Dichter Erdling
Mitglied
Der Pfarrer keucht schon, dabei gehen wir nur einen lächerlichen Hügel hinauf. Vorneweg beim Geistlichen scharen sich seine eifrigsten Schäfchen. Sie treiben schleimigen Schalk mit dem Gottesmann, als ginge es um ihr Seelenheil.
„Schönes Wetter haben wir, Herr Pfarrer, nicht wahr?“ und „Heuer sind wir ja wirklich sehr zahlreich!“ biedern sie sich willfährig beim Pfaffen an.
Dass wir so zahlreich sind, liegt ein bisschen auch an unserer Anwesenheit, das muss man dazusagen. Kommt vermutlich nicht oft vor, dass beim gottesfürchtigen Marsch auf die Marienkapelle Leute von außerhalb mitgehen. Mutter ist schuld. Sie stammt aus diesem Kaff im bayrischen Nirgendwo und hat sich eingebildet, so eine Maiandacht wäre mal wieder eine gute Idee. Vermutlich hat sich das Ereignis schon in ihrer Jugend so abgespielt und sie wird langsam nostalgisch. Zuhause in der Stadt gehen wir nie in die Kirche, aber das wird sie den Hiesigen nicht auf die Nase binden. So stapfen wir schweigend den Maiandächtigen nach.
„Guat schaugst aus!“ wird Mutter erneut angesprochen. Sie ist eine von ihnen, eigentlich. Den Dialekt hat sie immer noch drauf, er ist nur nicht mehr ganz so breit, ist schon ausgedünnt von dieser anderen Gegend, in die sie vor Jahrzehnten ausgezogen ist. Längst habe ich spitzgekriegt, dass es beileibe kein Kompliment ist, wenn man hier mit „Gut schaust du aus!“ begrüßt wird. Es kann im triezenden Subtext heißen, dass man schlichtweg fett geworden ist. Entsprechend kühl reagiert Mutter auf die Anrede und mir wird klar, diese Frau im gelben Shirt ist nicht unser Freund. Nebenbei bemerkt ist sie selber fett. Man sieht die Speckröllchen unterm ausgedehnten T-Shirt-Stoff. Ihr kantiges Gesicht mit den tiefliegenden Augen, das aussieht, als wäre der Traktor drübergefahren, ist rotfleckig und aufgedunsen.
„Das Dirndl ist ja groß geworden, schon ein richtiges Fräulein!“, bemerkt die Eingeborene mit Blick auf mich. Das Dirndl, ja, das bin ich. Kein Kind mehr. Kinder werden ja so schnell groß. Ich werde eingehend gemustert und fühle mich einigermaßen unwohl. Der Pfarrer hat kurz zuvor fast wortgleich denselben Spruch abgelassen. Vorhin, als er meine Mutter extra begrüßt hat als wäre sie ein Ehrengast. Dabei das gleiche langrollende „R“ beim Wort „Fräulein“. Dazu der gleiche musternde Blick. Fragende Augen, die offenkundig spekulieren, welchen Weg ich demnächst einschlagen würde: Den braven, sittsamen, hin zu christlichen Hügelkapellen, schüchtern an Mutters Seite höflich lächelnd – oder einen anderen. Man würde sehen.
Während Mutter mit dem gelben T-Shirt schwatzt, zupfe ich unsicher an meinem Kleid herum. Es ist blau und allover bedruckt mit Blumen. Ich weiß nicht, ob es hierhin passt. In der Werbung wird das Textil vor palmengesäumter Strandkulisse präsentiert, nicht in der Einöde mit zwiebeligen Kirchtürmen und bayrischem Wald. Vielleicht ist es zu kurz für den Anlass. Ich versuche, den Saum in die Länge zu ziehen, damit sich niemand am Anblick nackter Schenkel stört.
Wir sind da.
Die Mini-Version einer Kirche mit einem großen Marienbild vorn am Altar. Ringsum Landschaft. Im Mai hat sie ihr bestes Gewand angezogen, hauptsächlich grün und viele Blüten darin. Fruchtbares Hügelland, man hat einen Ausblick.
Im Gegensatz zum Bibelspruch sind hier die Ersten die Ersten und wer hintennach kommt, findet in der Kapelle keinen Platz mehr. Nur fünf kleine Bänke auf jeder Seite, die sind ratzfatz gefüllt. Mutter und ich müssen hinten stehen, außerhalb, auf der grünen Wiese. Vorn am Opfertisch zündet eine diensteifrige Helferin ein paar Kerzen an. Jemand hat Wiesenblumen hingestellt. Die Andachtssache kann beginnen.
„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“, hebt der Pfarrer an und alle bekreuzigen sich. Man brummt „AMEN!“ zur allgemeinen Bekräftigung.
Ich lerne: Hauptsächlich wird bei einer Maiandacht gesungen. Miteinander. Schlecht. Ohne Orgel, ohne Instrumente. Nur ungeübte Stimmen, die dem wackligen Bariton des Pfarrers folgen:
„Mutter Gottes süße,
O Maria hilft!
Maria Hilf uns allen
Aus dieser tiefen Not...!“
Zu Beginn hat man Zettel verteilt, darauf stehen die Texte. Die besonderen Kirchenstreber kennen natürlich alles auswendig und müssen nicht auf den Zettel schauen, während sie übertrieben inbrünstig ihren felsenfesten Glauben besingen. Leute wie ich haben indes keine Ahnung, wie die Lieder klingen sollen und verstecken sich lippenbewegend stumm hinter dem Papier. Zwischen dem Gesinge predigt der Pfarrer ein bisschen was vom Marienkult. Schon klar, der Weg von der keuschen Jungfrau hin zur göttlichen Mutter ist kurz und gesäumt von gefährlichen Abgründen. Weil wir ganz hinten stehen, können wir miteinander tuscheln, ohne dass der Pfarrer was mitkriegt. Der ist fixiert auf die Sitzreihen in seiner Kapelle.
„Hast du gefurzt?“, frage ich alsbald unauffällig bei meiner Mutter an.
Die reagiert empört. „Natürlich nicht, wie kommst du drauf?“
„Riechst du das nicht?“, frage ich zurück. „Es stinkt ganz fürchterlich!“
Nein, Mutter riecht nichts. Das bilde ich mir ein, meint sie. Sie ermahnt mich, meine Aufmerksamkeit wieder nach vorne zu richten und keinen Aufstand zu machen.
Ich zucke die Schultern, aber ich rieche es heftig. „Wie Schwefel!“, fällt mir ein. Ja, genau so riecht es hier. Wie ein Furz aus der Hölle.
„Schschscht!“, macht Mutter.
Beim zweiten Gesangsstück - Maria zu lieben, ist allzeit mein Sinn/In Freuden und Leiden ihr Diener ich bin … - knallt es auf einmal.
Es knallt so laut, dass die Hobbysänger abrupt aufhören mit Singen. Der Pfarrer macht auch keinen Mucks mehr. Vorn ist der Altar urplötzlich in einer dichten Rauchwolke verschwunden.
Das Seltsame ist, die Anwesenden machen gar keine Anstalten, auf und davonzulaufen. Sie sind wohl erschrocken, aber wie angewurzelt bleiben sie sitzen, unfähig, sich zu rühren. Mir selbst geht es ähnlich. Gebannt starre ich nach vorn, in die Kapelle hinein, und will wissen, was weiter passiert.
Der Pfarrer hustet und fuchtelt mit den Händen herum. Langsam verzieht sich der Rauch. Zum Vorschein kommt ein Höllenwesen, wie man es aus Filmen kennt. Eine Mischung aus Krampus, Echsenmensch und Alien mit Hörnern, Zottelfell und Schuppenhaut im Gesicht, welches grün ist.
Die Menge hält den Atem an. Da ist er nun, der Leibhaftige. Seit an Seit mit dem Pfarrer in seinem liturgischen weißen Gewand, dem Priesterkragen und der bestickten Stola um den Hals.
Der Pfaffe wird blass. „Kreizkruzefix - Himmiherrgott – Sakrament…“, stammelt er vor sich hin.
Die Kreatur wirbelt gekonnt um die eigene Achse und bleibt mit dem Gesicht zum Publikum stehen. „Schaugst net so bled!“ ätzt sie geradeheraus im lokalen Idiom zur versammelten Mannschaft.
Zugegeben, ich bin fasziniert. Man rechnet ja nicht damit, dass dieser vielbeschworene Satan ausgerechnet in der bayrischen Provinz einen Auftritt hinlegt. Und dann redet der auch noch im tiefsten Dialekt, damit ihn die Anwesenden gut verstehen! Der Beelzebub kann anscheinend wirklich in tausend Zungen reden und offenbar ist eine davon bayrisch. Jetzt bin ich jedenfalls froh, dass wir außerhalb stehen und leichter flüchten können, für den Fall, dass es brenzlig wird. Ich sehe Mutter an, sie denkt wohl dasselbe. Die Leute auf den Kirchenbänken schauen immer noch blöd aus der Wäsche, erst recht, nachdem das Wesen zu ihnen gesprochen hat.
„Ja, sagt‘s halt was!“ fordert der Teufel die Menge heraus. Die Menge schweigt.
„Mooooment!“, meldet sich da eine Frau aus der Mitte. „Die Stimme … Diese Stimme kommt mir doch bekannt vor!“ Sie ist aufgesprungen und zeigt mit dem Finger auf das Höllenwesen. „Das klingt doch genauso wie die Stimme vom Herrn Bürgermeister!“
„Ja, freilich, der Bürgermeister!“, echot es von weiter hinten.
Das Höllenwesen lacht polternd und laut wie ein Bierbäuchiger am Stammtisch. Es streckt seine Klaue aus, um mit einem spitzen gelben Fingernagel auf die vorlaute Zuschauerin zurück zu deuten. „Aha, eine besonders Gescheite!“ blafft es die Frau an.
Unvermittelt klatscht der Teufel in die haarigen Pranken und stampft mit seinen Pferdefüßen kräftig auf. Wieder knallt es, wieder verschwindet der Altarbereich in grauschwarzen Nebelschwaden. Instinktiv trete ich einen Schritt zurück. Wer weiß, was jetzt kommt. Das Publikum hält es grad andersrum und scheint sich nach vorn zu beugen, um besser sehen zu können.
Erleichtertes Raunen geht durch die Menge. Tatsächlich steht jetzt nicht mehr der Leibhaftige neben dem Pfarrer, sondern ein rundlicher Brillenträger in Menschengestalt. Der nunmehr Erschienene trägt einen schlechtsitzenden hellgrauen Anzug. Ich erkenne ihn aus der Lokalzeitung, die hier überall aufliegt. Also der Bürgermeister, tatsächlich. Das Publikum erkennt den Politiker ebenfalls. Die Leute lachen.
„Jetzt hast du uns aber schön drangekriegt!“, meint einer der Dorfbewohner, der wohl per Du mit dem Bürgermeister ist. Das verwandelte Wesen, also der Bürgermeister, stimmt ihm zu.
„Nicht schlecht, der Trick, oder?“, fragt er zurück.
Jemand meint, so einen Spezialeffekt hätte er noch nie live gesehen. „Bravo!“ schreit derjenige ergriffen nach vorn.
„Ja, bravo!“ stimmen die anderen mit ein. Sie klatschen Beifall.
Erstaunt sehe ich Mutter an, wie sie ebenfalls ihre Hände zum Applaus anhebt.
Der formwandelnde Teufel wendet sich jetzt an den Pfarrer, der immer noch sprachlos dasteht. „Helmut, mein Freund“, fängt er an. „Nimm's mir net übel, dass ich deine Andacht so bös gestört habe. Ich werde mich auch gleich brav hinsetzen und ganz stad sein…“
„Is scho guat, Schorsch“, versucht der Pfarrer, seine Souveränität wiederzuerlangen. „Das war ja wirklich beeindruckend, aaaber ich muss schon sagen…“
„Einen Moment noch!“ bremst ihn der Bürgermeister-Teufel aus. „Ich muss noch was anbringen. Ich werde mich kurzfassen, versprochen. Es geht um was Wichtiges. Das betrifft uns alle. Jeden von uns!“ Das Wesen redet jetzt nicht mehr im Dialekt, vielmehr in diesem bemühten Amtsdeutsch, das sich nur hie und da durch ein rollendes „R“ verrät. Es fährt fort mit Politsprech: „Wie jedermann weiß – und jede Frau weiß es sowieso – leben wir in einer herausfordernden Zeit. Die alten Gewissheiten gelten nichts mehr, die Weltlage ist unsicher geworden. Es ist nun an uns, dass wir zusammenstehen und Stärke beweisen. Denn es ist so: Für Sicherheit muss man was tun! Die gibt es nicht geschenkt! Und ihr wisst, was zu tun ist…“ (das Wesen wendet sich ans Publikum) „…und du weißt es auch!“ (das geht jetzt wieder an den Pfarrer).
Der Pfarrer zuckt die Schultern und weiß nicht, was er sagen soll. Er ist ja näher dran an der Sache und hat den Verwandlungstrick genauer beobachten können. Wer weiß, vielleicht ist ihm was aufgefallen, jedenfalls schaut er weiterhin skeptisch drein und ein bisschen angepisst, weil ihm der andere die Show gestohlen hat.
„Komm, lass uns gehen!“, flehe ich Mutter an, aber sie will nicht. Sie will zuhören, sie ist wie hypnotisiert.
„Liebe Gemeinde“, spricht der Bürgermeister weiter zu den Anwesenden, „wie euch freilich bekannt ist, braucht es im Moment vor allem eins so dringend wie schon lange nicht: Sicherheit. Sicherheitspolitische Mittel. Wir brauchen dahingehend genügend Produktionskapazitäten. Es ist sehr wichtig, dass wir alles dafür tun, unseren Frieden und unser friedliches Zusammenleben zu sichern. Unsere Freiheit! Deshalb…“
Das Wesen macht eine Pause, dreht sich und greift mit einem Seitenschritt hinter den Altar mit den Blumen und den Kerzen drauf.
„…deshalb brauchen wir in diesen Tagen wieder etwas Handfestes, um unsere Freiheit und um unsere Sicherheit auch nachhaltig zu garantieren…“
Mit diesen Worten holt das Bürgermeister-Wesen scheinbar aus dem Nichts einen länglichen Gegenstand hervor. Der Pfarrer, der gleich nebenbei steht, reibt sich ungläubig die Augen. Für mich aus der Ferne hat es glatt so ausgesehen, als hätte der Anzugträger in den Steinaltar hineingegriffen, um das Objekt direkt aus dem rotbraunen Gestein herauszuholen. Jetzt präsentiert er den Gegenstand, indem er das Teil mit beiden Händen über seinen Kopf hebt.
„Das hier, liebe Freunde, ist unsere Versicherung für die Zukunft. Unsere Absicherung! Wir müssen Stärke und Entschlossenheit zeigen, damit wir respektiert werden da draußen! DAVON brauchen wir so viel wie nur möglich!“ Das Wesen redet sich in Rage.
Ich merke, wie ich mich innerlich mehr und mehr distanziere, während die Menge wie gebannt an den Lippen des Teuflischen hängt und auf das Objekt in seinen Händen stiert. Mich selbst erinnert das Teil von der Form her an eine Lava-Lampe. Oder an eine Magnum-Champagnerflasche. Wobei, ich ahne wohl, worum es sich handelt. Das Ding ist metallisch und gefährlich gefüllt mit tödlichem Sprengstoff. Eine Granate, die auf dem Schlachtfeld, im Krieg, im Gefecht zum Einsatz kommt. Ein Ding, das explodieren und Menschen zerfetzen, verbrennen, massakrieren soll. Ich sehe, was Sache ist. Es ist ungeheuerlich.
Jetzt reagiert auch der Pfarrer. „Schorsch, du kannst doch nicht… Ich meine, bei aller Liebe, aber das geht doch nicht…“, stammelt er.
„Herr Pfarrer, schau her, du musst doch mit der Zeit gehen! Denn wer nicht mit der Zeit geht… Du weißt schon. Die Zeiten, mein Freund, haben sich nun mal geändert. Du musst doch ein Vorbild sein! Ein Beispiel geben! Ja, wir müssen jetzt alle einen Beitrag leisten. Diese Kleinigkeit hier“ – er schwenkt die Granate in Richtung Pfarrer – „diese unscheinbare, jedoch gewaltige Sache wurde hergestellt in unserem neuesten Werk, gar nicht weit von hier. Qualitätsarbeit! Das ist die Zukunft! Schau her, wir als Verantwortungsträger müssen uns doch auch was einfallen lassen, um die Botschaft unter die Leute zu bringen. Um die Menschen zu erreichen. Was bietet sich besser an als eine Versammlung wie diese? Lauter gute, aufrechte Bürger hier. Wir müssen den Leuten klar machen, dass wir zusammenstehen, dass wir auf der richtigen Seite stehen und dass wir es ernst meinen!“
Zu meinem großen Schreck nicken die meisten zu dieser grotesken Ansprache.
Der Pfarrer versucht, den Bürgermeister zur Seite zu nehmen und im Zwiegespräch auf ihn einzureden. Ohne Erfolg. Der teuflische Bürgermeister reißt sich von ihm los und wendet sich erneut an die Zuschauer: „Liebe Leute, ich verlange gar nicht viel, nur eine symbolische Geste. Um ein Zeichen zu setzen. Deshalb bitte ich den werten Herrn Pfarrer inständig, dieses Kleinod in meiner Hand hier zu segnen. Für ein Foto im nächsten Pfarrblatt, für die Zeitungen. Für die Welt! Ich sage euch: So ein Zeichen hat eine enorme Kraft. Sprengkraft! (haha) Wir machen heute einen gewichtigen Anfang, hier in unserer Frauenbergkapelle! Glaubt mir, andere werden es uns gleichtun, aber wir werden die Vorreiter sein, Pioniere…“
Jetzt meldet sich doch wieder der Pfaffe: „Also, Schorsch, das geht wirklich nicht. Waffensegnungen, das gibt es doch schon lang nicht mehr, das ist nicht mehr Usus, das kann ich nicht bringen…“ Er sagt das halb zum Bürgermeisterwesen, halb will er den Versammelten ins Gewissen reden.
„Nicht so ängstlich, mehr Mut! Mit frischem Mut in die neue Zeit!“ ruft das Wesen, das ausschaut wie der Bürgermeister. „Aber gut, Herr Pfarrer, wenn du drauf bestehst… Halten wir es demokratisch und fragen die Gemeinde. Also, Leute, was sagt ihr: Soll unser Herr Pfarrer einen kleinen Segen spenden für die gute Sache, dann gebt mir ein Handzeichen!“
Was für eine Frage. Die Leute sind längst angefixt von dem Seltsamen da vorn. Sie zeigen nicht nur mehrheitlich begeistert auf, sie johlen und rufen: „Segnung! Segnung!“ und sind wie ausgewechselt. Von der andachtsvollen Stimmung ist so gar nix mehr übrig.
Ich packe Mutter an der Schulter und schreie ihr ins Gesicht, dass sie laufen soll, aber Mutter ignoriert mich. Sie klatscht sogar mit, als sie immer weiter „Segnen!“ und „Mach schon!“ johlen.
Der Pfarrer ist deutlich verunsichert. Die Helfersfrau, die vorhin die Kerzen angezündet hat, reicht ihm euphorisch nickend dieses weihwassergefüllte Zepter zu, mit dem man alles Mögliche segnend besprengen kann. Sie will auch, dass er es macht.
Der Geistliche zögert, dann greift er sich doch sein Arbeitsgerät.
Da wird mir augenblicklich klar, was ich zu tun habe. Ich sehe noch, wie der Kirchenmann langsam aufzieht, das Ziel anvisiert, um im nächsten Moment die heiligen Tropfen auf das neueste Tötungsgerät regnen zu lassen. Ich nehme die Beine in die Hand und renne los. Mutter muss ich zurücklassen, sie ist verloren wie die anderen auch. Es dauert noch einige Sekunden, bis sich der Geistliche überwindet, so kann ich ein paar Meter machen, ehe das geweihte Wasser auf die Metallhülse trifft.
Hinter mir donnert es so laut, dass ich um mein Trommelfell fürchten muss, aber ich drehe mich nicht um. Ich laufe, haste, eile, ich rieche verkohltes Fleisch und den leidigen Schwefel, ich stolpere japsend bergab. Ich spüre die brennheiße Druckwelle, die mich umwirft. Ich liege bäuchlings im Gras beim Löwenzahn und beim Rotklee, mit Gänseblümchen und Erde im Mund und mein Kleid ist hochgerutscht. Da erst wage ich vorsichtig den Blick zurück. Eine immens dicke Rauchsäule steigt meterhoch auf, ebenda, wo zuvor noch die Mini-Version einer Kirche gestanden hat. Alles weg. Die ganze Frauenbergkapelle: verschwunden. Das moosbedeckte Dach, die Holzschindeln, das Marienbild, der Altar aus rotbraunem Gestein, der Pfarrer, Mutter… nichts mehr da. Wo eben noch gottgefällig gesungen wurde, klafft nun ein elendiglich tiefer Schlund, dunkel und schwarz.
Die Einheimischen werden später behaupten, man könne von hier bis in die Hölle hinunterschauen.
28. 05. 2026
„Schönes Wetter haben wir, Herr Pfarrer, nicht wahr?“ und „Heuer sind wir ja wirklich sehr zahlreich!“ biedern sie sich willfährig beim Pfaffen an.
Dass wir so zahlreich sind, liegt ein bisschen auch an unserer Anwesenheit, das muss man dazusagen. Kommt vermutlich nicht oft vor, dass beim gottesfürchtigen Marsch auf die Marienkapelle Leute von außerhalb mitgehen. Mutter ist schuld. Sie stammt aus diesem Kaff im bayrischen Nirgendwo und hat sich eingebildet, so eine Maiandacht wäre mal wieder eine gute Idee. Vermutlich hat sich das Ereignis schon in ihrer Jugend so abgespielt und sie wird langsam nostalgisch. Zuhause in der Stadt gehen wir nie in die Kirche, aber das wird sie den Hiesigen nicht auf die Nase binden. So stapfen wir schweigend den Maiandächtigen nach.
„Guat schaugst aus!“ wird Mutter erneut angesprochen. Sie ist eine von ihnen, eigentlich. Den Dialekt hat sie immer noch drauf, er ist nur nicht mehr ganz so breit, ist schon ausgedünnt von dieser anderen Gegend, in die sie vor Jahrzehnten ausgezogen ist. Längst habe ich spitzgekriegt, dass es beileibe kein Kompliment ist, wenn man hier mit „Gut schaust du aus!“ begrüßt wird. Es kann im triezenden Subtext heißen, dass man schlichtweg fett geworden ist. Entsprechend kühl reagiert Mutter auf die Anrede und mir wird klar, diese Frau im gelben Shirt ist nicht unser Freund. Nebenbei bemerkt ist sie selber fett. Man sieht die Speckröllchen unterm ausgedehnten T-Shirt-Stoff. Ihr kantiges Gesicht mit den tiefliegenden Augen, das aussieht, als wäre der Traktor drübergefahren, ist rotfleckig und aufgedunsen.
„Das Dirndl ist ja groß geworden, schon ein richtiges Fräulein!“, bemerkt die Eingeborene mit Blick auf mich. Das Dirndl, ja, das bin ich. Kein Kind mehr. Kinder werden ja so schnell groß. Ich werde eingehend gemustert und fühle mich einigermaßen unwohl. Der Pfarrer hat kurz zuvor fast wortgleich denselben Spruch abgelassen. Vorhin, als er meine Mutter extra begrüßt hat als wäre sie ein Ehrengast. Dabei das gleiche langrollende „R“ beim Wort „Fräulein“. Dazu der gleiche musternde Blick. Fragende Augen, die offenkundig spekulieren, welchen Weg ich demnächst einschlagen würde: Den braven, sittsamen, hin zu christlichen Hügelkapellen, schüchtern an Mutters Seite höflich lächelnd – oder einen anderen. Man würde sehen.
Während Mutter mit dem gelben T-Shirt schwatzt, zupfe ich unsicher an meinem Kleid herum. Es ist blau und allover bedruckt mit Blumen. Ich weiß nicht, ob es hierhin passt. In der Werbung wird das Textil vor palmengesäumter Strandkulisse präsentiert, nicht in der Einöde mit zwiebeligen Kirchtürmen und bayrischem Wald. Vielleicht ist es zu kurz für den Anlass. Ich versuche, den Saum in die Länge zu ziehen, damit sich niemand am Anblick nackter Schenkel stört.
Wir sind da.
Die Mini-Version einer Kirche mit einem großen Marienbild vorn am Altar. Ringsum Landschaft. Im Mai hat sie ihr bestes Gewand angezogen, hauptsächlich grün und viele Blüten darin. Fruchtbares Hügelland, man hat einen Ausblick.
Im Gegensatz zum Bibelspruch sind hier die Ersten die Ersten und wer hintennach kommt, findet in der Kapelle keinen Platz mehr. Nur fünf kleine Bänke auf jeder Seite, die sind ratzfatz gefüllt. Mutter und ich müssen hinten stehen, außerhalb, auf der grünen Wiese. Vorn am Opfertisch zündet eine diensteifrige Helferin ein paar Kerzen an. Jemand hat Wiesenblumen hingestellt. Die Andachtssache kann beginnen.
„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“, hebt der Pfarrer an und alle bekreuzigen sich. Man brummt „AMEN!“ zur allgemeinen Bekräftigung.
Ich lerne: Hauptsächlich wird bei einer Maiandacht gesungen. Miteinander. Schlecht. Ohne Orgel, ohne Instrumente. Nur ungeübte Stimmen, die dem wackligen Bariton des Pfarrers folgen:
„Mutter Gottes süße,
O Maria hilft!
Maria Hilf uns allen
Aus dieser tiefen Not...!“
Zu Beginn hat man Zettel verteilt, darauf stehen die Texte. Die besonderen Kirchenstreber kennen natürlich alles auswendig und müssen nicht auf den Zettel schauen, während sie übertrieben inbrünstig ihren felsenfesten Glauben besingen. Leute wie ich haben indes keine Ahnung, wie die Lieder klingen sollen und verstecken sich lippenbewegend stumm hinter dem Papier. Zwischen dem Gesinge predigt der Pfarrer ein bisschen was vom Marienkult. Schon klar, der Weg von der keuschen Jungfrau hin zur göttlichen Mutter ist kurz und gesäumt von gefährlichen Abgründen. Weil wir ganz hinten stehen, können wir miteinander tuscheln, ohne dass der Pfarrer was mitkriegt. Der ist fixiert auf die Sitzreihen in seiner Kapelle.
„Hast du gefurzt?“, frage ich alsbald unauffällig bei meiner Mutter an.
Die reagiert empört. „Natürlich nicht, wie kommst du drauf?“
„Riechst du das nicht?“, frage ich zurück. „Es stinkt ganz fürchterlich!“
Nein, Mutter riecht nichts. Das bilde ich mir ein, meint sie. Sie ermahnt mich, meine Aufmerksamkeit wieder nach vorne zu richten und keinen Aufstand zu machen.
Ich zucke die Schultern, aber ich rieche es heftig. „Wie Schwefel!“, fällt mir ein. Ja, genau so riecht es hier. Wie ein Furz aus der Hölle.
„Schschscht!“, macht Mutter.
Beim zweiten Gesangsstück - Maria zu lieben, ist allzeit mein Sinn/In Freuden und Leiden ihr Diener ich bin … - knallt es auf einmal.
Es knallt so laut, dass die Hobbysänger abrupt aufhören mit Singen. Der Pfarrer macht auch keinen Mucks mehr. Vorn ist der Altar urplötzlich in einer dichten Rauchwolke verschwunden.
Das Seltsame ist, die Anwesenden machen gar keine Anstalten, auf und davonzulaufen. Sie sind wohl erschrocken, aber wie angewurzelt bleiben sie sitzen, unfähig, sich zu rühren. Mir selbst geht es ähnlich. Gebannt starre ich nach vorn, in die Kapelle hinein, und will wissen, was weiter passiert.
Der Pfarrer hustet und fuchtelt mit den Händen herum. Langsam verzieht sich der Rauch. Zum Vorschein kommt ein Höllenwesen, wie man es aus Filmen kennt. Eine Mischung aus Krampus, Echsenmensch und Alien mit Hörnern, Zottelfell und Schuppenhaut im Gesicht, welches grün ist.
Die Menge hält den Atem an. Da ist er nun, der Leibhaftige. Seit an Seit mit dem Pfarrer in seinem liturgischen weißen Gewand, dem Priesterkragen und der bestickten Stola um den Hals.
Der Pfaffe wird blass. „Kreizkruzefix - Himmiherrgott – Sakrament…“, stammelt er vor sich hin.
Die Kreatur wirbelt gekonnt um die eigene Achse und bleibt mit dem Gesicht zum Publikum stehen. „Schaugst net so bled!“ ätzt sie geradeheraus im lokalen Idiom zur versammelten Mannschaft.
Zugegeben, ich bin fasziniert. Man rechnet ja nicht damit, dass dieser vielbeschworene Satan ausgerechnet in der bayrischen Provinz einen Auftritt hinlegt. Und dann redet der auch noch im tiefsten Dialekt, damit ihn die Anwesenden gut verstehen! Der Beelzebub kann anscheinend wirklich in tausend Zungen reden und offenbar ist eine davon bayrisch. Jetzt bin ich jedenfalls froh, dass wir außerhalb stehen und leichter flüchten können, für den Fall, dass es brenzlig wird. Ich sehe Mutter an, sie denkt wohl dasselbe. Die Leute auf den Kirchenbänken schauen immer noch blöd aus der Wäsche, erst recht, nachdem das Wesen zu ihnen gesprochen hat.
„Ja, sagt‘s halt was!“ fordert der Teufel die Menge heraus. Die Menge schweigt.
„Mooooment!“, meldet sich da eine Frau aus der Mitte. „Die Stimme … Diese Stimme kommt mir doch bekannt vor!“ Sie ist aufgesprungen und zeigt mit dem Finger auf das Höllenwesen. „Das klingt doch genauso wie die Stimme vom Herrn Bürgermeister!“
„Ja, freilich, der Bürgermeister!“, echot es von weiter hinten.
Das Höllenwesen lacht polternd und laut wie ein Bierbäuchiger am Stammtisch. Es streckt seine Klaue aus, um mit einem spitzen gelben Fingernagel auf die vorlaute Zuschauerin zurück zu deuten. „Aha, eine besonders Gescheite!“ blafft es die Frau an.
Unvermittelt klatscht der Teufel in die haarigen Pranken und stampft mit seinen Pferdefüßen kräftig auf. Wieder knallt es, wieder verschwindet der Altarbereich in grauschwarzen Nebelschwaden. Instinktiv trete ich einen Schritt zurück. Wer weiß, was jetzt kommt. Das Publikum hält es grad andersrum und scheint sich nach vorn zu beugen, um besser sehen zu können.
Erleichtertes Raunen geht durch die Menge. Tatsächlich steht jetzt nicht mehr der Leibhaftige neben dem Pfarrer, sondern ein rundlicher Brillenträger in Menschengestalt. Der nunmehr Erschienene trägt einen schlechtsitzenden hellgrauen Anzug. Ich erkenne ihn aus der Lokalzeitung, die hier überall aufliegt. Also der Bürgermeister, tatsächlich. Das Publikum erkennt den Politiker ebenfalls. Die Leute lachen.
„Jetzt hast du uns aber schön drangekriegt!“, meint einer der Dorfbewohner, der wohl per Du mit dem Bürgermeister ist. Das verwandelte Wesen, also der Bürgermeister, stimmt ihm zu.
„Nicht schlecht, der Trick, oder?“, fragt er zurück.
Jemand meint, so einen Spezialeffekt hätte er noch nie live gesehen. „Bravo!“ schreit derjenige ergriffen nach vorn.
„Ja, bravo!“ stimmen die anderen mit ein. Sie klatschen Beifall.
Erstaunt sehe ich Mutter an, wie sie ebenfalls ihre Hände zum Applaus anhebt.
Der formwandelnde Teufel wendet sich jetzt an den Pfarrer, der immer noch sprachlos dasteht. „Helmut, mein Freund“, fängt er an. „Nimm's mir net übel, dass ich deine Andacht so bös gestört habe. Ich werde mich auch gleich brav hinsetzen und ganz stad sein…“
„Is scho guat, Schorsch“, versucht der Pfarrer, seine Souveränität wiederzuerlangen. „Das war ja wirklich beeindruckend, aaaber ich muss schon sagen…“
„Einen Moment noch!“ bremst ihn der Bürgermeister-Teufel aus. „Ich muss noch was anbringen. Ich werde mich kurzfassen, versprochen. Es geht um was Wichtiges. Das betrifft uns alle. Jeden von uns!“ Das Wesen redet jetzt nicht mehr im Dialekt, vielmehr in diesem bemühten Amtsdeutsch, das sich nur hie und da durch ein rollendes „R“ verrät. Es fährt fort mit Politsprech: „Wie jedermann weiß – und jede Frau weiß es sowieso – leben wir in einer herausfordernden Zeit. Die alten Gewissheiten gelten nichts mehr, die Weltlage ist unsicher geworden. Es ist nun an uns, dass wir zusammenstehen und Stärke beweisen. Denn es ist so: Für Sicherheit muss man was tun! Die gibt es nicht geschenkt! Und ihr wisst, was zu tun ist…“ (das Wesen wendet sich ans Publikum) „…und du weißt es auch!“ (das geht jetzt wieder an den Pfarrer).
Der Pfarrer zuckt die Schultern und weiß nicht, was er sagen soll. Er ist ja näher dran an der Sache und hat den Verwandlungstrick genauer beobachten können. Wer weiß, vielleicht ist ihm was aufgefallen, jedenfalls schaut er weiterhin skeptisch drein und ein bisschen angepisst, weil ihm der andere die Show gestohlen hat.
„Komm, lass uns gehen!“, flehe ich Mutter an, aber sie will nicht. Sie will zuhören, sie ist wie hypnotisiert.
„Liebe Gemeinde“, spricht der Bürgermeister weiter zu den Anwesenden, „wie euch freilich bekannt ist, braucht es im Moment vor allem eins so dringend wie schon lange nicht: Sicherheit. Sicherheitspolitische Mittel. Wir brauchen dahingehend genügend Produktionskapazitäten. Es ist sehr wichtig, dass wir alles dafür tun, unseren Frieden und unser friedliches Zusammenleben zu sichern. Unsere Freiheit! Deshalb…“
Das Wesen macht eine Pause, dreht sich und greift mit einem Seitenschritt hinter den Altar mit den Blumen und den Kerzen drauf.
„…deshalb brauchen wir in diesen Tagen wieder etwas Handfestes, um unsere Freiheit und um unsere Sicherheit auch nachhaltig zu garantieren…“
Mit diesen Worten holt das Bürgermeister-Wesen scheinbar aus dem Nichts einen länglichen Gegenstand hervor. Der Pfarrer, der gleich nebenbei steht, reibt sich ungläubig die Augen. Für mich aus der Ferne hat es glatt so ausgesehen, als hätte der Anzugträger in den Steinaltar hineingegriffen, um das Objekt direkt aus dem rotbraunen Gestein herauszuholen. Jetzt präsentiert er den Gegenstand, indem er das Teil mit beiden Händen über seinen Kopf hebt.
„Das hier, liebe Freunde, ist unsere Versicherung für die Zukunft. Unsere Absicherung! Wir müssen Stärke und Entschlossenheit zeigen, damit wir respektiert werden da draußen! DAVON brauchen wir so viel wie nur möglich!“ Das Wesen redet sich in Rage.
Ich merke, wie ich mich innerlich mehr und mehr distanziere, während die Menge wie gebannt an den Lippen des Teuflischen hängt und auf das Objekt in seinen Händen stiert. Mich selbst erinnert das Teil von der Form her an eine Lava-Lampe. Oder an eine Magnum-Champagnerflasche. Wobei, ich ahne wohl, worum es sich handelt. Das Ding ist metallisch und gefährlich gefüllt mit tödlichem Sprengstoff. Eine Granate, die auf dem Schlachtfeld, im Krieg, im Gefecht zum Einsatz kommt. Ein Ding, das explodieren und Menschen zerfetzen, verbrennen, massakrieren soll. Ich sehe, was Sache ist. Es ist ungeheuerlich.
Jetzt reagiert auch der Pfarrer. „Schorsch, du kannst doch nicht… Ich meine, bei aller Liebe, aber das geht doch nicht…“, stammelt er.
„Herr Pfarrer, schau her, du musst doch mit der Zeit gehen! Denn wer nicht mit der Zeit geht… Du weißt schon. Die Zeiten, mein Freund, haben sich nun mal geändert. Du musst doch ein Vorbild sein! Ein Beispiel geben! Ja, wir müssen jetzt alle einen Beitrag leisten. Diese Kleinigkeit hier“ – er schwenkt die Granate in Richtung Pfarrer – „diese unscheinbare, jedoch gewaltige Sache wurde hergestellt in unserem neuesten Werk, gar nicht weit von hier. Qualitätsarbeit! Das ist die Zukunft! Schau her, wir als Verantwortungsträger müssen uns doch auch was einfallen lassen, um die Botschaft unter die Leute zu bringen. Um die Menschen zu erreichen. Was bietet sich besser an als eine Versammlung wie diese? Lauter gute, aufrechte Bürger hier. Wir müssen den Leuten klar machen, dass wir zusammenstehen, dass wir auf der richtigen Seite stehen und dass wir es ernst meinen!“
Zu meinem großen Schreck nicken die meisten zu dieser grotesken Ansprache.
Der Pfarrer versucht, den Bürgermeister zur Seite zu nehmen und im Zwiegespräch auf ihn einzureden. Ohne Erfolg. Der teuflische Bürgermeister reißt sich von ihm los und wendet sich erneut an die Zuschauer: „Liebe Leute, ich verlange gar nicht viel, nur eine symbolische Geste. Um ein Zeichen zu setzen. Deshalb bitte ich den werten Herrn Pfarrer inständig, dieses Kleinod in meiner Hand hier zu segnen. Für ein Foto im nächsten Pfarrblatt, für die Zeitungen. Für die Welt! Ich sage euch: So ein Zeichen hat eine enorme Kraft. Sprengkraft! (haha) Wir machen heute einen gewichtigen Anfang, hier in unserer Frauenbergkapelle! Glaubt mir, andere werden es uns gleichtun, aber wir werden die Vorreiter sein, Pioniere…“
Jetzt meldet sich doch wieder der Pfaffe: „Also, Schorsch, das geht wirklich nicht. Waffensegnungen, das gibt es doch schon lang nicht mehr, das ist nicht mehr Usus, das kann ich nicht bringen…“ Er sagt das halb zum Bürgermeisterwesen, halb will er den Versammelten ins Gewissen reden.
„Nicht so ängstlich, mehr Mut! Mit frischem Mut in die neue Zeit!“ ruft das Wesen, das ausschaut wie der Bürgermeister. „Aber gut, Herr Pfarrer, wenn du drauf bestehst… Halten wir es demokratisch und fragen die Gemeinde. Also, Leute, was sagt ihr: Soll unser Herr Pfarrer einen kleinen Segen spenden für die gute Sache, dann gebt mir ein Handzeichen!“
Was für eine Frage. Die Leute sind längst angefixt von dem Seltsamen da vorn. Sie zeigen nicht nur mehrheitlich begeistert auf, sie johlen und rufen: „Segnung! Segnung!“ und sind wie ausgewechselt. Von der andachtsvollen Stimmung ist so gar nix mehr übrig.
Ich packe Mutter an der Schulter und schreie ihr ins Gesicht, dass sie laufen soll, aber Mutter ignoriert mich. Sie klatscht sogar mit, als sie immer weiter „Segnen!“ und „Mach schon!“ johlen.
Der Pfarrer ist deutlich verunsichert. Die Helfersfrau, die vorhin die Kerzen angezündet hat, reicht ihm euphorisch nickend dieses weihwassergefüllte Zepter zu, mit dem man alles Mögliche segnend besprengen kann. Sie will auch, dass er es macht.
Der Geistliche zögert, dann greift er sich doch sein Arbeitsgerät.
Da wird mir augenblicklich klar, was ich zu tun habe. Ich sehe noch, wie der Kirchenmann langsam aufzieht, das Ziel anvisiert, um im nächsten Moment die heiligen Tropfen auf das neueste Tötungsgerät regnen zu lassen. Ich nehme die Beine in die Hand und renne los. Mutter muss ich zurücklassen, sie ist verloren wie die anderen auch. Es dauert noch einige Sekunden, bis sich der Geistliche überwindet, so kann ich ein paar Meter machen, ehe das geweihte Wasser auf die Metallhülse trifft.
Hinter mir donnert es so laut, dass ich um mein Trommelfell fürchten muss, aber ich drehe mich nicht um. Ich laufe, haste, eile, ich rieche verkohltes Fleisch und den leidigen Schwefel, ich stolpere japsend bergab. Ich spüre die brennheiße Druckwelle, die mich umwirft. Ich liege bäuchlings im Gras beim Löwenzahn und beim Rotklee, mit Gänseblümchen und Erde im Mund und mein Kleid ist hochgerutscht. Da erst wage ich vorsichtig den Blick zurück. Eine immens dicke Rauchsäule steigt meterhoch auf, ebenda, wo zuvor noch die Mini-Version einer Kirche gestanden hat. Alles weg. Die ganze Frauenbergkapelle: verschwunden. Das moosbedeckte Dach, die Holzschindeln, das Marienbild, der Altar aus rotbraunem Gestein, der Pfarrer, Mutter… nichts mehr da. Wo eben noch gottgefällig gesungen wurde, klafft nun ein elendiglich tiefer Schlund, dunkel und schwarz.
Die Einheimischen werden später behaupten, man könne von hier bis in die Hölle hinunterschauen.
28. 05. 2026
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