Markttage im Paradies

Karl Marx hat doch Recht behalten. Allmählich hat sich bei uns so etwas wie Kommunismus durchgesetzt. Wir leben im Überfluss. Überschüsse, wohin man sieht. Alles ist gratis: Essen, Wohnen, Kleidung. Wir arbeiten auch umsonst. Das Geld ist faktisch abgeschafft. Um ihre Waren absetzen zu können, verteilen die Kapitalisten Gutscheine an die Bevölkerung.

Wenn wir nicht arbeiten, bebauen wir unsere kleinen Privatgärten. Wir produzieren dort Obst und Gemüse. Die Behörden haben Straßenmärkte eingerichtet, auf denen wir unsere überschüssigen Produkte umsonst abgeben können. Auf einem von ihnen habe auch ich meinen kleinen Stand. Zwar bringt mein Gärtchen nichts Essbares hervor, nur Blumen, doch auch für sie suche ich Abnehmer.

Unser Markt wird viel besucht. Wir Produzenten mischen uns oft unter das Publikum und beurteilen die Erzeugnisse unserer Kollegen. Auch von Stand zu Stand erfolgt manche Wechselrede. Da geht es mitunter recht philosophisch zu. Frieden ist ein großes Thema. Oder die Güte Gottes. Manchmal gebe auch ich meine Kommentare dazu ab. Nur selten wird einer von uns vom Markt vertrieben. Er muss sich zuvor schon sehr ungebührlich verhalten haben.

Es gibt Markfrauen und Marktmänner. Die Frauen sind in der Überzahl. Mir scheint, ihre Früchte sind im Allgemeinen schöner anzusehen, ob auch immer schmackhafter, kann ich nicht sagen. Es ist schwer, sich bei diesem Überangebot ein objektives Urteil zu bilden. Manche Marktmänner gebärden sich merkwürdig. Sollte man sie Marktschreier nennen? Sehr seltsam finde ich Folgendes: Die Männer mit den besten Früchten treten besonders herausfordernd auf. Haben sie das nötig? Einer von ihnen ist Carlo. Er preist sein herrliches Obst sogar singend an, er hat einen schönen Bariton. Er singt: Mi – ra – bel - len … Rei – ne – clau - den … Schade, dass ich unmusikalisch bin. Ich begreife nicht, warum er mit Singen aufhört, wenn sich ihm einer nähert. Stattdessen schlägt er ihm auf die Schulter und lacht gellend – sonderbar.

Eine von unseren Gemüsefrauen heißt Beate. An ihr ist alles von größter Akkuratesse, ihre Zuckererbsen, ihre Prinzessböhnchen: makellos. Und sie selbst immer chic, liebenswürdig, geistreich. Dennoch muss sie leidend sein. Vorübergehend tritt bei ihr Gedächtnisverlust auf: Die Ärmste kann sich dann nicht mehr an einen erinnern. Oder scheint es nur so und sie verfolgt in Wahrheit mit ihrem Verhalten weitreichende Pläne?

Manche zanken sich hin und wieder mit der schwarzäugigen Susanne. Diese handelt mit Gewürzen – nun, sie handelt natürlich nicht, sie gibt sie kostenlos ab, wie wir alle es hier mit den Waren tun. Manche werfen Susanne vor, diese Gewürze seien keine eigenen Erzeugnisse und daher auf unserem Markt nicht zugelassen. Gibt es solche Statuten? Ich weiß es nicht. Einige schätzen Susannes Intelligenz und ihr tiefes Verständnis für unsere Sprache, die nicht einmal ihre Muttersprache ist.

Und da ist noch Mathilde. Während wir anderen Gärtner und Marktleute sozusagen nur spielen, erscheint mir Mathilde ihrer ganzen Natur nach wie eine echte Landbewohnerin, die ihre Erzeugnisse auf einem richtigen Markt in einer richtigen Stadt feilbietet. Sie hat viel Mutterwitz, ist oft drastisch, doch fühlt sich kaum einer verletzt. Alle mögen Mathilde. Mir hat sie sogar einen Kranz abgekauft. Ja, ich verwende den Überschuss an Blumen, mit dem ich sonst nichts anzufangen weiß, zum Kranzbinden. Für Kränze benötigt man bekanntlich Draht. Und Metalle sind fast das Einzige bei uns, das knapp und daher wertvoll ist. Also kann ich die Kränze nicht umsonst abgeben. Mathilde hat den Kranz zu ihrem Stand hinübergetragen und ihn dann lange, von einer Plane verdeckt, untersucht. Manchmal hat sie mir Zeichen gegeben, die ich nicht zu deuten verstand. Ich habe trotz ihrer Geheimniskrämerei herausbekommen, dass sie tatsächlich den Kranz auseinander genommen und in seine Bestandteile zerlegt hat. Danach hat sie ihn wieder zusammengesetzt, gerade so, wie er ursprünglich gewesen war. Schließlich hat sie ihn den anderen Marktleuten gezeigt und gesagt, es sei ein zwar merkwürdiger, doch im Ganzen durchaus brauchbarer Kranz.

Was ist denn nun geschehen? Ich höre Geschrei, ich sehe, dahinten ist ein Apfelkorb umgestoßen worden. Habe ich schon erwähnt, dass es hier manchmal zu hässlichen Auseinandersetzungen kommt? TROUBLE IN PARADISE – ansonsten wäre es keines.
 

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