Maskenbus - Episode 2

Nyxon

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MASKENBUS - Episode 2

Josef Mölleken würde in drei Tagen sein fünfzigstes Lebensjahr feiern. Feiern bedeutete für ihn, daß er sich zwei statt nur eine Flasche Hochprozentigen kaufte und sie allein und ohne fremde Hilfe auf einer Parkbank trinken würde. Nachdem er sich die zwei Flaschen einverleibt hätte, würde er sich ein paar Minuten später den letzten Verstand aus dem Hirn kotzen. Dann schliefe er ein und würde erst wieder am nächsten Morgen von der Kehrmaschine aufgeweckt werden. Er schnorrte sich ein paar Mark und kaufte sich eine neue Flasche Alkohol. Ein Teufelskreis, der niemals wieder enden würde.

Noch vor drei Jahren war Josef Mölleken Chef einer gutgehenden Autowerkstatt gewesen. Sein Geschäft verlief sehr gut. Mehrere Wagen am Tag, darunter auch schnittige Sportwagen von reichen Zeitgenossen. Sie bezahlten sehr gut für sehr gute Arbeit an den Wagen und Josef hatte immer sehr gute Arbeit mit seinen Mitarbeitern vollbracht. Nie war ein Kunde unzufrieden gewesen. Nach vielen Jahren, voller zufriedener Kunden, hatte sich Josef Mölleken einen nagelneuen Mercedes SLK gekauft. Er war glücklich und hatte sich in diesem Glücksjahr mehrere willige Frauen zugelegt, die ihn ebenfalls sehr glücklich machten.
Doch dann kam der Fall.
Es geschah an einem Dienstag. In der Werkstatt stand ein blutroter Porsche, der neu lackiert werden sollte. Der Besitzer hatte sich ein dunkles Blau ausgesucht. Der Vertrag war bereits unterzeichnet, die Arbeiter gingen ans Werk. Erst zwei Stunden später merkte Josef, daß sich einer der Arbeiter mit der Farbe vertan hatte. Anstelle eines Blaus, hatte er eine Kartusche grelles Pink verbraucht. Als Josef den Fehler bemerkte, war die Hälfte des Wagens bereits in dieses Pink getaucht worden. Übersprühen, hatte Josef sich ganz schnell gedacht. Doch der Besitzer kam vorbei und sah die Bescherung. Er verlangte zehntausend Mark Schadensersatz und klagte gegen die Werkstatt. Vor Gericht wurden ihm die zehntausend Mark zugesprochen, außerdem hatte Josef die Gerichtskosten zu tragen.
Nach und nach kündigten die Mitarbeiter, weil sie nicht noch mehr Klagen am Hals haben wollten. Die Arbeit von ein paar Wochen blieb liegen, die Kunden beschwerten sich und Josef mußte bereits angezahltes Geld zurückgeben.
Doch damit nicht genug. Trotz der finanziellen Probleme, lebte er immer noch im alten Luxus. Jeden Monat eine andere Frau, die alle nicht billig im Umgang waren. Josef setzte volltrunken seinen Wagen vor die Mauer eines Hauses.
Eine weitere Klage, wieder Schadensersatz.
Die Frauen gingen flöten, genauso die Wohnung im besten Wohnviertel.
In einer Nacht prügelte er eine seiner letzten Frauen fast zu Tode.
Eine weitere Klage, diesmal dreißig Tage Gefängnis, Rauswurf aus der billigen Mietwohnung im schlimmsten Wohnviertel der Stadt.
Nun lebte er seit drei Jahren auf der Straße. Geld für den Bus hatte er nie. Meistens ließ man ihn aus Mitleid einfach mitfahren, wenn er versprach keinen Ärger zu machen. Er machte keinen Ärger. Es nutzte nichts, Ärger zu machen. Josef Mölleken wollte einfach nur seine Ruhe. Mehr nicht. So war es immer. Er wollte zur Karlstraße. Obdachlosenasyl Nord. Nettes Fleckchen. Man konnte ihm ein Bett bieten. Er hatte sonst nichts.
Eine Bank oder der Boden waren sein Bett, Zeitungen oder eine zerschlissene Decke hielten ihn in der Nacht nicht warm. Sein Frühstück nahm er in einer kostenlosen Obdachlosenküche ein. Harte Brötchen mit etwas Butter, abends einen Teller mit Erbsen –oder Linsensuppe. Und zwischen den Mahlzeiten seine übliche Notration; Alkohol. Ja, er war Alkoholiker. Er stahl für eine Flasche pro Tag, Geld aus dem Klingelbeutel der Kirchen. Er überfiel kleine Kinder und er versuchte zu betteln. Letzteres fiel immer fehl. Niemand hatte heutzutage Geld für einen Penner übrig.
Ob der gutgekleidete Mann hinten im Bus, ihm Geld geben würde? Josef glaubte nicht daran und ließ die Idee zu betteln, fallen.
Ein Kichern ertönte hinter ihm. Josef drehte sich um und starrte die Frau, die ein paar Reihen hinter ihm saß, einfach nur an.
Sie kicherte weiter. Ihre Zähne waren gelb. Seine auch.
"Was gibt‘s denn da zu kichern, he? Seh‘ ich so komisch aus?", fragte er ungehalten. Er wollte keinen Ärger.
Die Frau kicherte weiter.
"Hören Sie gefälligst auf damit, verstanden? Sonst komm ich Ihnen da hinten hin und drehe Ihnen Ihren fetten Hals um!"
Der Bus stoppte. Es war keine Haltestelle.
Der Busfahrer kam zu Josef "Ich habe Ihnen doch gesagt, ich möchte keinen Ärger im Bus haben. Wenn Sie nicht sofort die Frau in Ruhe lassen, schmeiße ich sie ebenso schnell hinaus. Haben Sie das verstanden?"
"Aber ich habe doch gar nichts gemacht", protestierte Josef. "Die da hinten kichert die ganze Zeit. Sie macht sich lustig über mich. Da werde ich mich doch wohl noch verteidigen dürfen."
"Ich habe Ihre Worte genau gehört." Der Busfahrer ging zur Frau hinüber. "Und jetzt zu Ihnen. Ich habe diese Nachtschicht nicht gewollt, doch ich fahre sie trotzdem. Aber wenn sich hier im Bus irgendein Ärger entwickelt, steigen die Schuldigen sofort aus." Er zeigte aus Josef. "Wenn er Sie angreift, fliegt er raus. Aber wenn Sie nicht aufhören, ihn zu provozieren, dann fliegen Sie raus. Verstanden?"
Die Frau nickte und hörte auf zu kichern.
Der Busfahrer drehte sich um und setzte sich wieder auf den Fahrersitz.
Die Frau fing wieder an zu kichern.
Der Busfahrer drehte sich mit ärgerlichen Blick zu ihr um.
Sie hörte auf.
Josef grinste triumphierend und drehte seinen Kopf wieder in Fahrtrichtung.
Der Busfahrer legte den Gang wieder ein und setzte seinen Weg fort.
Josef dachte an die Situation, bei der als Sieger hervorgegangen war.
Der Bus fuhr an der Haltestelle <Borchert-Universität> vorbei, da niemand ein –oder aussteigen wollte.
Josef fröstelte es, als an den Regen draußen dachte. Er war bereits stark angeschlagen und konnte sich eine Erkältung nicht leisten. Scheiß Leben.

Der Bus fuhr auch an der Station <Messeplatz> vorbei.
Erst an der Brauerstraße, der fünften Station des Busses, hielt er an und ließ eine junge Frau einsteigen. Jung, in Josefs Augen.
Sie löste eine Karte bis zum Magnusweg, bezahlte den verlangten Betrag und ging dann durch die Reihen. Sie beschleunigte den Schritt, als sie an Josef vorbeiging und setzte sich vier Reihen hinter die Frau, die jetzt nicht mehr kicherte.
Josef nahm einen großen Schluck aus seiner Flasche

Der Bus fuhr weiter...
 

zero

Mitglied
Wie geht es weiter...

Hallo!

Damit es eine Episode 3 gibt, will ich mal kurz meinen Senf dazugeben. Ich finde die Idee und die Situationen im Bus gut und interessant. Die beiden bis jetzt geschilderten Personen, Richter & Mölleken sind mir zu stereotyp, aber ich will eingestehen, das Klischees ja irgendwo herkommen müssen.

Auf jeden Fall bin ich gespannt darauf, wie es weitergeht...
 

 
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