Maikäfer

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Es passierte im Mai, als an seiner Haustüre jemand klingelte. Er erwartete eigentlich keinen Besuch. Und trotzdem klingelte es. Vor seiner Türe stand ein Mädchen. Sie war gerade einmal so groß, dass sie die Klingel drücken konnte. Sie stellte sich als seine Tochter vor und marschierte durch die Türe. Am Flur vorbei. Direkt ins Wohnzimmer. Sie war sieben, wohnte bei ihrer Mutter, einer gewissen Anna. Ihre Mutter war da anderer Meinung. Sie hatte ihrer Tochter von ihm erzählt. So machte sich das Mädchen von Altherrendorf, wo sie lebte, auf den Weg ins Niemandstal. Mit dem Auto waren das zwei Stunden. Sie war mit dem Schnellzug gereist. Als sie sich in seiner Wohnung umschaute, betrachtete sie die Südsee Bilder, die er vor Jahren geschossen hatte. Das Mädchen erinnerte ihn mit ihrem Rucksack und den Stiefeln an jemanden. So schlenderte die Kleine weiter an dem großen Bücherregal vorbei und ließ sich auf die Couch plumpsen. Dann schielte sie kurz rüber zum Fernseher. Eine Dokumentation über Affen. Ein verlegenes Lächeln.
Er bot ihr etwas zu trinken an. Sie wollte einen Kakao. Kakao hatte er nicht. Es gab Orangensaft. Er setzte sich weiter weg. Reichte das Glas rüber. In kräftigen Zügen trank sie es aus.
Die Mutter wusste nicht, dass sich die Tochter bei ihm aufhielt. Das Mädchen erzählte nichts von ihrer spontanen Reise.
Wie sie überhaupt an seine Adresse gelangt war, wollte sie ihm nicht verraten. So schwiegen sie nebeneinander. Was sollte er von sich erzählen? Das Mädchen war anderweitig beschäftigt, kramte in dem Rucksack herum und zog ihr Plüschtier heraus. Ein Maikäfer.
Das Ding schaute ihn mit seinen großen Augen an. Es hatte die gesamte Zeit in ihrem Rucksack ausgeharrt. Sichtlich erfreut, den Plüschkäfer zu sehen, hielt sie ihn fest umklammert in ihren Armen.
Sie erzählte, ihre Mutter sei mit ihr immer hoch ans Meer gefahren. Die Kleine liebte das Meer.
Sie hatte seine Augen. Wie er hatte sie an den Wangen Muttermale. Ihr Lächeln. Wie seins, sobald ihn etwas amüsierte.
Das Mädchen hielt ihren Plüschkäfer umklammert. Im Fernsehen schwangen die Affen über Bäume hinweg. Dann die Totale auf eine junge Affenmutter, die gerade ihr Kleines säugte. Jetzt fragte er sich, ob es nicht besser wäre, ihrer Mutter Bescheid zu geben. Nicht, dass auch noch die Polizei vor seiner Türe stand. Als sich das Mädchen zu langweilen begann, bot er ihr an ihre Mutter zu kontaktieren. Das Mädchen schaute zu ihm herüber. Dann sank ihr Blick. Schließlich war sie auch seine Tochter. Er versuchte sie zu überreden. Ohne Erfolg. Die Mutter hätte mit ihrem Neuen genug um die Ohren.
Sie saß da, den Plüschkäfer schon fast zerdrückt, mit ernstem Blick. Er griff zum Hörer. Das Mädchen zerrte an ihm. Als sich die Frauenstimme am anderen Ende der Leitung meldete, war ihm bewusst, mit wem er gerade telefonierte.
Lauter verblichene Erinnerungen tauchten vor ihm auf. Die Kneipe. Ihr Lächeln. Der Sommer am Strand. Dann die plötzliche Trennung. Sie schwieg. Er redete. Jetzt unterbrach sie ihn. Ihr Neuer würde in einer Stunde vorbeikommen und das Mädchen abholen. Schon hörte er das Klicken des Apparats. Er sah sie auf der Couch. Sagte nichts. Ihr Gesicht im Plüschkäfer vergraben.
Doch wie er da so neben dem kleinen Mädchen hockte. Ihre Wärme spürte. Er hielt sie fest. Sagte nichts.
Sowie es an der Haustüre klingelte, stand auch schon ein drahtiger Typ davor und grüßte ihn freundlich. Das war also ihr Neuer. Er hatte ihn sich, nun da er an ihm vorbei ins Wohnzimmer lief, anders vorgestellt. Nun hockte auf dem Sofa nur dieser hagere Kerl und versuchte, das Mädchen zum Mitkommen zu bewegen. Der Kerl griff nach dem Mädchen, dann schlug es ihm ins Gesicht. Er sprach mit ihr wie mit einem Erwachsenen. Er hatte diesen barschen Befehlston.
Als der dürre Kerl das bockige Mädchen von der Couch hievte, fiel ihr der große Plüschkäfer aus der Hand. Auch wenn er sie noch so fest packte, sie noch harscher anbrüllte – sie würde nicht mitkommen. Wahrscheinlich wäre es doch besser gewesen, Anna wäre mitgekommen. So meinte er nur, er würde mitkommen, wenn die Kleine dann ins Auto stieg.
Das zauberte der Kleinen sogleich ein breites Grinsen ins Gesicht. Sowie das Mädchen durch die Wohnung sauste und ihre Sachen zusammen packte, um mit ihm zurückzufahren, ließ sie den Plüschkäfer vor lauter Eile zurück.
Er musste dem Kerl versprechen, dass er, sobald sie vor der Wohnung angekommen waren, seiner Freundin keinen weiteren Ärger bereitete. Besser noch gleich wieder verschwand. Bevor er die Haustüre hinter sich schloss, hob er den großen Plüschkäfer vom Boden auf, den das Mädchen liegen gelassen hatte, und steckte ihn in die Umhängetasche.
So saßen sie im alten Kombi. Das Mädchen sang auf der Rückbank. Sie fuhren zunächst über die Landstraße, dann aus der Innenstadt raus auf die Autobahn.
Das Mädchen rannte eilig zu ihrer Mutter. Die stand an der Eingangstüre, als sie die Einfahrt hochgefahren waren, und schloss das Mädchen in ihre Arme.
Als sie beide aus dem Wagen stiegen, da löste sich das Mädchen aus der Umklammerung ihrer Mutter und lief mit großen Schritten auf ihn zu. Sie packte ihn mit ihrer kleinen Hand am Ärmel seiner Jacke.
Anna verschränkte ihre Arme.
Er hielt das Mädchen fest. Nahm sie zur Seite und beugte sich zu ihr herunter. Holte den Plüschkäfer heraus.
Sichtlich froh, ihn wiederzusehen, kuschelte sie sich an das Plüschtier. Sie verstand nicht, wieso er nicht mitkommen konnte.
Doch so sehr sie sich auch wand und je fester sie mit den Fäusten auf seine Brust schlug – diesen allerletzten Wunsch würde er nicht erfüllen können.
Und so packte Anna das am Boden liegende Plüschtier und verschwand mit dem Mädchen ins Haus.
In seiner Wohnung brannte noch der Fernseher. Die Affen kletterten immer noch von Baum zu Baum. Auf dem Tisch stand das halbvolle Glas mit Orangensaft. Niemand trank daraus. Dann zerschmetterte er das Glas. Der Saft floss. Langsam hinunter.
 

petrasmiles

Mitglied
Hallo Jonas,

erst einmal: Herzlich willkommen auf der Leselupe.

Eine sehr feine Gefühlsstudie aus der Sicht eines 'biologischen' Vaters und was es mit ihm macht, nur der biologische Vater sein zu dürfen - und jede Menge Konfliktpotential, was man von außen nicht sieht.

Es bleibt für mich noch im bedingt Glaubwürdigen, das dieses kleine Mädchen allein 1. die Adresse herausbekommen hat und 2. die Fahrt zu ihm allein bewerkstelligt haben soll, aber ich kenne mich mit Kindern nicht genug aus und daran kann es liegen.
Dann bin ich mit der Detaildichte nicht ganz zufrieden - da scheint mir mehr ausformuliert als nötig. Beispiel das Mitnehmen des Maikäfers. Da steht dann da, dass er sie in eine Tasche steckt; ich denke, man will verhindern, dass der Leser denkt, wieso hat das Mädchen den nicht schon vorher gesehen? Ich meine aber, dass man den Text verkürzen könnte in die Richtung, er hob ihn auf und steckte ihn ein. Und so gibt es noch mehrere Stellen, wo man beim nochmaligen Lesen etwas glätten könnte und damit die emotionalen Botschaften verdichten würde.
Dies schient mir ein Fehler zu sein:
In seiner Wohnung brannte noch der Fernseher.
das Licht brennt noch, aber der Fernseher läuft noch.

Das letzte Bild mit dem Orangensaft ist sehr eindrücklich - und doch scheint es mir übertrieben. Vielleicht ist das die profane Sicht einer Person, die auch sauber machen muss, aber bei der Vorstellung, Orangensaft aus Teppich und Sitzmöbeln entfernen zu müssen, bliebe mir die Hand auf halbem Weg stehen - und der geronnene Schmerz würde eher in Erstarren münden, nicht im Implodieren, aber es geht ja nicht um meine Sicht, sondern die des Protagonisten, und wenn er so empfindet, dann ist das so.

Ich finde diesen Text aus Männerperspektive sehr wichtig. Hier wird einmal sehr gut dargestellt, wie viele Perspektiven es gibt und Interessenlagen und gegen welche Mauern das 'Kindeswohl' laufen kann. Das Bedürfnis, zum biologischen Vater zu laufen, setzt ja ein Kennen voraus - was Du nicht benennst, oder habe ich es überlesen? - und der aktuelle 'Rolleninhaber' scheint sie nicht für das Kind passend auszufüllen. Um so merkwürdiger, dass die Mutter das nicht spürt - oder sich darüber hinweg setzt - und den 'Ziehvater' allein losschickt, das Kind abzuholen, vielleicht, um ein Statement zu setzen, vielleicht auch nur, um einer Konfrontation auszuweichen. Und man bekommt eine Ahnung, dass Gesetze an dem Konfliktpotenial und der gelebten Realität nicht viel ändern können, wenn man sich darauf beriefe, denn selbst mit dem 'Recht' als leiblicher Vater auf Kontakt mit dem Kind löst sich kein Aspekt dieser Konfliktkonstellation in Wohlgefallen auf und die Konflikte der Erwachsenen würde sich um so mehr auf das Kind übertragen. Der Verlierer steht auch so schon fest. Leider.

Liebe Grüße
Petra
 



 
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