märchenonkel (sonett)

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Mondnein

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[ 4]märchenonkel


du sagst die klugheit hänge nicht am bücherwissen
auch ohne wissen müsse sich die schläue zeigen
verborgne weisheit die mit schlichtheit überzeuge
so wie wenn einer einen blöden witz gerissen

das heißt ich darf nicht zeigen daß ich gern gelesen
den alten kram von brüdern die die sonne grüßten
als schlachten wogten durch die planetaren wüsten
wo ungeschlachter riesen knochen weiß verwesen

ich darfs wohl singen aber keinen gehts was an
und dich zu fragen ob ichs darf – das käm dir vor
als klopfte ich als märchenonkel an dein tor

ders wasser seines quells nicht länger halten kann
beim feilschen dich mit lust am klatsch zu tode quatscht
im wortgefecht knapp dich tuschiert betuscht betatscht
 

HerbertH

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Hier steckt die Frage ob man Weisheit nur ohne Bücher oder nur mit ihrer Hilfe lernen kann. Ich denke, beides ist nicht schädlich, das Durchleben und das Lernen. Aber wie sag ichs meinem Kinde? In Märchen steckt oft viel Weisheit.
 

Mondnein

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Epen

Danke, HerbertH, ja,
nun zielt das Beispiel mit dem "alten kram" in der zweiten Strophe nicht so sehr auf Märchen (dieses Wort wird in Titel und Schlußstrophe eher peiorativ gebraucht, nicht als Literaturgattung), sondern auf die großen Epen mit ihren endlosen Schlachten.
Betrifft also auch "aus einem alten epos", das ich gerade erst hier eingebracht habe.
Eine ganz andere Szene habe ich allerdings bei dieser zweiten Strophe besonders vor Augen gehabt: Die Mahabharata-Szene, wo das Kämpfen in der Nacht fortgesetzt wird bis zum Morgen, dann aber beim ersten Aufscheinen der Sonne über dem Horizont die ineinander verbissenen Krieger schlagartig ihr Morden unterbrechen, um sich vor dem Sonnengott zu Boden zu werfen.

Ich suche mal den link zu dem Gedicht raus, es ist hier in der Leselupe.
Gefunden: https://www.leselupe.de/lw/titel--8-Stern-8---Mahabharata-116836.htm

grusz, hansz
 

Mondnein

Mitglied
[ 4]märchenonkel


du sagst die klugheit hänge nicht am bücherwissen
auch ohne wissen müsse sich die schläue zeigen
verborgne weisheit kann mit schlichtheit überzeugen
so wie wenn einer einen blöden witz gerissen

das heißt ich darf nicht zeigen daß ich gern gelesen
den alten kram von brüdern die die sonne grüßten
als schlachten wogten durch die planetaren wüsten
wo ungeschlachter riesen knochen weiß verwesen

ich darfs wohl singen aber keinen gehts was an
und dich zu fragen ob ichs darf – das käm dir vor
als klopfte ich als märchenonkel an dein tor

ders wasser seines quells nicht länger halten kann
beim feilschen dich mit lust am klatsch zu tode quatscht
im wortgefecht knapp dich tuschiert betuscht betatscht
 

Mondnein

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"müsse" - "kann"

Danke, Walther, ja,
ich probiers mal aus.

Für den (ursprünglichen) Relativsatz - "weisheit" rückbezogen auf die "schläue" - spricht, daß er nicht vom Konjunktiv der indirekten Rede ("müsse") in den behauptenden Indikativ springt.
Nun, mit Deinem Vorschlag, erscheint diese Verszeile als direkte Rede;
der (also der Rede des lyrischen Du) steht aber der etwas übertriebene und distanzierte Vergleich mit dem "blöden witz" (von Seiten des lyrischen Ich) entgegen, oder einfach: der Sprecherwechsel vom referierten Du zum referierenden (oder einfach irgendwas per Sentenz behauptenden) Ich.

So gehn mir die Gedanken beim Lesen durch den Kopf.

grusz, hansz
 

Walther

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Hi hansz,

würdest du den vers als einschub lesen, wäre deine schwierigkeit nicht vorhanden, denke ich.

lg W.
 

Mondnein

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Ja, stimmt, Walther, ist der erste spontane Eindruck:

Die Sentenz (Indikativ, aber als Hypothese isoliert, probeweise hingestellt) wird noch immer "referiert", vom Lyri reflektiert, und dann zieht er (oder es) seine hypothetischen Folgerungen, erst vergleichend ("so wie wenn"), dann weiter reflektierend, klärend ("das heißt").

Ja, durchaus.
 

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