Mathe-Sonett 3 - Delta-Funktion

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Weißt du nichts über nichts, weißt du nichts.
Weißt du alles über alles, weißt du alles.
Weißt du viel über viel, weißt du viel.
Weißt du wenig über wenig, weißt du wenig.

Weißt du immer weniger über immer mehr,
weißt du am Ende schließlich nichts.
Weißt du immer mehr über immer weniger,
weißt du am Ende immerhin etwas.

Denn wenn du immer weniger weißt über immer mehr
bis du nichts weißt über alles,
bist du ein guter Philosoph.

Weißt du aber immer mehr über immer weniger
bis du alles weißt über Nichts,
bist du ein guter Spezialist.
 

Mondnein

Foren-Redakteur
Teammitglied
überaus bedenkenswert, erwägenswert, frag-würdig

Das ist mehr als nur bedenkenswert.
Denn wenn du immer weniger weißt über immer mehr
bis du nichts weißt über alles,
bist du ein guter Philosoph.
Für einen Philosophen eine interessante Selbstreflexion.
Obs stimmt?
Nehmen wir einen Philosophen als die Sorte von Wissenschaftler, die für möglichst viele Wissenschaften offen ist, so daß Kenntnisse sich miteinander verbinden zu neuen Erkenntnissen, z.B. Musik der Mathematik mit Mathematik der Musik, oder Chemie der erotischen Empfindungen mit erotischen Empfindungen der chemischen Prozesse, oder Feldlinien von Person zu Person im Verständnis der einander kreuzenden persönlichen Ausstrahlungen usw.
Dann weiß er zunächst immer mehr über immer mehr. Aber es öffnen sich mehr Fragen als Antworten, denn das ist gerade die Ausweitung der Aufgabenstellungen, das immer weiter Durchfragen der neu gefundenen Beziehungen zwischen dem vorher Disparaten. So entfaltet sich das philosophische Denken.
Dadurch bleiben mehr Fragen offen als beantwortet werden, und aus den beantworteten wachsen die Hydraköpfe neuer Fragen, ganzer neuer Wissenschaften.
In der Frage aller Fragen letztendlich öffnet sich ein absolutes Staunen, ein bewußtes Nichtwissen.
Damit beginnt (sagen Aristoteles genauso wie Platons Sokrates) dann (eigentlich erst) die Philosophie, mit dem "Staunen".

Weißt du aber immer mehr über immer weniger
bis du alles weißt über Nichts,
bist du ein guter Spezialist.
Das ist nur scheinbar ein Gegensatz zu dem eben Ausgeführten. Denn man steigt in das interessante intime Innenwesen der Sache hinein und entdeckt Weltreiche. Und man steigt über die immer tiefer hineingreifenden Fragen ins Kernthema, in die "Materie" der Untersuchung. Da aus den Antworten immer mehr Fragen hervorgehen als die Antworten beantworteten, ergibt sich die gleiche Vervielfältigung wie oben. Wer alles weiß über Nichts, der hat ein noch größeres All von Fragen, deren Offenheit eben dieses "Nichts" ist.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Weißt du nichts über nichts, weißt du nichts.
Weißt du alles über alles, weißt du alles.
Weißt du viel über viel, weißt du viel.
Weißt du wenig über wenig, weißt du wenig.

Weißt du immer weniger über immer mehr,
weißt du am Ende schließlich nichts.
Weißt du immer mehr über immer weniger,
weißt du am Ende immerhin etwas.

Denn wenn du immer weniger weißt über immer mehr,
bis du nichts weißt über alles,
bist du ein guter Philosoph.

Weißt du aber immer mehr über immer weniger,
bis du alles weißt über Nichts,
bist du ein guter Spezialist.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Es ist letztlich eine Interpretation der Delta-Funktion.

Das Integral über Null von Null bis unendlich ist Null.

Die Deltafunktion ist überall Null, außer bei Eins, dort ist sie unendlich.
Das Integral über die Deltafunktion von Null bis Unendlich ist Eins.

Den Vergleich mit dem Spezialisten und dem Philosophen gab unser Mathe-Professor - er war so eindrucksvoll, dass ich ihn schon über 40 Jahre im Gedächtnis habe. Letztlich ein Mathematikerwitz, breitgeknehrt zu einem nichtklassischen Sonett.

Die Delta-Funktion ist eine von wenigen, die im Beruf, speziell in der Elektronik und in der Akustik nützlich ist. Sie entspricht einem idealisierten Stoß.

Und: Spezialisten haben immerhin von irgendetwas eine Ahnung.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Das ist zerknetscht und breitgeschmiert, bzw. breitgemehrt.
Oder auch zerkäut. Oder zusammengelabert. In Schmanzkäubräu verwandelt.
Breitgewalkt.
 

HerbertH

Mitglied
Ohne die Delta-Funktion (eigentlich das Delta-Funktional, eine Distribution) wäre die theoretische Physik, z.B. die Quantenmechanik, heute kaum noch denkbar.

Dass ein Generalist von immer mehr immer weniger weiss, ein Spezialist von immer weniger immer mehr, ist allerdings davon ganz abgesehen ein weit verbreiteter Spruch.
 

Bernd

Foren-Redakteur
Teammitglied
Die Delta-Funktion zeigt (als poetisches Bild), dass der Spezialist immerhin insgesamt etwas weiß.
Das war der Witz daran in der Vorlesung.
 


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