Mausi, hol Wein!

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Mausi,hol Wein!

Meine Ehegemahlin Berta wollte unter allen Umständen Eindruck schinden und hatte meinen Kleidungsvorschlag,doch ein Schlichtkleid bei dat kommende Vorstellungsgequatsche zu tragen, einfach ignoriert.
Sie hatte ne weiße, tief ausgeschnittene Bluse und en grünen Lodenrock am Balg, der ihr nur knapp über dat Knie reichen tat. Die Haare waren frisch frisiert,und den Schminkkasten hatte se ma wieder voll ausgeschöpft.
Berta sah für Mitte fünfzig noch richtig sexi aus, aber dat musste se doch nich ausgerechnet heute demonstrieren, wenn et um en guten Eindruck bei die jagdlichen Würdenträger ging! Aber so sind die Weibsbilder eben, da kannze reden wie du willst, die machen doch wat se wolln.
Um 9.45 Uhr trafen wir uns mit dem Jagdhüter Uli bei die Jagdhütte und bequatschten noch ma die Eigenarten vonne Herrschaften, die wir heute Vormittag besuchen wollten.

Ich hatte son bissken Bammel vor dieset Vorstellungsgedöns und schluckte vorsorglich zwei Baldrianpillen. Hoffentlich waren die Leute nich so hinterhältige Muffsocken.
Wir fuhren zuerst zum Chef der Gemeinde.
Der Herr Ortsbürgermeister und seine Frau Ehegemahlin standen bereits vor der Haustür und begrüßten uns überaus herzlich. Die Nachbarn peilten neugierig ausse Fenster und fragten sich wohl, wer dat wohl sein könnte, der morgens vom Ortshäupling so zuvorkommend empfangen wurde.

Stracks wurden wir in die „Gute Stube“ geführt. Frau Ortsbürgermeisterin hatte den Esstisch mit ner gestickten Decke überzogen und mit dat Sonntagsporzellan vonne Frau „Maria Weiß“ eingedeckt. Ich weiß dat so genau, weil ich ma stiekum unter die Tasse gepeilt hab. Peinlich, peinlich, dat Geschirr hatten se sich von einer Frau „Weiß“ ausleihen müssen – extra für unseren Besuch!
Sie müssen wissen, dat die sogenannte „Gute Stube“, wie bei uns in Westfalen, nur zu besonderen Anlässen benutzt wird. Also an besonders hohen Festtagen wie beispielsweise Beerdigungen. Oder wenn der Pastor ma son kleinen Routinebesuch abstatten tut, um sich ma wieder für lau so richtig vollzufressen.
Dat auch wir fremde Jägersleute in dieser Stube empfangen wurden, rechnete ich den beiden hoch an. Frau Oberortsbürgermeisterin stellte en duftenden Aprikosenkuchen auffen Tisch und schenkte Kaffee ein.
„Helmut“, begann der Jagdhüter dat Gespräch, „ich möchte Dir als 2. Vorsitzenden der Jagdgenossenschaft und Ortsbürgermeister von Bassenhausen das Ehepaar Wilhelm und Berta Püttmann aus dem Ruhrgebiet vorstellen. Sie jagen seit sechs Monaten beim Jagdpächter Engelbert und wurden von uns auf Herz und Nieren geprüft. Sie sind eine echte Bereicherung für die Jagd und passen menschlich prima in unsere Gemeinde.“

„So, so, ähm, Herr Püttmann, Sie kommen also aus dem Ruhrgebiet? Da haben die Genossen in den letzten Jahren ja verdammt viel mitgemacht.“
Oh, Willi, dachte ich, dat iss die erste rote Falle, pass jetz gut auf!
„Ja, Herr Oberbürgermeister, da haben Se vollkommen Recht. Wie die Arbeiter nach dem Plattmachen vonne Zechen dat mit dem Strukturwandel geschaukelt haben, dat war ne starke Leistung. Der Pott hat damals gekocht, da war schwer wat los! Ohne gewerkschaftliche Hilfe und ne gute soziale Arbeiterpolitik wären wir alle vor die Hunde gegangen. Ich war selbst Bergmann und hab unter Tage malocht. Ich komm aus ner Arbeiterfamilie, meine Frau Gattin auch. Ich kann Ihnen wat flüstern, wir haben sehr viel erdulden müssen. Ich hab auf Klempner umgeschult, meinen Meister gemacht und hab jetz ne kleine Klempnerklitsche in Herne.“
Dem Ortsbürgermeister leuchteten die Augen. Sie waren sogar en wenig feucht. Der Mann stand auf und drückte mir fest die Hand: „Ich heiße Helmut, und das ist meine Frau Margot, lassen wir doch das „Sie“ und den „Herrn Oberbürgermeister“, Genossen halten fest zusammen und duzen sich. Margot, hol doch bitte mal die Flasche Kümmel aus dem Schrank.“
Berta schaute mich total begeistert an. Uli schien auch sehr zufrieden. Helmut erhob sein Glas:
„Jetz wollen wir mal auf eine gute Zusammenarbeit trinken. Prost“
Wir verputzten den leckeren Kuchen und machten die Flasche Kümmel halb leer.
Margot nahm Berta zur Seite und quakte ihr wat über ihre Arbeit inne landwirtschaftlichen Frauenbewegung vor. „Sag mal, Berta, hättest Du nicht Lust, bei uns mitzumachen?“
„Margot, dat würde ich ja gerne, ich reiß mir aber schon zu Hause die Beine aus. Ich fahr am Wochenende mit Willi auffe Jagd, und Familie hab ich auch noch. Unsere zwei Jungs mit ihre schwangeren Frauen brauchen mich mehr denn je. Ich helfe Euch gerne, wenn ma Not an Frau iss.“
Wir Männer gingen in den Hof, wo Helmut uns stolz seine Bienenvölker präsentierte und so ganz nebenbei ne intakte Natur einforderte. Dat war wieder ne Falle, diesmal ne grüne. Ich war gut vorbereitet.
„Helmut, wir Jäger sind immer schwer bemüht, Lebensräume für die Tierkes zu schaffen, nich nur für dat jagdbare Wild, sondern auch für viele andere Arten wie Insekten und Deine Bienenvölker. Wildäcker mit Bienenweide und viele blühenden Pflanzenarten sind nich nur ne Freude für dat Auge vonne Bienen. Wandersleut und andere Naturliebhaber erfreuen sich auch gern daran. Apropos Bienen. Et soll wohl nix Besseret für die Potenz geben als echten Bienenhonig und natürlich Wildfleisch ausse freien Natur, da weiß man wat man essen tut. Mehr Bio geht nich! Sach ma, Helmut, kann ich bei Dir Honig kaufen? Wenn et geht, würden wir gern zehn Gläser mitnehmen.“
Helmuts Augen strahlten. Ich hatte den Sieg inne Tasche.

Uli peilte auffe Uhr: „Wir müssen leider gehen, der Schweinejupp erwartet uns um Elf.“
Wir verabschiedeten uns und fuhren mit son gutet Gefühl im Bauch und leicht beschwingt zum nächsten Vorstellungsgespräch.

Unterwegs fragte ich den Uli nach dem Nachnamen von dem Landwirt. Ich konnte ihn ja schlecht mit „Schweinejupp“ anreden. „Josef Güllemann heißt der. Pass auf, was ich Dir gestern über den Kerl gesagt habe! Beim Bürgermeister und seiner Frau habt Ihr schon mal ein Stein im Brett.“
Berta war gut gelaunt. Sie hatte en roten Kopp und ihre Augen blitzten. Sie hatte doch wohl nich schon die Lampe an?

Wir fuhren zu nem riesigen Gehöft, wat en wenig außerhalb vom Dorf lag. Schweineställe von ungefähr hundert Metern Länge, riesige Misthaufen, aus dem die braune Schweinegülle floss, verpesteten die Luft. Im Geräteschuppen standen hochmoderne Traktoren, Mähdrescher und son anderen landwirtschaftlichen Kram.
Zwei Schäferhunde lagen lauernd anne Kette und begrüßten uns eindeutig feindlich. Die Biester fletschten die Zähne, knurrten und kläfften. Die Viecher hätten uns am liebsten kalt gemacht. Hoffentlich war der Bauer nich auch son giftigen Köter.
Der Landwirt war knapp zwei Meter groß, war so Mitte fünfzig und stand mit seiner grünen Latzhose, die seinen dicken Ranzen noch massiger erschienen ließ, breitbeinig inne Tür. Hinter ihm versteckte sich schüchtern seine zierliche Olle. Die passte überhaupt nicht zu dem Riesenkerl. Die Hunde kläfften immer noch wie bekloppt.
„Auuuss!, ihr verdammten Köter, Auuuss!", schrie der Bauer über den Hof, – und et war Ruhe.
Der Schweinejupp grinste breit: „Da seid Ihr ja, kommt rein.“ Berta leckte er zur Begrüßung die Hände ab. So ein Idiot, dachte ich, ausgerechnet der fette Sack wollte en Frauenheld mimen! Wir latschten durch son langen Korridor und wurden auch hier wieder inne„Gute Stube“ gelenkt.
En Gugelhupf stand einladend auffen Tisch. Aber wat stank denn hier so bestialisch? Ich nahm Witterung auf und hatte schnell den Melmer. Der Bauer war dat. Der müffelte wie son alten Puma. Der stank aus alle Knopflöcher! Er wetzte en riesiget Messer, als wollte er gleich ne Wutz abstechen und säbelte damit riesige Stücke vom Kuchen ab. Er legte die Kuchenstücke nich, sondern warf sie mit seinen dicken Pranten auf unsere Teller. Hoffentlich hatte sich der Stinkbolzen vorher die Pfoten gewaschen!
Während seine Frau in bunte Sammeltassen Kaffee einschenkte, peilte der Mistkerl meiner Berta dauernd in den Ausschnitt rein.
Uli kam direkt zur Sache: „Jupp, ich möchte Dir als größten Landwirt im Ort und 1. Vorsitzenden der Jagdgenossenschaft das Ehepaar Püttmann vorstellen.
„Mmh“, brummte er, „braucht ihr jetzt Verstärkung, um endlich die verdammten Wutzen zu dezimieren? Herr Püttmann, was glauben Sie wohl, was ich immer für ein Theater mit den Jagdkerlen habe, wenn ich mal Wildschaden anmelde.“ Oh, Willi, dachte ich, dat iss ne hochentwickelte Bauernfangfrage, jetz musse wieder schwer auf Draht sein. So ein verdammter Schlickefänger!
„Herr Güllemann, wenn dat Wild inne Frucht Zirkus veranstaltet, also Schaden anrichten tut, dann sollten sich der Landwirt und der Jäger auf neutralem Boden treffen. Am besten geht man dann in eine gemütliche Pinte. Man setzt sich dort nett zusammen und bequatscht dat Wildschadenproblem sachlich und ohne Aufregung. Wir trinken zu Beginn der Verhandlung erst ma en lecker Gedeck zur zwischenmenschlichen Annäherung. Wissen Se, wat en Gedeck iss, Herr Güllemann? Nee? Ich sach Ihnen dat. Wir saufen nich sonne vornehme Brühe wie Wein oder Sekt, sondern en lecker Pilsken und dazu en Körnchen. Und wenn wir dann die Flasche Korn und etwa zehn Bierchen verkasematuckelt haben, dann haben wir uns geeinigt. Wir liegen uns dann fröhlich inne Arme und singen besonders laut alle möglichen und unmöglichen Lieder, – bis der Wirt uns rausschmeißen tut. So läuft dat bei uns im Ruhrpott.“

Der Jagdhüter verdrehte die Augen, Berta peilte mich strafend an, die Bäuerin grinste.
Meine offenen Worte müssen wohl nur dem Bauern ausnehmend gut gefallen haben. Er kloppte sich vor Vergnügen auffe Schenkel.
„Mensch, Willi, Du bist hier richtig im Dorf, ich bin der Jupp, das ist Mausi, meine Frau. Mausi, hol mal die Flasche Kümmel und die Kiste Bier vom Balkon.“
„Jupp“, sachte ich, „dat iss en Wort, lass uns auf gute Zusammenarbeit einen verpitschen.“ Uli verdrehte schon wieder die Augen. Ich wusste, wat der meinte, aber sonne herzliche Aufnahme beim wichtigsten Bauern im Dorf, die musste doch wohl anständig begossen werden!
Berta trank zügig mit und „Mausi“, die in Wirklichkeit "Maria" hieß, schnatterte ihr wat vonne schweren bäuerlichen Arbeit inne Lauscher. Sie zeigte Berta dat Haus und die Tierställe.

„Juppes“, sachte der Jagdhüter auf einmal, „auf einem Bein kann man nicht stehn, trank sein Pinnken leer und forderte vergnügt ne neue Dröhnung: „Juppes, aller guten Dinge sind drei!“ Aber et blieb nich bei drei Schnäpsen!
Et war mittlerweile Nachmittag. Uli rief seine Frau lallend an, ihn doch bidde, bidde abzuholen.
Sie kam, setzte sich hocherfreut dazu und schlabberte fleißig mit. „Mausi“ und Berta schmierten inzwischen en riesiget Tablett Kniften mit Leber- und Blutwurst ausse eigenen Herstellung. Die Stullen waren dem Jupp zu wenig, er wankte in einen Nebenraum, kroste da fluchend rum, kam schwankend zurück und schmiss zwanzig geräucherte Mettenden auffen Tisch. Zwei Tassen und vier Gläser gingen dabei inne Binsen. Egal, ich brauchte dringend diese fette Atzung, denn die Güllemanns hatten nur noch furztrockenen Mosel-Riesling im Haus. Von diesem drögen Gesöff kriegte ich ohne deftige Grundlage jedet Mal schweret Sodbrennen.
Ich erinnere mich nur noch schwach an diesen wichtigen Tag. Ich weiß lediglich noch wie der Jupp nach jeder leeren Flasche Riesling durch dat Haus grölte: „M a u s i i i , hoool W e i n! Wir haben Duurrscht!“
 

guelle

Mitglied
Hallo Wolfgang,

ich habe schon lange nicht mehr so gelacht.
Mir gefällt deine westfälische Schnauze. Deine Sprüche sind echt Klasse.
Das ist jetzt die dritte Geschichte die ich lese und ich freue mich schon auf die nächste.

Waidmannsheil

guelle
 

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