Malakowski

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NJSeifert

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Juri Malakowski war so grau, wie der wolkenbehangene Himmel. So alt, wie die Zeit. So verbraucht, wie sein Geschäft. Es hatte nicht nur schlechte Zeiten gegeben in Malakowskis Klavierfachhandel. Nein, wenn man es genauer betrachtete, hatte es mehr gute als schlechte Jahre, mehr helle als dunkle Tage für ihn gegeben. Es lag in einer kleinen Berliner Seitenstraße, in die sich schon früh Kenner verirrten. Wenn er sich so in seinem Geschäft umschaute, gab es wenig, dass er hätte bemängeln können. Fein säuberlich standen die schwarzen Urgesteine in beinahe zufälliger Unordnung. In den ganzen dreiundvierzig Jahren hatte er diese Ordnung nie verändert. Jeder seiner Schätze hatte einen Platz zugewiesen bekommen. Jeder wusste wo er hingehörte. So wie auch Malakowski eines Tages begriffen hatte, wo sein Platz im Leben gewesen war.

Ursprünglich hatte er Pianist werden wollen. In seiner Heimat hatte er an der Hochschule für Musik seine dunklen Schönheiten studiert. Jede Faser von ihnen kennengelernt. Ihre Art und Weise enttarnt, simple Schwingungen der Luft in wohlklingende Versuchungen oder vorwitzige Aufschreie zu verwandeln. Ihre Geschichte studiert. Ihre Bauweise erlernt. Den Körper. Die Tasten. Das Spiel. Die Seele.

Er habe Talent, hatte man ihm gesagt. Das hatte er von vornherein gewusst. Man musste es ihm nicht erst sagen. Schon seine Mutter hatte begeistert neben ihm gestanden und seinem Spiel gelauscht. Er sei fabelhaft, hatten die wenigen Zuschauer auf seinen Konzerten beteuert. Wie er es schaffe, die Seele der Stücke zu entlocken. Die Musik zum Leben zu erwecken. Er wollte sein Talent mit der Welt teilen. Sie teilhaben lassen, an dem Geschenk dass er war. Er war hochnäsig gewesen. Kein Überflieger. Denn es brauchte mehr als Talent und einen Universitätsabschluss um Karriere zu machen. Es brauchte mehr als Schweiß und Tränen. Mehr als jede Sekunde seines Lebens, die er mit den Fingern auf der Klaviatur verbracht hatte. Mehr als seine ganze Liebe und Leidenschaft. Es war kein Platz für eine Frau oder eine Familie neben seinem Traum gewesen. Es wurde keine Ablenkung geduldet. Es hatte keines Ersatzes bedurft. Es hatte mehr gebraucht. Mehr als das. Er hatte nie herausgefunden, was dieses mehr war. Es hatte nicht gereicht.

Es hatte finanziell nicht mehr für ihn gereicht. Ende Zwanzig hatte er feststellen müssen, dass er nicht nur von schlecht besuchten Konzerten leben konnte oder von kleinen Gelegenheitsjobs. Also dachte er sich, es wäre ein kluger Schachzug, sein Wissen anderweitig unter die Leute zu bringen. Er fand ein kleines Geschäft, dass nicht allzu viel Miete oder Renovierung benötigte und begann seine geheimnisvollen Schönheiten auch anderen Liebhabern und Neulingen schmackhaft zu machen. Irgendwie geschah dann alles wie von selbst.

Schnell hatte er gut laufende Verträge mit Herstellern. Denn seine Art und Weise, den Kunden die Klaviere kurz und klangvoll zu verkaufen zwang jeden Widerstand zur Kapitulation. Er gewann viele Stammkunden für sich, die ihn wiederum anderen Musikern empfahlen und so erhielt seinen guten Ruf. Als Kenner der Szene. Als Musikliebhaber. Als Klavierhändler. Als Verkäufer.

Aber es war nur vorrübergehend, hatte er sich gesagt. Nur so lange, bis er den Durchbruch geschafft hatte. Er wiederholt mit es an jedem neuen Morgen. Bis er eines Tages in seinem Laden stand und begriff, dass nach einem Jahrzehnt in der Rolle des Klavierhändlers Malakowski, kein weiteres Engagement mehr warten würde. Das dies nun sein Leben war. Also würde er das Beste daraus machen. Schließlich hatte er sich so ganz nebenbei etwas erarbeitet, was würde daraus nur entstehen, wenn er sich Mühe gab?

Die Antwort darauf folgte kurz und jung. Der kleine Junge, der damals mit seinen Eltern den Laden betrat war ausgesprochen schüchtern. Seine Mutter hatte ihn der Hand hinein gezerrt.
„Achten Sie nicht auf seine Art, dafür kann er nichts.“, erklärt sie damals.
„Gute Frau, jeder ist wie er ist.“, hatte Malakowski darauf lächelnd geantwortet. Und tat wie ihm geheißen. Er ignorierte sowohl die Eltern, als auch den Sohn, hatte auf der Stelle kehrt gemacht, setzte sich an seinen Liebling und begann zu spielen. Plätschernd, wie ein Wasserfall war die Melodie aus seinen Fingern gesprudelt. Vorgaben interessierten ihn nicht mehr, er spielte wie es ihm gefiel. Wer keine Karriere mehr zu erwarten hatte, musste sich nicht die Finger an Händel oder Mozart brechen. Dies war seine neue Art geworden. Aus Altbekanntem etwas Neues zu machen, seinen eigenen Schliff zu verpassen. Manchmal zusammenhangslos, manchmal herrlich passend, wie ein Teil, dass jahrelang das Andere gesucht hatte. Die empörten Blicke der Erwachsenen spürte er heute noch in seinem Rücken.
Er musste schmunzeln, als er daran dachte.
Wie selbstverständlich hatte sich der kleine Kunde aus seiner Starre gelöst, setzte sich neben ihn und begann mit in sein fantasiertes Stück einzusteigen. Erst vorsichtig dann euphorisch klimperte der kleine Pianist auf den Tasten herum, immer gerade dann sehr melodisch, als Malakowski auf Disharmonie bedacht war. Doch genauso schräg und quer, als Malakowski Teile aus diesem einen Stück spielte, dass jeder kannte, wie hieß es nochmal…
„Morgen kommen Sie wieder.“, hatte er nach einer Weile zu den Eltern gesagt, unterbrach sein Spiel und ging in den hinteren Teil des Ladens, um ihnen zu verdeutlich, dass er es ernst meinte.
„Aber wir wollten doch ein Klavier kaufen!“, insistierte damals der Vater. „Das ist ja eine Unverschämtheit. Nennen Sie so etwas Beratung oder Geschäftssinn? Sie haben es wohl nicht nötig Umsatz zu machen.“
Er hörte die empörten Rufe noch immer in seinen Ohren. Langsam und nachdenklich schüttelte er, genau wie damals, den Kopf. Sie wissen so wenig und wollen so viel.
„Uns werden Sie hier nie wieder sehen!“, schimpfte der Vater zum Abschied.
Und er sah ihn nie wieder.
Zumindest nicht bis in der darauffolgenden Woche, als er das Klavier kaufte. Das Klavier auf dem sein Sohn jeden Tag, nach seinem ersten Besuch gespielt hatte. Jeden Tag nach der Schule stand der Junge bei ihm im Laden. Als hätten sie eine geheime Vereinbarung. Beide wussten worum es ging. Beide kannten den Plan. Beide befolgten den Ablauf. Gemeinsam setzten sie sich schweigend an das Klavier, dass der Junge sich ausgesucht hatte und spielten. Jeden Tag.
„Ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich das tue.“, murmelte damals der Vater, als er den Kaufvertrag unterschrieb. „Die ganze Woche lag der Bengel mir in den Ohren. Nur dieses eine Klavier. Kein anderes. Nur das.“

Er lächelte wieder. Genau wie damals. Er flüsterte. „Zwei Seelen müssen zueinander finden.“ Genau wie damals.

Menschen die nichts von Musik verstehen. Die keine Instrumente spielten, würden es nicht begreifen. Sie würden es nicht leise, innerlich mit einem sanften Nicken bejahen.

Er stand an eben der Stelle, an der das Klavier des Jungen gestanden hatte. Er hatte es nicht ersetzt. Sein Nachfolger wäre dem Vorgänger nicht gerecht geworden.

Lange hatte er damals darauf warten müssen, bis er den Jungen wieder sah. So lange, bis zu dem Tag, an dem er morgens im Laden seine Zeitung aufschlug und im Lokalteil ein Bild von einem Jungen von etwa fünfzehn Jahren neben einem Flügel sah. Die Aufnahme war schwarz-weiß und durch den Druck etwas verschwommen, so dass er ihn nicht direkt wieder erkannte. Der Artikel darunter handelte von einem Klavierfestival für Kinder und junge Erwachsene, das vor kurzem in der Nähe stattgefunden hatte. Er hatte davon gehört. Nachwuchs gab es immer. Talente gab es oft. Interessiert hatte es ihn nicht mehr. Der abgebildete junge Pianist war einer der herausragenden Musiker gewesen, der die Zuhörer verzaubert hatte. Mit einem für sein Alter ausgezeichneten Technik, einer leichtfüßigen Art und dem Charme eines jungen Mannes, so hieß es, habe er aus der Masse der Teilnehmer herausgestochen.
Wieder so einer, hatte er sich gedacht.
Er hatte das Bild genauer betrachtet. Innerlich führte er mit dem jungen, aufstrebenden Künstler ein Gespräch. Er wollte ihn warnen.

„Lass dich nicht von ihren Jubelrufen blenden. Es ist eine Falle. Niemand wird es dir nachher danken, dass du alles geopfert hast und doch nichts erreicht. Talent ist eine Lüge. Niemand braucht Talent. Leidenschaft ist eine Falle. Niemand braucht einen liebestrunkenen, nach Ruhm eifernden weiteren Träumer, der seinen Durchbruch schon zum Greifen nahe sieht. Erfolg verdirbt den Charakter. Erfolg verdirbt den Menschen. Erfolg nimmt dein Leben und lässt es nicht mehr los.“

Er hatte stocken müssen in seinem inneren Monolog. Seine Predigt wurde von der Erkenntnis unterbrochen, dass er diesen Jungen gekannt hatte. Dieser Junge hatte neben ihm gesessen, hier in seinem Geschäft. Er hatte ihn mit seinem Lehrmeister vertraut gemacht. Er hatte ihn mit seiner unbekannten Schönheit bekannt gemacht. Diese Erkenntnis hatte seine Einstellung gegenüber dem Artikel und dem beschriebenen Jungen verändert. Ein warmes Gefühl machte sich in seiner Brust breit. Es war Stolz. Stolz, auf den jungen Mann, den er an sein Klavier geführt hatte. Dem er die Liebe zu seiner Musik zeigen durfte. Die Musik die sein Innerstes berühren würde und für immer festhielt. Er hatte zu diesem Erfolg beigetragen.

Über seine guten Kontakte hatte er den Jungen ausfindig machen können. Und wie sich herausstellte, war er Malakowski immer noch sehr dankbar, dass er damals so umsichtig mit ihm gewesen war. Es habe sein Selbstvertrauen sehr gestärkt und ihm geholfen, den von den Eltern übergestülpten Wunsch Klavier zu spielen, in seinen Traum zu verwandeln. Von da an ging er in dem Geschäft ein und aus, brachte noch mehr bekannte Pianisten zu ihm und sehr viel Publikumsverkehr. Der Laden verwandelte sich in ein brummendes, summendes und klingendes Bienennest. Viele wollten so sein wie der Junge. Hofften darauf, dass der Kauf eines Klaviers von Malakowski sie über Nacht berühmt machen würde.

Es verlangte doch so viel mehr. Aber ihm war es recht, dass er nun die Lorbeeren seiner Arbeit ernten würde. Nicht, dass er sich vorher beklagt hätte. Aufgrund ihrer guten Zusammenarbeit beschlossen sie Hauskonzerte zu veranstalten. Auf freiwilliger Basis, Keine Gage. Kein Eintritt. Jeder gab so viel es ihm wert war. Das Konzept ging auf und verlieh Malakowskis den Ruf eines Wohltäters und Dieners der Kunst. Ebenso hatte Malakowski nun die Möglichkeit, seine alte Leidenschaft wieder aufleben zu lassen. Hier und da ließ er sich zu einem kleinen Stück hinreißen. Er fand Gefallen daran, wie die Zuhörer ihm applaudierten. Doch da war stets dieser bittere Beigeschmack.

Ihm war bewusst gewesen, dass die Leute nur kamen, um seine berühmte Kundschaft spielen zu hören und nicht seinetwegen. Doch ein Teil in ihm wollte sich blenden lassen. Wollte die Illusion leben, dass er es letztendlich doch geschafft hatte sein Talent der Menschheit darzubieten. Diese Facette seiner selbst versuchte er, so gut es ging, in Schach zu halten. Milderte die Komplimente ab, die ihm die Besucher, aber auch die Pianisten machten. Der Schwelbrand loderte weiter. Bis er eines Abends vollends entfacht wurde und alle seine Zweifel und Rationalisierungsversuche niederbrannte. An dem Abend war einer seiner Hauptakteure auf dem Weg zum Konzert mit dem Auto verunglückt. Nichts ernst zu nehmendes, aber schlimm genug, um ihm das Auftreten vorerst unmöglich zu machen. Also entschloss er damals spontan, anstatt seiner, den Abend allein zu leiten.

Ein tragischer Fehler, wie sich später heraus stellen sollte.

In letzter Zeit schwelgte er oft in Erinnerungen. Vielleicht etwas zu oft. Nachdenklich schaute er aus seinem Schaufenster auf die Straße. Alles wirkte auf ihn kalt und verlassen. Keine Fußgänger die schwatzend vorbei zogen und sich über die Politik, die hohen Mietpreise oder die Frisur des Nachbarn beschwerten. Keine Vögel die hoffnungsfroh im Straßenabfall nach Essensresten pickten. Niemand war da. Nur eine Horde Autos, die Stoßstange an Stoßstange aneinander gepresst standen. Abgestellt. Kein halbwegs vernünftiger Mensch würde seinen Parkplatz im dicht besiedelten Berlin für eine Nichtigkeit aufgeben wollen. Mit einem schweren Kopf und einem unguten Gefühl im Magen setzte er sich an seinen Liebling. Mit dem Rücken zur Ladentür. Damit ihn die Tristesse und das Elend der Außenwelt in Ruhe ließen. Er wollte das Stück spielen, dass er auch an jenem Abend gespielt hatte, als er dachte er könnte einen professionellen Musiker ersetzen. Wie töricht er gewesen war.

An jenem Abend hatte er sich für sein bestes Stück entschied. Er beherrschte es, wie kein Zweiter. Schwierig Passagen füllte er mit Gefühl, so dass dem Hörer gar nicht auffiel, wie schnell er zwischen den Tasten hin und her springen musste. Es sollte klingen wie ein leichter Tanz. Ein Tanz zwischen Gut und Böse. Der ewige Kampf. Aber dennoch so leicht und schwerelos, dass einem schwindelig werden konnte. Selbstverständlich gab er sich bei seiner Interpretation besonders viel Mühe. Merklich durchwogen ihn die unterschiedlichen Emotionen während er spielte. Er krümmte sich über der Klaviatur, bei tragischen Passagen. Atmete gemeinsam mit dem Publikum auf, wenn wieder das Gute gewann. Wog wehmütig den Kopf zu beiden Seiten, wenn die Dunkelheit aufzog und schwamm auf der Welle der Erleichterung, gemeinsam mit seiner Zuhörerschaft, in das Tal der Glückseligkeit. Die Zuhörer lagen ihm zu Füßen. Selten hatte er es in seiner Karriere geschafft, ein Publikum derart mit sich zu reißen. Begeistert waren sie am Ende seiner Vorstellung aufgesprungen und hatten ihn bejubelt. Tränen des Glücks hatte er hinunter geschluckt und versucht sein Herz zu löschen, das vor Eifer in Flammen stand.

Eine junge Reporterin der Lokalzeitung war nach dem Konzert zu ihm gekommen. Er war noch völlig siegestrunken nach den vielen Beglückwünschungen der Gäste und Bewunderungen, dass er doch so viel mehr wäre, als nur ein Klavierhändler. Die junge Frau befragte ihn zu den genaueren Umständen seiner Karriere. Woher sein Talent käme. Welche Ausbildung er genossen habe. Wie es passieren konnte, dass dieser Segen in den Verstrickungen des Alltags und des Lebens untergehen konnte. Ob er sich vorstellen könnte noch häufiger Konzerte zu geben und wie er seine Zukunft nach dem heutigen Abend sehen würde. Bereitwillig hatte Malakowski all ihre Fragen beantwortet. Hatte weit ausholen müssen, als es um seine Vergangenheit ging. Erklärte groß und breit, wie seine Karriere ins Stocken geriet. Aber all dies sei nun hinfällig, denn offenbar war er vom Leben nur hingehalten, vorbereitet worden auf einen verspäteten Start.

Sie fragte ihn auch über die Umstände des heutigen Abends. Weshalb es der Musiker nicht zu seinem Auftritt geschafft habe. Da hatte er reumütig gestehen müssen, was passiert war. Beteuerte aber, wie sehr er seinen Kollegen schätze und wie sehr er bei der Vorstellung gefehlt habe. Doch sei es vielleicht Vorsehung gewesen, dass dies geschehen war, hätte er sonst nicht seinen großen Auftritt haben können.

Wütend und schrill hatte am nächsten Tag sein Telefon geklingelt. Wütend und schrill hatte es am anderen Ende der Leitung geklungen. Wütend und schrill klingelte es in seinen Ohren. Eine Frechheit. Eine bodenlose Frechheit sei es von ihm gewesen. So etwas zu behaupten. Aus dem Unglück Anderer Profit zu schlagen. Er hätte die ganze Zeit schon den Verdacht gehabt. Malakowski wollte doch nur sich selbst in den Vordergrund drängen. Malakowski sollte akzeptieren, dass seine Karriere vorbei war. Dass er nie eine gehabt habe. Dass er nur ein Verkäufer sei. Das war er. Nicht mehr. Niemals würde er mehr sein. Die Zusammenarbeit war damit gestorben. Das war ihr Todesstoß gewesen. Eine Frechheit. Auf der anderen Seite wurde aufgelegt, während die eine Seite schwieg. Er war völlig überrascht gewesen.

Erst als er wenige Stunden später die Zeitung aufschlug verstand er.

Unter der Überschrift „Des Einen Leid ist des Anderen Freud“ wurde ausführlich erklärt, wie der hinterlistige Malakowski, mag er auch talentiert sein, am gestrigen Abend aus der Not eine Tugend gemacht hatte. Der tragische Unfall seines Pianisten, der im Krankenhaus den weiteren Monat verbringen könnte, wäre seine Gelegenheit gewesen.
„Er hoffe nun berühmt zu werden.“
„Er schätze seine Chancen gut.“
„Die Zuhörer sind von mir begeistert.“
„Ich sehe es als Wink des Schicksals.“
„Jetzt bin ich an der Reihe.“
Schockiert hatte er die Zeitung bei Seite gelegt. Sie hatte ihn vollkommen missverstanden. Wie hatte ihm die Reporterin die Worte nur so im Mund herum drehen können. Er schämte sich und schwieg.

Er schwieg. Ohne ein Widerwort nahm er hin, wie die Musikerszene sich über den alten Narren lustig machte. Er schwieg. Nahm in Kauf, dass der Kundenstrom abriss und zu einem dünnen Rinnsal verebbte. Er schwieg. Er akzeptierte, dass er sich von nun an gerade so über Wasser halten könne. Er schwieg.

Dieses Schweigen hatte er bis heute beibehalten. Die Ereignisse des damaligen Abends waren nun schon eine Weile vergangen. Sein Schweigen hatte ihn verwandelt. Hatte seine Musik verändert. Lange hatte er nicht mehr gespielt. Doch am heutigen Tage würde er es noch einmal wagen. Trotz des immer unwohleren Gefühls im Magen und dem Flirren vor seinen Augen setzte er sich an sein Klavier.

In einer Art feierlichem Akt öffnete er den Deckel. Verschwommen blickte er auf die schwarzen und weißen Tasten. Doch er benötigte seine Augen nicht um zu spielen. Seine Hände fanden sehr gut ohne die visuelle Kontrolle zu ihren jeweiligen Tanzpartnern. Zu Beginn noch etwas steif in den Fingern, begann er sein Stück. Die Melodie kam aus ihm heraus. Er atmete ein und atmete die Noten wieder aus. Ein langsames klagvolles Lied schleppte sich durch sein Geschäft. Leidvoll wog er sich mit der Musik. Vor und zurück. Mühselig trug er sich durch dieses dunkle Tal. Seine Augen waren geschlossen. Seine Ohren erfüllt von diesem Lied, dass sein Leben so gut beschrieb. Tief in ihm rührte sich etwas. Ein altes vertuschtes Licht, dass so lange nicht mehr hatte scheinen dürfen. Es wärmte ihn und drückte allmählich seinen Weg an die Oberfläche. Es verschaffte sich Raum und breitete sich über seinen gesamten Körper aus. Sanfter und heller wurden die Töne. Rhythmisch hob und senkten sich seine Arme. Liebevoll strich er mit den Händen über die Klaviatur. Spielte und spielte und ließ nicht mehr los. Es würde kein Ende finden. Das Ende würde ihn finden. Es würde ewig so weiter gehen. Seine Finger wurden schwerer. Als wäre die Luft um ihn zu dicht, um sich dadurch zu bewegen. Zu schwer zum Denken. Zu schwer zum Atmen. Er spielte weiter. Langsamer, aber er schaffte es. Er spürte wie aus der Wärme eine plötzliche Kälte wurde und erschrak nicht. Denn er wusste nun war es geschafft.

Die Kälte pfiff durch die Straße. Der Wind trieb sie voran. Und wenn man an Malakowskis Klavierfachgeschäft vorbei ging und einen Blick hinein wagte, sah man nichts. Nichts außer dem hastig ausgeschnittenen Artikel aus der Lokalzeitung, der an der Eingangstür klebte.

Toter am Klavier
SPANDAU. Am Dienstagabend kam es im Klavierfachhandel Malakowski zu einem grausigen Fund. Der 72- jährige Besitzer, Juri Malakowski, hat sich in seinem Geschäft das Leben genommen. Eine Passantin hatte den zusammengesackten Mann in seinem Laden entdeckt, als sie zu später Stunde ihren Hund spazieren führte. Sofort habe sie die Polizei gerufen, da ihr die Situation verdächtig vorkam. Der von den Beamten bestellte Notarzt konnte nur noch den Tod des Mannes feststellen. Die Ursache sei noch nicht bekannt, allerdings wurde ein Fremdverschulden ausgeschlossen, da es weder Einbruchsspuren noch Hinweise auf eine Gewalttat gab. Die Beamten fand neben der Leiche eine Notiz, die sie als Abschiedsbrief des Mannes einordneten. „Die Musik wird weiter leben. Und sie wird besser ohne mich sein.“
 

MicM

Mitglied
Hallo NJSeifert,

das ist eine interessante und in jeder Hinsicht „vollgepackte“ Geschichte. Man könnte dazu viel sagen, ich möchte mich aber (auch aus Zeitgründen) auf ein paar erste Leseeindrücke beschränken:

Der Plot ist nicht uninteressant. Für mich ist dies vor allem die Geschichte des ewigen Scheiterns. Allerdings wird aus meiner Sicht gerade das, nämlich das Scheitern, nicht wirklich näher beleuchtet. Statt der vielen Sehnsüchte und Erinnerungen des Prot hätte ich es gut gefunden, wenn die Qual des Scheiterns in seinen Gedanken klarer thematisiert wird.

Den Selbstmord am Ende finde ich daher vor allem aus zwei Gründen enttäuschend. Zum einen handelt es sich um ein ziemlich klischeehaftes Ende. Zum andern fehlt mir die eindeutige Begründung hierfür. Zwischendurch hatte er sich ja schließlich mit seiner Situation abgefunden. Warum treibt ihn das erneute Scheitern dann gleich in den Selbstmord?

Die Sprache des Textes ist mit sehr viel Pathos aufgeladen. Ich finde das an den Stellen in Ordnung, wo es um seine Leidenschaft, die Musik, geht. Zwischendurch fände ich besser, zu einer etwas nüchterneren Sprache zu wechseln, da der pathetische Stil auf Dauer ermüdend wirkt.

In ähnlicher Weise könnte der Text aus meiner Sicht auch ein paar mehr „Leerstellen“ vertragen. Gerade weil du einen längeren Zeitraum seines Lebens beschreibst, sind mir dann einige ausschweifend beschriebene Details zu viel im Text (bspw dass er den Jungen auf dem Foto in der Zeitung zunächst nicht erkennt und dann aber doch).

Auch gibt es einige Details, die mit dem Thema der Geschichte gar nichts zu tun haben und daher stören. Ein Beispiel dafür ist für mich folgender Absatz:

In letzter Zeit schwelgte er oft in Erinnerungen. Vielleicht etwas zu oft. Nachdenklich schaute er aus seinem Schaufenster auf die Straße. Alles wirkte auf ihn kalt und verlassen. Keine Fußgänger die schwatzend vorbei zogen und sich über die Politik, die hohen Mietpreise oder die Frisur des Nachbarn beschwerten. Keine Vögel die hoffnungsfroh im Straßenabfall nach Essensresten pickten. Niemand war da. Nur eine Horde Autos, die Stoßstange an Stoßstange aneinander gepresst standen. Abgestellt. Kein halbwegs vernünftiger Mensch würde seinen Parkplatz im dicht besiedelten Berlin für eine Nichtigkeit aufgeben wollen. Mit einem schweren Kopf und einem unguten Gefühl im Magen setzte er sich an seinen Liebling. ...


Schon mit der Anspielung auf „die hohen Mietpreise“ habe ich meine Probleme, da dieses kontroverse Reizwort gedanklich unwillkürlich von der eigentlichen Geschichte wegführt. Die Parkplatznot in Berlin kann ich aber in keinem Zusammenhang mit der Geschichte bringen.

Auch ist mir aufgefallen, dass einige Sprachbilder aus meiner Sicht nicht aufgehen. So schreibst du zu Beginn beispielsweise von der „kleinen Berliner Seitenstraße, in die sich schon früh Kenner verirrten“. Entweder es waren „Kenner“, die deswegen ganz bewusst dorthin gegangen sind, oder eben Passanten/Touristen, die sich versehentlich in eine Seitenstraße „verirrten“.

Vielleicht helfen dir diese Gedanken weiter. Es sind – wie so häufig – zwar einige Kritikpunkte, was aber nicht bedeuten soll, dass ich die Geschichte schlecht finde. Auch wenn es etwas abgedroschen klingt: ich habe den Eindruck, die Geschichte wurde mit sehr viel „literarischer Liebe“ geschrieben und hat durchaus Potenzial.

Auf bald,
MicM
 
Hallo NJSeifert,

auch ich finde die Geschichte hochinteressant und schön geschrieben, wenn auch mit einigen Schwachstellen, da schließe ich mich MicM an. Allerdings lese ich etwas anderes heraus als er: nicht die Geschichte des Scheiterns, sondern dass Talent nicht immer ausreicht, sich seine Träume zu erfüllen. Und wenn man nachhilft, kann das nach hinten losgehen. Es wird immer Leute geben, die einem Talent und Erfolg nicht gönnen, damit muss man rechnen.

Du schaffst Atmosphäre in der Geschichte, was mir sehr gut gefällt. Etwas wirr wird es, als "einer seiner Hauptakteure" durch den Unfall und Krankenhausaufenthalt nicht zu dem Konzert kommen und nicht selbst spielen kann. Das hätte derselbe sein sollen/können, dem er am Anfang das Klavier verkauft hat, wäre für den Leser nachvollziehbarer und für die Geschichte dramatischer gewesen.

Etwas anderes stört mich noch:

Aufgrund ihrer guten Zusammenarbeit beschlossen sie Hauskonzerte zu veranstalten. Auf freiwilliger Basis, Keine Gage. Kein Eintritt. Jeder gab so viel es ihm wert war. Das Konzept ging auf und verlieh Malakowskis den Ruf eines Wohltäters und Dieners der Kunst.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein solches Konzept aufgeht. Das müsste man schon mit regulären Eintrittspreisen machen. Auch Künstler müssen von etwas leben.

Ansonsten stört mich auch der Schluss. Es ist immer ziemlich einfach, eine Geschichte mit dem Tod des Protagonisten enden zu lassen.

Trotzdem insgesamt eine super Geschichte.

LG SilberneDelfine
 

NJSeifert

Mitglied
Hallo MicM,
Hallo SilberneDelfine,

Vielen Dank für eure Anmerkungen und Vorschläge. Ich freue mich immer über konstruktive Kritik und den Einblick in die Leserperspektive. Ich gebe zu, der Text ist sehr voll von Kleinigkeiten und etwas Wirrwarr. Allerdings brauchte der Mann das meiner Meinung nach, damit man sich im Strudel drum herum etwas verlieren kann. Das lässt es vielleicht etwas schwer zu Lesen und Verstehen machen.

Der Text ist thematisch durch Zufall eine Mischung aus vielen Themen. Ursprünglich war er für ein Festival mit dem Thema "Musik erleben" gedacht. Deswegen werde ich auch so ausführlich beim Klavierspiel. Und nennt es schwarzen Humor, aber ich musste den Protagonisten beim Thema "Musik erleben" einfach am Ende sterben lassen.

Ansonsten darf davon jeder gerne mitnehmen, was er mag und worin er sich wiederfindet.

Ach und das Konzept der Bezahlung funktioniert in der Realität tatsächlich. Dazu verdient Malakowski ja über den Laden und die Künstler über eigentliche Engagements. Das Ganze ist so was wie Ehrenmamt mit Aufwandsentschädigung.

Danke nochmal,
NJSeifert
 
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Ach und das Konzept der Bezahlung funktioniert in der Realität tatsächlich. Dazu verdient Malakowski ja über den Laden und die Künstler über eigentliche Engagements. Das Ganze ist so was wie Ehrenmamt mit Aufwandsentschädigung.
Hätte ich nicht gedacht :) Man lernt doch immer noch was dazu.

LG SilberneDelfine
 

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