Mario Kart.

G

Gelöschtes Mitglied 20939

Gast
Das Leben ist kein Spiel ist zumindest das, was sie immer zu mir sagte. Doch selbst, wenn ich ihre Worte laut und deutlich vernehmen konnte, fühlte ich mich, als lebte ich hinter einer Glaswand.
In meinem kleinen roten Auto fliege ich über diese Straßen, die sich mir, wie in einem Videospiel, stückweise eröffnen. Nach einem Fehlstart schaffe auch ich es endlich über die Startlinie.
Ich wusste, dass die Strecke, die ich mir ausgesucht hatte, nicht die einfachste war. In der Kurzbeschreibung las ich etwas wie unzählige Kurven, unbezwingbare Einbahnstraßen, komplexe Kreuzungen, versteckte Geheimgänge und unauffindbare Abkürzungen enthalten. Komischerweise trug die Route den Titel "Teil des Lebens". Außerdem lägen auf der Strecke zahlreiche Berge, die man nur mit einem starken Motor erklimmen könne.
Ich versuche meine Konkurrenz zu ignorieren, weshalb ich meinen Blick angestrengt nach vorne richte. Gas geben, lenken und aufpassen, dass man nicht den Fahrbahnrand übertritt. Die Gefahr besteht, dass du ins Wasser fällst, wodurch dir ein Leben genommen wird. Nicht schlimm, denn hier kannst du beliebig oft von vorne beginnen. Die erste Kurve habe ich genommen, wobei ich meinem stärksten Konkurrenten erstmals gefährlich nahekomme. Wir stoßen zusammen, prallen voneinander ab, verlieren uns kurz darauf in unterschiedlichen Sphären. Welch ein Glück, auf meinem Weg liegt ein Geschenk. Zielstrebig steuere ich darauf zu, zerstoße die Verpackung wie von Geisterhand. Ein Item, das mich dem Ziel schneller entgegenfahren lässt.
Ich glaube, ich habe meine Konkurrenz abgehängt. Es scheint zumindest niemand mehr hinter mir zu sein. Dort vorne, in den Weiten der Sandlandschaft, kann ich ebenfalls niemanden entdecken. Offenbar beherrsche ich den Streckenabschnitt. Kein Wunder, ich fuhr zeitweise mit doppelter Geschwindigkeit. Keine Zeit verlieren, den anderen immer mindestens zehn Autolängen voraus sein. Die Palme, die knapp an mir vorbeizieht, hätte ich beinahe übersehen. Ich denke zu viel nach, das gebe ich zu. Kurz werfe ich einen Blick auf den weiteren Verlauf. Ich ging davon aus alles im Griff zu haben. Mein blauer Anzug flattert unbesorgt im Fahrtwind. Meine Mütze muss ich hingegen festhalten, sodass sie nicht davonweht. Wenn ich zur Überprüfung des Kraftstoffstandes nach unten schaue, kann ich die Umrisse meines braunen Oberlippenbarts erkennen. Um die Sicherheit meiner Kopfbedeckung nicht weiter zu riskieren, lehne ich mein Haupt leicht nach vorne, wodurch ich deutlich windschnittiger bin. Die Vermeidung von Sandkörnern in meinem Sehorgan stelle ich durch das Zusammenpetzen meiner Augen sicher.
Plötzlich sehe ich etwas im Rückspiegel. Es sieht äußerst komisch aus. Wenn ich nicht wüsste, dass ich noch sehr gut sehe, würde ich fast sagen es schwebt. Gütiger Himmel, es scheint sogar zu fliegen. Zu allem Übel streckt es mir auch noch die Zunge heraus. Da muss ich zwei Mal hinsehen, weil ich meiner eigenen Wahrnehmung misstraue. Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Es kommt immer näher, bis ich erkenne, dass es ein Geist ist. Ein kleiner, runder, fliegender Geist. Jedoch war ich noch nicht lange genug gereist. Ich wollte zu diesem Zeitpunkt noch nicht von ihm eingeholt werden. Ich ertrug in diesem Stadium keine ernsthafte Konkurrenz. Ohne lange zu zögern suche ich nach dem nächsten Geheimgang. Ich fahre an Häusern aus dunkelroten Ziegelsteinen und einem kleinen Dorf inmitten der Wüste vorbei. Hier liegt massig Sand gemischt mit Steinen, doch auch dieses Geröll umfahre ich gekonnt. Nach der nächsten Kurve ist das Monster verschwunden. Ich überfahre eine Brücke, die mein Auto gewaltig zittern lässt. Die Strecke ist so uneben, dass sie mich gewaltig ins Schwanken bringt. Meine Reifen drehen erneut durch, sobald ich den gelben Untergrund erreiche. Fast wäre ich steckengeblieben, hätte ich nicht den Turbo eingesetzt. Ich entdecke in der Ferne ein schwarzes Loch in den Bergen. Das muss er sein, flüstere ich zum Zweck der Selbstmotivation erleichtert. Das Etappenziel wird von meinen Augen fokussiert, bis mich die Schwärze verschlingt.
Ich schalte meine Scheinwerfer an, sodass ich die Orientierung nicht verliere. Die beiden schmalen Lichtkegel lassen mich Spinnen und Wandmalerei erkennen. Ich habe Angst davor mir könne einer der kleinen Langbeiner direkt ins Gesicht springen. Mutig löse ich eine Hand von meinem Lenkrad und halte sie schräg vor mein Gesicht. Der Tunnel bringt das Geräusch meines Motors noch besser zur Geltung. Für kurze Zeit halte ich inne und genieße den Moment. Nicht umsonst machte ich meine Leidenschaft vor ungefähr 23 Jahren zum Beruf. Ich drücke das Gas voll durch und rase umgeben von Gestein durch die bedrückende Dunkelheit. Hier drinnen ist es deutlich kühler als draußen unter nacktem Himmel. Ich befürchte sogar mir einen leichten Sonnenbrand zugezogen zu haben. Die Sonnencreme hatte ich letzten Sommer, wie konnte es anders sein, in Peachs bunter Strandtasche vergessen, nachdem wir das erste und einzige Mal zusammen am Badesee gewesen waren. Seither war ich so sehr damit beschäftigt den ersten Platz auf der Bestenliste zu halten, dass der Besuch eines Drogeriemarkts leider ausblieb. Ihre langen, blonden Haare, gepaart mit dieser funkelnden Krone brachten mich regelmäßig um den Verstand. Ebenfalls wurde ich geblendet von ihrem wunderschönen Körper in diesem bodenlangen grellen Kleid. Doch ich musste auch sie zurücklassen, um bei diesem Wettkampf der Gewinner bleiben zu können. Sogar bei diesem Wettbewerb ist der von mir verabscheute Egoismus leider von großer Bedeutung. Es wird sicher bald wieder ein neues weibliches Wesen an meinem Horizont erscheinen. In den heutigen Zeiten gelten langfristige romantische Vorstellungen ja bekanntermaßen als utopisch. Langsam wird das Fehlen ausreichender Beleuchtung zu einer richtigen Zerreißprobe. Ich muss mich sehr darum bemühen meine Augen weiterhin offen zu halten. Da war es, das Licht am Ende des Tunnels. Mit rasender Geschwindigkeit fahre ich darauf zu.
Mein Display wird in der Sekunde gedimmt, in der ich die Helligkeit wieder erreiche, doch vor mir erscheint ein gigantischer Abgrund. Ein Schauer huscht über meinen Rücken, denn ich habe Höhenangst. Schockiert trete ich blitzschnell auf die Bremse und komme kurz darauf mit quietschenden Reifen zum Stehen. Der Ausblick ist gigantisch schön. Blauer Himmel soweit das Auge reicht. Einige Pyramiden kann ich sehen, sobald ich meinen Kopf leicht nach links drehe. Auf der rechten Seite befindet sich das kleine Dorf und unzählige weitere Straßen. Außerdem verstecken sich in diesem Bildausschnitt winzige dunkle Punkte, die sich zu bewegen scheinen. Ich ziehe den Schlüssel ab und laufe an die Kante. Aus meiner Brusttasche ziehe ich ein rotes Fernglas, das mir mein Großvater vermacht hatte. Damit wollte ich solche Phänomene genauer untersuchen. Tatsächlich handelte es sich nicht um eine Fata Morgana, sondern um meine Gegenspieler. Ich nehme noch einen Schluck Wasser, bevor ich den Motor wieder aufheulen lasse, um meinen Vorsprung nicht aufs Spiel zu setzen. Ich nehme all meinen Mut zusammen und lasse mich in die Tiefe fallen. Nach einem halben Nervenzusammenbruch lande ich inmitten der Savanne wieder auf sicherem Boden. Das Wasser benässt sogar meinen roten Strickpullover, während ich durch die Pfützen heize. Kurz darauf erreiche ich zum Glück wieder sichere geteerte Wege. Der Pilz, den ich gekonnt einfange, verwandelt sich in eine nützliche Fähigkeit. Falls ein Feind auftauchen sollte, konnte ich ihn damit dazu bringen sich mehrmals um die eigene Achse zu drehen. Jedoch war es jetzt noch nicht an der Zeit die Geheimwaffe einzusetzen. Ich denke, ich habe noch eine halbe Ewigkeit, bis die anderen mich einholen. Also beschließe ich zum Genuss der Landschaft noch einmal am Wegesrand zu rasten.
Es mussten bestimmt über 35 Grad sein, bemerke ich, während ich meine haselnussbraunen klobigen Schuhe ausziehe. Meine nackten Füße strecke ich in das Wasser, das vor mir liegt. Ich hatte das Meer erneut erreicht. Das Ziel konnte nicht mehr allzu weit entfernt sein. Ich schaue hinter mich und sehe, wie mein Rennauto prunkvoll in der Sonne glitzert. Vor langer Zeit hatte ich mir den Buchstaben M auf die Motorhaube schreiben lassen. Die weiß-rote Plakette spiegelt das Licht wider, das stechend heiß auf die Erde fällt. Ich hatte mich nicht wirklich auf dieses Klima vorbereitet, weshalb ich anfing unter meiner langen Kleidung zu schwitzen. Ich öffne also meine Hosenträger. Meine Mütze lege ich neben mich, setze sie zur Vermeidung eines schlimmen Sonnenbrandes allerdings sofort wieder auf. Ich zücke zur Fortsetzung der Planung meiner Strategie eine Karte. Es lagen noch zwei Berge und ein Looping vor mir. Darauf hatte ich nicht hintrainiert, hatte ich mich doch jahrelang auf Wettkämpfe jeglicher Art vorbereitet. Ich falte sie wieder zusammen, um mich mit diesem neuen Gedanken anzufreunden. Ich verändere meine Haltung, stütze meinen Kopf auf meine Hand und lasse einen kleinen Seufzer verlauten. Ausreichend Treibstoff hatte ich noch, das hatte ich erst vor kurzem überprüft. Daran würde mein Vorhaben also nicht scheitern. Ich begriff, dass meine Panik eher psychischer Natur war. Luigi hatte mir vor dem Rennen geraten meine Emotionen manchmal abzustellen. Sie würden mich nur behindern, sobald ich damit begänne mich von ihnen leiten zu lassen. Aber wie ich es drehte und wendete, ich war eben schon immer ein sehr emotionales Wesen gewesen. Wo war meine Konzentration nur geblieben, die ich noch vor einigen Minuten zu besitzen vermochte.
Ich laufe zurück an mein Auto, halte meine Hose dabei fest und hole ein Buch aus dem kleinen Handschuhfach, das sich direkt unter dem Lenkrad befindet. Ich hatte es damals in einem kleinen Buchladen in London gekauft, nachdem es mir Toad empfohlen hatte. Früher waren wir noch gute Freunde gewesen, bereisten sogar gemeinsam die Realität. Manchmal vermisste ich sein Lachen und seinen riesigen gepunkteten Kopf. Er war eine Figur, die immer gute Laune verbreitete. Er legte mir diese Lektüre ans Herz, weil er dachte, dass sich interessante Ansichten darin befanden. Er war nicht der Meinung, dass es besonders raffiniert geschrieben war. Die Autorin schien noch sehr jung gewesen zu sein, als sie es verfasste. Im Grunde genommen hatte sie keine Ahnung von Literatur, hatte sie in ihrem Leben augenscheinlich nur wenig gelesen. Hin und wieder schlug ich es auf, um ein wenig darin zu stöbern. Denn bei aller Kritik, ich mochte das Buch vielleicht. Besonders gefiel mir der Humor, der stets unterschwellig mitschwang. Wenn ich die Freude am Leben zu verlieren drohte, taten mir aufmunternde Worte sehr gut. Irgendwann wird diese Monotonie nun einmal langweilig. Immer nur darauf warten, bis man ausgesucht wird, um das nächste Rennen zu fahren. Versteht mich nicht falsch, ich liebte meinen Beruf und war laut psychologischem Gutachten noch nie depressiv gewesen. Jetzt suchte ich allerdings nach dem Wörtchen Mut. Toad warnte mich, indem er sagte, dass es nicht auf jede Frage eine Antwort in diesen Texten gäbe. Sie seien vieldeutig, subjektiv, manchmal sogar abstrakt und deshalb beinahe unverständlich. Dieses Vorurteil hielt mich dennoch nicht davon ab mir einige Ideen zu Gemüte zu führen. Ich setze meine Sonnenbrille auf und blättere durch die dünnen Seiten. Dieses Buch verlor seinen Geruch Gott sei Dank nie. Ich halte es dicht an meine Nase und atme tief ein. Ich überfliege den Text wie ein menschlicher Scanner, suche nach Motivation. Vielleicht war auch Angst das Stichwort, nach dem ich Ausschau hielt. Verwunderlich, dass ich nach einer kurzen Phase des Suchens auf besagtes Konzept stoße.
Ich tauche in eine Schrift aus Hieroglyphen und Fragezeichen ein. Die Autorin scheint auf jeden Fall ein recht cleveres Köpfchen zu sein. Mein Fazit ist mehr oder weniger positiv. Sie schreibt, dass Angst besiegt werden könne, sofern man immerzu an sich arbeitete. Sie behauptet sogar, dass es ein langwieriger Prozess sei. Ich brauchte aber etwas, das mir sofort hilft. Nicht in einigen Wochen oder gar Jahren. Ich blättere also weiter und da sind die wenigen Worte, die mir Hoffnung geben. Alles ist möglich, wenn du willst. Dieser Satz war ihr ausgesprochen gut gelungen, war ich jedoch noch nie ein besonders anspruchsvoller Leser gewesen. Ich schließe die ehrliche Schrift, lasse meine Gedanken über die Wellen schweifen. Einen Looping zu meistern war keine einfache Aufgabe. Mir wird bereits bei dem Gedanken daran in fünfzig Metern Höhe auf dem Kopf zu stehen schwindelig. Was ist, wenn ich dann falle, weil die Fliehkraft gegen die Gravitation verliert. Im Himmel der Physik war ich noch nie der hellste Stern gewesen. Empirisch war meine Furcht somit nicht begründbar. Die Sonne schien weiterhin ohne einen einzigen Schatten zu werfen und drohte somit Wasser aus meinem Körper zu ziehen. Leise Motorengeräusche in der Ferne tragen mich zurück in die Wirklichkeit. Die anderen konnten nicht mehr weit sein. Schnell knöpfe ich meine Latzhose zu und renne etwas erschöpft an mein Gefährt. Rasch schwinge ich mein linkes Bein über den Sitz und steige ein. Mit zitternder Hand stecke ich den Schlüssel, auf dem ebenfalls meine Initialen eingraviert waren, in die Zündung und drehe ihn um.
Dichter Rauch strömt aus dem Auspuff, wobei ich das Lenkrad mit aller Kraft festhalte. Den ersten Berg erreiche ich nach schätzungsweise fünf Kilometern. Zum Glück bereitet mir das Bezwingen dieser Herausforderung keine ernst zu nehmenden Probleme. Mein Auto neigt sich leicht, das Lenkrad vibriert ein wenig, gleich habe ich den Zenit des höchsten Berges erreicht. Die Abfahrt fällt mir umso leichter. Nein, da ist er wieder, dieser nervige Geist. Was wollte er mir überhaupt sagen. Fragen über Fragen, die sich aufeinandertürmen wie diese Hindernisse, die kreativerweise mit spitzen Nieten bestückt wurden. Er kommt immer näher, woraufhin mein Herzklopfen nicht unbedingt abschwächt. Jetzt überholt er mich sogar. Es ist die Gestalt, die diese Strecke bereits bezwungen hat. Doch war das nur irgendeine Gestalt oder bin das vielleicht ich. Ich kann mich nicht daran erinnern meine Sorgen bereits bewältigt zu haben. Wie ein Meteorit fällt die Erkenntnis vom Himmel.
Natürlich hatte ich das Ziel damals erreicht. Der Sommercup 1996, wie konnte ich diesen erfolgreichen Tag nur vergessen. Unter diesem Impuls werde ich mir meiner Stärke bewusst. Ich hatte eine ähnliche Prüfung in der Vergangenheit bereits bestanden. Diese Erinnerung gibt mir Zuversicht. Zielstrebig sammle ich weitere Items ein und folge dem virtuellen Phantom. Er ist nicht weit entfernt, scheint dennoch uneinholbar zu sein. Aus dieser Perspektive verliert die Zukunft ihr bedrückendes Gewicht. Im Grunde hielt mich meine Befürchtung davon ab über mich hinaus zu wachsen. Selbst Peach hatte eines Abends, wir saßen zusammen bei einem romantischen Abendessen, gesagt mein Gemüt solle mich nicht lähmen. Ich sollte doch versuchen die negativen Variablen der Gleichung namens Leben hinter mir zu lassen, weil sie mir sonst die Sicht versperrten. Wie konnte ich diese aufbauenden Worte nur vergessen. Sie war doch immer schon eine Frau gewesen, die ich für ihre Lebenskunst und Intelligenz sehr schätzte. Ich muss eines zugeben. Dies war der Grund, weshalb ich ihr unkontrolliert verfiel. Ihren Anblick bei unserem ersten Treffen werde ich nie vergessen. Ihre wunderschönen blauen Augen inmitten des Kerzenscheins. Zwischen Gläsern gefüllt mit Wein und einem Anfall von Romantik, der mich im Nachhinein zum Weinen brachte. Ach Peach, murmele ich leise, von Sehnsucht erfüllt, in meinen Bart. Ich habe jetzt jedoch keine freie Minute, um vergangenen Liebschaften hinterher zu trauern, fällt mir ein.
Nein, ich musste nun doch eine Tankstelle finden. Gesagt, getan. Zehn Minuten später setze ich meine Fahrt mit vollem Tank fort. Die Spritpreise schienen auch ständig anzusteigen. Ich konnte froh sein noch einen Fünfziger dabei zu haben, den ich gestern Abend eigentlich in einen Drink und aufregende Gespräche investieren wollte. Mein Date tauchte allerdings nicht auf. Ich wartete eine ganze Stunde in einer ungemütlichen Bar, bis sich eine beliebige Frau aus Mitleid neben mich setzte und mit dem Reden begann. Ihre Worte waren allerdings nicht sehr gehaltvoll. Außerdem sah sie äußerst komisch aus. Sie überzog echte Menschenhaut. Diese Begegnung brachte mich sichtlich aus dem Gleichgewicht. Nach wenigen Minuten ergriff ich die Flucht, nahm meine Kappe von der Garderobe und verschwand wieder einmal reichlich einsam in der eiskalten nächtlichen Dunkelheit. Ich war leider noch nie ein Frauenheld gewesen, hatte ich nun endlich den zweiten Hügel erreicht, der deutlich kleiner als der erste scheint. Ich trauerte innerlich seit geraumer Zeit um besagte Tage der erfahrbaren Liebe, des wahren Lebens und der unbefangenen Zukunftsträumerei. Sie gehörten nun mit hoher Wahrscheinlichkeit leider nicht der Zukunft an. Früher eroberten wir gemeinsam die halbe Welt und heute haben wir nichts Besseres zu tun, als unsere Kräfte auf Strecken zu messen. Teilweise ist dieser Sachverhalt verständlich, da meine Freunde die ungeschönte Praxis ungern erneut sehen wollten, hatte sie sich in den letzten Jahren rasant verändert. Sie hatten in der Zeitung etwas von Gewalt und Kriegen gelesen. Unter diesem Gesichtspunkt und unter der Vernachlässigung meiner Neugier wäre ich ebenfalls vorzugsweise in virtuellen Gegebenheiten geblieben. Meine Wanderlust führte mich allerdings in eine unbekannte Richtung. Ich wollte nicht ausschließlich Rennen fahren. Wo hatten sich ihre Herzen nur versteckt, fragte ich mich immer wieder. Vielleicht hinter dieser monumentalen Pyramide, die nicht von Menschenhand erbaut sein kann. Wäre ich nicht Rennfahrer geworden, hätte ich vielleicht Philosophie studiert.
Trotz allen Zweifeln, die durch meinen Kopf schießen, kann ich das Panorama genießen. Der Geist stand tatsächlich für mein früheres Ich, an das ich nicht mehr zu glauben wagte. Vor meinem inneren Auge sehe ich, wie ich die Kurven ohne den kleinsten Fehler befahre. Ich sehe, dass ich immer erst am Scheitelpunkt das Lenkrad herumreiße. Ich musste vor einigen Jahren ein echter Profi gewesen sein. Konnte man diese Fähigkeit denn verlieren oder war es vielmehr so etwas wie ein Talent, das man seit seiner Geburt entweder in sich trägt oder nicht. Warum sollte ich also diesmal scheitern. Meine Gedankensprünge irritieren selbst mich. Allmählich wuchs mein Selbstbewusstsein zu einem greifbaren Gefühl heran. Ich sitze aufrecht, hebe meinen Kopf. Unfassbar stolz muss ich ausgesehen haben.
Später hielt ich das Zielfoto in der Hand und gestand mir die Tatsache der stets sichtbaren Attraktivität ein. Manchmal unterscheiden sich Selbst- und Fremdbild eben erheblich. Nur dem Geist folgend und ohne jeglichen Zweifel an meinem Können fuhr ich durch den Looping. Ich merkte zwar, wie die bekannte Schwerkraft zeitweise nicht mehr auf mich wirkte, jedoch raste ich adrenalingeflutet an ihm vorbei und schaffte es als Erster ins Ziel. Meine Bestzeit, ich konnte es kaum glauben. Lässig holte ich meinen Pokal ab, ließ mich ein wenig vom Publikum feiern, gab den Zuschauern einige Autogramme und trank mit meinen Fans ein Schlückchen Sekt. Wenig später kamst du ins Ziel. Ich sah, wie die dunkelvioletten Diamanten an deinen Ohren funkelten. Du schienst ebenfalls zu schwitzen. Das verrieten mir die dunklen Flecken unter deinen Armen. Die Puffärmel deiner eleganten Robe lenkten die Aufmerksamkeit auf deine weiblichen Arme. Als du über die Linie fuhrst, würdigtest du mich keines Blickes, was möglicherweise daran lag, dass ich eine Affäre mit Daisy gehabt hatte. In den kommenden Tagen ging ich nur noch selten aus dem Haus. Ich erinnerte mich immer wieder an deine Worte. Life is no Nintendo Game, doch was war es dann. Konntest du all die Gemeinsamkeiten etwa nicht erkennen. Ich nahm Papier und Stift zur Hand und begann dir einen Brief zu schreiben. Ich beichte dir, dass ich sogar während meiner Rennen an dich dachte. Genauer gesagt gestehe ich, dass es keine Sekunde gab, die du nicht in meinem Kopf verbrachtest. Am Ende ist es für mich äußerst wichtig zu erwähnen, dass ich Daisy endgültig aus meiner Welt verbannt habe, weil sie nicht daran interessiert ist auf absehbare Zeit die Realität zu betreten. Sie war, im Gegensatz zu mir, leider keine abenteuerliche Figur.
Er schrieb, ich solle ihn in der Realität besuchen kommen, sobald ich mutig genug war. Es ist nicht einfach die vertraute Umgebung zu verlassen, um etwas Neues zu wagen, das wusste er. Ich denke, ich würde die wundervollen Landschaften und die Autorennen vermissen. Der Champagner schmeckt hier außerdem zehn Mal besser, als im echten Leben. Aber vor allem habe ich Angst vor den vielen Menschen, der fehlenden Humanität und den brutalen Momenten. Ich hörte, Mario hätte ein Haus gebaut, in dem er wohne. Wir brauchten so etwas nicht. Wir standen sowieso den ganzen Tag in einem weißen Raum herum, bis wir ein Auto für das nächste Rennen zugeteilt bekamen. Mario war nichtsdestotrotz wie gemacht für dieses Spiel. Hatten sie es sogar nach ihm benannt, weil er bis zu seinem Verschwinden stets der Beste war. Ich merkte allerdings schon damals, dass ihn seine Emotionen daran hindern könnten hier zu bleiben. Er wollte eben mehr über die wahrhaftige Sachlage hinter der Glasscheibe erfahren. Ich verstand das, kannte jedoch nicht den Weg hinaus. Ich antwortete ihm und erklärte mein Zögern. Einen Monat später traf ich ihn bei seinem letzten Rennen. Unterdessen ließ er mich in einem seiner Briefe von dem Ende seiner Karriere wissen. Er würde dann nicht einmal mehr zum Spielen der Wirklichkeit den Rücken kehren. War er mittlerweile vermutlich erwachsen geworden. Der Startschuss durchdrang gerade mein Trommelfell, als er von seinem Kart absteigt, auf mich zu rennt, mich in seine Arme nimmt und mir all seine Liebe schenkt indem er mich küsst. Meine Wangen färbten sich dunkelrosa, so sehr freute ich mich.
Letztendlich kamen wir zu einem ziemlich genauen Ergebnis. Wir beide hatten nach mehr gesucht. Ich empfand, genau wie er, wahrhaftige Emotionen. Wir passten nicht länger in ein virtuelles Erleben umgeben von Bestenlisten und Preisen. Ein halbes Jahr später heirateten wir und ich zog bei ihm ein.
Wenn ich heute meine zarten Hände auf meinen runden Bauch lege, höre ich ein kleines zweites Herz schlagen.
Nein, das Leben ist kein Spiel, aber es gibt Parallelen, denke ich, während er mich liebevoll von hinten umarmt und weitere Liebkosungen auf meinem wohlriechenden menschlichen Nacken verteilt.
 

kurt leven

Mitglied
Leider habe ich trotz der Länge nicht verstanden, worum es geht. Die Erzählung, wenn es denn eine ist, hat mich schwindlig werden lassen. Ist es überhaupt eine Kurzgeschichte oder geht es um das Genre "unendliche Geschichte"? Mich würden die Meinungen anderer Leser interessieren.
Wie ist z.B. das zu deuten: ... die negativen Variablen der Gleichung namens Leben hinter mir zu lassen, weil sie mir sonst die Sicht versperrten.
 

Aina

Mitglied
Hallo Kurt Leven,
Mario Kart ist ein Computerspiel (Nintendo), in dem die Figuren Rennen fahren. Wer das Spiel kennt, kann etwas mit den erwähnten Namen und Orten anfangen.

Hallo Valirella,
wie ich sehe, hast du dich doch nicht abgemeldet. Freut mich.
Eine interessante Idee, die Erzählerin in das Computerspiel "kippen" zu lassen.
Womit ich ein wenig Probleme habe, sind Formulierungen wie:
"das Wasser benässt" (benetzt?), "Hände auf meine Bauch lege, höre ..." (Hände hören nicht, sie spüren), " murmle ich leise von Sehnsucht erfüllt, in meinen Bart" (eigentlich dachte ich, dass dies aus der Frauenperspektive geschrieben ist)
Ich finde es gut, dass du (soweit ich es gesehen habe) die Erzählzeit durchgehalten hast.
Viele Grüße,
Aina
 
G

Gelöschtes Mitglied 20939

Gast
Naja, manchmal muss man sich zum verstehen einer Geschichte eben Zusatz Infos beschaffen wenn das nötige Vorwissen nicht vorhanden ist.
Danke wie immer für die Rückmeldungen!
 

Aina

Mitglied
Hallo Valirella,
stimmt, ist mir entgangen, dass zuerst Mario aus seiner Perspektive erzählt und dann macht der Bart natürlich Sinn. :)
Viele Grüße,
Aina
 

Oben Unten