Begegnung zu sein und sie plauderten ein wenig, hauptsächlich über Arbeitszeiten und Berufsverkehr. Ihre Behinderung war für ihn auf Anhieb nicht zu bemerken, und aus einer Eingebung heraus verschwieg sie ihm diese. Sie hatte keinen besonderen Grund dafür; an Scham, Angst, Ekel und das Gefühl der eigenen Minderwertigkeit war sie schon zu lange gewöhnt, als dass irgendetwas ihren Selbstwert als Krüppel noch hätten herabsetzen können.
Er war ungefähr in ihrem Alter, größer als sie, und sie fand, er sah gut aus, er gefiel ihr, mit seinem dunklen, lockigen Haar, dem schmalen Mund und den blau-grauen Augen, die einen aufmerksam anblickten und den Bewegungen des Gegenübers zu folgten schienen, ohne dass ihnen die Blindheit unmittelbar anzumerken war. Von da an trafen sie sich ein- bis zweimal die Woche, so wie sie beide in der Stadt zu tun hatten, ungefähr fünf Wochen lang, bis sie sich für diesen Freitag förmlich verabredeten. Die Aufforderung dazu war von ihm ausgegangen, und sie war zu überrascht gewesen, um abzulehnen. Ihr kam erst im Nachhinein zu Bewusstsein, was es mit einer Verabredung auf sich hatte und was es bedeuten mochte, dass sie zugesagt hatte.
Sie war noch nie mit einem Mann verabredet gewesen, und sie war sich völlig darüber im Klaren, dass ihre Behinderung allem schnell ein Ende machen würde, ungeachtet der Tatsache, dass sie sich bis vor wenigen Stunden noch auf die Verabredung gefreut hatte. Zeitweise hatte sie sich von der Vorstellung treiben lassen, dass etwas Aufregendes, vielleicht sogar Romantisches geschehen konnte; auch bot ihr das Verschweigen ihrer Behinderung ausreichend Sicherheit für Tagträume und verschwommene, beinahe erotisch zu nennende Fantasien.
Doch nun, da es kaum eine halbe Stunde bis dahin war, überfiel sie eine schwarze, von lang gehegtem Ekel genährte Traurigkeit. Sie hatten nichts Näheres geplant, doch sie ging davon aus, dass man ein wenig spazieren gehen und danach vielleicht ein Lokal aufsuchen würde. Aber wie konnte sie dies alles tun? Spazieren gehen, essen – wie sollte sie? Wie, wenn er ihre Hand ergreifen, sie gar umarmen wollte? Es war schön mit ihm zu sprechen, und interessant, gewiss; wenn er etwa von den letzten Eindrücken erzählte, die er aus der Zeit vor seiner Erblindung im Alter von sechs Jahren behalten hatte, und wie er dabei den Eindruck eines Sehenden vermitteln konnte, wo er doch nicht sehen konnte, und wie sie, während er redete, von irritierenden Empfindungen überrascht wurde; wie sie sich schämte, wenn sie sich Zärtlichkeiten vorzustellen wagte, zu denen es doch nie kommen konnte.
Die junge Frau hatte lange schon gelernt, über ein gelegentliches, meist offen widerwilliges Gefühl des Mitleids hinaus nichts von ihren Mitmenschen zu erwarten, sieht man einmal von den Pflegekräften ab, die ihr zur Bewältigung des Alltags zur Verfügung standen. Und selbst deren berufsbedingtes Verständnis lag in ständigem Kampf mit den unappetitlichen Einzelheiten der Pflege, und da es die einzigen Menschen waren, mit denen sie täglichen näheren Umgang pflegte – ihren nächste Verwandten wohnten drei Autostunden entfernt –, war sie es gewohnt, ihre Behinderung als rein persönliche Angelegenheit zu betrachten. Sie ließ nicht zu, dass man sie eingehender darauf ansprach; nicht einmal ein freundschaftliches Interesse durfte ihre Behinderung und alles, was damit zusammenhing, berühren.
Sie wusste, dass sie leidlich hübsch aussehen konnte, aber es hatte keine Bedeutung für sie, weil es auch für andere Menschen letztendlich bedeutungslos bleiben würde. Ein Monster, dachte sie mit bitterer Gewissheit, wird für niemanden jemals etwas anderes sein als eben ein Monster; auch wenn jenes Monster von den Menschen – aus Neugier, Mitleid, schüchternem Interesse, was auch immer – ins Museum, ins Kino, oder, wie heute, zu einem vermeintlichen Essen eingeladen wird.
An diesem Tag schienen die Menschen auf dem Bahnsteig sie auf den ersten Blick kaum zu beachten. Dennoch wusste sie aus Erfahrung, dass jeder sie mehr oder weniger unauffällig musterte. Wo einige sich dabei noch um einen mitleidigen Ausdruck bemühten, taxierten sie andere wiederum mit geradezu herausfordernder Dreistigkeit; wieder andere bedachten sie mit kaum verhohlenem Abscheu, bevor sie sich in einer unbeholfenen Mischung aus Peinlichkeit, Scham und Anklage abwandten. Dies würde bei ihm, dem Blinden, zwar nicht der Fall sein, aber alles andere, was kommen musste, würde eben diesen kleinen Unterschied wieder wettmachen. Wohl bedauerte sie, dass sie ihm ihre Behinderung verschwiegen hatte; aber sie hatte eben nicht gewusst, wie sie in diesem Fall darüber hätte sprechen können, und sie wusste es auch jetzt noch nicht, so wie ihr während der letzten Stunde klar geworden war, dass sie es nun nie mehr wissen würde.
Sie musterte ihre Umgebung mit oft geübtem, leeren Blick, und wir können annehmen, dass es ihr gleichgültig war, ob man ihr ansah, dass sie daran dachte, vor einen der Züge zu springen, und wenn, ob sich wohl jemand finden würde, der sie davon abzuhalten suchte.

© 2019
 

Tante Julia

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Ich finde die Geschichte sehr spannend und sehr gut geschrieben. Interpretiere ich es richtig, dass es einen Perspektivwechsel gibt (im ersten Absatz wird die Protagonistin aus der Sicht eines außenstehenden Beobachters beschrieben und alles, was folgt, ist aus der Sicht der Protagonistin selbst)?
Ich konnte auf jeden Fall gut mitgehen und wünsche der Protagonistin, dass sie sich irgendwann nicht mehr als Monster, sondern als - wie eingangs beschrieben - hübsche junge Frau empfinden kann.
 
Ich finde die Geschichte sehr spannend und sehr gut geschrieben. Interpretiere ich es richtig, dass es einen Perspektivwechsel gibt (im ersten Absatz wird die Protagonistin aus der Sicht eines außenstehenden Beobachters beschrieben und alles, was folgt, ist aus der Sicht der Protagonistin selbst)?
Ich konnte auf jeden Fall gut mitgehen und wünsche der Protagonistin, dass sie sich irgendwann nicht mehr als Monster, sondern als - wie eingangs beschrieben - hübsche junge Frau empfinden kann.
Vielen Dank für deine freundliche Aufnahme meiner Geschichte!
Betreffs der wechselnden Erzählperspektive liegts du völlig richtig; die hat sich während des Schreibens ganz von selbst ergeben.
Übrigens: Was immer die Geschichte sein mag - ihr Ursprung war durchaus gewöhnlich. Ich habe die Protagonisten wirklich in einer U-Bahnstation gesehen,
wie sie wenige Meter voneinander dastanden...und dann hat die Fantasie übernommen. (Wir Schreiber schlachten wirklich alles aus!)
Was das Ende betrifft, so hab ich immer angenommen, dass die Frau sich vor den Zug wirft. Aber die Geschichte trägt auch, so finde ich, ein halb und halb offenes Ende, was es dem Leser möglicherweise ein wenig leichter macht.
Gruß, Gerold
 

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